Manfred Gruber, der Protagonist in Sandra Weihs Roman "Bemühungspflicht", ist eine gescheiterte Existenz: Geschieden, nach einem Unfall nur sehr eingeschränkt arbeitsfähig, nach mehreren Aushilfsarbeiten und der Pflege seiner Mutter bis zu deren Tod lebt er von Sozialhilfe. Nur das Haus der Mutter ist ihm geblieben; die Kosten für Heizung und Strom muss er sich mühsam zusammensparen.
Gruber ist kein wirklich sympathischer Charakter, aber er kommt sehr ehrlich und authentisch rüber; eine der Stärken des Romans. Man kann sich sehr gut in seine Gedanken- und Gefühlswelt hineinversetzen.
„Von einem Vollzeitjob muss man leben können, steht unter ihrem übergroßen Gesicht. Du denkst, auch ohne Job müsste man leben können. Du weißt, solche Gedanken machen dich unbeliebt. Deine Gedanken zu denken, ist nicht immer leicht. Du würdest jedoch von jedem Menschen erwarten, solche Gedanken denken zu können. Du selbst kannst sie denken, du hast dich nicht vollständig manipulieren lassen vom System. Die Dummheit greift um sich, aber du hast dich nicht einlullen lassen, lässt dich nicht einlullen. Du kannst gegen den Mainstream denken, wie das heute heißt. Zum Beispiel kannst du dir die Frage stellen, warum Leben-Können und Arbeiten-Müssen gekoppelt sind. Auf die Welt kommst du doch als Mensch, nicht als zweckbestimmtes Arbeitstier oder als Automat, mit Ein- und Ausschaltknopf. Rein philosophisch fragst du dich, warum der Mensch in die Arbeit gehen muss, und du kennst die Antwort: Weil das System so funktioniert. Aber es hat dich keiner gefragt, ob du zu diesem System dazugehören willst. Du hast nichts unterschrieben, auch nicht diesen Gesellschaftsvertrag, den die immer anführen, um dir ein schlechtes Gewissen zu machen.“
Zu Beginn des Romans steht Gruber an der Supermarkt kasse und muss feststellen, dass die Sozialhilfe nicht rechtzeitig überwiesen wurde. Also macht er sich im strömenden Regen auf den Weg zum Amt, um die Lage zu klären. Immerhin hat er doch alle Auflagen erfüllt, Bewerbungen geschrieben, unbezahlte Probearbeitstermine absolviert, Bewerbungstrainings gemacht; er ist sicsh keiner Schuld bewusst. Doch die Worte seiner neuen Sachbearbeiterin sind der nächste Schock: „‘Außerdem zweifelt die Behörde an Ihrem Bemühen, die soziale Notlage überwinden zu wollen.‘ – ‚Wie bitte?‘ – ‚Wir glauben, Sie halten sich nicht an die Bemühungspflicht.‘“
Wer oberflächlich liest, könnte den Eindruck gewinnen, dass Gruber einfach nicht arbeiten will. ABER: Möchten wir uns so ausbeuten lassen beim kostenlosen Probearbeiten - in dem Wissen, dass wir den Job sowieso nicht bekommen? Möchten wir uns auf diese Art und Weise vom Sozialamt behandeln lassen? Möchten wir gezwugen sein, JEDEN Job annehmen zu müssen, ob wir wollen oder nicht?
„Dank Ihnen könnte ich zum anerkannten Menschen innerhalb unseres Gesellschaftsvertrags werden. Ich könnte kein Durchschummler mehr sein. Dass ich zu Ihnen komme, obwohl wir wissen, was wir wissen, das verlangt das Gesetz. Es verlangt Bemühen. Bemühungspflicht: so tun, als ob man Interesse hätte, einen Job zu bekommen, den man keinesfalls ausüben möchte.“
Durch die verschiedenen Perspektiven, aus Grubers Sicht sowie der seiner Sachbearbeiterin, seiner Nachbarn und seiner Bekannten Kristina ist der Roman sehr vielschichtig und vermittelt ein gutes gesamtgesellschaftliches Bild.
„Du liest dir das Dokument noch einmal durch. Dabei wird dir schlecht. Die Personalerin liest den Wisch sicher nicht durch. Sie sieht dein Foto auf dem Lebenslauf und legt die Bewerbung beiseite, weil du Falten hast und graues Haar. Du wirst schon wieder wütend. Diese ganze Scheißwelt macht dich wütend. Dir steht es bis zum Hals. Man sollte mal ehrlich sein. Die ganze Menschheit sollte ehrlicher sein. Sollen die Beamten dir die Wahrheit sagen: Du bist es nicht wert, wir wollen dich hier nicht, verschwinde von unserem Gebiet. Wir brauchen Leistungsträger, keine Leistungsempfänger, schleich dich! Und die Beraterinnen sollten sagen: Du bist zu dumm für diese Arbeit und zu behindert für die andere, am besten schließt du dich in deinem Haus ein und schaust, dass dich keiner dabei erwischt. Und die Personaler sollten sagen: Du bist zu alt und zu schwach, und niemand braucht dich, deine Arbeit macht eine Maschine besser, du hast in unserer Firma nichts zu suchen. Und du solltest auch endlich mal ehrlich sein. Aber damit würdest du dir nur selbst Steine in den Weg legen.“
Das Buch ist keine bequeme Lektüre, bietet aber definitiv sehr viel Stoff zum Nachdenken.
Die Gedanken und Ängste von Sozialhilfeempfänger*innen sind authentisch dargestellt, ebenso wie die fehlende Menschlichkeit in der Maschinerie der Sozialämter. Wie passen die Bemühungspflicht und die Würde des Menschen zusammen?
„Du unterscheidest dich nicht von anderen Langzeitarbeitslosen. Mit jedem Monat ohne Arbeit wird die Hoffnung, eine zu finden, geringer. Mit jedem Monat ohne Arbeit stellt sich langsam der Selbstschutz ein, indem sich die Leute einreden, sie wollten gar nicht arbeiten, um der ständigen Ablehnung etwas entgegensetzen zu können. Eine Art Restwürde ist dieses Trotzgefühl, das sie an den Tag legen. Und mit jedem Jahr mehr in diesem Gefangensein zwischen Trotz und Ablehnung am Arbeitsmarkt wird der Antrieb weniger, einen Job zu suchen. Der Alltag wird zum Trotz, es gibt keinen Veränderungswunsch mehr, denn jeder Wunsch wird enttäuscht. Arbeitslosigkeit und Armut sind zwei Faktoren, die Menschen umbringen können.“
„... bis sie glaubt, Erwerbsarbeit ist ihre Daseinsberechtigung, anstatt Mensch zu sein.“
Ein bissiger, vielschichtiger Roman, dem ich 4 Sterne vergebe.
Vielen Dank an die Frankfurter Verlagsanstalt und an NetGalley für das Rezensionsexemplar! 📚💚