Fast 80 Prozent der Menschen in Deutschland leben in Städten. Städte gelten dabei als Räume der Kultur, im Gegensatz zur Natur, die sich nur außerhalb urbaner Zentren finden ließe. Angesichts von immer kleiner werdenden Grundstücken und Schottergärten, von Menschen, die jeden Baum in ihrem Garten sofort fällen, weil der ja verschattet und im Herbst mit seinen Blättern alles dreckig macht, scheint dieser gefühlte Gegensatz nicht ganz unbegründet. Zusätzlich wird alles immer hektischer. Niemand scheint mehr Zeit zu haben. Im Straßenverkehr überbieten sich Autofahrer, Fahrradfahrer und neuerdings E-Scooterfahrer mit immer waghalsigeren Manövern, nur um ein paar Minuten Zeit zu sparen. Aber wer durch das Leben rast, hat eben auch keine Zeit seine Umgebung wirklich wahrzunehmen. Hanna Bjørgaas ist einfach mal stehen geblieben, mitten in der Stadt. Innehalten und beobachten. Mit Fernglas, Lupe und Nature Journal. Herausgekommen ist ein wundervolles kleines Buch über „Das geheime Leben in der Stadt“.
Citizen Science
Hanna Hagen Bjørgaas ist Biologin, Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Nord Universität in Norwegen. Ihre Notizen hat sie verdichtet, Fakten recherchiert und mit Experten Interviews geführt, um den aktuellsten Wissensstand über das geheime Leben in der Stadt zu präsentieren. Die urbane Naturforscherin nimmt uns an die Hand und führt uns Monat für Monat durch das Jahr, wobei jeder Monat für eine neue Beobachtung steht. Dabei sind einige Leben gar nicht so geheim, es spielt sich schließlich direkt vor unseren Augen ab. Wir haben nur vergessen und verlernt hinzuschauen. Bei der beständigen Jagd nach Geld, Konsum und Status bleibt keine Zeit sich zu fragen, ob Krähen eigentlich kommunizieren, ob sie uns beobachten und wie klug sie eigentlich sind.
„Wir haben aber die Natur auch auf andere Art verloren – uns selbst ist sie verloren gegangen. Wir haben sie aus den Augen verloren. Wir schalten den Fernseher an, um Natur zu erleben, und finden Filme, die aus spektakulären Kamerawinkeln geschossen wurden und in denen pulsierende Musik Spannungsmomente unterstreicht. Auf dem Bildschirm sehen wir Natur, die in nichts der ähnelt, die wir täglich um uns sehen. Das trägt dazu bei, dass wir meinen, das Undramatische und Alltägliche, ohne Filter und Off-Sprecher, sei keine echte Natur.“
Intelligente Tiere
Dabei sind gerade Krähen besonders intelligente Tiere. Noch während meines Studiums Anfang der 2000er Jahre hat man in den Sozialwissenschaften Tieren weitestgehend jegliche höhere geistige Tätigkeit abgesprochen. Und ich bezweifele, dass sich da erheblich etwas am Curriculum geändert hat. Das Anthropozän ist eben anthropozentrisch. Dabei gibt es zahlreiche Indizien, dass Krähen eine Theory of Mind haben, also ein Verständnis dafür, was andere Lebewesen gerade denken bzw. wissen könnten. Interessanterweise hatte ich das im Buch erwähnte Krähen-Experiment von John Marzluff vor einigen Jahren als Reportage gesehen. Und ich kann nur empfehlen, sollte man diese Dokumentation noch nicht kennen, sie sich unbedingt anzuschauen.
Ganz offenbar können einige Tiere miteinander inhaltlich kommunizieren. Es sind eben nicht nur irgendwelche angeborenen Laute, die wiederum angeborene Reaktionen hervorrufen. Es ist dringend an der Zeit, dass wir unser Bild von anderen Lebewesen überarbeiten und revidieren.
Ob Krähen, Spatzen, Gartenvögel, Fledermäuse, Bäume, Insekten, Mikroben und Wimpertierchen, Flechten oder Pilze. Was wissen wir denn schon von Flechten und Pilzen? Flechten, die im Weltraum überleben können. Und nicht nur dass, sie können im Vakuum des Alls sogar Fotosynthese betreiben. Es gibt auf der Erde immer noch weitestgehend unerforschte bzw. wenig erforschte Bereiche. Das sind die großen Meerestiefen, die Baumkronen der Regenwälder und das Erdreich.
Ein Netzwerk gegenseitiger Abhängigkeiten
Bjørgaas führt uns in eine uns so bekannte und doch unbekannte Welt. Allerdings ist die Autorin nicht gerade unvoreingenommen. Ameisen werden als Schädlinge oder ungewollte Nervlinge wahrgenommen. Da könnte Bjørgaas noch einiges von der kleinen Arifa lernen. Doch fast wäre ich auf den kleinen Trick der Autorin reingefallen. Es ist gar nicht Bjørgaas Perspektive, die sie da in ihre Geschichten einbaut, sondern die Sicht vieler Menschen, literarisch personifiziert in der Autorin selbst. Man könnte auch im Politikersprech sagen, die Autorin holt die Menschen ab. Betrachten die meisten Menschen Ameisen also als Plagegeister, dann nimmt sie dieses Bild auf, macht es sich zu eigen, um niemanden anklagen zu müssen und dreht dann die Perspektive mithilfe von Beobachtung und Expertenwissen.
Mit dem neuen Wissen wird wieder ein Blick auf den Gegenstand der Beobachtung geworfen und schon hat sich alles verändert. Na klar, aus Ameisen werden so keine neuen Haustiere, aber das sollen sie ja auch gar nicht. Es geht lediglich darum mehr Verständnis für die Natur zu entwickeln, vor allem für die Natur, die uns direkt umgibt. Denn nur was wir verstehen und wertschätzen, werden wir auch beginnen zu schützen.
„Die Bäume zu benennen, half mir, sie zu sehen.
Ich verstand, dass man, wenn man den Namen eines Baumes lernt, ihn wie durch eine Linse betrachten kann, denn der Name grenzt ab, verstärkt und macht Details deutlicher.“
Natur erleben heißt, Natur schützen
„Das geheime Leben in der Stadt“ ist unterhaltsam, lehrreich und schockierend, wie immer, wenn man sich mit Natur und Naturschutz beschäftigt. Das gegenwärtige große Artensterben mit Rückgängen der Bestände um ca. 70 Prozent innerhalb von 50 Jahren ist nur eine der apokalyptisch wirkenden Erkenntnisse. Intensive Landwirtschaft und Insektizide, Klimaerwärmung und Konsumismus tragen tagtäglich zur Verschlimmerung der Situation bei. Selbst Stare sind mittlerweile auf der Roten Liste, auch hier gibt Rückgänge der Population um bis zu 70 Prozent.
Die traurige Geschichte der Spatzen zeigt eindrucksvoll, wohin kurzsichtige Politik führen kann. Im Zuge der Ausrottung der vier Plagen, kam es zur Massenvernichtung der chinesischen Spatzen. Nachdem Millionen von Spatzen getötet wurden, gab es nicht mehr genügend Vögel, um die Insekten in Schach zu halten, was dazu führte, dass die Insekten weitaus mehr Getreide vernichteten als die Spatzen je hätten schaffen können. Was die Hungersnot während der Kulturrevolution schrecklich verschlimmerte.
Kein Licht ohne Schatten
Etwas seltsam ist allerdings, dass Bjørgaas mit einer „Brottüte“ Enten füttert. Biologen haben allerdings manchmal sein sehr funktionales Verhältnis zur Natur im Besonderen zu Lebewesen. Da sind es dann häufig einfach Forschungsobjekte. Und so wird eine Ameise zum Erkenntnisgewinn auch einfach mit den Fingern zerquetscht.
Jenseits dieser professionellen Schizophrenie ist „Das geheime Leben in der Stadt“ ein ganz wundervolles Buch. Wir müssen rausgehen, die Augen öffnen und das Alltägliche, das Unsichtbar gewordene, wieder neu entdecken.