Eine Geschichte über Autorinnen und Autoren, magische Musen und die Welt des Schreibens? Das klang nach genau meinem Ding – gerade als jemand, die selbst schreibt und lektoriert. Die Grundidee ist auch tatsächlich richtig stark: Ein Autorenwettbewerb auf Korfu, neun Musen, deren Küsse zu verschiedenen Genres inspirieren, und die Meta-Ebene des Geschichtenerzählens. Sabine Schoder hat hier ein Setting geschaffen, das so viel Potenzial für cleveres Storytelling bietet.
Die kleinen Details rund ums Schreiben haben mir tatsächlich gefallen. Die Facetten des kreativen Prozesses, die Konkurrenz unter Autoren, die Frage, wie viel von uns selbst in unseren Geschichten steckt – all das hätte eine faszinierende Auseinandersetzung mit dem Schreibhandwerk werden können. Und genau da liegt mein Problem mit diesem Buch.
Die Romance übernimmt komplett die Kontrolle und überdeckt alles andere. Statt einer cleveren Meta-Geschichte über das Schreiben bekomme ich eine Romantasy, die sich hauptsächlich über körperliche Anziehung und Sexszenen definiert. Der Humor wirkt oft flach und bemüht, als würde er versuchen, die fehlende emotionale Tiefe zu kompensieren. Liv als Protagonistin bleibt dabei erstaunlich blass – ihre Entwicklung beschränkt sich weitgehend auf ihre Beziehung zu Flame, statt ihre Identität als Autorin und Künstlerin zu erkunden.
Was mich als Lektorin besonders frustriert: Die interessanten Ansätze werden immer wieder zugunsten der nächsten Sexszene fallen gelassen. Die Dynamik zwischen den verschiedenen Musen? Oberflächlich angerissen. Die Konkurrenz im Autorenwettbewerb? Nebensächlich. Die existenzielle Frage, ob Liv ihre eigenen Geschichten überleben würde? Wird vom nächsten heißen Kuss weggespült.
Das Worldbuilding um die Musen hätte so viel mehr hergeben können. Stattdessen dient es hauptsächlich als Kulisse für die Liebesgeschichte. Die magischen Regeln bleiben vage, die Konsequenzen der Küsse werden nicht konsequent durchgespielt, und die tödliche Konkurrenz zwischen den Autoren fühlt sich nie wirklich gefährlich an.
Ich will nicht unfair sein – für Leserinnen, die primär eine prickelnde Romantasy mit viel Erotik suchen, funktioniert das Buch vermutlich gut. Sabine Schoder kann schreiben, die Szenen sind flüssig, und die Romance-Beats sitzen. Aber für mich persönlich verschwendet diese Geschichte ihr eigentliches Potenzial. Mit diesem Setting hätte ich mir eine tiefere Auseinandersetzung mit Kreativität, Kunst und den Geschichten, die uns prägen, gewünscht – nicht einen weiteren Romantasy-Plot, der sich hauptsächlich über körperliche Anziehung definiert.
Das ist kein schlechtes Buch. Es ist nur ein Buch, das aus einer wirklich starken Idee deutlich mehr hätte machen können, wenn es sich getraut hätte, weniger Romance und mehr Substanz zu wagen.