Sabahattin Ali Die Madonna im Pelzmantel

(8)

Lovelybooks Bewertung

  • 9 Bibliotheken
  • 2 Follower
  • 1 Leser
  • 3 Rezensionen
(4)
(1)
(2)
(0)
(1)

Inhaltsangabe zu „Die Madonna im Pelzmantel“ von Sabahattin Ali

In Ankara kennt man Raif Efendi als unscheinbaren, duldsamen Mann, der weder die Eskapaden seiner Töchter noch die Verleumdungen am Arbeitsplatz meistert. Kaum jemand ahnt, wer sich hinter der Maske stummen Gleichmuts verbirgt. Ein eng beschriebenes Schulheft, das Jahre in der Dunkelheit seines Schreibtischs überdauert hat, lüftet endlich sein Geheimnis. Die Aufzeichnungen führen in das Berlin der zwanziger Jahre. Arbeiter und Bohemiens heben in miefigen Absteigen die Gläser auf eine ungewisse Zukunft, und eine geheimnisvolle junge Malerin – die 'Madonna im Pelzmantel' – kreuzt wie zufällig Raifs Wege. Als er sie eines Abends in einem Nachtklub singen hört, weiß er, daß ihrer beider Schicksal untrennbar verwoben ist. Sabahattin Ali erzählt von dem ebenso mutigen wie schmerzhaften Versuch, Fremdheit in Nähe zu verwandeln. Eine hinreißende deutsch-türkische Liebesgeschichte und eine Ode an das Berlin der wilden Zwanziger.

Sabahattin Ali hat ein meisterlich feingeistig-kraftvolles Werk geschrieben, das die innersten Seiten eines Menschen berührt und die sensiblen zum Vibrieren bringt.

— HeikeG
HeikeG

Stöbern in Romane

Zeit der Schwalben

Einer toller, berührender Roman ... ein Ereignis, das man keinem Mädchen wünscht!

engineerwife

Eine allgemeine Theorie des Vergessens

Aufgrund des Schreibstil und der komplexen Geschichten Angolas nicht mein Buch.

Hortensia13

Damals

Jahrzehntelanges Über-die-Schulter-Schauen. Trotz des gekonnten Stils empfand ich dieses Buch als überaus anstrengend.

TochterAlice

Töte mich

Ein leichtes und doch doppelbödiges Kabinettstück, unterhaltsam und grazil-heftig.

Trishen77

Drei Tage und ein Leben

Mitreisend und grausam

dartmaus

Als der Teufel aus dem Badezimmer kam

Ein Roman wie eine Ratatouille

Schwaetzchen

  • Rezensionen
  • Leserunden
  • Buchverlosungen
  • Themen
  • Leider nicht mein Fall

    Die Madonna im Pelzmantel
    Ritja

    Ritja

    23. June 2014 um 10:25

    Ich hatte mir das Buch gekauft, da ich eine sehr gute Rezension dazu gelesen hatte. Der Klapptext klang vielversprechend...20er Jahre, Berlin, junger Türke, junge deutsche Malerin und der Bann eines Gemäldes. Es hätte so gut werden können, aber ich kam nicht in die Geschichte rein. Die Hauptfigur war für mich zu träge, zu zaghaft , zu schüchtern. Die Geschichte schleppte sich über die Seiten und so wurde aus einer aufregenden spannenden Zeit (20er Jahre) eine sehr zähe Angelegenheit. Schade.

    Mehr
  • Sabahattin Ali - Die Madonna im Pelzmantel

    Die Madonna im Pelzmantel
    Ein LovelyBooks-Nutzer

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    17. June 2013 um 22:41

    Ich habe gerade dieses Buch beendet und ich bin immer noch vom Inhalt sehr überwältigt. Nur schade, dass ich dieses Werk erst jetzt entdeckt habe. Damit wurde mir wieder mal deutlich, dass ich mich oft von dem Äußeren oder Titel eines Buches zum Kauf verleiten lasse. Und um bei der Wahrheit zu bleiben, ich bin auch jemand, der sich leider auch von der Bestsellerliste beeinflussen lässt. (Auch wenn ich es nicht möchte.) Auf dieses Buch nun bin ich durch die Turkish Reading Challenges Gruppe bei Goodreads aufmerksam geworden und ich bin wirklich sehr, sehr dankbar dafür. Ich selbst hätte, wie gesagt, sonst nie nach diesem Buch gegriffen. Die Aufmachung ist nicht wirklich besonders, aber der Inhalt dagegen ist ein verborgener Schatz, der gelesen werden muss.  Zum Inhalt: Der Ich-Erzähler, der dem Leser nicht beim Namen benannt wird, gibt die Lebensgeschichte von dem Protagonisten Raif Efendi wieder. (Dabei wird besonders, die Innenwelt von Raif Efendi näher beleuchtet.) Zum ersten Mal begegnet der Ich-Erzähler Raif Efendi an seinem neuen Arbeitsplatz und merkt schnell, dass Raif Efendi ein sehr unscheinbarer, duldsamer Mann ist, der die Verleumdungen am Arbeitsplatz mit völliger Gleichgültigkeit hinnimmt. Auch zu Hause lässt er die Beschimpfungen seiner Familie und die Eskapaden seiner Töchter stoisch über sich ergehen. Kaum jemand ahnt jedoch, wer sich hinter der Maske stummen Gleichmuts verbirgt. Mit der Zeit steigt das Interesse des Ich-Erzählers hinsichtlich Raif Efendi. Er möchte mehr über ihn erfahren und ein eng beschriebenes Schulheft, das Jahre in der Dunkelheit des Schreibtisches von Raif Efendi überdauert hat, lüftet endlich sein Geheimnis. Die Aufzeichnungen führen in das Berlin der zwanziger Jahre. Dort kreuzt wie zufällig eine geheimnisvolle junge Malerin - die Madonna im Pelzmantel - Raif Efendis Weg. Als er sie eines Abends in einem Nachtclub singen hört, weiß er, dass ihrer beider Schicksal untrennbar verwoben ist. Meine Meinung: Vielleicht könnte die Geschichte für manch einen banal sein und vermutlich werden manche, nach dem Inhalt der Geschichte beurteilend, dieses Buch als eine weitere Liebesgeschichte abtun. Aber was dieses Buch so herausragend und einzigartig macht ist der Schreibstil. Sabahattin Alis Schreibstil ist einfach wunderbar und lässt jedes Leserherz höher schlagen. Er schafft es den Leser an das Buch zu fesseln und verzaubert ihn regelrecht. Mit seinen Worten lässt er tief in das Innere der Protagonisten blicken. Diese Offenbarung ist einfach großartig. Ich, als Leser, konnte absolut mit den Protagonisten mitfühlen. Um euch einen kleinen Vorgeschmack zu diesem Buch zu geben, werde ich mal paar Zitate aus diesem Buch hier kurz wiedergeben: "Gerade weil wir wissen, wie schwer es ist, den anderen wirklich zu erkennen, und die damit verbundene Mühe oft scheuen, ziehen wir es vor, wie Blinde aneinander vorbeizulaufen." S. 39 "Wie konnte die Anwesenheit eines Menschen, von dessen Existenz ich nicht einmal gewusst hatte, plötzlich für mich so notwendig sein? Aber geht uns das nicht immer so? Entdecken wir die Unentbehrlichkeit vieler Dinge nicht erst, wenn wir sie erst kennenlernen?" S. 128 "Der Verlust der wertvollsten Dinge eines ganzen Vermögens, ja aller weltlichen Güter lässt sich mit der Zeit verschmerzen. Doch verpasste Gelegenheiten können wir nicht vergessen, jedes Erinnern erfüllt uns mit neuer Pein." S. 233 Extras: Oft lese ich, dass viele Leser mit ausländischen Namen oder gar manchen Begriffen Schwierigkeiten haben. In der Dörlemann Ausgabe wird am Ende eine Erklärung zur Aussprache sowie zu gewissen Begriffen gegeben. Also sollten zukünftige Leser sich nicht von unbekannten Ausdrücken abschrecken lassen. Zu dem Autor: Sabahattin Ali wurde 1906 geboren. Nach seinem Studium in Berlin und Potsdam lehrte er in der Türkei Deutsch. Ali musste zeitlebens gegen die staatliche Zensur kämpfen, 1932 wurde er wegen eines Satire-Gedichts über Atatürk für ein Jahr inhaftiert. 1944 gab er in Istanbul das Satire-Blatt Markopasa heraus. 1948 wurde Ali auf der Flucht ins Exil an der bulgarischen Grenze ermordet. Bis heute ist ungeklärt, ob er einem Raubmord oder einem politischen Anschlag zum Opfer fiel. Fazit: Mein Jahresfavorit. Ich bin wirklich dankbar diesen Autor für mich entdeckt zu haben. Es wird mit Sicherheit für mich nicht das letzte Buch von Sabahattin Ali sein. Absolut lesenswert.

    Mehr
  • Rezension zu "Die Madonna im Pelzmantel" von Sabahattin Ali

    Die Madonna im Pelzmantel
    HeikeG

    HeikeG

    14. August 2008 um 16:09

    Verpasste Gelegenheiten "Wie lächerlich, oberflächlich und unbedeutend, und gleichzeitig wie unbarmherzig sind doch die Faktoren, welche die Beziehungen zwischen den Menschen bestimmen! (...) Gerade weil wir wissen, wie schwer es ist, den anderen wirklich zu erkennen, und die damit verbundene Mühe oft scheuen, ziehen wir es vor, wie Blinde aneinander vorbeizulaufen.", sinniert der namenlose Ich-Erzähler zu Beginn des Romans. Diese Erkenntnis gewinnt er, nachdem er einem anderen Mann, der von der Masse der Gesellschaft eher nicht beachtet wurde, einem "ganz normalen Sterblichen ohne herausragende Eigenschaften, wie sie uns täglich zu Hunderten begegnen und denen wir kaum einen Blick schenken.", näher gekommen ist. Dessen Lebensgeschichte - die des Raif Efendi - erzählt er in diesem Buch und schärft dabei den Blick für das Individuelle, das Innere in einem Menschen. Als neuer Angestellter im Unternehmen seines ehemaligen Schulfreundes wird der Ich-Erzähler in das Büro des Raif Efendi gesetzt. Dieser von allen nur herumkommandierte stille, oft kränkelnde, jedoch fleißige und pünktliche Mann, arbeitet als Übersetzer vom Deutschen ins Türkische. Stoisch lässt er alle Beschimpfungen über sich ergehen, ohne jemals gegen all die an ihn verübten Ungerechtigkeiten aufzubegehren. Auch zu Hause führt er ein untergeordnetes Dasein und lässt sich von seiner großen Familie ausnutzen. Dieser Mann erregt dennoch die Aufmerksamkeit des Ich-Erzählers und beide kommen sich langsam näher. Er weiß zwar immer noch nicht, was für ein Mensch er ist, aber dass er nicht der war, der er schien, ist er sich zunehmend sicher. "Wenn wir, statt diesen für uns undurchschaubaren Individuen jegliches Seelenleben abzusprechen, auch nur ein wenig neugierig wären und ihre verborgene Innenwelt zu erforschen versuchten, würden wir sehr wahrscheinlich auf überraschende Dinge, ja unerwartete Schätze stoßen." Ein kleines, geheimnisvolles, schwarzes Heft - ein rückblickender Lebensbericht Raifs - bringt ihm dessen wahre Existenz völlig ins Bewusstsein. In den Zwanzigern von seinem Vater nach Berlin geschickt, um die Seifenherstellung zu studieren, lernt Raif Efendi jedoch etwas viel wertvolleres kennen: die tiefe Liebe zu einer Frau. Begonnen hatte alles mit einem Gemälde in einer Ausstellung, dem Selbstporträt der darauf abgebildeten Künstlerin - der "Madonna im Pelzmantel". Raif verliebt sich unsterblich in diese Abbildung ("Sie war eine Mischung, eine Verschmelzung aller je in meiner Fantasie lebenden Frauen"), bis er Nora Puder - die Malerin - persönlich kennenlernt. Zwei äußerst individuelle Menschen treffen aufeinander: er, Raif, der stille, menschenscheue, undurchschaubare Träumer, der bis dato nur in seinen Büchern lebte und sie, Nora, die kapriziöse, wechselhafte, selbstbewusste und selbstbestimmende Frau. Doch trotzdem scheint es ganz so, als wenn eine Seele auf ihr Ebenbild getroffen wäre. Es entwickelt sich eine Nähe, die auf geistiger, gedanklicher Übereinstimmung begründet ist. Doch ganz so harmonisch läuft diese innige Beziehung nicht ab. Zu sehr reiben sich die zwei unterschiedlichen Persönlichkeiten aneinander. Dann geschieht etwas, das alles verändern sollte, allem eine neue Richtung gibt... Nach der Lektüre dieses Tagebuches wird dem jungen Ich-Erzähler endgültig klar, dass dieser unscheinbare Raif Efendi endgültig in sein Leben getreten ist. "Noch nie habe ich die Gegenwart eines anderen Menschen so bewusst und lebendig in mir wahrgenommen.", sind seine Worte, die sogleich die letzten Zeilen des Romanes einläuten und denen man sich uneingeschränkt anschließen möchte. Sabahattin Ali nimmt den Leser für Stunden gefangen, er zieht ihn in einen geradezu magischen Sog und verzaubert ihn. In luziden, tiefgeistigen, ja philosophischen Betrachtungsweisen schaut der 1948 auf bis heute unerklärliche Weise auf der Flucht nach Bulgarien ermordete türkische Hoffnungsträger der damaligen Istanbuler Literaturszene tief ins Innerste der Menschen und zeichnet gleichzeitig ein wunderbares Lokalkolorit des Berlins der Zwanziger Jahre mit einem neueren freieren Frauenbild. Mit essentiellen, teils elegischen, teils hoffnungsfrohen, aber immer unprätentiösen Worten und Sätzen - wie eine grazile Decklasur - überzieht er seine Prosa und schafft so ein eigenständiges kleines Kunstwerk, das Melancholie, zuweilen gar Hoffnungslosigkeit, aber gleichzeitig auch Lebensfreude ausdrückt, manchmal wie ein Traum erscheint. Die Handlung tritt gegenüber langen inneren Monologen und Selbstanalysen zurück. Tiefe Einblicke in die menschliche Seele, wechseln mit detailreichen Naturbeobachtungen. Wortgewandt, manchmal spöttisch und selbstironisch, weiß Ali grandios sein Publikum zu umgarnen. Ein wunderbar besinnliches, kleines, feines Meisterwerk. Fazit: Sabahattin Ali hat ein meisterlich feingeistig-kraftvolles Werk geschrieben, das die innersten Seiten eines Menschen berührt und die sensiblen zum Vibrieren bringt. Ute Birgi hat seine Worte einfühlsam und ohne Identitätsverlust ins Deutsche übertragen.

    Mehr