Mercy, die Protagonistin von „Sie sieht, was du tust“, litt unter einer Tageslichtphobie, was ein wenig Eingewöhnung forderte. Anschließend mochte ich sie sehr gern – vor allem ihre Beziehung zu Louis, den sie eines Nachts zufällig an einer Tankstelle traf. Von ihrer ersten Begegnung an merkte man eine besondere Chemie zwischen den beiden, und so streiften sie bald gemeinsam durch Cranner's Fort.
Einzig eines ihrer Beobachtungsziele verschwieg Mercy Louis, jenes, zu dem sie eine persönliche Verbindung hatte: Nadia, Simon und deren Sohn Olly. Sie besuchte den Jungen regelmäßig als Fee verkleidet, und im Prolog war seine Entführung drei Jahre zuvor geschildert worden – durch Mercy.
Vieles in „Sie sieht, was du tust“ blieb mysteriös, wurde zunächst nur kurz angerissen, wodurch die Spannung konstant auf hohem Niveau gehalten wurde. Ein Mord in Italien vor mehreren Jahren, Mercy innig mit Simon zugange, dessen gesellschaftlichem Aufstieg vorausgehend, … Spekulationen waren vorprogrammiert!
Dadurch, dass die Geschichte in den dunklen Stunden des Tages in einer kleineren Stadt angesetzt war, entstand eine wohlig-prickelnde Atmosphäre der Zweisamkeit, beinahe der alleinigen Existenz der beiden Hauptcharaktere auf der Erde, welche mich an Richard Laymons „Finster“ gemahnte.
Der Plot war unglaublich dicht und behandelte die verschiedensten Thematiken, lediglich mit den Namen der Nebencharaktere kam ich hin und wieder durcheinander.
Um im Spannungsrezept noch ein Gefühl der Bedrohung hinzuzufügen, ließ der Autor Nadia als besorgte Mutter ihre alte Bekanntschaft Konstantin Tapia auf Mercy ansetzen, denn sie vermutete die Ex-Affäre ihres Mannes entgegen deren Bewährungsauflagen korrekt in Cranner's Fort. Tapia war jedoch kein Ermittler, sondern ein dubioser Kerl, den es erregte, Frauen Verbrennungen zuzufügen. Und ihm gefiel, was er beim Ausspähen von Mercy sah …
(SPOILER) Was Louis am Deevis-Hof tat, ließ mich erstmals schockiert zurück. Es waren hunderte Hunde, eingepfercht in einen schmutzigen Stall – im Übrigen exakt die Verhältnisse der meisten „Nutziere“, aber ich schätze, das hätte die Leser weniger berührt –, dennoch konnte ich den Akt roher Gewalt kaum fassen. Ehrlich gesagt, wartete ich auf die Auflösung, es handle sich lediglich um einen Traum. Mercy bekam ob ihres Panikanfalles wenig von den zertrümmerten Kniescheiben mit, doch rechtfertigte sie die Aktion später vor sich selbst.
Kurz darauf töten Louis und sie aus Versehen jemanden beim Versuch, ihn durch das Herabbaumeln von einem Turm einzuschüchtern, während ich mich fragte, wieso die Polizei ihnen nicht längst auf die Schliche gekommen war. Das war ein unrealistischer Aspekt des Romans, schließlich hinterließen sie genug Spuren – potenzielle Zeugen noch außen vor gelassen.
Unmittelbar vor dem Finale wurde der Feuerteufel Tapia von Louis erlegt, man könnte desgleichen sagen „rausgeschrieben“, was sein Auftauchen im Buch, sogar mit eigener Perspektive, gewissermaßen unnötig machte.
Der Showdown selbst bot jede Menge Leichen sowie eine überraschende Wendung, auch wenn mir diese nicht zusagte: Louis war damals in Italien der Mörder gewesen – ich wünschte, die sympathischsten Charaktere würden sich nicht immer am Ende als Bösewicht herausstellen. Davon abgesehen, blieben mir die Ereignisse in der Vergangenheit zu diffus, zu chaotisch, da sie zwar immer wieder eingestreut, indes nie linear erzählt worden waren.
Mercys (beziehungsweise Keiras) Schicksal wurde offen gehalten, nachdem sie Louis ermordet hatte, was mir einerseits missfiel, andererseits der ideale Kompromiss zwischen einem realistischen, dafür Leser vor den Kopf stoßenden Gang ins Gefängnis und einem konstruierten Happy End in Freiheit darstellte. (SPOILER ENDE)
Fazit: „Sie sieht, was du tust“ war durch zahlreiche zunächst unter der Oberfläche bleibende Geheimnisse spannend konzipiert, überzeugte mich vor allem mit der Dynamik der Hauptcharaktere und der nächtlichen Beobachtungsatmosphäre, obschon mir die Wendung am Schluss nicht gefiel.
Noch eine Anmerkung: Die Guillemets sind im Roman durchgängig vertauscht; in Deutschland zeigen die Spitzen zu der eingeschlossenen wörtlichen Rede, nicht davon weg. Einem Publikumsverlag sollten solch gravierende Fehler nicht passieren.


















