Sarah Gristwood

 3,5 Sterne bei 2 Bewertungen
Autor*in von Elizabeth & Leicester, Arbella: England's Lost Queen und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Sarah Gristwood

Cover des Buches Elizabeth & Leicester (ISBN: 9780670018284)

Elizabeth & Leicester

(1)
Erschienen am 21.07.2007
Cover des Buches Arbella: England's Lost Queen (ISBN: 9780553815214)

Arbella: England's Lost Queen

(1)
Erschienen am 02.02.2004
Cover des Buches Breakfast at Tiffany's (ISBN: 9780061761225)

Breakfast at Tiffany's

(0)
Erschienen am 30.05.2012

Neue Rezensionen zu Sarah Gristwood

Cover des Buches Elizabeth & Leicester (ISBN: 9780670018284)
A

Rezension zu "Elizabeth & Leicester" von Sarah Gristwood

Andreas_Oberender
Die Geschichte von Bess und Robin

Elisabeth I. ist als "die jungfräuliche Königin" (Virgin Queen) in die Geschichte eingegangen. Obwohl es an Heiratsprojekten und Ehekandidaten nicht mangelte, blieb die Königin unvermählt. Die Nachteile einer Heirat schienen aus Elisabeths Sicht stets größer zu sein als die Vorteile. Wenn englische Politiker und die Diplomaten anderer Länder in den 1560er Jahren die Heiratsfrage diskutierten, dann stand ein Mann ganz oben auf der Liste der potentiellen Ehemänner: Robert Dudley (1532-1588), seit 1564 Graf von Leicester. Viele Beobachter waren überzeugt: Sollte sich Elisabeth zur Ehe entschließen und sollte sie sich entscheiden, keinen Ausländer, sondern einen Engländer zu heiraten, dann würde ihre Wahl auf Leicester fallen. Die Königin und der Oberstallmeister (Master of the Horse) pflegten einen auffallend vertrauten Umgang. Viele Zeitgenossen vermuten deshalb, zwischen beiden bestehe eine Liebesbeziehung. Gerüchte von einem gemeinsamen Sohn, der heimlich zur Welt gekommen sei, machten in England und Europa die Runde. Bis heute hat die Frage nach der Natur des Verhältnisses zwischen Elisabeth und Leicester nichts von ihrer Faszination verloren. Für drei Jahrzehnte gehörte Leicester zu den wichtigsten Männern in Elisabeths Leben. Er stand der Königin näher als solche verdienten Minister wie William Cecil und Francis Walsingham. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein spielten britische Historiker die Beziehung herunter, passte sie doch nicht zum liebgewonnenen Bild von der entsagungs- und opferbereiten Königin, die aus politischen Erwägungen auf ihr persönliches Glück verzichtet habe. In den letzten Jahrzehnten schlug das Pendel in die entgegengesetzte Richtung aus, vor allem in fiktionalen Darstellungen. In Romanen, Spielfilmen und TV-Serien treten Elisabeth und Leicester als Paar in Erscheinung, das eine mehr als nur platonische Beziehung unterhält. Verwiesen sei hier nur auf die Historienromane von Margaret Irwin, Jean Plaidy und Philippa Gregory. Doch wird eine "romantische" Interpretation des Verhältnisses von den Quellen gedeckt? Das ist die Ausgangsfrage des Buches von Sarah Gristwood.

Gristwood ist zu den Quellen zurückgegangen. Sie möchte belegbare Fakten von bloßen Spekulationen trennen. Immer wieder weist sie darauf hin, dass viele Aspekte der Beziehung zwischen Elisabeth und Leicester im Dunkeln liegen, weil es an Quellen fehlt. Es lässt sich nicht einmal mit Bestimmtheit sagen, wann und unter welchen Umständen sich die künftige Königin und ihr künftiger Favorit kennenlernten. Die erste Begegnung dürfte in den 1540er Jahren am Hof Heinrichs VIII. stattgefunden haben, als beide noch Kinder waren. Es gibt keine Belege für die oft geschilderte Romanze, die sich entsponnen haben soll, als Elisabeth und Leicester im Frühjahr 1554 zeitgleich im Tower inhaftiert waren. Für die Zeit vor Elisabeths Thronbesteigung im November 1558 sind keine engeren Kontakte nachweisbar. Umso erstaunlicher war es schon für die Zeitgenossen, dass Robert Dudley sofort nach dem Thronwechsel den wichtigen Posten des Oberstallmeisters erhielt und mit der jungen Monarchin auf so vertrautem Fuße stand. Als die Heiratsfrage auf die Tagesordnung kam, sahen viele Engländer und Ausländer in Dudley den Mann, der das Königreich schon bald zusammen mit Elisabeth regieren würde. Dazu kam es aber nie. Gristwood lässt keinen Zweifel daran, dass sich die Königin und Leicester sehr nahe standen. Belege für ein sexuelles Verhältnis gibt es jedoch nicht. Gristwood hält eine sexuelle Beziehung ohnedies für unwahrscheinlich. Elisabeth stand permanent unter Beobachtung, und das Risiko, ungewollt schwanger zu werden, war viel zu groß, als dass sie eine sexuelle Beziehung mit Leicester hätte unterhalten können. Gristwood zufolge bewegten sich Elisabeth und Leicester im Rahmen der höfisch-ritterlichen Liebe, die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine letzte Blüte erlebte. Elisabeth spielte die unerreichbare Angebetete, Leicester den schmachtenden Verehrer. Die schwärmerische, erotisch aufgeladene Sprache, die am elisabethanischen Hof kultiviert wurde, darf nicht automatisch als Beleg für sexuelle Beziehungen verstanden werden, wie Gristwood zu bedenken gibt.

In Elisabeths und Leicesters Beziehung spiegelt sich die englische Geschichte des 16. Jahrhunderts. Die Familien Tudor und Dudley waren einander eng verbunden. Leicesters Großvater Edmund Dudley war einer der wichtigsten Ratgeber Heinrichs VII. Der junge Heinrich VIII. ließ Dudley als Sündenbock für die unpopuläre Finanzpolitik seines Vaters hinrichten. Leicesters Vater John Dudley, Herzog von Northumberland, stieg unter dem Kindkönig Eduard VI. zum starken Mann am Hof auf und trieb die Reformation voran. Er endete ebenfalls auf dem Schafott, weil er nach Eduards Tod die Thronbesteigung der Katholikin Maria zu verhindern suchte, der Tochter aus der ersten Ehe Heinrichs VIII. John Dudleys Sohn Robert stand vor der Aufgabe, der Familie wieder Ansehen, Einfluss und Vermögen zu verschaffen. Die Gunst Elisabeths I. erwies sich als Schlüssel zum Wiederaufstieg der Dudleys. Elisabeth schätzte Leicester nicht nur, weil er attraktiv war und ihre Jagdleidenschaft teilte. Leicester war ein Vertreter des protestantischen Adels, der Elisabeth beim Thronwechsel Ende 1558 tatkräftig unterstützte. Für Elisabeth, die keine nahen Angehörigen hatte, war Leicester weniger ein Liebhaber als vielmehr Familienersatz. Die Königin scheint nie ernsthaft erwogen zu haben, ihn zu heiraten. Als Elisabeth und Leicester älter wurden, wandelte sich ihre Beziehung. Leicester mauserte sich vom jugendlichen Verehrer zum seriösen Politiker. In den 1570er und 1580er Jahren gehörte er zu den einflussreichsten Mitgliedern des Privy Council, der Regierung. Man fühlt sich an Ludwig XV. und Madame de Pompadour, an Katharina die Große und Fürst Potjomkin erinnert, deren Liebesbeziehungen sich ebenfalls zu politischen Partnerschaften weiterentwickelten. Ältere britische Historiker sahen in Leicester einen Karrieristen ohne politisches Talent, der sich als Günstling der Königin hemmungslos bereichert habe. Gristwood hingegen meidet anachronistische Urteile und misst Leicester mit den Maßstäben des 16. Jahrhunderts. Sie zeigt ihn als ernst zu nehmenden politischen Akteur und Haupt eines großen Patronagenetzwerkes, als Sympathisanten der Puritaner, Förderer von Seefahrern und Entdeckern sowie Verfechter einer interventionistischen Außenpolitik zugunsten der niederländischen Rebellen und französischen Hugenotten.

Sarah Gristwoods Leistung besteht weniger darin, Königin Elisabeth oder die englische Geschichte zwischen 1558 und Leicesters Tod (kurz nach dem Untergang der Armada) in einem neuen Licht erscheinen zu lassen. Viele Episoden und Geschichten, die im Buch vorkommen, wurden schon hundertfach erzählt. Gristwoods Verdienst besteht darin, anhand aller verfügbaren Quellen ein realistisches Bild von der langen und nicht immer konfliktfreien Beziehung zwischen Elisabeth und Leicester zu zeichnen. Über Elisabeth erfährt man als Kenner der Materie nichts Neues, über Leicester hingegen schon. Leicester war ein Mann seiner Zeit, ein typischer Adliger und Höfling des 16. Jahrhunderts: Er trennte das Persönliche nicht vom Politischen; unbekümmert zog er materiellen Gewinn aus seiner bevorzugten Stellung, und zugleich war er ein loyaler und kompetenter Diener der Krone. Wer an die Vorstellung gewöhnt ist, Elisabeth und Leicester seien ein heimliches Liebespaar ("Bess und Robin") gewesen, der wird das Buch vielleicht mit einem Gefühl der Ernüchterung aus der Hand legen. Hält man sich strikt an die Quellen, so zeigt sich: Leicester war wohl nicht Liebhaber der Königin; er war "nur" Elisabeths Gefährte, Freund und Ratgeber. Gristwood liefert mit ihrem Buch ein willkommenes Korrektiv zu den schlüpfrigen Fabeleien der Romanliteratur. Darüber hinaus bietet das Buch ein großes Lesevergnügen, denn Gristwood verbindet die Sachkenntnis der studierten Historikerin mit dem eleganten Schreibstil einer erfahrenen Journalistin. 

(Hinweis: Diese Rezension habe ich zuerst im Februar 2017 bei Amazon gepostet)

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