Sabine Huttel

 4 Sterne bei 21 Bewertungen
Autorin von Slalom, Ein Anderer und weiteren Büchern.
Sabine Huttel

Lebenslauf von Sabine Huttel

Ich bin 1951 in Wies­ba­den gebo­ren und dort zur Schule gegan­gen. Stu­diert habe ich zunächst einige Semes­ter Medi­zin, dann Ger­ma­nis­tik und Poli­tik­wis­sen­schaf­ten. In Ham­burg und Nordrhein-Westfalen habe ich anschlie­ßend fast 30 Jahre lang Deutsch und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten unter­rich­tet. Heute lebe ich mit mei­nem Mann in Berlin und im Ruhrgebiet. Neben der Lite­ra­tur ist Musik ein Lebens­schwer­punkt: Ich spiele Vio­line in einem Orches­ter und in ver­schie­de­nen Kammermusik-Ensembles. Der­zeit arbeite ich an einem Roman.

Alle Bücher von Sabine Huttel

Slalom

Slalom

 (17)
Erschienen am 01.04.2011
Ein Anderer

Ein Anderer

 (3)
Erschienen am 26.09.2017
Mein Onkel Hubert

Mein Onkel Hubert

 (1)
Erschienen am 27.08.2009

Neue Rezensionen zu Sabine Huttel

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Rezension zu "Ein Anderer" von Sabine Huttel

Ein Leben
Buecherschmausvor einem Jahr

Er ist anders, der Junge Ernst Kroll, der zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts in einem kleinen thüringischen Dorf aufwächst. Er wächst zu langsam, hat motorische Defizite, spricht schlecht und scheint auch geistig eingeschränkt zu sein. Sehr zum Ärger seines Vaters Hillmar, des Schulmeisters im Dorf. Diese Langsamkeit regt ihn auf, erweckt seinen Unmut. Nur sehr langsam, über die Musik, nähert er sich seinem Sohn an. Er, der auch Kantor der Gemeinde ist, nimmt ihn mit auf die Orgelempore. Und auch wenn Ernst die Stücke viel zu langsam spielt, auch später auf seiner Trompete nur die eher getragenen Stücke schafft, knüpft die Musik ein zartes Band zwischen Vater und Sohn, das eine harte Belastungsprobe bestehen muss, als der Junge eingeschult wird und der Lehrer-Vater mit unerbittlicher Strenge über ihn wacht.
Die Mutter Martha liebt und unterstützt ihren Sohn. Aber es ist auch immer ein wenig Scham mit dabei. Darüber, dass Ernst so langsam ist, so undeutlich spricht, spuckt und sabbert und eben auch anders aussieht, als andere Kinder. Er ist klein und Wasserablagerungen verformen sein Gesicht.
Die Dorfgemeinschaft nimmt Ernst, so wie er ist, manche freundlicher als andere. Die Kinder hänseln ihn ein wenig, einige Erwachsene schauen geringschätzig auf ihn herab, aber er gehört dazu. So wie es eben immer schon, gerade auf dem Land die „Dorftrottel“, „Dorfdeppen“ gegeben hat. Verschmäht, manchmal auch gequält, aber irgendwie eben auch Teil der Gemeinschaft.
Keiner von ihnen weiß oder macht sich darüber Gedanken warum der Junge so ist, wie er ist, dass Ernsts Anderssein auf einem Mangel an Schilddrüsenhormonen beruht, wahrscheinlich schon in der Schwangerschaft der Mutter und nun bei ihm selbst. Gerade in Deutschland gab es große Gebiete, die Jodmangelgebiete waren und wo diese durch einen dadurch bedingten Thyroxinmangel hervorgerufenen geistigen und körperlichen Retardierungen gehäuft auftraten.
Aber die Wissenschaft schreitet voran, ein auswärtiger, junger Arzt erkennt Ernsts Symptome und behandelt ihn mit rohen Schafsschilddrüsen. Keine schöne Therapie, besonders, weil sich Ernst dadurch völlig verändert, unruhig und fahrig wird, sogar aggressiv. Der Doktor, der auch mit merkwürdigen Parolen, die zunehmend kursieren, vom „unwerten Leben“, der „Belastung“ durch Pflege und Unterbringung „unheilbarer Blödsinniger“ in „Idiotenanstalten“, in Erscheinung tritt, verschwindet zum Glück bald wieder aus dem Dorf. Er hat höhere Ambitionen. Aber zum ersten Mal bekommt Schulmeister Hilmar Kroll Angst um seinen Buben. Eine Angst, die bald unter der nationalsozialistischen Herrschaft noch steigen wird. Es weht ein neuer Wind.
Ernst selbst leidet schon unter seiner Andersartigkeit, ist manchmal traurig, manchmal wütend, wenn die anderen ihn drängen oder auslachen. Aber er findet auch schöne Momente im Leben, wenn er die warmen Sonnenstrahlen spürt, wenn er seine Hühner füttert und ihnen von seinem Tag erzählt, wenn auf die Anhöhe klettert und Trompete spielt. Aber auch, wenn er die Freundlichkeit und Zuneigung spürt, die ihm zum Beispiel seine Schwester Helene entgegenbringt oder die Kusine Regine oder der Nachbar Herbert Bogenschnitzer oder der Pfarrer Stürzlinger.
Und so begleiten wir Ernst durch sein Leben. Erster und Zweiter Weltkrieg gehen an dem kleinen Dorf recht spurlos vorbei, Deutschland wird geteilt, aber für Ernst bleibt das Leben fast unverändert. Er braucht seine Routinen, die vertraute Umgebung und die Menschen um ihn herum. Umso einschneidender für ihn, als die Mutter mit ihm in die BRD umsiedeln möchte. Da ist sie schon weit über siebzig und sorgt sich nicht nur um ihre, sondern auch um Ernsts Zukunft. Aber das Leben geht weiter. Irgendwann fällt die Mauer. Fast ein ganzes Jahrhundert erlebt Ernst und der Leser mit ihm.
Sabine Huttel führt uns souverän hindurch. Sie erzählt geradlinig, ohne große Experimente, mit großer sprachlicher Schönheit. Die Figurenzeichnungen gelingen ihr hervorragend, ein ganzer Dorfkosmos wird da ausgebreitet, aber keiner der Charaktere kommt flach oder einseitig daher. Der Vater Hilmar zum Beispiel ist ungeduldig und hart zu Ernst, lieblos und schroff zu seiner Frau, aber er kämpft, gerade in der Nazizeit um seinen Sohn, bleibt politisch standhaft, engagiert sich für sein Dorf und liebt die Musik. So sind alle Menschen im Buch sehr vielschichtig angelegt. Gerade auch bei Ernst vermeidet die Autorin, ihn allzu süßlich als armen, herzensguten Behinderten darzustellen. Sie lässt ihm seine Würde genauso wie seine Ecken und Kanten.
Nebenbei entsteht neben der sehr besonderen, persönlichen Lebensgeschichte ein Panorama der Zeit und des Dorflebens. Da ich bisher weder von Autorin noch vom Verlag Tredition, einem Verlag für Selfpublishing, gehört hatte, war ich sehr positiv überrascht von der hohen Qualität dieses Romans, den ich allen Lesern wärmstens ans Herz legen möchte. Für mich eine wirkliche Entdeckung! 

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Fannies avatar

Rezension zu "Ein Anderer" von Sabine Huttel

Ein schmerzhaft schönes Buch über einen, der anders ist
Fannievor einem Jahr

Es gibt sie, diese Bücher, in die man hineinfällt, die einen Zeit und Raum, ja, alles um einen herum vergessen lassen. „Ein Anderer“ von Sabine Huttel ist einer dieser seltenen Schätze.

In ihrem aktuellen Roman erzählt die in Berlin lebende Autorin die Lebensgeschichte von Ernst Kroll. Ernst wird kurz vor dem Ersten Weltkrieg in der thüringischen Provinz geboren. Bald schon fällt auf, dass mit dem Jungen etwas nicht stimmt. Geistig und körperlich eingeschränkt, wächst er kaum und ist in seiner Entwicklung stark beeinträchtigt. Während die Mutter trotz aller Strenge nachsichtig mit dem Kleinen umgeht, kann der Vater den Umstand, dass sein Sohn ein „Kretin“ ist, nicht akzeptieren.

Doch der Junge beißt sich durch. Mit großer Mühe lernt Ernst lesen und schreiben und versucht zu helfen, wo er nur kann.

Parallel zu den Ereignissen der wechselvollen Geschichte Deutschlands erlebt der Leser Ernsts Entwicklung hautnah mit.

Sabine Huttel besitzt die wundervolle Gabe, so bildhaft zu erzählen, dass sich das Buch wie ein Film vor dem geistigen Auge des Lesers abspielt. Trotz aller Not, aller Mühen und Entbehrungen, die Ernsts Familie hinnehmen muss, lässt sie ihre Leser durch die Augen ihrer Hauptfigur die kleinen Dinge des Lebens betrachten, und beschreibt diese mit Hingabe und Sinnlichkeit: das Gefühl von wärmenden Sonnenstrahlen auf der Haut, der Duft eines noch ofenwarmen Kuchens, der Sommerwind, der durch die alte Linde beim Pfarrhaus streicht … Wer kann da ernsthaft behaupten, dass Ernst dumm ist, blödsinnig oder gar „unwertes Leben“, wie es die Nazis einst so fürchterlich formulierten?

„Ein Anderer“ ist ein schmerzhaft schönes Buch, das an sämtlichen Gefühlen rüttelt. Mal schüttelt man ungläubig den Kopf, mal schmunzelt man über Ernst und seine Sicht der Dinge, dann wieder ist man schockiert, beschämt oder den Tränen nah.

Sabine Huttel zeichnet ihre Figuren mit bemerkenswerter Schärfe. Obwohl man im Buch zahlreichen Dorfbewohnern und Verwandten von Ernst begegnet, ist ein Personenverzeichnis vollkommen unnötig, denn jede ihrer handelnden Personen ist schlichtweg unverwechselbar.

Das Auftauchen aus diesem Buch fällt schwer, so mitreißend und intensiv ist die Lebensgeschichte des Ernst Kroll.

Deshalb bleibt mir nach den fast 400 packenden Seiten nur eins zu sagen: Danke, Sabine Huttel, für dieses eindringliche Leseerlebnis!

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mistyswans avatar

Rezension zu "Slalom" von Sabine Huttel

Blick von außen
mistyswanvor 4 Jahren

Fussballerwaden und die erste große Liebe, die Tücken der Wohnungssuche, HIV und der perfekte Zimtstern - Sabine Huttels sieben Kurzgeschichten handeln von schwulen Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, von Menschen, die zwischen Promiglanz und Szeneglitter aus dem Bild der öffentlichen Wahrnehmung fallen. Die Protagonisten suchen nach Akzeptanz und einem Platz im Leben. Die (zuweilen sonderlich anmutenden) Coming-Out-Geschichten sind nie reißerisch oder anbiedernd, sondern immer voller Respekt und Empathie geschrieben. Dabei hat die Autorin sichtlichen Spaß an literarischen Experimenten und glänzt durch detailverliebte Beobachtungen - "Slalom" trägt die Spuren des Lebens. Eine Bereicherung nicht nur für Angehörige, Freunde und MultiplikatorInnen, sondern vor allem für Menschen, die gerne niveauvolle Geschichten lesen.

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Gespräche aus der Community

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fhl_verlag_leipzigs avatar

Mal wieder Lust auf Erzählungen abseits des Mainstreams?

Macht mit bei unserer Leserunde zu "Slalom", einem Erzählband der Autorin Sabine Huttel!

In allen Erzählungen geht es um die Lebenssituation und das Lebensgefühl homosexueller, meist junger Menschen. Dabei schlägt Sabine Huttel leise Töne an und bedient keine Klischees. Eine Chance für alle, die mal wieder "etwas anderes" lesen möchten!

Die Autorin wird während der gesamten Leserunde für eure Fragen zur Verfügung stehen.

Also bewerbt euch bis zum 18.09. um 12 Leseexemplare!

 

Was genau erwartet euch in "Slalom"?

Sie schüttelte den Kopf und trat schräg hinter ihn an den Herd. Während er mit dem Wasserkessel hantierte, spürte er ihre Erwartung, drehte sich aber nicht zu ihr um. Noch vor ein paar Wochen hatte er, wenn er es nicht vermeiden konnte, mit ihr allein zu sein, immer ein bisschen mit ihr herumgeschmust, hatte sie auch ein paar Mal auf den Mund geküsst und sich dabei Mühe gegeben. Vor kurzem noch war er überzeugt gewesen, dass er es vielleicht sogar schaffen könnte, mit ihr zu schlafen, wenn sie unbedingt gewollt hätte. Er hatte es für eine Frage der Konzentration gehalten ...

Auf den ersten Blick umkreisen die sieben Erzählungen mehr oder weniger alltägliche Situationen: Ein Bekannter kommt zum Tee, eine Familie sieht sich ein Hochzeitsvideo an, ein Enkel stattet seiner verstorbenen Großmutter einen letzten Besuch ab, zwei Verliebte schlendern durch die Stadt. Doch ein "Detail" verrückt die Perspektive und lässt die Situation für die Akteure auf den zweiten Blick zu einem mitunter komplizierten Drahtseilakt werden: Sie sind schwul.

Auf eindringliche Weise fangen die Geschichten das jeweilige Lebensgefühl ihrer Protagonisten ein, indem sie den Leser unter die Oberfläche eines spannungsreichen Alltags schauen lassen. Jede Erzählung beleuchtet einen anderen Aspekt der täglichen Herausforderungen auf dem Weg zum persönlichen Glück, der durch Unsicherheit, Unverständnis und Feindseligkeit verstellt scheint.

Fesselnd, einfühlsam und fern aller Klischees zeigt die Autorin die Verletzlichkeit aller Beteiligten und schafft mit kraftvoller Sprache dichte Erzählungen, die unter die Haut gehen.

 

Wer ist Sabine Huttel?

Sabine Huttel, 1951 in Wiesbaden geboren, studierte zunächst einige Semester Medizin, dann Germanistik und Politikwissenschaften. Anschließend unterrichtete sie 17 Jahre in Hamburg und 11 Jahre in Nordrhein-Westfalen die Fächer Deutsch und Sozialwissenschaften. Heute lebt sie in Berlin und im Ruhrgebiet. Neben der Literatur ist Musik ein Lebensschwerpunkt: Sie spielt Violine in einem Orchester und in verschiedenen Kammermusik-Ensembles.

Ihr Roman-Debüt "Mein Onkel Hubert" erschien 2009 im Osburg-Verlag Berlin. "Slalom" ist ihr erster Erzählband im fhl Verlag Leipzig.

 

Pressestimmen:

Sabine Huttel schafft es auch gerade durch unterschiedliche Erzählperspektiven, den Leser für sich zu gewinnen. Ihre Lebenserfahrung, ihre Erfahrung im Umgang mit Texten spiegelt sich in den Geschichten wider. (dbna - das Magazin)

Die insgesamt sieben Erzählungen beginnen unvermittelt, schlicht und unscheinbar. Manchmal sind es nebensächliche Details, die pointiert auf latente Gefühle oder Unsicherheit der Charaktere hindeuten. Der Leser kann sich schnell in die Schicksale unterschiedlicher Homosexueller und Angehöriger einfühlen. Man wünscht den Charakteren oft die Kraft, ihre Unsicherheiten und Vorurteile irgendwann überwinden und ihrer Sehnsucht folgen zu können. (campus-web.de)

 

>>> Hier geht es zur Leseprobe <<<

 

Der fhl Verlag wünscht allen Bewerbern viel Glück und eine interessante, diskussionsreiche Leserunde!

Zur Leserunde

Zusätzliche Informationen

Sabine Huttel wurde am 13. November 1951 in Wiesbaden (Deutschland) geboren.

Sabine Huttel im Netz:

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in 22 Bibliotheken

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