13 Jahre später, die „Ost-West-Geschichte“ hat sich weiterentwickelt, nicht immer zum Guten. Zeit für eine „Aktualisierte und erweiterte Neuausgabe“ dieses absolut lesenswerten Buches. Auch wenn nur Verfeinerungen vorgenommen wurde, hat es von seiner Brisanz nichts verloren. Ganz im Gegenteil. Mit zunehmender Distanz zu den Wendeereignissen, wird es immer wichtiger, Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen, zumal wenn sie, wie hier, einer Generation entstammen, die unter psychologischen Aspekten besonders betroffen waren und sind. Die Autorin war zu Beginn der (überfordernden) Ereignisse erst 16 Jahre alt.
Nicht umsonst wurde daher der Titel „Eisenkinder“ gewählt. Eisen, Eisenhüttenstadt, der Bezug ist schnell hergestellt, zu einer Stadt aus der Retorte, rund um das Stahlwerk 1950 gegründet, die mehr als jede Stadt im Osten der Republik das „neue Deutschland“ verkörpern sollte: Großzügige Paradeplätze, keine Kirchen: „Als ich nach Eisenhüttenstadt zog, verschwand der Glaube völlig aus meinem Leben. In Eisenhüttenstadt gab es nicht mal Kirchtürme.“ Dennoch spielt die Religion, der Glaube eine dominante Rolle in diesem Buch, dieses Ringen nach einem Ersatz, der die entstandene Leere füllen soll. Dieses Verführt-werden, dieses Auf-den-Leim-gehen, dieses Ringen um einen Platz in der Gesellschaft führt zu Auswüchsen wie sie drastischer wohl kaum ausfallen können. Beruhigend zu wissen, dass es auch aus solchen Fallen ein Entkommen gibt, allemal ist die Liebe (zu realen Personen) stärker, so auch in diesem Fall. Und als Leser:in ist man froh, dass die Autorin zu ihrer eigentlichen Profession, dem Schreiben, zurückgekehrt ist.
Über die unterschiedlichen Verhältnisse und Entwicklungen in Ost und West ist inzwischen zuhauf berichtet worden. Hier geschieht dies allerdings in einer Ausdrücklichkeit und Plastizität, die den Leser mitnimmt, gerade wenn dieser im Westen beheimatet ist. Man bekommt die Diskrepanz zwischen den zwei Welten, die zueinanderfinden sollen, hautnah zu spüren. Die eigenen Erfahrungen der Autorin bilden dabei eine herausragende Gegenerzählung zur offiziellen Erzählweise. Der Systembruch, der damit einhergehende psychische Druck, die Notwendigkeit zu verdrängen, Geschichten neu zu erzählen, um aus der Distanz die „neue“ Wut im Osten zu verstehen (oder die alte, die sich jetzt Bahn bricht), das alles sind Themen, die berühren und uns die betroffenen Menschen näherbringen. Dieses Buch sollte zur Pflichtlektüre in den Schulen der Republik werden.
(2.9.2026)
























