Sara Stridsberg Das große Herz

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Inhaltsangabe zu „Das große Herz“ von Sara Stridsberg

Jackies Eltern leben getrennt, ihr Vater balanciert Zeit seines Lebens am Rande des Selbstmords. Eines Tages landet er nach zu viel Alkohol und Tabletten in der Psychiatrie. Die 14jährige Jackie besucht ihn fast täglich. In Beckomberga, Schloss und Gefängnis zugleich, ist sie vorübergehend wie zu Hause, lernt Zauber und Schrecken der Heilanstalt kennen. Auch dem ersten Mann ihres Lebens begegnet sie hier. – Ein großes Herz kann einen Menschen retten, das erlebt Jackie in Beckomberga. Aber warum zerbricht eine Familie? Weshalb gibt es für manche Leiden keine Heilung? Mit ihrer feinen, melodischen Sprache erzählt die Autorin aus Schweden von den Abgründen der Seele und dem hellen Licht der Liebe.

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  • Ein Roman, der selbst strahlt, der einen gefangen nimmt und bezaubert

    Das große Herz
    WinfriedStanzick

    WinfriedStanzick

    08. March 2017 um 10:56

    Sara Stridsberg hat diesen sehr stark autobiographisch geprägten Roman (vgl. seinen schwedischen Titel „Beckomberga. Ode till min familj“) all jene gewidmet, die in den Jahren 1932 bis 1995  durch den Klinikpark von Beckomberga gingen.Beckomberga war eine von mehreren zentralen psychiatrischen Anstalten, die der schwedische Staat mit viel Geld ab 1932 bauen ließ, bevor sie 1995 in Zuge einer Psychiatriereform für immer geschlossen wurden.Die Ich-Erzählerin des Romans, Jackie, ist 14 Jahre alt, ihre Eltern sind schon getrennt. Sie lebt bei ihrer Mutter; ihr Vater Jim ist schwer alkoholkrank und bewegt sich permanent, eigentlich bis zu seinem Ende, am Rande des Selbstmordes. Eines Tages, wir schreiben das Jahr 1986, wird er nach einem schweren Tablettenmissbrauch in die  Psychiatrie nach Beckomberga in der Nähe des Heimatortes von Jackie eingewiesen.Obwohl Jackie eigentlich viel zu jung dafür ist, besucht sie ihren Vater dort fast täglich, obwohl er das eigentlich nicht will. „Du hast ein großes Herz“ sagt ihre Mutter einmal zu ihr, die Verständnis für ihre Tochter hat und sie gehen lässt, selbst aber kaum Gefühle für ihren Mann aufbringen kann. Tatsächlich kann Jackie mit ihrem großen Herz nicht nur ihrem Vater eine Hilfe sein, eine Brücke zum Leben draußen, sondern sie lernt auch viel andere Menschen kennen, denen sie nahe kommt. Fast drei Jahrzehnte später beschreibt Sara Stridsberg ihre wohl eigenen Erfahrungen dort in Beckomberga in einem bewegenden und starken Roman und gibt all jenen Menschen eine Stimme, die damals und wohl auch noch heute solche Anstalten für mehr oder minder lange Zeit bewohnen, die Ausgebrannte, die am Leben Zerbrochenen, die, deren Geist an der Welt leidet.Sara Strindberg lässt sie zu Wort kommen, widmet sich aber auch immer wieder dem Arzt Edvard Winterson, ein Mann der seine Patienten liebt, eine großes Herz für sie hat und für einige von ihnen immer wieder für einen besonderen „Ausgang“ sorgt, wenn er mit Patienten feuchtfröhliche Partys besucht. Einen ganz besonderen Stellenwert in diesem sprachlichen Kunstwerk nehmen die sich durch das ganze Buch hinziehenden Beschreibungen von Lichtverhältnissen und Naturzuständen ein, die von einer sonst nur bei Künstlern anzutreffenden Feinheit und Differenziertheit sind.Sara Stridsberg Roman verwischt wie ein Gemälde häufig die Grenzen zwischen Wahnsinn und Normalität, er thematisiert zwischen den Zeilen, wie der Sozialstaat auf der einen Seite mit sehr viel Geld sich um die Schwachen und Kranken kümmert, sie auf der anderen Seite aber auch herzlos absondert.Und er erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die mit ihrem großen Herz tapfer versucht, immer wieder Licht in das Dunkel zu bringen. Ein Roman, der selbst strahlt, der einen gefangen nimmt und bezaubert, weil er davon handelt, was in jedem Menschen steckt und in vielen verhärtet oder abgestorben ist: Mitgefühl, Unvoreingenommenheit und aufrichtige Liebe.

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  • Verloren, doch geliebt

    Das große Herz
    serendipity3012

    serendipity3012

    24. February 2017 um 18:10

    Verloren, doch geliebt  „Das große Herz“ gehört Jim. Und es ist nicht nur sein Herz, das ihm zu groß geworden ist: „Meine Flügel sind zu groß geworden, ich kann nicht mehr fliegen.“ S. 54So Jim zu seiner Tochter Jackie, als er gerade in Beckomberga angekommen ist, wo er viele Jahre verbringen wird. Eine Klinik für psychisch Kranke, ein Ort, der ihm Sicherheit geben wird, der aber kein richtiges Zuhause sein kann – vor allem nicht für Jackie, die dort viel Zeit verbringt. Sie verspürt ein starkes Bedürfnis danach, in der Nähe ihres Vaters zu sein. Eines Vaters, der sich nie wie einer verhalten hat oder verhalten wird. Jim lebt in seiner eigenen Welt, „ohne Überlegungen, ohne Strategie, ohne einen Gedanken an die Zukunft.“ S. 114 Sara Stridsberg erzählt in ihrem Roman „Das große Herz“ die Geschichte von Jackie und ihrem Vater Jim und ihrer ungewöhnlichen Beziehung. Es ist aber nicht nur die Krankheit des Vaters, die Jackie zu einer ungewöhnliche Kindheit „verhilft“, auch ihre Mutter verhält sich ihr gegenüber nicht, wie man es erwarten würde: Lone reist um die Welt, lässt Jackie allein zurück, scheint sich generell nicht viel um sie zu kümmern. Ob dieses Verhalten nun ein Ausdruck von Desinteresse oder von Vertrauen in die heranwachsende Tochter ist? Lone scheint seltsam abwesend. So verbringt Jackie ihre Tage in der Klinik, lernt andere Patienten kennen, macht die Bekanntschaft von Paul, der, wie mit der Zeit klarer wird, kein guter Umgang für sie ist. Die Geschichte springt aber auch immer wieder in die Gegenwart, in der Jackie selbst einen kleinen Sohn hat, den sie bewusst allein großzieht, den sie mit ihrer Liebe überschüttet. Es wird deutlich, ihre Kindheit, der psychisch kranke Vater und sein Verhalten ihr gegenüber, all dies hat Jackie geprägt und tiefe Spuren hinterlassen. Als Erwachsene ist sie immer ein wenig außen vor. Stridsberg macht stets den Unterschied deutlich zwischen dem drinnen, dem Leben in der Klinik, und dem draußen, der Welt der so genannten normalen Menschen. Und vielleicht zieht es Jackies Mutter Lone deshalb so oft hinaus in die Welt, weil sie sich von der geschlossenen Welt, in der ihr Exmann lebt, so weit wie möglich entfernen möchte. „Das große Herz“ ist auf der einen Seite ein sehr dialoglastiger Roman, was die Geschichte sehr lebendig wirken lässt. Auf der anderen Seite findet die Autorin viele starke Bilder und Metaphern, um die Innenwelt sowohl in der Klinik, als auch die der Kranken darzustellen. Nie führt sie sie vor, immer nimmt sie sie und ihre Gefühle, ihre Sicht auf die Welt, ernst. „Wir blickten hinaus auf die Bäume und den Nebel und die Vögel, und ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, meine Organe würden in der ganzen Stadt verstreut liegen. Lunge, Niere, Galle und Herz; dass sie eine leichte Beute für die Ratten und Vögel dieser Stadt wären.“ S. 246 Sara Stridsberg ist mit „Das große Herz“ ein sehr stimmungsvoller Roman gelungen, der seine Kraft auch gerade aus seinen Auslassungen schöpft, denn die Geschichte konzentriert sich auf die starken Dialoge und auf die Gedanken seiner Protagonistin, die allerdings oft auch unvollständig erscheinen oder von denen uns nur Ausschnitte gezeigt werden. Stridsbergs Sprache ist dabei stets sehr klar. Der beschränkte Raum, in dem Jackie sich bewegt, sowohl tatsächlich als auch gedanklich, trägt zu der Märchenhaftigkeit bei, die die Geschichte ausstrahlt. Auch Jim scheint der Welt ja entrückt zu sein, niemals benimmt er sich seiner Tochter gegenüber väterlich, vielmehr ist er oft wie ein kleiner Junge. Nur sehr selten überrascht er Jackie mit scheinbar einfachen Wahrheiten: „’Warte nicht’, sagt Jim, als hätte er meine Gedanken gelesen. ‚Das Leben fängt nie an, es hört einfach nur auf. Plötzlich. Einfach so.“’ S. 295 „Das große Herz“ ist ein zauberhafter Roman über Menschen, die verloren scheinen, die die Gesellschaft ausgeschlossen hat, die sie vielleicht nicht sehen will, die aber dennoch geliebt wurden und auf die stets geachtet wurde. Man kann die Geschichte als Aufforderung lesen, denen, die anders sind, auf Augenhöhe zu begegnen, sie für voll zu nehmen. Stridsberg erklärt nicht, stellt die Dinge einfach hin und zeigt, dass anders sein in Ordnung ist. Als Leser wird man hineingezogen vor allem in eine Stimmung, die oft sehr melancholisch ist. Und obwohl vieles nicht zu ändern ist, obwohl man den Protagonisten manches Mal eine Änderung, ein anderes Leben wünscht, ist es am Ende doch okay, wie es ist. „Das große Herz“ ist eine besondere, sehr atmosphärische und kraftvolle Geschichte, die mich völlig in ihren Bann gezogen hat.

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  • Sprachlich mitreißend und mit ganz anderem Blick auf das Leben

    Das große Herz
    michael_lehmann-pape

    michael_lehmann-pape

    24. February 2017 um 14:19

    Sprachlich mitreißend und mit ganz anderem Blick auf das Leben Von der ersten Zeile an stellt Stridsberg in ihrem neuen Roman Ihre bildkräftigen, nuancenreichen sprachlichen Möglichkeiten überzeugend unter Beweis. Jederzeit ist das Buch in der Lage, die beabsichtigte Atmosphäre, die „Beleuchtung“ in vielen Variationen und die inneren Empfindungen und Entwicklungen der Figuren dem Leser griffig vor die Augen zu stellen. Der alte Mann, der in einer öden Winternacht einen Mast hinaufklettert, Bild und Thema des Romans zugleich, in dem die Grenzen zwischen dem normalen und dem „ausgesonderten“ Leben verschwimmen, in dem der Versuch (so gut wie aller Personen im Roman) illustriert wird, „an die Oberfläche“ des eigenen Lebens zu gelangen. „Ausgesondert“, weil der größte Teil des Romans in einer der größten Nervenheilanstalten Europas, Beckomberga, spielt. Und jener „Kletterer“ der letzte Patient dort vor der Schließung war. Und sehen musste, wie er sein Leben einigermaßen wieder in einen Rahmen bekommt. Wo Jackies, zu Beginn der Geschichte knapp 14 Jahre alt, Vater Jimmy Aufenthalt nimmt. Woran nicht nur der Alkohol Schuld ist, sondern vor allem diese tiefe Melancholie und Depression, die Jimmy ständig zum Selbstmord zu treiben scheinen (und das bis in die Gegenwart der Erzählung hinein, als Beckomberga schon längst geschlossen ist). Der aber auf dem vermeintlichen Weg in den Suizid noch eine Menge Leben zu leben hat. Ein Arzt, der seine Patienten ins Herz geschlossen hat. Ein Arzt, der immer wieder für „Ausgang“ der besonderen Art sorgt, wenn er mit einigen Patienten nachts Partys besuchen geht und der Alkohol dabei durchaus kräftig fliesst. Und, als Gegenbild zu diesem Arzt Edvard Winterson dann Lone, Jackies Mutter, Jimmys Ex-Frau, die eher aus Pflicht in der Anstalt vorbeischaut und wie gelähmt den Fragen Jimmy´s, ob sie wegen ihm da sei, gegenübersteht. Symbolisch für die gesamte Gesellschaft, die einerseits „sozial“ sich auch um jene kümmert, die nicht mithalten können, die andererseits dies aber wenig aus „vollem Herzen“ vollzieht. Wobei eben im Lauf der von Stridsberg gesetzten „Erinnerungsstücke“, die nicht chronologisch geordnet im Roman erzählt werden (und am Ende eine Collage aus Zeit, Raum, Beziehungen und Personen bilden), für den Leser immer unklarer wird, wer denn eigentlich „gestört“ und wer „gesund“ ist, wer sein Leben wirklich lebt und wer nur dahingleitet durch die Tage. Eine ganz besondere, „ausgesonderte“ Atmosphäre, der Strindsberg intensiv ihre Beschreibungen der „Lichtlage“ korrespondieren lässt. Viele Nuancen des Tageslichtes, von strahlend bis trüb, von klar bis neblig verwaschen kennzeichnen die Szenen, die Gemüter. Ein Ort für eine Heranwachsende? Wohl eher nein, aber dennoch stehen die Räume der Anstalt Jackie offen. Und sie würde nie von ihrem Vater lassen, diesen nie im Stich lassen. Mit großer Selbstverständlichkeit und einem untrüglichen Gespür für das, was guttut und hilft. Zumindest, was Jimmy angeht. Und nicht nur die Räume, auch die Bewohner, die Menschen, der Arzt, Angestellt. Nicht zuletzt Paul. Ebenfalls Patient. Ebenfalls oft „nicht von dieser Welt“ und doch die erste, intensive Liebe Jackies. Und wer weiß, vielleicht liegt es an dieser besonderen Konstellation, dass Jackie letztlich Beziehungen auf Dauer nicht viel abgewinnen kann und, später, ihren Sohn Marion lieber alleine erzieht. Denn das Eigentliche des Lebens ist doch, was sich miteinander in möglichst unvoreingenommener Liebe abspielt. Das Herz ist der Ort des Lebens. Bei dem es vielleicht sogar gar keine Beine mehr braucht, wie der alte Seemann im Buch sagen wird: „Ach, diese Beine haben mich sowieso nie an einen schönen Ort gebracht. Sie sind immer gegangen, wohin sie sollten…direkt in den erstbesten Schnapsladen…..“ Auch wenn der „letzte Patient“ der Klinik, Olof, zu Anfang einen Mast erklimmt. Es ist am Ende der Lektüre überaus verständlich, warum er das tut. Ebenso, wie verständlich wird, dass für ihn ein anderer „Olof“, der Ministerpräsident mit dramatischem Ende werden wird, der größte Hoffnungsträger ist. Olof Palme, der seine Mutter in der Anstalt eine Weile lang täglich besucht, der in gewisser Form in eigener Person Garant des schwedischen Sozialstaates war. Für den dieser Roman ebenfalls ein eindringliches Plädoyer darstellt. "Ich glaube, das Olof Palme an uns andere denkt, die nicht so erfolgreich sind“. Denn in der Akzeptanz dessen, dass nicht alle „Gewinner“ sein können und „gewinnen oder verlieren“ sehr relative Bewertungen sind Und die äußere Lebensform wenig über die inneren Liebesmöglichkeiten aussagt. Jede der auftretenden Personen, jede Szene, vom nächtlichen Kleiderwechsel bis zum tiefen Nachsinnen über den besten Ort und die beste Art, seinem Leben ein Ende zu setzen, werden dabei von Strindsberg ruhig, klar und doch immer emotional und atmosphärisch dicht geschildert. Sprachlich, thematisch und in den Entwicklungen der Personen ein Genuss.

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