Sacha Batthyany

 4.1 Sterne bei 21 Bewertungen

Lebenslauf von Sacha Batthyany

Sacha Batthyany, geboren 1973, stammt aus der Schweiz und ist Journalist und Autor. Nach einem Studium der Soziologie in Zürich und Madrid wurde er Redakteur bei der Neuen Zürcher Zeitung und beim Tages-Anzeiger. Er unterrichtet Kreatives Schreiben an der Schweizer Journalistenschule MAZ. 2015 wurde er Korrespondent in Washington, D.C. für den Tages-Anzeiger und die Süddeutsche Zeitung. 2016 erschien sein erster Roman "Und was hat das mit mir zu tun?", in dem er das Massaker von Rechnitz behandelt, bei dem seine Großtante Margit von Batthyány beteiligt war. Für diesen Roman wurde er für den Schweizer Buchpreis nominiert.

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Rezension zu "Und was hat das mit mir zu tun?" von Sacha Batthyany

"Die wahren Mörder sind noch nicht gefunden" Staatsanwalt Mayer-Maly 1948
Bellis-Perennisvor 2 Jahren

Der Autor entstammt dem bekannten ungarischen Adelsgeschlecht, der Batthyanys,  das in der Donaumonarchie einige großartige Persönlichkeiten hervorgebracht hat. 


Er selbst ist Jahrgang 1973 und lebt als Journalist in der Schweiz. 

Mit seinen prominenten Vorfahren hatte er bislang wenig zu tun, bis er durch eine Kollegin auf einen Artikel über seine Großtante Margit Thyssen-Batthyany aufmerksam gemacht wird. Sie soll im März 1945 auf ihrem Schloss in Rechnitz (Österreich, nahe der ungarischen Grenze) ein Fest für allerlei Nazi-Bonzen gegeben haben, bei dem dann als „Belustigung“ rund 180 Juden erschossen wurden.


Vorsichtig fragt er in der Familie nach. Er erhält ausweichende Antworten, einige Abfuhren, den Auftrag die Vergangenheit doch endlich ruhen zu lassen und „die Familienehre“ nicht zu beschmutzen. Doch alle diese seltsamen Verhaltensweisen stacheln seine Neugierde an. Er begibt auf Spurensuche und stößt auf die Titel gebende Frage „Und was hat das mit mir zu tun?“. Eine solche Vergangenheit hat „alles und nichts“ mit einem zutun. 

Persönlich kann der Autor für die Taten der Großtanten nichts, doch lastet auf ihm nicht doch die Verantwortung eines langen Adelsgeschlechts? Und genau in dem Spannungsfeld befindet sich der Autor.

Batthyany fragt den eigenen Vater, der ihm eigentlich zeitlebens fremd ist, erfährt das dessen Vater Ferenc (also sein Großvater) zehn Jahre im russischen Gulag als Kriegsgefangener verbracht hat.

Er stellt sich die Frage, warum nur die Nazizeit als barbarisch dargestellt wird und die Stalin-Ära nicht? Er wundert sich, dass es Denkmäler für die Opfer des Holocaust gibt, für die Opfer des Stalinismus nicht. 

Sacha Batthyany  erhält nach dem Tod seiner Großmutter Maritta, deren Tagebuch. Aus dem geht hervor, dass sie zeitlebens von Schuldgefühlen „nicht wenigstens die Mandls gerettet zu haben“ geplagt wird.
Sacha Batthyany reist nach Südamerika und lernt Agnes, die Tochter eben jenes jüdischen Kaufmanns Mandl aus Rechnitz kennen, die nun hoch betagt im Kreise ihrer Familie in Uruguay lebt. Ihr und ihrem Bruder Sandor ist es mit Müh’ und Not gelungen, Auschwitz zu überleben. 

Bei seinen Recherchen enthüllt sich eine Lüge, die seinen Großonkel und die Großtante schützen, aber die Familie von Agnes nun in größte Bedrängnis stürzen könnte – den gefälschten Eintrag in Sterbebuch von Rechnitz. Agnes’ Töchter und er beschließen dies vor Agnes zu verheimlichen. Doch für Mirta Kupferminc wird diese Enthüllung weit reichende Folgen haben.

Ich habe eine Verwirrung beim Autor wahrgenommen. Auf der einen Seite, kennt er die Inhalte von Geschichtsbüchern und Literatur, die zwar eindringlich, aber dennoch entfernt über die Schreckensherrschaft berichten und auf der anderen Seite, die Beteiligung seiner eigenen Verwandten, die niemals auch nur entfernt zur Rechenschaft gezogen wurden. 

Der Befangenheit entsprechend springt der Autor durch Zeit und Raum, doch sind die einzelnen Sequenzen durch Überschriften gut gekennzeichnet. In seiner Unsicherheit begibt er sich in Psychoanalyse und versucht seine Gefühle einzuordnen. Doch auch der Analytiker hat sein Scherflein zu tragen – sein Vater hat versucht, verfolgte Juden aus Deutschland und Österreich zu retten.


Batthyany verquickt seine Familiengeschichte mit der Geschichte Europas. Die schrecklichen Ereignisse von vor siebzig Jahren, haben seine Familie geprägt.

Das Schloss der Batthyanys in Rechnitz wurde von den Russen niedergebrannt. Großtante Margit und ihr Mann Ivan flüchten knapp nach dem Einmarsch der Roten Armee 1945 aus Rechnitz in die Schweiz. Sie werden niemals zur Rechenschaft gezogen.


Die Überreste der 180 beim Bankett getöteten jüdischen Zwangsarbeiter sind nach wie vor nicht geborgen, da niemand über den Standort des Massengrabs eindeutige Angaben macht, obwohl er bekannt sein muss. Die letzten Augenzeugen, die Auskunft geben könnten, sind bald nicht mehr am Leben. 

Der Tatort soll in unmittelbarer Umgebung des „Rechnitzer Kreuzstadels“ liegen, dessen Ruine heute eine Gedenkstätte zur Erinnerung an diese Gräueltat ist (www.kreuzstadel.net und www.refugius.at).

Für mich sind einige Fragen, offen geblieben. Wird sich der Autor weiter seiner Familiengeschichte stellen?

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Rezension zu "Und was hat das mit mir zu tun?" von Sacha Batthyany

Und was hat das mit mir zu tun?
photovivievor 2 Jahren


Sacha Batthyany studierte in Zürich und Madrid und arbeitet mittlerweile als Journalist für den Tages-Anzeiger und die Süddeutsche Zeitung in Washington.

Vor einigen Jahren hörte Batthyany, dass seine Großtante,  Gräfin Margit Thyssen-Batthyány, während einer Feier auf ihrem Anwesen an dem Mord an 180 Juden beteiligt wesen sein soll. „Die Gastgeberin der Hölle“, betitelt sie eine Zeitung. Er begibt sich auf Spurensuche, spricht mit seiner Familie, reist nach Ungarn, Sibirien, Auschwitz und Buenos Aires.

Seine mehrjährige Suche ändert sich in ihrem Verlauf. Sein Großvater war Armeeangehöriger und landete in einem Gulag in Sibirien. Auch darüber recherchiert er viel. Seine Großmutter hatte eine Freundin aus dem Dorf, die in Auschwitz landete. Auch mit ihr spricht er während seiner Recherchen. Letztlich wird aus seiner Suche nach der Wahrheit über seine Großtante eine Beweisaufnahme, welche Einflüsse der Krieg auf seine Familie hatte. Und er stößt auf ein weiteres Familiengeheimnis, das siebzig Jahre lang im Dunkeln lag.

Dadurch, dass Batthyany direkt betroffen ist, ist dieses Buch sehr persönlich. Er schreibt nicht nur über die Ereignisse, sondern auch über die Auswirkungen seiner Erkenntnisse auf andere Menschen und vor allem auf ihn selbst. Er lässt den Leser an seinen Gefühlen und Gedanken teilhaben.

Ein wichtiges Thema nimmt auch die Frage ein „Und was hat das mit mir zu tun?“; eine Frage, die Batthyany selbst gestellt worden ist, voller Verachtung. Während er sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt, beschäftigt er sich auch immer mit sich selbst. Er besucht einen Psychoanalytiker und schreibt auch über diese Unterhaltungen, in denen es darum geht, was diese Suche mit ihm macht.

Obwohl das Buch so persönlich ist, merkt man auch, dass Batthyany fiel recherchiert hat. Er kennt wichtige Daten und Personen der damaligen Zeit, setzt Familienereignisse in ihren politischen Kontext. Er muss unheimlich viel Zeit in Bibliotheken verbracht haben, unzählige Bücher und Zeitungen gewälzt haben.

Doch nicht nur der Inhalt des Buches ist spannend. Batthyany kann auch gut schreiben. Er arbeitet viel mit wörtlicher Rede, wodurch vieles Verständlicher wird, aber eben auch Meinungen anderer Personen Ausdruck finden. Er hat auch viele Tagebucheinträge einfließen lassen, die das Geschehene greifbarer machen.

Und was hat das mit mir zu tun? hat mich sehr beeindruckt. Ich bewundere Batthyany, dass er sich mit diesem schweren Stück Familiengeschichte auseinander gesetzt hat, und ihm ist ein äußerst empfehlenswertes Buch gelungen.

Schau doch auch gern mal auf meinem Blog www.buchstuetze.wordpress.com vorbei!

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Rezension zu "Und was hat das mit mir zu tun?" von Sacha Batthyany

Nachforschungen zu einer Familiengeschichte zum Ende des zweiten Weltkriegs
Clarivor 2 Jahren

Sacha Batthyany kommt eines Tages darauf, seiner Familiengeschichte nachzugehen, die in ihrer Entstehungsgeschichte viele Jahrhunderte zurückreicht und dramatische Züge während des dritten Reichs annahm.

Er entstammt einer angesehenen österreich-ungarischen Adelsfamilie, die einige hervorragende Persönlichkeiten und Staatsmänner hervorgebracht hat.

Nicht diese aber interessieren den Autor vordergründig. Er kommt eines Tages darauf, dass eine Großtante die Gräfin Margit Thyssen- Bornemisza war. Sie hatte den Bruder des Großvaters von Sacha geheiratet. Im Gegensatz zu den Batthyanys war sie sagenumwoben reich und ermöglichte ihrem verarmten ungarischen adeligen Mann nach dem Zweiten Weltkrieg ein komfortables Leben.

Eines Tages erfährt Sacha, dass sie an einem Judenmassaker kurz vor dem Ende des Krieges in dem kleinen Ort Rechnitz in Burgendland beteiligt gewesen sein soll. Eine Nachfahrin dieser getöteten Juden ist Agnes, die Sacha in Buenos Aires aufsucht. Hier beginnt eine Geschichte, die die weitverzweigten Familienereignisse zum Leben erweckt und den Autor auf eine weite Reise in die Vergangenheit führt.

Die Erinnerungen setzen sich aus den verschiedensten Begegnungen und Gesprächen zusammen. Nachforschungen und Reisen in die entferntesten Ecken der Welt ermöglichen die Rekonstruktion des Verbrechens an den Juden im Jahr 1945.

Man liest sich ein in die Konstruktion eines tagebuchartigen Schreibens, in der dieser oder jener fiktiv oder direkt zu Worte kommt. Wie so vielen Nachfahren der Kriegsgeneration ergeht es auch dem Autor: man spricht nicht über die Zeit und über die Verbrechen, durch die das Nazireich zu unrühmlicher Bekanntheit gelangt ist. Man kommt der Wahrheit nur durch beharrliche Nachforschungen auf die Spur.

Teilweise spricht Sacha bei seinem Psychoanalytiker über seine Empfindungen, Erinnerungen und Wahrnehmungen. Dadurch bekommt der Bericht ungewöhnliche Tiefe und zeigt selbstkritische Reflexionen. Den Leitfaden zu seinen Nachforschungen aber bildet das Tagebuch seiner Großmutter.

Es macht ein wenig Mühe, den einzelnen Strängen der Erzählung zu folgen. Den Verbrechen der Nazis sind auf vielfältigen Wegen viele Menschen als Täter oder Opfer erlegen. Dem weitverzweigten Gebilde aus Schuld und Sühne zu folgen, ist die Aufgabe, vor dem man bei der Lektüre dieser Zeilen steht.

Familiengeschichten können spannender sein als ein Roman. Sacha Bhattyanys Geschichte ist so eine Geschichte: warmherzig, wahrhaftig, schrecklich, menschlich und unglaublich!

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Sacha Batthyany wurde am 01. Januar 1973 in Schweiz geboren.

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