Worum gehts?
In dem französischen Bergdorf Carmac lebt Anna mit ihrem Mann Constant und ihren beiden Töchtern. Eines Tages zieht die fünfköpfige Familie Langlois gegenüber ein und die Familien freunden sich an. Sylvia und Bakary haben drei Kinder, ein teures Haus und drei Autos. Damit ziehen sie im Dorf auch Neider an. Anna und Constant aber sind fasziniert von ihren neuen Nachbarn und verbringen viel Zeit miteinander. Bis eines Tages die gesamte Familie Langlois ermordet wird. Der Täter ist Constant. Anna ist verzweifelt, fassungslos und versucht zu begreifen, was passiert ist und ob sie hätte die Tragödie verhindern können.
Meine Meinung
Triggerwarnung: Der Inhalt kann (re)traumatisierend sein.
Nicht umsonst habe ich oberhalb eine Triggerwarnung gesetzt, denn, die Handlung kann verstörend sein. Samira Sedira erzählt die Geschichte einer Nachbarschaft, einer sich anbahnenden Freundschaft, die in einer Katastrophe mündet. Spannend für mich war, dass die Autorin in diesem Fall die Frau des Täters, Anna, in den Mittelpunkt rückt und auf subtile Weise verdeutlicht, welche Last auch sie und ihre Töchter lebenslang tragen werden. Die Erzählung beginnt im Gerichtssaal und macht das ganze schreckliche Ausmaß deutlich. Der Angeklagte Constant, Ehemann von Anna, tut vor allem eines, er schweigt. Lediglich kurze und knappe Antworten lässt er zu, die Tat leugnet er nicht. Auf den nächsten Seiten springt Sedira in der Zeit. So werden die Geschehnisse vor der Tötung geschildert und versucht darzulegen, wie es zu dem grausamen Verbrechen kommen konnte. Es bleibt bei einem Versuch, denn niemand wird verstehen können, wie Constant so weit habe gehen können. Dennoch gelingt der Schriftstellerin auf sensible Weise ihren Leser:innen einen Zugang zum Täter zu gewähren, den fürchterlichen Verlust von fünf Menschenleben begreiflich zu machen und, vor allem das Kunststück, die Geschehnisse so zu beschreiben, dass jeder Figur Raum gegeben wird.
Ich habe die 176 Seiten in kurzer Zeit gelesen, was mir vor allem wegen der prosaischen Erzählweise möglich war. Denn inhaltlich ist die Handlung nichts für schwache Nerven, die Länge des Buches aber ist genau richtig. Die Silhouetten auf dem Cover und auf der Rückseite des Romans haben mich, mit dem Wissen, worum es geht, sehr berührt. Ein Mann tötet fünf Menschen. Zwei Erwachsene und ihre drei Kinder. Die Vorstellung ist schwer erträglich. Dass hier die Frau des Täters im Vordergrund steht und ihre Emotionen und ein Einblick ins Leben danach erläutert werden, zeigt für mich auch, das Samira Sedira mit »Wenn unsere Welt zerspringt« viel Mut bewiesen hat, sich dieser Perspektive anzunehmen. Automatisch sind es die Opfer, über deren Ableben wir trauern und die Verbliebenen, mit denen wir leiden. Die Familie des Täters kommt uns nicht primär in den Sinn. Hier erfahren wir von Annas Wut, ihrer Ohnmacht und ihrer Demütigung.
Der Schreibstil ist fesselnd und kraftvoll, er versprüht viel Einfühlungsvermögen. Sedira erreichte bei mir eine gute Vorstellung für ihr ausgewähltes Setting, ein französisches Bergdorf und seine Einwohner. Die offenbaren teils rassistische Ansichten, was sich beispielsweise in ihrem Unverständnis und ihrer Missgunst darüber ausdrückt, dass ein schwarzer Mann über einen höheren Lebensstandard verfügt als sein weißer Nachbar. Die Autorin spielt außerdem mit umgekehrten Klischees – so ist das Opfer in der Geschichte ein Dieb, während der Täter zuvor sein Opfer war. Mit viel Wucht und Emotionen beschreibt Sedira eine unfassbare Tat, die niemand für möglich gehalten hätte. Besonders wegen der Perspektive aus Sicht der Ehefrau des Mörders und seiner mächtigen Sprache, ist dieser Roman eine große Empfehlung, aber nichts für schwache Nerven.
Ein packender und beeindruckender Roman, der auf subtile Weise menschliche Schwächen offenbart, mit Klischees spielt und ungewöhnlicherweise der Frau des Täters Gehör verleiht. Sprachlich mit Bravour gemeistert.
Ich danke dem Piper-Verlag für das Rezensionsexemplar.



