Saïd Sayrafiezadeh Kurze Berührungen mit dem Feind

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Inhaltsangabe zu „Kurze Berührungen mit dem Feind“ von Saïd Sayrafiezadeh

Früher oder später begegnet jeder seinem Feind. Saïd Sayrafiezadeh erzählt von den täglichen Kämpfen um Anerkennung, Liebe und einen sinnvollen Platz auf dieser Welt. Kellner, Lehrer, Soldaten, Angestellte im Supermarkt – das ist das Personal dieser Geschichten aus einer namenlosen Stadt in den USA. Sayrafiezadeh interessiert sich für das soziale Gefüge, in dem Menschen zusammenleben, zusammenarbeiten, für die Unüberwindlichkeit der Klassen. Die Figuren, die er in seiner klaren, direkten Sprache mit ihren Sehnsüchten und ihrer Verletzlichkeit zum Leben erweckt, kommen einem sehr nah. In Geschichten voll schmerzlicher Komik eröffnet er uns einen ungewöhnlichen Einblick in den inneren Zustand Amerikas.
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  • Berührende Erzählungen

    Kurze Berührungen mit dem Feind

    Gwhynwhyfar

    02. February 2016 um 13:22

    »Ich bin Amerikaner wie du!« Aber er war nicht wie ich. Ich war blond und weiß. Er war dunkel – dunkelhäutig, dunkelhaarig, schwarzäugig – und kam aus irgendeinem Dorf in Chile» Sayrafiezadeh berichtet in Kurzgeschichten über das Leben von jungen Menschen, die sich in unterbezahlten Jobs herumschlagen müssen. Eine imaginäre Stadt in den USA und ein fiktiver Krieg in einem heißen Land sind Teil der Geschichten. Ort und Zeit sind unbekannt, wobei Callcenter und Mails auf die heutige Zeit schließen lassen, tiefer Schnee auf den Norden. Mitarbeiter in Restaurants, Supermarkt und Callcenter, Lehrer, Soldaten, die Sehnsüchte des kleinen Mannes, der sich sein Leben anders vorgestellt hat, vom College träumte. »An mir lässt sich beispielhaft studieren, wie schmal der Grat zwischen Mensch und Maschine ist. «Diese Menschen haben sich mit ihrem Schicksal abgefunden, funktionieren, freuen sich über einen geringfügigen Aufstieg. Nicht ganz: «Ich träumte von Größe und Ruhm. Ich wusste zwar nicht, wie ich dorthin kommen sollte, hatte aber keinen Zweifel, dass es klappen würde.» Das Leben bietet immer eine Chance um aufzusteigen, nimm sie! Werde Soldat, damit dir hinterher der Staat dein Studium ermöglicht, du hast ja selbst kein Geld. Hoffentlich stirbst du nicht, wenn du deinen A … fürs Vaterland hinhältst, so sagt sich der eine. Soldaten werden mit Kuchen und Fähnchen bejubelt, wenn sie abreisen, als Held gefeiert, wenn sie zurückkehren. Endlich ist man mal wer, wird wahrgenommen unter den Kollegen, sogar sein Zeitungsverkäufer feiert ihn als Held, berichtet der andere, der sich deshalb für den Krieg gemeldet hat. Arbeitsplätze werden frei durch den Krieg. Vielleicht steigt der Mann aus der Poststelle auf zum Callcenter-Mitarbeiter und ein anderer freut sich, dass er vom Wischer im Supermarkt zum Barista aufsteigt, fünf Dollar mehr. Da ist der Marktleiter, der daran zurückdenkt, dass er mal als Toilettensäuberer in diesem Markt angefangen hat, dessen Ziel eine Bezirksleitung ist. «Vor sehr langer Zeit hatte John gelernt, dass es der Mittelklasse deshalb so gut ging, weil sie Besseres erwartete. Sie gaben sich nicht mit weniger zufrieden, als ihnen zustand. Sie stiegen einfach in ihre glänzenden Autos und fuhren dorthin, wo man ihren Wert zu schätzen wusste. Arme Leute hingegen waren es gewöhnt, nur zu nehmen, was man ihnen gab, und dafür auch noch dankbar zu sein.» Wofür kämpfen wir in unserem Leben? Wir wollen anerkannt und geliebt sein. Sayrafiezadeh beschreibt in kleinen Szenen den Kampf ums Überleben und Funktionieren, das Ringen um Bestätigung, um ein kleines bisschen Ruhm und Aufmerksamkeit. Sayrafiezadeh schildert den Kreislauf der Gesellschaft. Der Angestellte im Walmart, der sagt, dass dies Geschäft sein Leben beschreibt, indem er alles gekauft hat, was er besitzt, von der Zahnpasta bis zu seinen Möbeln, das ihm gleichzeitig hilft, am Leben zu bleiben. Die Berührung mit dem Feind irgendwo im fremden Land, in mir selbst, dem Feind in mir, der Kollege, der mir etwas wegnehmen will, das feindliche Territorium, die Behörde, die den Illegalen aufspürt. Der Gast, der ein angebissenes Toast auf dem Teller liegen lässt, das ein geplantes Gespräch zur Gehaltserhöhung zunichtemacht. Ein Kartograph berichtet von den sexuell anzüglichen Briefchen seines Chefs, die ihn kündigen lassen, obwohl er in seinem Beruf keinen Job zu erwarten hat. «Eine Grenze war überschritten, irgendetwas Unwiderrufliches gesagt oder getan worden, von unserer Seite oder von der des Feindes.» - «Davor stand eine Reklametafel mit der Aufschrift `Willkommen in Maple Tree Heights’. Die Tafel sah brandneu aus, abgesehen davon, dass jemand hinaufgeklettert war und `Bleibt besser weg’ darauf gesprayt hatte.» Es gibt Stadtteile, dort wagst du dich besser nicht hin. Doch der Protagonist überschreitet die Grenze. Grenzüberschreitungen des eigenen Ichs, die Überschreitung von sozialen Distanzen, Berührungen mit dem Feind, das Thema, das alle Erzählungen trägt, bis hin zum bewussten Schuss des Soldaten auf Zivilisten. Saïd Sayrafiezadeh wurde 1968 in Brooklyn geboren und wuchs in Pittsburgh auf. Heute lebt er in New York. Er beschreibt mit diesen Ich-Erzählungen von Männern die ihre Jugend überschritten haben, sprachlich eindringlich durch sehr genaue Beobachtungsgabe gesellschaftlicher Zustände in einem Durchschnittsleben, Ängste und Sehnsüchte, die Monotonie des Alltags, völlig unaufgeregt. Trotz aller Widrigkeiten wirkt keiner der Beteiligten depressiv, eine gewisse Heiterkeit durchzieht alle Berichte. Ihre Sicht der Welt lässt sie hoffen, aus der Sicht des Lesers sind sie gescheitert.

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  • Lakonischer Blick auf den Alltag

    Kurze Berührungen mit dem Feind

    michael_lehmann-pape

    04. December 2014 um 13:17

    Lakonischer Blick auf den Alltag Es gibt eine ganze Reihe „kurzer Berührungen“ in den verschiedenen Geschichten im Buch, doch wer ist eigentlich der Feind? Ist es der „Kriegsgegner“? (Wobei Sayrafiezadeh in allen Geschichten konkrete Zeitangaben außer Acht lässt, man sich somit „den Feind“ und „den Krieg“ indirekt erschließen muss). „unser Mann hatte die Macht übernommen. Ihr Mann war auf der Flucht“. Und da Zeke, der Call-Center Mitarbeiter mit immer gleichem, leerem Tagesablauf in seiner Lethargie doch jenen Wally, der seine „Zeit hinter sich hat“ mit interessierten Augen betrachtet (dieses Erschlanken, diese Muskeln, dieses energische Kinn auf einmal, der gleiche Wally, der mit Panik in den Augen vor zwei Jahren „in den Krieg zog“) und sich so seine Gedanken macht über seine eigenen Möglichkeiten, seinem Leben eine andere Richtung zu geben, könnte er vielleicht helfen, „den Mann“ zu stellen. „Wally war ein anderer geworden. Das sah man sofort. Er war jetzt spannungsgeladen. Er war geschmeidig“. Oder ist der Feind nicht viel mehr der Alltag? Diese Lethargie, dieses immer gleiche, dieses tief abgestumpfte? „Hinter meinem Zugfenster glitt die vereiste Landschaft vorbei, zuerst die Vororte, dann die großen Kästen, dann die Schulen, die Warenhäuser…..die Ghettos….und später tauchen die Bürogebäude auf….die 24 Stunden am Tag hell erleuchtet waren….Das war der große Fortschritt unserer Zivilisation“. Nach dem Aufstehen zur immer gleichen Zeit in der Wohnung mit den immer gleichen zugigen Fenstern, um die sich keiner kümmert. Oder ist der Feind „der Staat“, wie bei jenem „Illegalen“, der über Jahrzehnte hinweg vorsichtig ist, Träume wagt. Einer, der doch Freund ist jenes Ich-Erzählers und dessen späteres Ergehen bei diesem doch keine Emotionen hervorruft. Schlimmer als die Situation der Illegalen ist doch wohl die Hitze und das Kleben der Beine auf den Plastikbezügen im Bus. Immerhin hat der Ich Erzähler dieser Geschichte ja schon seit 10 Jahren einen DVD Spieler, was soll die Aufregung seines chilenischen Freundes über seine Neuerwerbung nun? Oder ist der Feind doch im Inneren der eigenen Person zu finden. In dieser fatalistischen, sinnentleerten Alltagshaltung, den kaum noch zuckenden Emotionen (die Sayrafiezadeh auch sprachlich durchgehend in den Raum des Buches setzt). Und selbst da, wo ein Schwung genommen wird, hält die Motivation kaum mehr als ein paar Augenblicke, bis das gewohnte Denken, das Abgestumpfte wieder die Vorherrschaft übernimmt. Eine hohe emotionale Distanz ist es, mit welcher der Autor seinen Figuren aber auch dem Leben in der Gegenwart Amerikas begegnet. Kaum etwas dringt noch durch, regt auf. Kühl, betrachtend, die Zeit verstreichen lassend begegnet Sayrafiezadeh in seinen verschiedenen Geschichten dem Status Quo und entwirft gerade durch nur im Hintergrund schwach zuckenden Emotionen mehr und mehr ein Gefühl der Beklemmung beim Leser. Dass das alles nicht aufregt. Dass da kein Ruck durch die Personen, durch die Geschichte geht. Bei Ereignissen die noch in der jüngeren Vergangenheit Widerspruch und Aufregung hervorgerufen hätten und die nun einfach mit einem Achselzucken abgetan werden. Dennoch findet der Leser sich nicht leicht ein in diese Geschichten, die in Teilen einfach auch bei der Lektüre vorüberstreichen, wie die Ereignisse in den Geschichten an den Protagonisten vorüberstreichen. Vielleicht ist das der eigentliche Feind, dieses „Vorüberstreichen“ eigentlich doch wertvoller Lebenszeit in sinnlosen Hamsterrädern des Alltags? Sprachlich präzise, sachlich, umschreibend, nicht immer auf den Punkt kommend bietet Sayrafiezadeh einen anderen, durchaus wirksamen Blick auf das „normale“ Leben der Gegenwart mit seinem inneren Preis der nur noch kurzen, flatterhaften, wenig nachhallenden „Berührungen“ mit dem „Feind“ und dem Leben an sich.

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