Sally Rooneys Conversation with Friends hat das, was ich mir von vielen Romance-Büchern gewünscht hätte: tiefschichtige Figuren, komplexe Beziehungen und Freund*innenschaften bzw. Nebencharaktere, die ihre eigene Bedeutung und Entwicklung bekommen. Conversation with Friends gehört wahrscheinlich nicht zum klassischen Romance-Genre, aber einen großen Teil der Handlung nimmt die Liebesgeschichte zwischen Frances und Nick ein.
Der Anfang hat mich daran erinnert wie es ist einen Crush zu haben. Ich fühlte mich wie Frances, als den Leser*innen Nick vorgestellt wurde, aber wahrscheinlich auch, weil Nick genau mein Typ wäre: Freundlich, gebildet, gutaussehend und ein bisschen unbeholfen. Nick war für mich ein spannender Charakter, weil er seine Handlungen und seine Machtposition in der Beziehung mit Frances durchaus reflektiert hat. Ich hatte Schwierigkeiten damit ihn mir vorzustellen, wie Melissa ihn gesehen hat und woran das festgemacht war. Falls es im Buch durchgeschienen ist, habe ich es leider nicht bemerkt. Dennoch fand ich es spannend, wie anders Charaktere sich verhalten oder gelesen werden, je nachdem welche Rolle sie in zwischenmenschlichen Beziehungen einnehmen. Während Frances jünger als Nick ist und ihn anhimmelt, ist Melissa tatsächlich älter und ebenbürtiger.
Die Beziehung zwischen Melissa und Nick konnte ich nie ganz durchblicken, was vermutlich daran liegt, dass die Geschichte aus Frances Sicht erzählt wurde. Für mich war es aber deutlich die spanneste Beziehung von allen: zwei Menschen, die sich schon sehr lange kennen, sich gefühlt zum Teil verabscheuen, mit Absicht verletzen und doch auf gewisse Weise so tiefe Zuneigung für einander hegen, dass sie sich nicht trennen wollen. Wie oft habe ich mich gefragt: Warum bleibt Melissa bei Nick, wenn sie ihn doch so erbärmlich findet? Oder: Wie war es, als Melissa und Nick sich kennengelernt haben und frisch verliebt haben?
Ein weiterer Grund, warum es mich beim Lesen immer wieder zu Melissa und Nick hingezogen hat ist, dass ich immer mehr eine Abneigung gegen Frances zu entwickeln schien. Ihre kontinuierliche Unfähigkeit über ihre Gefühle zu sprechen und Bedürfnisse mitzuteilen, endeten in impulsiven und passiv-aggressiven Entscheidungen. Da hat mir gefallen, dass Bobby (und auch Nick) Frances darauf angesprochen haben.
Ich bin eigentlich nicht Fan von Multiperspektiven, aber bei diesem Buch hätte es mir gefallen. Nicht nur, weil Frances Perspektive mich am Ende etwas genervt hat, sondern auch um Fragen auf meine Antworten zu gewinnen. Ich habe mich auch oft gefragt, wie Bobby eigentlich Frances sieht und wovon Bobby in dieser Freundschaft profitiert.
Wahrscheinlich sind alle meine Antworten im Text zu finden und die Multiperspektive hätte sie zu offensichtlich gemacht, aber es wäre auch eine Chance gewesen Melissas und Bobbys Charakteren mehr Raum zu geben. Denn für mich sind alle vier Figuren gleichwertig zu behandeln.
Ich kann Conversation with Friends sehr empfehlen, auch insbesondere für Personen, die sonst eigentlich im Romance-Genre unterwegs sind und ein bisschen Lust auf was anderes und mehr Tiefe haben. Die Verfilmung dazu ist übrigens auch sehr gelungen (gibt's aktuell bei Magenta TV)




















