Said Etris Hashemi

 4,8 Sterne bei 18 Bewertungen

Lebenslauf

Said Etris Hashemi, geboren am 01.09.1996, ist Sohn afghanischer Geflüchteter. Bei dem rechtsextremen Terroranschlag am 19.02.2020 in Hanau verlor er seinen jüngeren Bruder Said Nesar und viele seiner Kindheitsfreunde. Er selbst überlebte  mit mehreren Schusswunden, u.a. am Hals, nur schwerverletzt. Seitdem ist er Botschafter für mehr Gerechtigkeit in Deutschland, nutzt seine Stimme aktiv und setzt sich gegen Rassismus und Diskriminierung ein.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Said Etris Hashemi

Cover des Buches Der Tag, an dem ich sterben sollte (ISBN: 9783455023275)

Der Tag, an dem ich sterben sollte

(18)
Erscheint am 03.02.2027
Cover des Buches Der Tag, an dem ich sterben sollte (ISBN: 9783833893063)

Der Tag, an dem ich sterben sollte

(0)
Erschienen am 03.02.2024

Neue Rezensionen zu Said Etris Hashemi

Cover des Buches Der Tag, an dem ich sterben sollte (ISBN: 9783455018028)
Jana_hat_buechers avatar

Rezension zu "Der Tag, an dem ich sterben sollte" von Said Etris Hashemi

Jana_hat_buecher
Say their names

Das Buch ist aus der Sicht von Hashemi erzählt, der den Terror von Hanau überlebt hat. Beginnend in 2023 erzählt er Stück für Stück und mit Zeitsprüngen von den Sitzungen des Untersuchungsausschuss, aus dem Leben seines früheren Ichs bis hin zu dem Anschlagstag. Das Buch ist sehr bedrückend, man versteht die Wut, dass viele Dinge vermeidbar gewesen wären, wenn viele Personen genauer hingeschaut hätten. Andererseits ist es meine persönliche Meinung, dass ich nicht glaube Einzeltäter durch irgendwelche Maßnahmen aufhalten zu können und man nicht alle psychisch auffälligen Personen überwachen oder wegsperren kann (es gibt mittlerweile einfach zu viele davon). Interessant war auf jeden Fall wie der Untersuchungsausschuss zustande kam und wie ein Überlebender das alles verkraftet hat und welche Zukunftsvision von seinem Leben hat. #saytheirnames

Cover des Buches Der Tag, an dem ich sterben sollte (ISBN: 9783455018028)
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Rezension zu "Der Tag, an dem ich sterben sollte" von Said Etris Hashemi

Seitenmusik
(Über-)Leben ist politisch


"Erinnerung ist wichtig um Veränderung zu forcieren. Erinnern gehört in die Öffentlichkeit und in die Politik und nicht ausschließlich auf den Friedhof."

Mit "Der Tag, an dem ich sterben sollte" erzählt Said Etris Hashemi die Geschichte seines Überlebens des rechtsextremen Anschlags von Hanau. Das Hörbuch, erschienen bei SAGA Egmont und gesprochen von Matthias Keller, basiert auf Hashemis persönlichen Erinnerungen: an sein Aufwachsen als Sohn afghanischer Geflüchteter, an den 19. Februar 2020 und an den langen, zermürbenden Kampf um Aufklärung danach. Hashemi wurde bei dem rechtsextremen Terroranschlag in Hanau schwer verletzt, sein jüngerer Bruder Said Nesar und acht weitere Menschen wurden ermordet. Im Januar 2026 starb auch Ibrahim Akkuş an den Folgen des rassistischen Attentats. 


Schon vor dem Hören war mir klar, dass dieses Buch mich emotional richtig fordern wird. Und genauso war es auch. Vor allem weil ich wirklich 0 auf das Datum geschaut habe, aber es dann zufälligerweise kurz dem Jahrestag des Attentats gehört hab. Hashemi schildert zunächst sein Aufwachsen als Sohn afghanischer Geflüchteter,  geprägt von engem Familienzusammenhalt, vom Glauben an Bildung, von Eltern, die trotz finanzieller Unsicherheit alles für ihre Kinder geben. Gleichzeitig beschreibt er schon die subtilen und offenen Formen von Rassismus, die ihm und seinen Geschwistern schon früh signalisierten, dass man ihnen weniger zutraute und sie nicht dazu gehören.  


Dann kommt der 19. Februar 2020. Die Schilderungen der Tat sind nur sehr schwer auszuhalten. Hashemi lässt uns als Leser:innen/Hörer:innen die Sekunden miterleben, in denen sein Leben, das seiner Familie und vieler anderer unwiderruflich auf den Kopf gestellt wird. Das Attentat alleine ist schon schlimm, aber richtig schockiert war ich, wie es überhaupt dazu kommen konnte, wie der Täter nicht schon vorab festgenommen hat werden können, wie es sein kann, dass der Notruf nicht erreichbar ist, dass Menschen auf die geschossen wurde Minuten später zu Fuß alleine zu einer Polizeistation laufen müssen und wie es sich anfühlen muss wenn rauskommt, dass die Menschen (Polizisten), denen du als Überlebender einen rechtsextremen Anschlag als Erstes nach dem Attentat gegenüber stehst und die dir helfen sollten, selbst Mitglieder von rechtsextremen Gruppen sind. Und das ist noch nicht alles.


Das Buch endet nicht mit dem 19. Februar, sondern fängt erst richtig an. Hashemi beschreibt den zermürbenden Kampf um Aufklärung, das Ringen mit Behörden, das Gefühl, nicht gehört zu werden. Fragen werden ignoriert, Verantwortlichkeiten verschoben, Opfer geraten unter Verdacht und müssen selbst die Beweise liefern, die eigentlich die Polizei zusammentragen sollte. Diese systemische Ungerechtigkeit macht fassungslos und zeigt, wie politisch Überleben in Deutschland sein kann. 


Der Stil des Buches bzw. indem erzählt wird ist zugänglich, fast gesprächsnah. Man hat das Gefühl, Hashemi selbst würde einem gegenübersitzen und erzählen. Matthias Keller der Sprecher des Hörbuches liest hervorragend. Zurückhaltend und mit respektvoller Distanz, ohne Dramatik zu erzwingen , so wie ich es mir angesichts der Schwere des Textes erwarten würde.


Das Buch ist Anklage, Erinnerung und Appell zugleich. Es hält die Namen der Ermordeten wach und macht deutlich, dass rechter Terror kein „Einzelfall“ ist. Die Hinterbliebenen, Verletzten und Überlebenden, die sich zur Initiative 19. Februar Hanau fordern:



  • ein würdevolles, von ihnen gestaltetes Gedenken und Erinnern im öffentlichen Raum;

  • Gerechtigkeit und Entschädigung;

  • lückenlose Aufklärung der Tat und der Verantwortung staatlicher Behörden für das Attentat;

  • dringend notwendige politische Konsequenzen in Hessen ebenso wie bundesweit.

    (Quelle: www.19feb-hanau.org)


Abschließend bleibt zu sagen:
#SayTheirNames:

Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar, Kaloyan Velkov und Ibrahim Akkuş


Mein Dank gilt NetGalley und SAGA Egmont für das Hörbuch-Rezensionsexemplar.



Cover des Buches Der Tag, an dem ich sterben sollte (ISBN: 9783455018028)
S

Rezension zu "Der Tag, an dem ich sterben sollte" von Said Etris Hashemi

Sarahbooklove
Sollte jeder gelesen haben

Said Etris Hashemi wächst mit einem Etikett auf, das vielen Menschen mit Migrationsgeschichte allzu früh aufgeklebt wird: dem Stigma des Nicht-Dazugehörens. Dieses zugeschriebene „Anderssein“ betrifft nicht nur ihn selbst, sondern auch seine Familie, Freund:innen und Nachbar:innen. Sie werden von der Mehrheitsgesellschaft oft pauschal als fremd wahrgenommen – ohne echtes Hinsehen, ohne die Bereitschaft zu erkennen, wie viel Wert, Potenzial und Wissen in jedem einzelnen Menschen steckt und wie sehr wir voneinander lernen könnten.
In ruhigen, eindringlichen Worten schildert Hashemi sein Aufwachsen im Wohnblock, geprägt von engen familiären Bindungen und der bedingungslosen Fürsorge seiner Eltern. Obwohl finanzielle Sicherheit nie selbstverständlich war, schenkten sie ihren Kindern etwas viel Wichtigeres: Liebe, Aufmerksamkeit und den festen Glauben an Bildung als Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben. Doch selbst in der Schule begegnen Hashemi, seine Geschwister und Freund:innen immer wieder Vorurteilen. Ihnen wird subtil – und manchmal ganz offen – signalisiert, dass man ihnen wenig zutraut und ihnen Bildungswege eigentlich nicht zugestehen will.
Dann kommt der 19. Februar 2020. Ein Tag, der alles zerstört, was zuvor war. Ein rechtsextremer Täter reißt in Hanau unschuldige Menschen aus dem Leben und hinterlässt Wunden, die niemals vollständig heilen werden. In wenigen Sekunden gerät Hashemis Leben aus den Fugen – Sekunden, die sich unauslöschlich in Körper und Seele einbrennen.
Hashemi lässt die Leser:innen diese Momente miterleben: die lähmende Angst, die Panik, das Gefühl völliger Ausgeliefertheit. Seine Schilderungen sind kaum auszuhalten, so nah gehen sie unter die Haut. Sie machen sprachlos, treiben Tränen in die Augen und lassen die Grausamkeit des Geschehens in ihrer ganzen Brutalität begreifen.
Nach seiner körperlichen Genesung beginnt ein weiterer, zermürbender Kampf: der Versuch, den Tathergang vollständig aufzuklären und Antworten zu bekommen – für sich selbst und für alle Betroffenen. Doch statt Gehör zu finden, stoßen sie erneut auf Mauern. Ihre Fragen werden ignoriert, Zweifel gesät, Verantwortlichkeiten verschoben. Teilweise werden Opfer sogar unter Verdacht gestellt, als müssten sie sich rechtfertigen.
Diese systematische Ungerechtigkeit, die sich in politischen Entscheidungen, behördlichem Handeln und auch im Verhalten der Polizei zeigt, macht Hashemi fassungslos – und zugleich entschlossener. Er gibt nicht auf. Er kämpft weiter für Wahrheit, Anerkennung und Gerechtigkeit. In seinem Buch zeichnet er diesen langen, schmerzhaften Weg nach und zeigt, wie mühsam es ist, gehört zu werden.
Dabei klagt er Rassismus, Antisemitismus, Stigmatisierung und das bewusste Wegsehen der Gesellschaft an. Vor allem aber verleiht er jenen eine Stimme, die durch den Anschlag für immer zum Schweigen gebracht wurden. Besonders nachhallend bleibt die Frage, wie es sich anfühlt, einen rechtsextremen Anschlag zu überleben – und nach dem Notruf plötzlich weiteren bewaffneten Rechtsextremen in Uniform gegenüberzustehen.
Dieses Buch ist ein Weckruf. Es zwingt zum Innehalten, zum Nachdenken und zum Hinterfragen gesellschaftlicher Strukturen. Vor allem aber hält es die Erinnerung an die Opfer von Hanau lebendig – und macht deutlich, dass Vergessen keine Option ist.
Selten hat mich ein Buch so sehr berührt und zum nachdenken gebracht. Für mich ein Buch, welches jeder einmal gelesen haben sollte.

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