Sabine Bergstermann

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Terrorismus, Recht und Freiheit

Terrorismus, Recht und Freiheit

 (2)
Erschienen am 01.03.2016

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Rezension zu "Terrorismus, Recht und Freiheit" von Sabine Bergstermann

Mehr als ein Knast
Vielhaber_Juergenvor einem Jahr

Viel ist und wird noch geschrieben über die Vorgänge des Jahres 1977, den sogenannten Deutschen Herbst.Die Mordserie, die eine Gruppe junger Leute um Brigitte Mohnhaupt inszenierte, um die Gesinungsfreunde freizupressen.
Die JVA Stammheim ist zum Symbol geworden,
im eigens erbauten Gerichtssaal fanden fast alle RAF-Prozesse statt.Aber auch jener gegen die Gründer, Baader,Meinhof,Raspe, Ensslin.
Sabine Bergstermann hat nun ein umfangreiches Buch vorgelegt.
Erstmals wird auch die Historie der Anstalt näher beleuchtet von der Grundsteinlegung zum Reformgefängnis.
Die Studie ist in neun umfangreiche Kapitel unterteilt.
Im ersten Kapitel geht die Autorin auf Forschungsinteresse,methodische Aspekte und ihre Quellen ein.
Weiter geht es mit der Konstituierung der RAF, Strafrechtsreform, der Komplex der Inneren Sicherheit.
Die Entwicklung des Gefängniswesen, speziell in der Bundesrepublik der 60er Jahre, zunehmend kritische Stimmen in den frühen 70ern, die spezielle Rolle der JVA Stammheim, auch der architektonische Stil,die Öffentliche Meinung...all das behandelt das dritte Kapitel.
Die Strategien der RAF, Haftbedingungen,die Vereinnahmung von Begriffen seitens der RAF, längst vergessen geglaubte Schlagwörter wie Isolationsfolter, Vernichtungshaft,Politische Gefangene werden in den damligen Kontext gestellt.
Eher knapp die Geschichte der Komitees gegen Folter,aus denen die meisten Mitglieder der zweiten,und die wenigen bekannten der dritten RAF- Generation hervorgingen.Hier ist insbesondere die Rolle der Anwaltsbüros Croissant und Groenewold zu erwähnen,mindestens 15 spätere Terroristen waren dort beschäftigt.
Der fatale Hungertod des Holger Meins,einmal das Radikalisierungsmoment aber auch seine Bedeutung für das umstrittene Instrument der Zwangsernährung.
All das führt Frau Bergstermann dem Leser vor Augen.Auch ihrem Resümee,das eigentliche Bedrohungspotential der RAF sei erst nach 1972 entwickelt worden, kann man folgen.
So geht es im 5.Kapitel um die Privilegien für einige Wenige im siebten Stock der JVA. Untrennbar damit verbunden die Rolle der Anstaltsärzte.
Die Taktik der Gefangenen hieß nicht nur, den eigenen Körper als Waffe einzusetzen,auch ein subtiler Widerstand gegenüber allen Bediensteten bis zu Übergriffen war an der Tagesordnung.
Die logische Folgerung, die RAF-Häftling waren nicht zu disziplinieren.
Auch eher wenig bekannte Facetten wie die Beziehungen der weiblichen Häftlinge untereinander, die Konkurrenz um Baader, fördert die Autorin zu Tage.
Das sechste Kapitel beschreibt juristische Feinheiten, die StPO-Verschärfung 1974, die Einführung des 129a, Verteidigerstrategien,
aber auch den Selbstmord der Meinhof, die Aussagen des Kronzeugen Gerd Müller, die Absetzung des Richters Prinzing, das Urteil im April 1977.
Weiter untersucht sie die Rolle Stammheims im Deutschen Herbst,der Vorgänge September-Oktober 1977,gipfelnd in der Selbstmordnacht zum 18.10.1977.
Sabine Bergstermann gelingt es,bis heute eher mythisch umrankte Ereignisse wie die Vernehmugen des Kuriers Speitel, das Einschmuggeln der Waffen, die einzelnen Todesursachen sachlich und mit der nötigen Ausführlichkeiz darzustellen.
Schließlich geht sie im achten Kapitel auf Stammheim im linken wie auch im konservativen Diskurs ein.
Schlüsselbegriffe sind Vernichtung durch haft, Vernichtung durch Recht, Vernichtung durch Mord.Die Auseinandersetzung ging um Haftbedingungen, den Prozeß und schließlich die Ursache der Tode.
Auf vier Ebenen der Erinnerung fasst Bergstermann zusammen, was danach blieb:
Stammheim als das RAF-Gefängnis schlechthin, als einer der bekanntesten Gerichtsorte der BRD,als Ort der bis heute bleibenden Widersprüche ( 2012 forderte u.a. Gottfried Ensslin ein Wiederaufnahme verfahren). Aber auch die erste Anstalt,die Humanität und Sicherheit vereinen sollte,
was zumindest bei den RAF - Häftlingen nicht gelungen ist.

Eine große,exzellente,nachhaltige Studie,sehr detailreich.
Leider bleibt die Zeit nach 1977 im Dunkeln,was aber auch den Rahmen geprengt hätte.
Eine wertvolle Ergänzung zu den Rückblicken von Aust und Peters.

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