Sabine Gruber Daldossi oder Das Leben des Augenblicks

(13)

Lovelybooks Bewertung

  • 12 Bibliotheken
  • 1 Follower
  • 1 Leser
  • 6 Rezensionen
(3)
(4)
(5)
(1)
(0)

Inhaltsangabe zu „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ von Sabine Gruber

Bruno Daldossi ist ein erfolgreicher Fotograf, der sich auf die Arbeit in Krisen- und Kriegsgebieten spezialisiert hat. Nach vielen Jahren, in denen er für das Hamburger Magazin "Estero" in Tschetschenien oder im Irak, im Sudan oder in Afghanistan fotografiert hat, geht er mit Anfang Sechzig nur noch sporadisch auf seine gefährlichen Missionen. Als ihn aber seine langjährige Gefährtin Marlis, eine Zoologin, mit der er in Wien zusammenlebt, wegen eines anderen Mannes verlässt, verliert der so gehärtete Mann völlig den Halt. In seine Trauer um den Liebesverlust mischt sich immer stärker die Frage, wie mit dem Leid der Welt, das er in seinen Bildern festhält, zu leben und wie damit umzugehen ist. Wie viel Wahrheit halten wir aus? Wie viel Einfühlung, wie viel Nähe sind uns möglich? Daldossi freundet sich mit der Journalistin Johanna Schultheiß an, die aus Lampedusa berichten soll, und reist ihr nach. Und er versucht, Marlis zurückzugewinnen und Verantwortung zu übernehmen für wenigstens eins der Schicksale, die seinen Weg gekreuzt haben.
In diesem kühnen Roman erzählt Sabine Gruber dicht, genau, schön und spannend von journalistischer Wahrheitsfindung, Krieg, Krisen und von einer großen Liebe.

Ein Buch voller gescheiter und differenzierter Beziehungs-Beobachtungen.

— HansDurrer

Ein Roman, der intensiv recherchiert ist und glaubwürdig erzählt wird. Unbequem, ja, aber wichtig.

— BluevanMeer

Ein gut recherchierter, interessanter Stoff über einen Kriegsreporter, dessen literarische Umsetzung mich nicht voll überzeugen konnte.

— Barbara62

Ein bemerkenserter Roman, der mich sehr beeindruckt hat. Meine Buchbesprechung kommt noch, muss jetzt erstmal die Eindrücke sortieren!

— FrauGoldmann_Buecher

Nun ja...wirklich interessant beschrieben, sprachlich auch nicht schlecht...aber in Summe war das Buch für mich leider etwas enttäuschend.

— Bernadette_Kaufmann

Stöbern in Romane

Die Farbe von Winterkirschen

Eine wirklich berührende Geschichte über Trauerbewältigung, Hoffnung und Glück.

TheBookAndTheOwl

Lied der Weite

Ein sehr lesenswerter, anspruchsvoller Roman von besonderer literarischer Qualität

milkysilvermoon

Das Geheimnis des Winterhauses

Eine spannende Reise in die familiäre Vergangenheit-rund um die Welt

kadiya

Highway to heaven

Amüsanter Roman über das Leben in einer schwedischen Kleinstadt und eine alleinerziehende Mutter, die sich neu orientieren muss

schnaeppchenjaegerin

Lügnerin

Die Dynamik einer Lüge. Psychologisch fein erzählt, jedoch nicht so dicht wie gehofft.

leselea

Der Weihnachtswald

ein schönes Wintermärchen mit einer Reise in die Vergangenheit

RoRezepte

  • Rezensionen
  • Leserunden
  • Buchverlosungen
  • Themen
  • Die Bilder vom Krieg

    Daldossi oder Das Leben des Augenblicks

    HansDurrer

    21. June 2017 um 20:49

    Der Protagonist dieses Romans ist ein Kriegsfotograf namens Bruno Daldossi und wohl deshalb ist dem Buch (als Motto?) auch dieses Zitat von Christoph Bangert (die Klammerbemerkungen stammen von mir) vorangestellt, das meinen Unmut erregt: „Wie erinnern uns in Bildern (stimmt, insofern als Bilder Gefühle transportieren). Wenn wir uns verbieten, Bilder anzusehen, wie sollen wir das Geschehene im Gedächtnis speichern? (zum Beispiel indem wir uns Geschichten anhören). Woran wir uns nicht erinnern, das hat nicht stattgefunden.“ (Soll das ein Witz sein? Ich erinnere nämlich kaum etwas aus meinem bisherigen Leben ...).  Wir wissen nicht, was Bilder vom Krieg in uns auslösen. Doch wir wissen, dass Bilder Emotionen freisetzen und die Militärs Angst vor Kriegsbildern haben. Und sie deshalb kontrollieren wollen. Grund genug also, sich jeglicher Bilder-Zensur in den Weg zu stellen. Mich interessiert die dokumentarische Fotografie und ich bin deshalb gespannt auf dieses Buch, das ich jedoch, wie erwähnt, ziemlich negativ gestimmt angehe ... und bin dann bereits auf den ersten Seiten positiv überrascht, wie eine kurze Geschichte von der Überfahrt eines Flüchtlingsbootes mich in ihren Bann zieht. Und ganz viele Bilder in meinem Kopf erzeugt. Dass jeder und jede ein Buch wieder anders liest, ist ein Gemeinplatz. Also konkret: Ich lese „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ mit dem Fokus auf der Fotografie. „Er musste alles Auffällige festhalten, und um es festhalten zu können, musste es sich wiederholen oder er musste es inszenieren.“ Es sind Sätze wie dieser, die mich zum Selber-Denken anregen und ich deswegen schätze. Warum eigentlich das Auffällige? Macht nicht erst das Foto etwas zum Auffälligen? Die vielen Bezugnahmen auf Fotografen (etwa Werner Bischof, Inge Morath, Don McCullin, Kevin Carter, Dorothea Lange und immer wieder der von mir wenig geschätzte Robert Capa) und Fotografisches, die meistens interessant, spannend und lehrreich (manchmal aber auch wenig durchdacht) sind, scheinen mir jedoch ziemlich an den Haaren herbei gezogen. Anders gesagt: sie drängen sich keineswegs auf und sind für die Geschichte eigentlich nicht nötig, ja, sie stehen ihr eher im Wege. „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ ist nämlich nicht in erster Linie ein Buch über Fotografisches, sondern eine Beziehungsgeschichte. „Es war Teil ihrer gemeinsamen Vereinbarung gewesen, dass jeder seine Leidenschaften lebte, ohne den anderen damit zu belasten. Marlis' neue Liebe war schwerwiegend und untragbar für sie beide.“ Überraschend ist das nicht, ist man da versucht zu sagen, denn Eifersucht und Besitzergreifendes gehören nun einmal zu den Gefühlen, die sich so recht eigentlich kaum vom Verstand beeinflussen lassen. Wie Daldossis Nicht-Klarkommen mit der neuen Situation geschildert wird, ist eindringlich, realistisch und überzeugend. Weniger realistisch fand ich, dass Daldossi ständig an seine Zeit in Bosnien und im Irak denkt. Und dabei vor allem an Frauen und Bilder. Ein vögelnder, saufender und sensibler Mann – klischeehafter geht es kaum. Doch mit den Klischees ist es eben so eine Sache: Sie finden sich in der Wirklichkeit. Und dann ist da noch Johanna Schultheiss, Journalistin und Ex-Frau eines Kollegen von Bruno Daldossi. „Während Johanna sprach, fiel ihr Blick auf Brunos Hand, die auf seinem Schenkel lag. Diese Finger haben die Verschlüsse von Objektiven für das Grauen der Welt geöffnet; sie haben die Zeit angehalten, und haben sie für die Zukunft gespeichert, dachte sie und blickte aus dem Fenster.“ Gibt es wirklich Leute, die so bedeutungsschwanger denken? Nun ja, möglich ist vieles, wobei eher unwahrscheinlich ist, dass es der Ex-Frau eines Kriegsfotografen durch den Kopf geht. Mir ist es streckenweise vorgekommen, als ob da jemand beschlossen habe, einen Kriegsfotografie-Roman zu schreiben, in der Folge ganz viel recherchiert hat und dann in dem Vielen ersoffen ist. Weniger wäre mehr gewesen, dachte es gelegentlich in mir, doch hätte ich dann leider auch Sätze wie diesen verpasst. „Dass er endlich begreifen müsse, dass seine Arbeiten nicht nur Entsetzen hervorriefen, sondern auch die Leute verrohten und enthemmten.“ Nicht, weil ich damit einig gehe, doch weil darüber nachgedacht gehört. „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ hat mich geärgert und fasziniert. Es hat also geschafft, was die meisten Bücher (die plätschern an mir vorbei) bei mir nicht schaffen.  Geärgert hat mich der saufende, ständig in seiner Kriegsvergangenheit lebende Daldossi, der emotional nicht vom Fleck kommt. Das hat weniger mit Sabine Grubers höchst gelungener Charakterisierung zu tun (Säufer bleiben in der Tat emotional stehen), als damit, dass mich solche Typen langweilen. Fasziniert hat mich das Buch vor allem der vielen gescheiten und differenzierten Beziehungs-Beobachtungen wegen: „Wer nicht scheiterte, hatte sich in Johannas Augen abgefunden. Die meisten wussten gar nicht, dass sie längst klein beigegeben hatten.“

    Mehr
  • Leserunde zu "Die Fotografin" von William Boyd

    Die Fotografin

    TanyBee

    Leserunde der Gruppe "SuB Aufbau mit Niveau - Die literarische Runde" zum Buch

    "Die Fotografin" von William Boyd.

    Es werden keine Bücher verlost, aber jeder, der mit eigenem Exemplar teilnehmen möchte ist herzlich willkommen!




    • 150
  • Ohne Deckung

    Daldossi oder Das Leben des Augenblicks

    Barbara62

    03. February 2017 um 16:56

    Wir alle konsumieren sie jeden Tag, ob wir wollen oder nicht: Bilder aus den Krisenregionen der Welt, aus Kriegsgebieten, Hungerregionen oder Flüchtlingslagern, im Fernsehen, in den Printmedien oder im Netz. Doch wer sind eigentlich die Menschen, die sie uns liefern, die nicht selten ihr Leben dabei verlieren? Wie können sie mit dem alltäglichen Grauen umgehen? Wie entscheiden sie, wann sie auf den Auslöser drücken und wann nicht? Alle diese Fragen wirft Sabine Gruber in ihrem Roman Daldossi oder Das Leben des Augenblicks auf, doch leider kommt die Frage der Ethik der Fotografie, die für mich die spannendste gewesen wäre, deutlich zu kurz. Hauptsächlich geht es in diesem zweifellos sehr gut recherchierten Buch um den Kriegsfotografen Bruno Daldossi, Südtiroler und in Wien lebend, schwerer Alkoholiker, ein Mann um die 60, der nach Einsätzen in Tschetschenien, im Irak, in Serbien, in Afghanistan und überall, „wo es Tote gab“, von seinem Magazin im Zuge des Personalabbaus in Frührente geschickt wurde. Aber taugt ein Mensch mit seinen „Kriegserfahrungen“, dessen Tote „viele Friedhöfe füllen“, noch zum Leben im Frieden? Gerade jetzt hat ihn seine Lebenspartnerin Marlis verlassen, die 15 Jahre lang immer in Angst auf ihn gewartet hat, die es aber nicht mehr ertragen konnte, dass ein immer größerer Teil von ihm an den Schreckensorten zurückblieb. Daldossi kann sich trotz seiner unzähligen Affären, die er als Form der Selbstrettung betrachtet, ein Leben ohne Marlis nicht vorstellen, denn sie ist seine „Dauerdeckung“ und seine Orientierung. Doch Marlis lehnt seine Friedensmission, zu der er ihr eigens nach Venedig nachreist, ab, eine für mich gut nachvollziehbare Form von Selbstschutz. Daldossi oder Das Leben des Augenblicks war für mich eine eher mühsame Lektüre, nicht so sehr wegen der sehr herben Sprache, die zum Inhalt passt, auch nicht wegen des unsympathischen Antihelden, sondern eher deshalb, weil ich das Buch als sehr „absichtsvollen“, sehr konstruierten Text und weniger als Literatur empfunden habe. Gut gefallen hat mir dagegen, wie Sabine Gruber Bildbeschreibungen zu Fotografien Daldossis in den Text einstreut und den nicht in Kapitel unterteilten Romanfluss damit immer wieder gekonnt durchbricht. Dass Daldossi sich am Ende dazu aufrafft, hinter der Linse hervorzutreten und erstmals selber in ein Geschehen einzugreifen, war für mich der einzige Hoffnungsschimmer in einem ansonsten niederdrückenden Buch. Was bleibt für mich nach der Lektüre dieses Romans? Mit Sicherheit werde ich die Bilddokumente aus Krisenregionen zukünftig anders wahrnehmen und auch die Menschen hinter den Objektiven dabei sehen. Sie riskieren mehr als nur ihr Leben, sie laufen Gefahr, ihre Befähigung für ein Leben im Frieden zu verlieren. Uns dies eindrücklich vor Augen zu führen, ist Sabine Gruber zweifellos geglückt.  

    Mehr
  • ‚Nie hatte er kapituliert [...]. Daldossi würde auch jetzt nicht aufgeben.‘

    Daldossi oder Das Leben des Augenblicks

    sabatayn76

    17. September 2016 um 14:33

    Inhalt: Bruno Daldossi ist Kriegsfotograf und hat anscheinend schon alles, was es an Leid und Elend gibt, vor Ort erlebt und auf Fotos festgehalten. Als Daldossi von seiner langjährigen Lebensgefährtin Marlis verlassen wird, verliert er jeden Halt. Marlis war stets für ihn da, wenn er aus einem Kriegsgebiet nach Wien zurück kam: ‚Daldossi hatte keinen Ort, wo er zu Hause war. Nur sie. In jeder ihrer Poren wohnte er. Hatte er gewohnt.‘. In ‚Daldossi oder Das Leben des Augenblicks‘ erzählt Sabine Gruber von Daldossis Arbeit als Kriegsfotograf, wie seine Kriegserlebnisse und -erfahrungen sein Leben und seine Beziehung mit Marlis geprägt haben und wie ihn das Erlebte noch nach Jahrzehnten verfolgt. Mein Eindruck: Ich fand ‚Daldossi oder Das Leben des Augenblicks‘ schlichtweg großartig, und der Roman zählt damit zu meinen Favoriten 2016. Ich empfand nicht nur die Einblicke in Daldossis Leben, seine Gefühls- und Gedankenwelt spannend und eindringlich erzählt, sondern auch die beschriebenen Intrusionen überzeugend. Diese Intrusionen, die im Buch immer wieder auftreten und die sich auch in den sachlichen Beschreibungen verschiedener Kriegsfotografien finden, sind typisch für Traumatisierungen und zeigen dem Leser so, was es bedeutet, in Konflikt- und Kriegsregionen zu reisen, sein Leben zu riskieren und Menschen sterben zu sehen. Sie drängen sich dem Leser genauso auf wie dem Traumatisierten in seinen Gedanken und (Alb-) Träumen, in denen er das Trauma immer und immer wieder erlebt. Mir haben sowohl die Geschichte um Daldossis Versuche, Marlis zurückzugewinnen, als auch die Rückblenden in seine Vergangenheit gefallen, aber besonders gelungen fand ich tatsächlich die Idee mit den Beschreibungen der Fotografien, ein Kunstgriff, der zeigt, wie intensiv sich die Autorin mit dem Thema befasst hat und dass sie ein tiefes Verständnis von Psychologie und den Folgen von Traumatisierung hat. Mein Resümee: Sprachlich und inhaltlich überzeugend, psychologisch fundiert. Eines meiner Lesehighlights 2016.

    Mehr
  • Kriegsreporter

    Daldossi oder Das Leben des Augenblicks

    serendipity3012

    02. August 2016 um 17:35

    Kriegsreporter Journalisten und Fotografen, die von Kriegsschauplätzen berichten oder berichtet haben, schaffen es kaum, ein normales Leben zu führen: Viele verlieren ihre Partner, sie trinken, haben Schlafstörungen oder ziehen sich von Familie und Freunden zurück. Sabine Gruber selbst hat für ihren neuen Roman „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“, der gerade im C.H. Beck Verlag erschienen ist, einige Biographien von Journalisten, die in Kriegsgebieten gearbeitet haben, recherchiert und kam zu diesem ernüchternden Ergebnis. Nach der Lektüre des Romans hat man als Leser kaum Zweifel, dass sie recht hat. Bruno Daldossi ist inzwischen Anfang 60 und arbeitet nur noch sporadisch, eine lange Karriere als Kriegsfotograf liegt hinter ihm. Als seine langjährige Lebensgefährtin Marlis ihn für einen anderen Mann verlässt, ist Daldossi schwer getroffen. Marlis war die, zu der er immer zurückkam, mit der er eine Weile eine „normale“ Beziehung leben konnte oder es zumindest versucht hat. Denn für Marlis war das Leben als Daldossis Freundin alles andere als einfach: Es bestand zu großen Teilen daraus, auf ihn zu warten und Angst um ihn zu haben. Feiertage allein zu verbringen. Rücksicht zu nehmen. Marlis will das nicht mehr. Daldossi wiederum schaffte es nicht, Marlis den vielleicht oftmals unbewussten und selten ausgesprochenen Vorwurf zu ersparen, dass sie nicht wusste, was genau er bei seiner Arbeit gesehen hat, - sehen musste, Gewalt und Brutalität, von der Marlis keine Ahnung hatte. Immer schwingt da eine gewisse Überheblichkeit mit. Marlis wusste in Daldossis Augen gar nicht, wie gut sie es hatte, da sie seine Erfahrungen nicht teilte. Als Leser begreift man, dass beide Standpunkte nachvollziehbar sind, dass beide gar nicht gar nicht anders empfinden können. Bruno versucht also, Marlis zurück zu gewinnen und trifft dabei auf die Journalistin Johanna, die die Ex-Frau eines Kollegen Daldossis ist, auch sie hatte also eine Beziehung mit einem Kriegsjournalisten. Johanna fühlt sich zu Daldossi hingezogen. Als sie nach Lampedusa reist, um ihrerseits von dort zu berichten, reist er ihr nach. Sabine Gruber hat sich nach ihrem letzten sehr lesenswerten Roman „Stillbach oder die Sehnsucht“ einem schweren und sehr aktuellen Thema zugewandt. Immer wieder lässt sie ihren Titelhelden in die Vergangenheit abschweifen, Kriegsszenen entstehen vor seinen Augen und somit vor denen des Lesers, diese stets sehr atmosphärisch und eindringlich. Das führt aber auch dazu, dass Daldossis Leben in der Gegenwart etwas in den Hintergrund gerät, dass die eigentliche Handlung um ihn, Marlis und Johanna, immer wieder stockt und sehr oft unterbrochen wird. Gruber vermittelt sehr eindringlich, wieso Daldossi so ist, wie er nun mal ist. Das ist glaubhaft und kann nicht kaltlassen, nimmt der Geschichte aber auf der anderen Seite den Fluss. Auch wird deutlich, wie sehr Daldossi Marlis braucht oder zu brauchen glaubt und wieso er sie unbedingt zurückhaben möchte, obwohl sie ihn wegen eines Anderen verlassen hat. Bruno ist sich sicher, dass er ohne Marlis nicht leben kann. Johanna wiederum zeigt uns die andere Seite, die Perspektive der Frau, die mit einem Kriegsreporter zusammen war – und die diese Erfahrung nicht davon abhält, sich einem Kollegen ihres Ex-Mannes anzunähern. Ganz nachvollziehbar begründet wird dies nicht, am Ende ist es wohl einfach so, dass man nicht entscheiden kann, zu wem man sich hingezogen fühlt. Unterbrochen wird der Text immer wieder durch Beschreibungen von Kriegsfotografien, echte und frei erfundene. Menschen mit Verstümmelungen, Kinder, die zwischen Leichnamen spielen, verschiedene Gefahrensituationen. Die Autorin begründet diese Bildbeschreibungen damit, dass sie Einblicke in Daldossis Arbeit geben wollte – aber auch, dass sie zu einer verlangsamten Bildbetrachtung zwingen wollte. Leider kann eine Bildbeschreibung nie das Bild ersetzen. Womöglich wäre es doch besser gewesen, die realen Fotos selbst abzudrucken. Damit schiebt man der Imagination des Lesers zwar den Riegel vor, das Foto bekommt aber die Funktion, die ihm von vornherein zugedacht war. Dass „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ über weite Strecken eine düstere, hoffnungslose Stimmung ausstrahlt, dürfte nicht überraschen, macht das Buch aber zu einer schwierigen Lektüre. Der Handlungsbogen ist nicht immer zu erkennen, der Roman gerät durch die vielen Einschübe sehr episodenhaft, das macht die Lektüre nicht leichter. Auf der anderen Seite erfährt man wirklich viel über das Leben eines Kriegsreporters, über die inneren Mechanismen, die man sich aneignet, um diese Arbeit machen zu können, über das Dilemma, dass man, wenn man den Krieg in Bildern festhält, nicht gleichzeitig helfen kann, obwohl man den Drang dazu hat. Darüber, dass all diese Bilder irgendwo im Kopf bleiben und jederzeit ins Bewusstsein kommen können. So bleibt am Ende die Frage, ob die Entscheidung, aus dem Stoff und dem sicher sehr wichtigen und auch interessanten Thema einen Roman zu machen, die richtige war. Ob eine nichtfiktionale Annährung dem Thema gerechter geworden wäre? Gruber schreibt stilistisch einwandfrei, ihre Figuren sind glaubhaft und die Geschichte um Daldossi und seine Probleme sicher realistisch. Lediglich das Gleichgewicht zwischen den beiden Ebenen im Roman leidet. Trotzdem ein durch und durch eindringlicher Einblick in das Leben derer, die uns in unserem sicheren, behüteten Leben die Nachrichten aus all den Teilen der Welt überbringen, in denen das Leben nicht so sicher und behütet ist.

    Mehr
    • 2
  • Leben des Augenblicks

    Daldossi oder Das Leben des Augenblicks

    Buecherschmaus

    26. July 2016 um 18:28

    Bilder bestimmen, wie wir die Welt wahrnehmen. Bilder sind es, die unsere Erinnerungen festlegen. Gerade in unserer heutigen Mediengesellschaft wissen wir um die Bedeutungshoheit der Foto- und Filmaufnahmen, die bei allen bedeutenden Ereignissen in Windeseile um die Welt geht. Ob von den jüngsten Terroranschlägen, den Flüchtlingsströmen quer durch Europa oder den Kampfeshandlungen an den unterschiedlichsten Schauplätzen, immer sind es die Bilder, die unsere Wahrnehmung prägen.Einige von ihnen werden zu wahren Ikonen. Man denke nur an das Foto des kleinen ertrunkenen Flüchtlingsjungen am türkischen Strand. Oder, denn solche Fotos gibt es natürlich nicht erst seit heute, an das nackte vietnamesische Mädchen, das vor einem Napalmangriff davonläuft. Hinter jedem dieser Fotos steht ein Mensch, der es aufgenommen hat. Fotografen, die teilweise unter Einsatz ihres Lebens auch unter widrigsten Bedingungen mit ihrer Kamera aufzeichnen, was geschieht, die den Augenblick festhalten. Das Leben des Augenblicks, so auch der Titel des neuen Romans von Sabine Gruber. Bruno Daldossi ist ein solcher Fotograf, der immer an den Brennpunkten dieser Welt unterwegs war. Irak, Afghanistan, Kongo, Kosovo, Tschetschenien – kaum ein Kriegsschauplatz, den er nicht mit der Kamera festgehalten hat. Nun ist er Anfang Sechzig und von seiner Redaktion in Rente geschickt worden. Im Roman geht es auch um die Verzweiflung, in die er stürzt, als ihn gerade zu dieser Zeit seine langjährige Lebensgefährtin Marlis verlässt. Er verliert völlig den Boden unter den Füßen, als dieser einzige Haltepunkt in seinem rastlosen Leben wegfällt. Dabei war er niemals treu, benutzte Sex immer auch als Mittel zum Vergessen, zum Finden von Trost. Überall, wo er sich bot. Doch nun reist er Marlis nach nach Venedig, wo ihr neuer Freund lebt, versucht, sie zurückzugewinnen.Viel interessanter als dieser Zweig der Geschichte ist allerdings alles, was um die Arbeit, die Verantwortung und die Aufgabe von Kriegsreportern kreist. Immer wieder wird Daldossi von Erinnerungen an seine traumatischen Erfahrungen heimgesucht, bringen Beobachtungen, Begegnungen, Gegenstände diese zu ihm zurück. Mit diskutiert werden Dinge wie: Inwieweit bedienen die Fotografen die Sensationsgier? Benutzen sie die Opfer, um der eigenen Profilierung willen? Sind sie Adrenalinsüchtige? Der Empathie völlig unfähig?Vielleicht erinnert sich der ein oder andere an den Skandal, den das Foto eines verhungernden afrikanischen Kindes, hinter dem bereits ein Geier lauerte, entfachte. Hätte der Fotograf, anstatt auf den Auslöser zu drücken nicht lieber den Geier vertreiben, dem Mädchen helfen sollen? 1994 gewann Kevin Carter damit dennoch den Pulitzerpreis. Die Diskussion von Fragen wie diesen ist es, die diesen Roman zu etwas ganz besonderem macht.Inspiration war für Sabine Gruber der Ärger über die scharfe Kritik, denen sich Kriegsberichterstatter oft ausgesetzt sehen. Beeinflusst wurde er durch Grubers Freund Volker Krämer, einen Stern-Reporter, der 1999 im Kosovo erschossen wurde. Man kann vermuten, dass sehr viel Persönliches, auch in die Beziehungsgeschichte, eingeflossen ist. Das ist nämlich ein weiterer Schwerpunkt des Romans. Wie kann ein Mensch, der ständig von solchen Gräueln und Entsetzlichkeiten umgeben ist, ein halbwegs normales Leben führen, wenn er wieder zuhause ist. Wie mit unseren normalen Wohlstandsproblemchen umgehen, wie eine funktionierende Beziehung führen? Bruno Daldossi ist sicher nicht der einzige, der ohne Alkohol und Tabletten dazu nicht mehr in der Lage ist.Etwas besser gelingt es seinem Ex-Kollegen Henrik Schultheiß, der sich als Reporter aber auch immer eine etwas größere Distanz zugestanden hat. Seine Ehe mit der Journalistin Johanna konnte das aber auch nicht retten. Sie ist die zweite Person, aus deren Sicht berichtet wird. Johanna ist für eine Reportage über afrikanische Flüchtlingsfrauen nach Lampedusa gereist, wo sie mit Bruno Daldossi zusammentrifft. Dieser entschließt sich am Ende zu einem ungewöhnlichen Schritt.Sabine Gruber erzählt ihre Geschichte in schöner, dichter Prosa und wirft viele interessante Fragen auf. Eine ist auch die nach der Kontextabhängigkeit von Fotografien. Um sie deuten zu können, braucht der Betrachter immer eine Einordnung des Abgebildeten. Als Beispiel nennt Sabine Gruber das Bild „Die Minenprobe“ von 1942, die eine Frau zeigt, die mit hochgerafften Röcken einen seichten Fluss durchquert. Ein auf den ersten Blick fast idyllisches Foto, wüsste man nicht, dass die Frau von deutschen Soldaten als lebender Minendetektor eingesetzt wurde.Sabine Gruber flicht in ihren Roman regelmäßig kurze Bildbeschreibungen von Fotos, realen, teils weltberühmten, aber auch von fiktiven Daldossi-Aufnahmen ein. Ein wunderbares Stilmittel, wie ich finde, das die visuelle Vorstellungskraft des Lesers beschwört.Ein hochinteressantes Buch, das die im Klappentext beschworene Geschichte „einer großen Liebe“, die nicht gänzlich überzeugt, weit in den Hintergrund treten lässt. Eher ein Thesenroman als eine von der Handlung getragene Erzählung, dafür wird diese zu häufig durch Erinnerungen, Querverweise, Standpunkte unterbrochen. Mir hat es dennoch gefallen.

    Mehr
  • Nur für Fans von Beziehungsfetischisten

    Daldossi oder Das Leben des Augenblicks

    Bernadette_Kaufmann

    02. July 2016 um 18:03

    Ich habe mich sehr auf diese Veröffentlichung gefreut und hätte mir ehrlich gesagt erwartet, dass es doch ein wenig MEHR um das Leben eines Kriegsreporters geht. Bilder in Krisengebieten zu machen - wie man das alles dort erlebt, was man so erfährt, was man für sich aus diesem Alltag mitnimmt... Was ich NICHT erwartet hatte: dass Bruno Daldossi so auf seine Erfahrungen mit seiner dann gescheiterten Beziehung zu MARLIS fixiert ist... dass ein normales Leben für ihn anscheinend nicht mehr möglich ist. (SO kann man keinen Job der Welt machen...nicht einmal in geringfügig...)Ungefähr ab Seite 35 überkam mich über diesem Buch eine Langeweile, die ich SO noch selten beim Lesen einer Veröffentlichung erlebt habe. Wem dieses Buch gefallen könnte?Also, MIR nicht sonderlich, aber ich denke, es ist bestimmt ein schönes Buch für all jene, die ihre Beziehungsprobleme begeistert leben wollen... die gerne leiden... in diesem Fall mit Bruno Daldossi... und für die es nichts Wichtigeres als romantische Liebe und "die Beziehung zu XY" gibt. Dann bitte nie an eine Karriere in den Medien denken - und schon gar nicht an Bilder aus Krisenregionen/ Kriegsberichterstattung... 

    Mehr
  • LovelyBooks Romane-Challenge 2016: Die Challenge mit Niveau

    aba

    27. December 2015 um 19:56

    LovelyBooks lädt im neuen Jahr wieder zu spannenden Challenges ein.Und auf euch warten tolle Gewinne.Die anspruchsvolle Gegenwartsliteratur ist 2016 wieder dabei!Liest du gerne Bücher mit Niveau?Dann ist diese Challenge genau das Richtige für dich.15 anspruchsvolle Romane möchten wir vom 01.01.2016 bis 31.12.2016 lesen.Es gelten Bücher - Gegenwartsliteratur -, die in diesem Zeitraum erscheinen (Ersterscheinungen) und an diesem Beitrag angehängt sind.Auch Neuauflagen – 2016 erschienen - von Klassikern.Die Regeln: Melde dich mit einem kurzen Beitrag hier im Thread an. Einstig ist jederzeit möglich. Und du kannst dich jederzeit wieder abmelden. Du verpflichtest dich zu nichts. Schreibe bitte zu jedem Buch, das du für die Challenge gelesen hast, eine Rezension bei LovelyBooks, und verlinke diese in einem einzigen Beitrag in diesem Thread. Dieser Beitrag, wird von mir unter dem entsprechenden User-Namen in der Teilnehmerliste verlinkt. Das wird dein Sammelbeitrag für deine Rezensionen sein. Es gelten nur Bücher, die an diesem Beitrag angehängt sind! Bitte beachten: Die Liste der Bücher erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.Nimmst du die Herausforderung an?Unter allen Teilnehmern, die es schaffen, 15 Romane mit Niveau bis zum 31.12.2016 zu lesen und zu rezensieren, wird ein tolles Buchpaket verlost.Natürlich mit den passenden Büchern zum Thema.Ich freue mich auf viele Anmeldungen!Teilnehmer:19angelika63AgnesMAmayaRoseanushkaArizonaaspecialkateban-aislingeachBarbara62BlaetterwindblauerklausbonniereadsbooksBookfantasyXYbookgirlBuchgespenstBuchinaBuchraettinCara_EleaCaroasCorsicanacrimarestricyranaczytelniczka73Deengladia78DieBertadigraEeyoreleerinrosewellFarbwirbel FederfeeFornikaFrauGonzoFrauJottfreiegedankenfrlfrohsinngefluegeltermondGela_HKGetReadyGinevraGirl56GruenenteGwendolinahannelore259hannipalanniHeldentenorIgelaInsider2199JoBerlinK2kkatrin297krimielselenikslesebiene27LesefantasieleselealesenbirgitleseratteneuLibriHollylisibooksLiteraturmaria1Marika_RomaniaMaritzelmarpijeMartina28MauelaMercadoMiamoumiss_mesmerizednaddoochNadja_KloosnaninkaNepomurksNightflowerNilNisnispardenPetrisPocciPrinzessinAuroraschokoloko29serendipity3012SikalsofiesolveigsommerleseStefanieFreigerichtsternchennagelSumsi1990suppenfeesursulapitschiTanyBeeTintenfantasieTochterAliceumbrellavielleser18wandabluewiloberwortjongleurzeki35

    Mehr
    • 2951
  • Was ist LovelyBooks?

    Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist! Mehr Infos

    Buchliebe für dein Mailpostfach!

    Hol dir mehr von LovelyBooks