Schabnam Zariâb Mein afghanischer Pianist

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Inhaltsangabe zu „Mein afghanischer Pianist“ von Schabnam Zariâb

Der erste Roman (2012) der Autorin beschreibt das letzte Jahr des kleinen Mädchens Laily in Kabul in einer intellektuellen Familie unter russischer Besatzung. Milad, ihr Spiel- und Schulkamerad schützt und rettet sie bei einem Bombenattentat der Taliban im Park, was sie für immer mit ihm verbindet. Nach der Flucht der Familie vor den Taliban kommt sie in Montpellier in die Schule und studiert. Doch das Erbe ihrer Kindheit in Afghanistan und die Erinnerung an Milad lassen sie, obwohl gänzlich französisch sozialisiert, nicht los und führen dazu, wie schon ihr Vater nach Kabul zurückzukehren – ein spannendes, literarisch gelungenes, Migrantenschicksal.

Ein kurzer, treffender Roman für Afghanistan und Migration: toll geschrieben, berührend und aufwühlend. Sehr lohnenswert!

— fcbfrosch

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  • Ein berührender Roman über Afghanistan, Liebe und Identität

    Mein afghanischer Pianist

    fcbfrosch

    10. July 2013 um 11:07

    Darum geht es: Laily ist ein Mädchen, das während des Bürgerkriegs und russischer Besatzung in Afghanistan aufwächst und das sein Land, die Bomben und ihre Eltern nicht versteht. Erstrecht findet sie es traurig, dass ihre Mutter, Schwester und sie das Land verlassen müssen und ihr Papa zurückbleibt. Sie ziehen nach Frankreich, was der ganzen Familie viel Kraft abverlangt: Die neue Sprache zu lernen, sich zu integrieren und eine Identität herauszubilden, die das alte mit dem neuen Leben vereint. Als Laily erwachsen ist, beschließt sie, ihre Heimat wieder aufzusuchen und muss feststellen, dass das Afghanistan ihrer Erinnerung längst verblichen ist hinter fanatischem Glauben.   Meine Bewertung: Auf meiner zweiten Reise nach Afghanistan in literarischer Form begegne ich wieder ein paar alten Bekannten: Paschtunen (mehr dazu hier) und Perser treten auf, das Leben spielt in Kabul und die Taliban bleiben nicht unerwähnt – wie auch, wenn sie ein Land so geprägt haben, wie es in Afghanistan der Fall ist. Die kleine Laily erzählt eine Geschichte, von der ich kaum glauben kann, dass sie nur 180 Seiten füllt. Ihre Thematik könnte so viel länger gezogen werden, ist so interessant und faszinierend. Und doch vermittelt die Autorin viele wichtige Punkte, die das Verständnis für arabische Länder, Kultur und ihren Einwohnern, die in Europa und der ganzen Welt verstreut leben, erleichtern. Ich begegne Laily, als sie sechs Jahre alt ist und die sowjetischen Soldaten während des Krieges zwischen Afghanistan und Pakistan für Stabilität im Krisenherd sorgen sollen. Es ist Anfang/Mitte der 80er Jahre, das Genfer Abkommen über den Abzug der Truppen liegt noch fern. Laily wächst mit einer emotional nahen Bindung zum Vater auf, der sensibel und respektvoll mit seinen Kindern umgeht. Und doch entfernt sich das kleine Mädchen von ihren Eltern. Es versteht nicht, warum es den russischen Soldaten nicht zuwinken darf, und sich ihre Familie nicht freut, als sie nach großartiger sportlicher Leistung das Fähnchen mit dem Hammer gewinnt und in der Wohnung aufhängen will. Ihre Eltern gehören zu einer Gruppe Intellektueller, die sich der kommunistischen Ideologie nicht beugen mochten – sie wollen ihr Land nicht einem politischen System unterordnen, das ihnen aufgezwungen wird. Umso unverständlicher ist für Laily all das, weil der Vater ihres liebsten Milad, der ihr einst das Leben rettete, für die Russen arbeitet und beide Familien eng befreundet sind. In meinem Land, in der Heimat, die ich erlebt habe, den wenigen Erinnerungen nach, die mir so kostbar sind, wurde Tugendhaftigkeit nicht an der Länge des Bartes gemessen! (Seite 111) Milad ist einer, den Laily zurücklassen muss und den sie während ihres Aufwachsens in Frankreich niemals vergisst. Besonders in der Anfangszeit vermisst sie ihren besten Freund, während sie sich in der Schule unverstanden und allein fühlt. Doch mit der Zeit kommt auch die Integration – ich finde es bemerkenswert und wichtig, dass die Integrationsbemühungen der Familie betont werden, die dank Fernsehsendungen und Büchern die französische Sprache und Kultur erlernen. Und doch passen sie genau in das Bild über Migranten, denn meist sind es die gebildeten Bevölkerungsgruppen fremder Länder, die für Integration bereit sind. Und so kann man Lailys Aufwachsen in Frankreich bis zu ihrem 20. Lebensjahr verfolgen. Mittlerweile ist auch der Vater nachgezogen, der sich mit dem fremden Land nicht anfreunden kann und sehr an Afghanistan hängt. Das Französische ersetzt mittlerweile den persischen Sprachgebrauch, was Laily noch mehr von ihrem Vater entfernt. Je älter die Hauptfigur wird, umso mehr setzt sie sich mit ihrer Herkunft auseinander, ist dabei, sich bewusst eine Identität zu bilden, die ihre afghanische und französische Seite miteinander verbinden soll. Und auch das Verlassen ihres besten Freundes Milad brennt ihr im Herzen. Im dritten Teil des Buches schließlich reist die nun junge Frau zurück ins Heimatland, mit all den bunten und auch sehr schön und osmanisch anmutenden Bildern im Kopf – Bilder von einer Kultur, die unserer sehr fremd ist und genauso faszinierend. Dass all diese Farbenpracht jedoch verschwunden ist, als sie ihr Haus betritt; geplündert in ihrer Abwesenheit, bereitet Laily Angst. Auch das eigentliche Ziel ihrer Reise in die Vergangenheit, Milad, ist ihr ferner denn je. Denn auch wenn sie nun im gleichen Land sind, hat er einen ganz anderen Lebensweg eingeschlagen, den das naive Mädchen niemals erwartet hätte. Burka-tragende Frauen, bärtige Männer und überall die Last des strengen Glaubens, der die Geschlechterstellung nach Ideologie der Taliban zu einer Belastung für den weiblichen Bevölkerungsteil werden lässt. Und sogar der Blickkontakt zwischen unverheirateten Frauen und jungen Männern kann harte Strafen nach sich ziehen. Erzählt wird die Geschichte aus Sicht Lailys und erinnert mich streckenweise an Tagebucheinträge. Ihre kindlichen Worte zu Beginn des Buches lassen die ihr ureigene Fantasie und Distanz zu den Problemen der Erwachsenen-Welt voll Krieg und Hass, rasch klar werden und berühren in der Seele, wenn man bedenkt, was für eine schöne Kindheit wir in unserem wohlbehüteten Europa haben dürfen. Ihre Sprache wandelt sich, als sie erwachsener wird, ebenso wie ihre Probleme. Die Art ihres Erzählens gefällt mir sehr, beschränkt sich auf das wesentliche, und bringt doch alles genau zum Kern. Es schwingt immer ein Ton von Traurigkeit und Sehnsucht nach der Heimat mit, was das Buch aus meiner Sicht schwermütig machen kann. Aber angesichts der Geschichte, die es erzählt, ist es der passende Ton.   Fazit: „Mein afghanischer Pianist“ ist eine berührende, kurze Geschichte über ein Mädchen, das ihr Heimatland aufgrund von Krieg und Unruhen gemeinsam mit ihrer Familie verlässt, nach Frankreich migriert und auf der Suche nach Identität und einem alten Freund schließlich zurückkehrt. Sie erzählt von einem Afghanistan, das vor Herrschaft der Taliban zwar auch von Krieg gebeutelt ist, im Kern aber sehr vielversprechend und schön klingt, und von den Veränderungen, die seit den 80er Jahren vor sich gegangen sind. Es ist ein Buch, das die Augen öffnet, Unruhe in mir stiftet und auch schmerzt. Es ist sehr empfehlenswert, gemeinsam mit Laily diese Reise in die arabische Welt zu unternehmen und die Geschichte eines fernen Landes kennenzulernen und die Gefühle zu verstehen, die Migranten im Herzen tragen, wenn sie ihre Heimat verlassen und später wieder zurückkehren.

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