Sandra Weihs

 4,5 Sterne bei 36 Bewertungen
Autor*in von Das grenzenlose Und, Bemühungspflicht und weiteren Büchern.

Lebenslauf

Sandra Weihs, geboren 1983 in Klagenfurt, Studium der Sozialen Arbeit in Wien, wohnt in Oberösterreich. 2015 wurde sie für ihren Roman »Das grenzenlose Und« (FVA 2015) mit dem Jürgen Ponto-Preis für das beste deutschsprachige Debüt ausgezeichnet. Sie erhielt mehrere Stipendien, zuletzt das Projektstipendium des Ministeriums für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport für ihr Manuskript »Bemühungspflicht«. Der Roman erscheint im Herbst 2025 bei der Frankfurter Verlagsanstalt.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Sandra Weihs

Cover des Buches Das grenzenlose Und (ISBN: 9783627002206)

Das grenzenlose Und

(25)
Erschienen am 31.08.2015
Cover des Buches Bemühungspflicht (ISBN: 9783627003333)

Bemühungspflicht

(10)
Erschienen am 04.09.2025
Cover des Buches Delilah (ISBN: 9783707607031)

Delilah

(1)
Erschienen am 26.08.2020

Neue Rezensionen zu Sandra Weihs

Cover des Buches Bemühungspflicht (ISBN: 9783627003333)
Schmuck_Guggerins avatar

Rezension zu "Bemühungspflicht" von Sandra Weihs

Schmuck_Guggerin
Eine erschütternde Wahrheit

„Bemühungspflicht“ - dieses Wort macht den Titel des Romans aus. Ich habe lange über dieses Wort nachgedacht, denn es war mir fremd. „Bemühen“, darin steckt eine subjektiv zu beeinflussende Handlung. „Pflicht“ dagegen, zerstört die Kraft des Spielraums, die man zu haben glaubt.

Der Titel hat etwas Besonderes versprochen und alle Erwartungen erfüllt.

Die Autorin hat aus der Sicht der unterschiedlichsten Beteiligten Blicke auf Manfred Gruber geworfen. Er ist einer der vielen Menschen, die sich unverschuldet gegen die Demütigungen des Sozialsystems wehren. Zahlreiche Momente seines Alltags, seiner Beziehungen zu Familienmitgliedern, seiner innersten Gedanken werden situativ sehr nahe geschildert. Die Autorin verwendet eine den Empfindungen des Alltags angepasste Sprache.

Dass Manfred Gruber sich gegen die Aussichtslosigkeit eines Systems mit vielen Ideen wehrt und dennoch auf eine Straße der Ausweglosigkeit gerät, macht das Buch zu dem, was es ist.

Mich hat der Inhalt des Buches erschüttert, die Form der Darstellung durch die junge Autorin aber, ist grandios.

Cover des Buches Bemühungspflicht (ISBN: 9783627003333)
Thomas_Lawalls avatar

Rezension zu "Bemühungspflicht" von Sandra Weihs

Thomas_Lawall
Erschütterndes Portrait

Wer in Österreich Sozialhilfeempfänger/in ist, unterliegt der sog. "Bemühungspflicht". Die Bedeutung bezieht sich auf das "Bemühen",

alles zu tun was nötig ist, um sich wieder in einen Arbeitsprozess einzugliedern, sowie die Bereitstellung eigener Mittel wie Vermögen, Haus- oder Grundbesitz, welche vor Erhalt von Sozialleistungen, vorrangig zur Bestreitung des Lebensunterhaltes, zumindest anteilig, herangezogen werden können.


Dies betrifft Manfred Gruber insofern hart, da er als Arbeitsunfähiger nun das Haus seiner verstorbenen Mutter, die er jahrelang in Vollzeit betreute, in Gefahr sieht. Ihm droht die "Grundbücherliche Sicherstellung des Grundstücks".


Eine amtliche Odyssee aus Auflagen und Formularen beginnt, und trotz Erfüllung derselben werden für ihn immer weitere Hürden aufgestellt, die es zu überwinden gilt.


Als wenn er durch den Selbstmord des Vaters, die Scheidung, Krankheit und das Scheitern seiner beruflichen Ziele nicht schon genug Unglück hat ertragen müssen.


Sandra Weihs erzählt seine Geschichte in einer besonderen Form, die dem Rezensenten bisher so noch nicht begegnet ist. Die "Du-Form" verspricht eine ungewohnte Nähe zur Hauptperson des Manfred Gruber, aber auch zu Nebenfiguren wie Mitarbeiter/innen des Sozialamtes, wobei hier die Handlung auch und besonders formal als Vermutung künftigen Tuns vorangetrieben wird.


"So kann es nicht weitergehen, wird sie sich ermahnen."


Eine weitere Besonderheit ist, neben der fast intimen Distanz zur Geschichte und deren Figuren, eine womöglich entstehende direkte Einbeziehung der Leser/innen, indem sie sich selbst als handelnde Person identifizieren können sowie direkt angesprochen fühlen.


"Du fühlst plötzlich Blicke auf dir ruhen, wie deiner auf der Verkäuferin geruht hat."


Die Autorin besitzt ein sehr feines Gespür (auch) für jene Vorgänge, die sich meist im Verborgenen abspielen, weil sie vielleicht niemand versteht oder in vielen Fällen von der Allgemeinheit gar nicht verstanden werden wollen.


Beispielsweise den paradoxen Unwillen, überhaupt eine Arbeit annehmen zu wollen. Dies kann in Wirklichkeit die Funktion eines Selbstschutzes erfüllen, denn jener "Unwillen" schützt hervorragend gegen die Frustration, die weitere Absagen potentieller Arbeitgeber auslösen würden.


So nebenbei beklagt sie mit klaren Worten die Lebensmittelqualität in den Supermärkten, die Situation von Rentnern, die sich keinen Urlaub mehr leisten können, das Gefühl von Sozialhilfeempfängern, der Gemeinschaft auf der Tasche zu liegen, oder das allgemeine Leistungsdenken, welches bereits Kinder mit dem "Leistungswettbewerb" bekannt macht.


Solange man funktioniert, ist alles bestens. Scheinbar jedenfalls. Aber wehe, man verlässt, aus welchen Gründen auch immer, die vorgegebene Spur. Was so oder anders passieren kann, ist in "Bemühungspflicht" nachzulesen.


Das geht nicht ohne generelle Systemkritik, die an grundlegenden Lebensmustern ordentlich rüttelt.


"... heiraten, Kinder kriegen, Haus bauen, hackeln, hackeln, hackeln …"


Nicht dass Manfred Gruber ein besonders liebenswerter Zeitgenosse ist. Eher das Gegenteil ist der Fall. Dennoch berührt sein Schicksal nachhaltig, da die ihn treffenden Systemzwänge, die ebenfalls alles andere als liebenswert sind, aus der Bahn zu werfen drohen.


Mit feuriger und bestens informierter Feder erzählt Sandra Weihs vom Leben eines im Sozialsystem gescheiterten Menschen, der einfach Pech gehabt hat. Hierfür vereint sie Empathie, Wissen zur Sache und einer sehr unmittelbaren Sprache zu einem eindringlich erschütternden Porträt.

Cover des Buches Bemühungspflicht (ISBN: 9783627003333)
downey_jrs avatar

Rezension zu "Bemühungspflicht" von Sandra Weihs

downey_jr
Ein Rädchen im System: Menschenwürde vs. Bemühungspflicht

Manfred Gruber, der Protagonist in Sandra Weihs Roman "Bemühungspflicht", ist eine gescheiterte Existenz: Geschieden, nach einem Unfall nur sehr eingeschränkt arbeitsfähig, nach mehreren Aushilfsarbeiten und der Pflege seiner Mutter bis zu deren Tod lebt er von Sozialhilfe. Nur das Haus der Mutter ist ihm geblieben; die Kosten für Heizung und Strom muss er sich mühsam zusammensparen.

Gruber ist kein wirklich sympathischer Charakter, aber er kommt sehr ehrlich und authentisch rüber; eine der Stärken des Romans. Man kann sich sehr gut in seine Gedanken- und Gefühlswelt hineinversetzen.

 

„Von einem Vollzeitjob muss man leben können, steht unter ihrem übergroßen Gesicht. Du denkst, auch ohne Job müsste man leben können. Du weißt, solche Gedanken machen dich unbeliebt. Deine Gedanken zu denken, ist nicht immer leicht. Du würdest jedoch von jedem Menschen erwarten, solche Gedanken denken zu können. Du selbst kannst sie denken, du hast dich nicht vollständig manipulieren lassen vom System. Die Dummheit greift um sich, aber du hast dich nicht einlullen lassen, lässt dich nicht einlullen. Du kannst gegen den Mainstream denken, wie das heute heißt. Zum Beispiel kannst du dir die Frage stellen, warum Leben-Können und Arbeiten-Müssen gekoppelt sind. Auf die Welt kommst du doch als Mensch, nicht als zweckbestimmtes Arbeitstier oder als Automat, mit Ein- und Ausschaltknopf. Rein philosophisch fragst du dich, warum der Mensch in die Arbeit gehen muss, und du kennst die Antwort: Weil das System so funktioniert. Aber es hat dich keiner gefragt, ob du zu diesem System dazugehören willst. Du hast nichts unterschrieben, auch nicht diesen Gesellschaftsvertrag, den die immer anführen, um dir ein schlechtes Gewissen zu machen.“

 

Zu Beginn des Romans steht Gruber an der Supermarkt kasse und muss feststellen, dass die Sozialhilfe nicht rechtzeitig überwiesen wurde. Also macht er sich im strömenden Regen auf den Weg zum Amt, um die Lage zu klären. Immerhin hat er doch alle Auflagen erfüllt, Bewerbungen geschrieben, unbezahlte Probearbeitstermine absolviert, Bewerbungstrainings gemacht; er ist sicsh keiner Schuld bewusst. Doch die Worte seiner neuen Sachbearbeiterin sind der nächste Schock: „‘Außerdem zweifelt die Behörde an Ihrem Bemühen, die soziale Notlage überwinden zu wollen.‘ – ‚Wie bitte?‘ – ‚Wir glauben, Sie halten sich nicht an die Bemühungspflicht.‘“

 

Wer oberflächlich liest, könnte den Eindruck gewinnen, dass Gruber einfach nicht arbeiten will. ABER: Möchten wir uns so ausbeuten lassen beim kostenlosen Probearbeiten - in dem Wissen, dass wir den Job sowieso nicht bekommen? Möchten wir uns auf diese Art und Weise vom Sozialamt behandeln lassen? Möchten wir gezwugen sein, JEDEN Job annehmen zu müssen, ob wir wollen oder nicht?

 

„Dank Ihnen könnte ich zum anerkannten Menschen innerhalb unseres Gesellschaftsvertrags werden. Ich könnte kein Durchschummler mehr sein. Dass ich zu Ihnen komme, obwohl wir wissen, was wir wissen, das verlangt das Gesetz. Es verlangt Bemühen. Bemühungspflicht: so tun, als ob man Interesse hätte, einen Job zu bekommen, den man keinesfalls ausüben möchte.“

 

Durch die verschiedenen Perspektiven, aus Grubers Sicht sowie der seiner Sachbearbeiterin, seiner Nachbarn und seiner Bekannten Kristina ist der Roman sehr vielschichtig und vermittelt ein gutes gesamtgesellschaftliches Bild.

 

„Du liest dir das Dokument noch einmal durch. Dabei wird dir schlecht. Die Personalerin liest den Wisch sicher nicht durch. Sie sieht dein Foto auf dem Lebenslauf und legt die Bewerbung beiseite, weil du Falten hast und graues Haar. Du wirst schon wieder wütend. Diese ganze Scheißwelt macht dich wütend. Dir steht es bis zum Hals. Man sollte mal ehrlich sein. Die ganze Menschheit sollte ehrlicher sein. Sollen die Beamten dir die Wahrheit sagen: Du bist es nicht wert, wir wollen dich hier nicht, verschwinde von unserem Gebiet. Wir brauchen Leistungsträger, keine Leistungsempfänger, schleich dich! Und die Beraterinnen sollten sagen: Du bist zu dumm für diese Arbeit und zu behindert für die andere, am besten schließt du dich in deinem Haus ein und schaust, dass dich keiner dabei erwischt. Und die Personaler sollten sagen: Du bist zu alt und zu schwach, und niemand braucht dich, deine Arbeit macht eine Maschine besser, du hast in unserer Firma nichts zu suchen. Und du solltest auch endlich mal ehrlich sein. Aber damit würdest du dir nur selbst Steine in den Weg legen.“

 

Das Buch ist keine bequeme Lektüre, bietet aber definitiv sehr viel Stoff zum Nachdenken. 

Die Gedanken und Ängste von Sozialhilfeempfänger*innen sind authentisch dargestellt, ebenso wie die fehlende Menschlichkeit in der Maschinerie der Sozialämter. Wie passen die Bemühungspflicht und die Würde des Menschen zusammen?

 

„Du unterscheidest dich nicht von anderen Langzeitarbeitslosen. Mit jedem Monat ohne Arbeit wird die Hoffnung, eine zu finden, geringer. Mit jedem Monat ohne Arbeit stellt sich langsam der Selbstschutz ein, indem sich die Leute einreden, sie wollten gar nicht arbeiten, um der ständigen Ablehnung etwas entgegensetzen zu können. Eine Art Restwürde ist dieses Trotzgefühl, das sie an den Tag legen. Und mit jedem Jahr mehr in diesem Gefangensein zwischen Trotz und Ablehnung am Arbeitsmarkt wird der Antrieb weniger, einen Job zu suchen. Der Alltag wird zum Trotz, es gibt keinen Veränderungswunsch mehr, denn jeder Wunsch wird enttäuscht. Arbeitslosigkeit und Armut sind zwei Faktoren, die Menschen umbringen können.“

 

„... bis sie glaubt, Erwerbsarbeit ist ihre Daseinsberechtigung, anstatt Mensch zu sein.“

 

Ein bissiger, vielschichtiger Roman, dem ich 4 Sterne vergebe.

 

Vielen Dank an die  Frankfurter Verlagsanstalt und an NetGalley für das Rezensionsexemplar! 📚💚

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