Sandra Gernt

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Autor von Nennitas Sohn.

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Sandra GerntNennitas Sohn
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Nennitas Sohn
Nennitas Sohn
 (5)
Erschienen am 27.04.2018

Neue Rezensionen zu Sandra Gernt

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79yvis avatar

Rezension zu "Nennitas Sohn" von Sandra Gernt

Wahre Größe sieht man immer erst auf den zweiten Blick!
79yvivor 3 Monaten

Sandra Gernt hat mich mit „Nennitas Sohn“ in die historisch anmutende Ecke des großen Fantasy-Universums mitgenommen. Es ist eine Geschichte über Ängste, Vorurteile, Respekt und Hoffnung - eine Geschichte, die zeigt, dass Kraft und Mut oftmals dort zu finden ist, wo man es am wenigsten erwartet. Mit ihrer bildreichen Art zu schreiben, webt die Autorin um die beiden Hauptcharaktere eine wundervolle, manchmal auch düstere Welt, in die ich komplett eintauchen konnte und die Stunden darin sehr genossen habe.

Tarryn auf seiner Odyssee zu begleiten, fand ich spannend und oft sehr berührend. Er muss die schützenden Klostermauern und sein Leben als Bewahrer der Schriften hinter sich lassen, um dem Befehl seiner Eltern Folge zu leisten und sich als Gemahl, oder besser gesagt, als Faustpfand, in eine Verbindung fügen, die ihn zutiefst verängstigt. Ein Kindheitstrauma, Folge seiner menschenunwürdigen Überführung durch gekaufte Soldaten in das Kloster, macht es ihm unmöglich sich den rauen Bewohnern von Skomark und auch Ranulf, seinem Mann, aus eigener Kraft anzunähern. Die Sprachbarriere, die Tarryn trotz seiner umfassenden Ausbildung nicht überbrücken kann, vertieft die Kluft zwischen ihm und allen anderen zusätzlich. Zudem wird er von den Untergebenen seines Gatten aufgrund seiner schmächtigen Statur und introvertierte Art nur belächelt und als wertlos abgetan. Bei einem Volk, das durch seine körperlichen Attribute wie für den Krieg, den es auch seit Jahrzehnten kämpft muss, geschaffen ist, durchaus plausibel. Die abwechselnde Erzählperspektive zwischen Tarryn und Ranulf verdeutlicht sehr gut, in welchem Dilemma Tarryn steckt und wie er auf seine Umgebung wirkt. Doch statt an seinem Schicksal zu zerbrechen, kämpft er – gegen alle Vorurteile, gegen seine inneren Dämonen und, mit den ihm gegeben Mitteln, auch gegen die Feinde des skomarkischen Volkes. Langsam beginnt Ranulf zu begreifen, was wirklich in seinem „Klotz am Bein“ steckt und das daraus wachsende Verständnis, die Annäherung der beiden, ging mir wirklich zu Herzen. Diese leisen Töne, gepaart mit Turbulenzen und unüberwindbar anmutenden Schwierigkeiten, machen für mich den großen Reiz dieser Geschichte aus.

Wer sich gerne auf historisch angehauchte Fantasy mit einer ungewöhnlichen Love-Story einlässt, sollte Tarryn auf seiner Reise in die Skomark begleiten. Von meiner Seite gibt es dafür eine verdiente Leseempfehlung.

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annlus avatar

Rezension zu "Nennitas Sohn" von Sandra Gernt

"Ich bin ein Sohn Nennitas"
annluvor 5 Monaten

*In dieses Land sollte Tarryn gebracht werden. Dorthin, wo Sümpfe, ausgedehnte Graslande, dichte Nadelwälder, raues Klima und noch rauere Menschen gediehen. Raue Menschen, die zu einem Kriegsgott beteten und für ihre barbarischen Sitten berüchtigt waren.*


Tarryn ist der jüngste Sohn des caeruthischen Herrschers. Als einer unter sehr vielen gilt er als überzähliges Kind und wurde schon als Kleinkind wie eine Last behandelt. Abgeschoben in den Tempel der Nennita wurde er zum Bewahrer der Schriften. Doch dann wird dem Dreiundzwanzigjährigen eröffnet, dass er doch noch einen Wert für die Familie besitzt. Er soll eine Bündnisehe mit Ranulf, dem Sohn des skomarkischen Herrschers, eingehen. Eine Ehe auf Zeit, in der Tarryn als Garant für die Einhaltung eines Vertrages dient. Damit wird er aus seinem Leben im Konvent gerissen und nach Skomark gebracht. Einem Land, dessen Sprache er nicht versteht und wo ein Mann nur als Krieger einen Wert hat. Nicht sicher, ob er die vereinbarten fünf Jahre überleben wird, reist er zu seinem neuen Ehemann.



Die Geschichte beginnt mit der Vorstellung Tarryns. Schon bald wird klar, dass er zwar mit seinem jetzigen Leben als Gelehrter glücklich ist, aber so manches Trauma aus seiner Kindheit mit sich herum trägt. Diese treten auf der Reise und bei seinem Eintreffen in Skomark nur noch mehr in den Vordergrund. Zusammen mit der Tatsache, dass er von seiner Familie immer wieder schlecht behandelt wird und auch die Soldaten des Herrschers ihn demütigen, ist der erste Teil der Geschichte eher deprimierend. In Skomark wird sein Schicksal nicht wirklich besser. Sein neuer Ehemann ist enttäuscht und wütend, die Krieger behandeln ihn gewaltsam oder lachen ihn aus. So habe ich einige Male mit ihm mitgelitten.


Mit dem Eintreffen in Skomark bekommt auch Ranulf seine Abschnitte, in denen er seine Seite der Geschichte erzählt. Wer sich ein baldiges Annähern der Beiden erwartet, wird enttäuscht. Dafür hat Ranulf als Herr über eine von Feinden andauernd angegriffene Festung keine Zeit und auch keinen Nerv. So ist er durch und durch der Krieger, als der er gleich schon vorgestellt wurde.


Die Anfangszeit in Skomark zeigt Tarryns Bestreben mit einer gänzlich fremden Kultur und Sprache zurecht zu kommen. Obwohl er ein Gelehrter ist und vieles versucht, reagieren alle in seiner Umgebung ungeduldig und es kommt zu vielen Missverständnissen. Dadurch wurde seine Einsamkeit noch mehr verdeutlicht. Das wurde erst besser, als auch Ranulf begreifen muss, dass er seine Einstellungen überdenken sollte.


Hatte ich mir nun ein Fortschreiten in Bezug auf die Liebesgeschichte erwartet, so wurde diese durch die Ereignisse unterbrochen. Gerade als Tarryn und Ranulf einen Weg finden, wenigstens ein bestimmtes Maß an Kommunikation zu führen und die Aussichten gut stehen, dass sie in Zukunft besser miteinander klar kommen werden oder sich sogar noch mehr annähernd könnten, treten die Feinde der Skomark in Aktion. Dadurch wird die Handlung auf ihre Bekämpfung gelenkt, es wird spannender, aber auch unmöglich für Tarryn und Ranulf sich mehr miteinander zu beschäftigen.


Faz: Eine Liebesgeschichte, die sich erst langsam entwickelt, bei der es in erster Linie darum geht, wie ein junger Mann in einer ihm völlig fremden Kultur zurecht kommt – das Ganze wird mit einigen spannenden Szenen vermischt und hat mir sehr gut gefallen.

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Gespräche aus der Community

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S
Hallo ihr Lieben,

ich möchte euch zu einer eBook-Leserunde für meinen Roman "Flüsterwind" einladen. Wer mich kennt weiß, dass ich normalerweise Gay Romance/Gay Fantasy schreibe. Dieses Buch ist anders.
Es handelt sich um einen sehr persönlichen Roman, der mir stark am Herzen gelegen hat. Hier erst einmal der Klappentext:

Ellinor ist völlig am Ende. Alleinerziehend, kein Geld, mal wieder einen Aushilfsjob verloren, und ihre kleine autistische Tochter Amy steckt in einem ihrer Anfälle. Jetzt wäre ein guter Moment für den Prinzen in strahlender Rüstung!
Und tatsächlich erhält sie einen Anruf von einem märchenhaft reichen Mann, der alles verändern wird. Der ist allerdings der Vater des Prinzen und Ellinor die Auserwählte, seinen Sohn zu retten. Denn seit dem Tod seiner Mutter weigert sich Ethan, der ebenfalls autistisch ist, am Leben teilzunehmen. Rasch ist Ellinor fasziniert von diesem jungen Mann, und auch wenn sie weiß, dass er ihre Gefühle nicht erwidern wird, kämpft sie darum, ihn aus seiner inneren Festung zu befreien ...

Es ist eine zeitgenössische Liebesgeschichte mit sehr realistischen Hintergründen, auch wenn ich ihr einen leicht märchenhaften Grundcharakter gegeben habe.
Eine Leseprobe, damit ihr ein Gespür dafür bekommt, was euch erwartet:

Das Telefon klingelte. Ellinor starrte feindselig auf das dumme Ding. Welche Hiobsbotschaft würde sie diesmal erreichen? Bislang hatte sie am heutigen Tage vier Anrufe erhalten. Einen von ihrem Vermieter, dass sie bis Ende der Woche sein Geld überbracht haben musste, andernfalls würde er sie vor die Tür setzen. Einen von ihrer Bank, sie solle bitte schön, danke sehr, ihr Konto ausgleichen. Heute noch, falls es keine Umstände bereitete. Einen von Amys Kindergarten, da ihre kleine Tochter mal wieder einen schweren Anfall hatte, seit zwei Stunden schreiend und heulend in einer Ecke hockte und sie bitte sofort kommen und Amy abholen müsse. Der letzte Anruf stammte von ihrem zukünftigen Ex-Arbeitgeber, der ihr ohne weitere Erklärungen den Job gekündigt hatte. Nicht, dass sie furchtbar traurig wäre, fortan nicht länger um vier Uhr morgens Bürogebäude zu putzen, aber es war der negative Höhepunkt dieses Dienstags gewesen. Ellinor hatte weder Kraft noch Lust herauszufinden, wie viel noch an einem verregneten und viel zu kühlen siebten Mai schief gehen konnte. Sie wollte keine weiteren Nachrichten dieser Art und überlegte ernstlich, das Klingeln zu ignorieren. Eigentlich war sie ja schon zur Tür raus, quasi mit einem Fuß in der Straßenbahn. Sie musste Amy retten, von was auch immer ihre fünfjährige, autistische Tochter gerade bedroht werden mochte.

Vielleicht war es allerdings Claire, Amys Erzieherin, um ihr mitzuteilen, dass inzwischen wieder alles in Ordnung war?

Seufzend ergriff Ellinor den Hörer und nahm das Gespräch an.

„Ja?“

„Bin ich richtig verbunden mit Mrs. Ellinor Floyd?“

Die kühle, sachliche Frauenstimme klang fremd und weckte ungute Vorahnungen.

„Ja, das bin ich, was …?“

„Einen Moment, ich verbinde.“

Oh Gott, hoffentlich kam jetzt nicht der endgültige Vernichtungsschlag … Wenn nun was mit Amy geschehen sein sollte …

Mit zittrigen Fingern wischte sich Ellinor einige hellblonde Strähnen aus der Stirn, die sich aus dem strengen, taillenlangen Zopf gelöst hatten. Es sparte eine Menge Geld, das Haar wachsen zu lassen statt zum Friseur zu gehen.

„Mrs. Floyd?“ Eine tiefe Männerstimme diesmal, warm und überhaupt nicht sachlich, sondern merkwürdig emotional. Die Stimme eines älteren Mannes, die Erinnerungen an Amys verstorbenen Großvater weckte.

„Mrs. Floyd? Alec Hammond, guten Tag. Wir kennen uns noch nicht. Ich habe Ihre Nummer von Dr. Sinclair.“

Das war Amys Kinderarzt, ein weithin anerkannter Facharzt für Asperger-Autismus.

„Legen Sie bitte nicht auf, Mrs. Floyd. Ich möchte Sie zu einem persönlichen Gespräch einladen. Es ist kein unsittliches Angebot, das kann ich Ihnen versichern. Es geht um meinen Sohn Ethan. Hätten Sie genau jetzt Zeit für mich?“

Völlig überrumpelt ließ sich Ellinor auf den wackligen Hocker sinken, der als Stuhlersatz diente. Möbel kosteten Geld, sie besaß nur das Allernotwendigste.

„Okay, langsam, ja? Ich muss meine Tochter holen und überhaupt, ich wüsste schon gerne genauer, worum es geht. Brauchen Sie einen Babysitter für Ihren Sohn?“

Babysitterjobs waren nicht gerade ihr Favorit – viel Zeitaufwand, wenig Geld.

Wenn der Mann ihre Nummer von Dr. Sinclair bekommen hatte, war es allerdings vermutlich ein autistischer Junge und da konnte man einen höheren Lohn verlangen.

„Hören Sie, Mr. Hammond, vielleicht können wir heute Nachmittag noch einmal telefonieren? Ich muss leider dringend weg.“

„Sie müssen mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, um Ihre Tochter abzuholen, nicht wahr?“

„Ja, das stimmt, woher …?“

„Es spielt keine Rolle, woher ich das weiß, Mrs. Floyd. Ich bitte Sie inständig, mir Gelegenheit zu geben, alles zu erklären. Ich schicke Ihnen einen meiner Firmenwagen, dann sind Sie schneller bei Ihrem Kind. Der Fahrer wird sich als Angestellter von HaVic ausweisen.“

Ellinor schnappte überrascht nach Luft.

„Sie sind … SIE sind Alec Hammond, der Milliardär?“

„Ja. Alles Weitere klären wir in ungefähr eineinhalb bis zwei Stunden in meinem Büro, wenn Sie einverstanden sind.“

„Und wenn nicht?“, entfuhr es ihr spontan. Blöde Kuh, ein stinkreicher Kerl will was von dir!

„Wenn nicht, setzt mein Fahrer Sie und Ihre Tochter zuhause ab und wir telefonieren noch einmal. Bis bald.“

Verdutzt starrte Ellinor auf den Hörer, aus dem das gleichmäßige Piepen des Besetztzeichens erklang.

Hatte sie wirklich gerade mit einem der hundert reichsten Männer der Welt telefoniert? Hammond hatte nach einer wilden Jugend mit zahlreichen Skandalen und Affären die Softwarefirma seines Vaters übernommen und zu märchenhaftem Erfolg geführt. HaVic, wie die Firma nach einer Fusion hieß, vertrieb die Software für Flugzeugnavigation, belieferte die NASA und war marktführend bei Antivirenprogrammen. Er war an die sechzig, wenn sie sich richtig erinnerte, und ja, er hatte einen Sohn. Von dem hörte man allerdings nie etwas und er müsste mindestens so alt wie Ellinor sein, also fünfundzwanzig oder älter.

Nun gut, vielleicht hatte Hammond eine Affäre gehabt und war noch ein weiteres Mal Vater geworden.

Gütiger Gott, ein Milliardär, der ausgerechnet sie persönlich anrief. Da konnte irgendetwas nicht ganz stimmen. Andererseits, welcher Trickbetrüger könnte derart dreist und zugleich dämlich sein, eine solche Persönlichkeit vorzutäuschen? Jedenfalls nicht, um eine alleinerziehende Mutter reinzulegen, bei der sowieso nichts zu holen war. Vielleicht lauerten nachher irgendwo Kameras und das alles sollte ein dummer Scherz sein? Doch wer würde ihre Nummer dafür hergeben, sie hatte keine Feinde. Und auch keine Freunde.

Oder dieses Telefonat gerade war ein Tagtraum gewesen. Obwohl, nein, ein Tagtraum hätte einen Lottogewinn beinhaltet, das unverhoffte Erbe einer unbekannten Tante oder wenn schon Milliardär, dann bitte mit Heiratsantrag. Ellinor rang noch immer mit sich, als es eine Viertelstunde nach dem Anruf an der Tür klingelte.

Ohne weiter nachzugrübeln eilte sie hinaus, zog sich im Laufen ihre einzige Jacke an, schloss ab und rannte die Treppen dieses verkommenen Mehrparteienhauses hinunter.

>>> Ich würde mich freuen, wenn ihr meinen Flüsterwind ebenso ins Herz schließen wollt/könnt wie ich und lade euch darum herzlich zu meiner Leserunde ein.
Zur Leserunde
S
Liebe LovelyBooks-Gemeinde,

ich möchte euch mein Buch "Jarid" vorstellen:

Kurzbeschreibung

Als Jarid von seinem ungeliebten Bruder einer Gruppe Marút aufgezwungen wird, bricht für ihn eine Welt zusammen. Er muss schnell lernen, sich mit den furchterregenden Kriegern zu arrangieren; denn sie befinden sich auf der Suche nach dem Siegel des Großfürsten, wodurch sie alle in tödliche Gefahr geraten.
Seit Jahrhunderten wird das Siegel von Kriegern und Abenteurern gesucht, doch um es zu finden, braucht man mehr als nur Mut, Kampfgeschick und jene Landkarte, die dem Wissenden den Weg weist …
Und weitaus mehr als all das ist nötig, um ein einsames Herz zu erobern.

>>> Es handelt sich um Gay Romance/Fantasy, also um Liebe unter Männern. Erotik kommt vor, ist allerdings nur ein sehr geringer Teil der Handlung. Wer sich darauf nicht einlassen möchte, warum auch immer, möge in Frieden weiterziehen. :)
Alle anderen möchte ich zur Leserunde einladen. Es gibt fünf Bücher der Printausgabe zu gewinnen, signiert und mit Widmung.

Und damit ihr auch wisst, worauf ihr euch einlasst, hier eine Leseprobe:

Leseprobe

„Setz dich da rüber und sei still.“
Neugierig musterte Rujo den schmal gebauten jungen Mann, der sich folgsam auf eine Bank in der Ecke des Raumes setzte. Er sah zu Boden und gab kein Zeichen, dass er Rujo und seine Männer überhaupt bemerkt hatte. Anhand der hellen blauen Augen und dem struppigen Blondhaar war die Ähnlichkeit mit Ceon unverkennbar, sicherlich war es sein Sohn. Bloß, dass Ceons Haare kurz geschnitten waren und wie Igelstacheln abstanden. Warum der Wirt darauf bestanden hatte, dass der Junge dabei sein musste, blieb vorerst ein Rätsel, doch Rujo hatte ein schlechtes Gefühl bei der Sache. Eigentlich bei der gesamten Angelegenheit hier, aber sie brauchten die verdammte Karte! Es sprach einiges dafür, den Wirt einfach umzubringen und ihm die Karte abzunehmen, auch wenn das nicht dem Kodex entsprach. Ceon würde einen viel zu hohen Preis dafür verlangen, wissend, dass Rujo auf sie angewiesen war. Das hatte er bereits heute Morgen klar gemacht. Glücklicherweise schien er die wahre Bedeutung dieser Landkarte nicht zu kennen, sonst hätte er sie wohl eher verbrannt … Oder wäre zum Opfer von anderen geworden, die weniger Skrupel besaßen als Rujo.
Leider hatte der schlaue Alte dafür gesorgt, dass Dutzende Leute Zeuge wurden, wen er in sein Nebenzimmer geladen hatte. Sie könnten sich nach einem ungerechtfertigten Mord an Ceon niemals mehr in dieser Gegend blicken lassen, was ihr Leben noch mehr verkomplizieren würde. Ganz zu schweigen von der Reaktion seines Lehnsherrn. Nein, Rujo würde geduldig warten, was der Wirt für ein Spielchen treiben wollte. Umbringen konnte er ihn zur Not jederzeit.
„Nennst du uns jetzt deinen Preis?“, fragte Tamas betont höflich. Rujo spannte sich an, er kannte seinen Vetter nur allzu genau – wenn Tamas höflich wurde, drohte danach ein Massaker. Er war der Jüngste von ihnen und ein ziemlicher Hitzkopf.
„Kein Geld“, sagte Ceon mit einem heiteren Grinsen, das seine Nervosität nicht verbergen konnte. Er schwitzte und hatte die rechte Hand um seine Kitteltasche verkrampft. Vermutlich befand sich darin das Objekt ihrer Begierde. Hoffentlich befand es sich dort!
„Also?“, fragte Rujo mit sorgsam gewähltem scharfem Unterton. Ceons Sohn zuckte zusammen, wie er aus den Augenwinkeln wahrnahm. War er als Zeuge hier? Sie könnten womöglich nicht beide gleichzeitig ausschalten, nicht auszuschließen, dass der Kleine angewiesen war, zur Tür zu rennen, sobald jemand eine Waffe zückte.
„Wir werden eine Runde Edelknappen spielen.“ Ceons Blick wanderte unruhig zwischen ihnen umher. Sie hatten ihn umringt, um ihn einzuschüchtern. Zumindest das war gelungen.
„Wir spielen, ja.“ Der Wirt hustete, hielt sich jedoch tapfer. Er wies auf Rujo, bevor er fortfuhr: „Gewinnst du, erhältst du die Karte sofort. Gewinne ich, schuldest du mir einen Gefallen.“
„Und welcher Gefallen könnte das wohl sein?“, fragte Rujo misstrauisch. Verlangte der Kerl wirklich, er solle sich auf ein Spiel einlassen, bei dem er die Verluste nicht abschätzen konnte? „Keine Sorge, es wird nicht unangemessen sein.“ Ceon lachte mit vorgetäuschter Fröhlichkeit und zog ein Kartenspiel hervor.
„Also?“
„Rujo, mach schon, ich will heute noch fertig werden!“, knurrte Tamas. Auch Krys, Hollin und Andrez waren angespannt, beherrschten sich allerdings besser.
„Bring erst einmal Essen für mich und meine Gefährten. Ich verlasse mich darauf, dass es aufs Haus geht.“ Rujo beobachtete die Reaktionen des Wirtes sorgfältig – er wirkte erleichtert. Der Mann hatte Angst, warum ging er trotzdem so ein Risiko ein? Warum verlangte er nicht einfach, was er für angemessen hielt? Sie würden ihn niederhandeln müssen, ihre Geldreserven waren knapp bemessen. Wollte er sie mit einem Kartenspiel in Hochstimmung versetzen? Hoffte er, dass sie einem höheren Preis zustimmen würden, wenn sie gewannen? Nun, das würde ein frommer Wunsch bleiben, Rujo würde sich weder von Sieg noch Niederlage beeinflussen lassen.
Die Wartezeit, während sie aßen, würde an Ceons Nerven zehren, vielleicht half ihnen das weiter. Verflucht, Tamas hatte schon Monate verloren, um die Karte aufzuspüren, auf eine halbe Stunde kam es da auch nicht mehr an.
Ceon wandte sich an den jungen Mann, der unbeteiligt sitzen geblieben war. „Lauf, Jarid, bring vom guten Hammeleintopf. Sag Nika, sie soll Bier …“
„Kein Bier. Zumindest nicht für mich. Ich will einen klaren Kopf behalten“, fiel Rujo ihm ins Wort.
„Klares Wasser für uns alle“, bestimmte Krys. Er war der Ruhepol der Gruppe, ein stiller, sehr ernster Mann. Selten, dass er das Wort erhob, doch wenn, hörte ihm jeder zu und fügte sich zumeist ohne Diskussion, was immer er anordnete. Krys gehorchte ausschließlich ihm, Rujo, das allerdings ebenfalls meist ohne Widerspruch.
Der junge Mann stand bereits an der Tür, nickte bloß kurz zum Zeichen, dass er die Bestellung verstanden hatte und eilte dann hinaus.
Rujo setzte sich an den schweren Eichentisch, sofort gefolgt von seinen Gefährten. Ceon entspannte sich ein wenig, jetzt, wo sie einander nicht länger feindlich gegenüberstanden. Er ließ sich selbst auf einen Schemel niedersinken und wischte sich mit dem Ärmel seines roten Hemdes die Stirn ab. In seiner Nervosität hatte er nicht einmal um Erlaubnis gebeten, mit ihnen an einem Tisch sitzen zu dürfen. Ja, es war die richtige Entscheidung gewesen, ihn hinzuhalten. Ceon hatte sicher damit gerechnet, dass er die Situation beherrschen würde, als er heute Vormittag verlangt hatte, dass sie erst zur achten Abendstunde kommen durften, um den Kauf der Karte auszuhandeln.
Verflucht, hätte Lakin nicht in irgendeiner miesen Kaschemme sterben können? Bei einem Wirt, dem niemand glaubt, wenn er behauptet, er sei von Marút bestohlen worden?
Aber ein solcher Wirt hätte wohl kaum die Karte aufbewahrt.
Niemand sprach ein Wort, bis der junge Mann zurückkehrte, gefolgt von einer drallen Schankmagd. Das Mädchen versuchte mit Tamas zu flirten, der sie allerdings mit einem finsteren Knurren verscheuchte. Sein Vetter ließ normalerweise keine solche Gelegenheit ungenutzt, doch er hatte in den letzten Monaten offenkundig gelernt, seinen Verstand zu gebrauchen. Tamas wusste, was für sie auf dem Spiel stand.
„Du bleibst hier, Jarid!“, befahl Ceon barsch. Er trank ein Bier in hastigen Zügen, während Rujo und die anderen schweigend den Eintopf aßen. Das Essen war köstlich, wie üblich – Ceons Taverne gehörte zu den Besten in weitem Umkreis.
Rujo sah, dass Krys den jungen Mann scharf beobachtete. Der Kleine wirkte erschöpft und achtete darauf, den Kopf gesenkt zu halten.
Gut erzogen, dachte Rujo. Die besser gestellten Gäste niemals anstarren.
Ängstlich oder auch nur ansatzweise so nervös wie Ceon schien er nicht zu sein. Was auch immer der Alte vorhatte, der Junge ahnte nichts davon. Er wirkte froh über die unverhoffte Pause, das war alles. Ein Zeuge sollte er sein. Ceons Rücksicherung.
Nachdem sie ihr Mahl beendet hatten, räumte Jarid den Tisch frei. Wieder wurde er angewiesen, zurückzukehren und still in seiner Ecke zu bleiben. Diesmal runzelte er die Stirn, protestierte aber nicht.
Ceon griff zu den Spielkarten, doch Krys schüttelte den Kopf.
„Wenn es genehm ist, will ich erst überprüfen, ob sie in Ordnung sind.“
Widerstandslos wurden ihm die Karten ausgehändigt, was für Rujo Beweis genug war, dass alles seine Richtigkeit hatte. Krys mischte und legte für Rujo und Ceon aus, nur sie beide würden spielen.
Edelknappen war ein Spiel, das mit Strategie gewonnen wurde, Glück besaß dabei lediglich eine geringe Rolle.
Rujo musste rasch erkennen, dass der so einfältig aussehende fette Wirt ein hervorragender Spieler war. Nach einer Viertelstunde war klar, dass ihm gerade eine demütigende Lektion erteilt wurde. Trotz aller Nervosität blieb Ceon ihm überlegen. Mühelos wurden Rujos Trümpfe beiseite gewischt, und ehe er sich versah, hatte Ceon alle vier Knappen in einer Reihe liegen. Seufzend gab er sich geschlagen. Hoffentlich ließ der Alte doch noch mit sich handeln, sonst würde es heute Nacht ein Blutbad geben.
„Ja, hm, damit schuldest du mir einen Gefallen“, flüsterte Ceon ängstlich. Sein Blick flackerte zu Jarid hinüber, der schlagartig erbleichte.
„Bruder, ähm, wie soll ich sagen … Mira und ich sind nicht mehr die Jüngsten. Unsere Töchter und Schwiegersöhne haben fleißig gespart und mich letzte Woche ausgezahlt. Die Taverne gehört nun ihnen. Ich werde bald mit Mira ins Dorf ziehen und nur noch gelegentlich hier aushelfen. Du bist … du …“
„Für mich ist kein Platz mehr“, sagte Jarid mit klarer Stimme und verschlossenem Gesicht. Er war aufgestanden, hatte sich die Arme um die Brust geschlungen, als könnte er sich so festhalten. Obwohl er keine Gefühle offen zeigte, wirkte er vollkommen verloren. Rujo wechselte einen ratlosen Blick mit seinen Gefährten. Offensichtlich wurden sie gerade Zeuge eines kleinen Familiendramas. Mit etwas Glück würden sie nur verpflichtet werden, den jungen Mann sicher in die nächstgelegene Stadt zu begleiten – lästig, aber keine harte Aufgabe.
„Ihr …“ Ceon hustete nervös, als er sich Rujo zuwandte.
„Ich habe einen Vetter zweiten Grades in der Hauptstadt, ein Weinhändler, der bereit wäre, Jarid als Lehrling anzunehmen … Hat mir einen Brief geschickt, letztes Jahr schon …“
„Das ist nicht dein Ernst! Hauptstadt? Du meinst Tybold?“ Fassungslos starrte Rujo den Wahnsinnigen vor sich an, der sich duckte, als würde er Schläge erwarten. In den legendären Zeiten hatte der Großfürst von Tybold aus regiert. Heute war es nur noch dank seiner günstigen Lage als Handelsstadt von Bedeutung, doch die Bezeichnung hielt sich hartnäckig.
„Es sind über zweitausend Meilen bis nach Tybold! Die Rokasümpfe liegen auf dem Weg, die nur im Frühjahr oder Herbst durchquert werden können, von allen anderen Gefahren und Hindernissen mal zu schweigen! Diese Reise würde mindestens ein Jahr dauern, mit ausreichend Pech auch zwei, falls sie uns nicht sogar das Leben kostet. Abgesehen davon haben wir Verpflichtungen, die in gänzlich anderer Richtung liegen!“ Rujo merkte, dass er allmählich laut wurde und atmete tief durch.
„Wir können ihn nach Fürstenbrück bringen. Sicher wird sich auch dort jemand finden, der den Jungen in die Lehre nimmt“, schlug er hoffnungslos vor. Jarid war um die zwanzig, die Aussichten, dass ihn jemand annahm, waren gering. So schmal gebaut, wie er war, würden die meisten Handwerker sowieso abwinken, obwohl er auf den zweiten Blick sehr zäh wirkte.
„Als Schankbursche hat er jede Menge Erfahrung, oder? Warum stellst du ihm nicht ein Empfehlungsschreiben aus?“, fragte Andrez, kaum weniger hoffnungslos. Tavernenwirte waren ein eingeschworener Haufen. Jeder hatte seine eigenen Geheimrezepturen beim Bierbrauen, Schnapsbrennen und der Zubereitung der Speisen. Einem jungen Mann, der aus einer Familie alteingesessener Wirte stammte, würde man vermutlich nicht einmal einen Becher Wasser reichen, sobald er sich zu erkennen gäbe. Die Angst vor Spionen trieb oft seltsame Blüten und wer glaubte schon, dass ein Sohn eines solch guten Hauses woanders unterkommen wollte? In den schlechteren Häusern würde ihm das Schreiben nichts nützen, da man davon ausgehen musste, dass er zu hohen Lohn verlangen würde. Die Klöster nahmen niemanden an, der nicht ein großes Vermögen als Spende mitbrachte. So wie es aussah, gab es nirgends einen Platz für Jarid … Und so blass und niedergeschmettert, wie der Junge da mitten im Raum stand, den leeren Blick in die Ferne gerichtet, war ihm das vollkommen bewusst.
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