Cover des Buches Quasi (ISBN: 9783947720682)J
Rezension zu Quasi von SchwarzRund

Relevant, intensiv, ungeschönt.

von June_Thalia_Michael vor 7 Monaten

Review

J
June_Thalia_Michaelvor 7 Monaten

Ich schleiche oft sehr lange und sehr ausdauernd um Bücher herum, ehe ich sie mir dann kaufe. Meist merke ich sie mir schon vor dem Erscheinen vor und brauche dann doch wieder ein paar Monate (bis Jahre). Besonders bei Büchern, bei denen ich einen gehörigen Respekt vor dem habe, was drinstehen könnte, sodass eine gewisse Scheu mit im Spiel ist.

Werde ich diesem Buch überhaupt gewachsen sein?

"Quasi" ist eine solche Lektüre. Eine, die trotz der Kürze einen gewissen Grundrespekt erzeugt und eine gewisse Scheu.


Und ja, als ich fertig mit dem Buch war, musste ich erst einmal weinen.


Die Novelle beginnt sehr nüchtern. Zunächst eine Einordnung, zeitlich und geschichtlich. Dann ein paar Literaturempfehlungen. Mit einer gewissen sachlichen Distanz.

Dann erst beginnt die eigentliche Geschichte und hat mich.


Mein eigenes Erleben ist nicht vergleichbar (ich werde weiß gelesen und habe allein dadurch einige Privilegien, auch wenn Antisemitismus und Antislawismus a thing ist), aber liefert genug Anknüpfpunkte, dass die Geschichte schmerzhafte Enterhaken in mich schlagen kann.

Spätestens ab dem zweiten Kapitel sowieso nicht mehr.

Distanzhalten unmöglich.


Situationen werden aufgebaut und dann nicht aufgelöst. Die Figuren bleiben lange mit ihren Hürden, ihren Problemen, ihren Missverständnissen alleine. Ich habe beim Lesen gemerkt, wie ich gerne erklären würde. Also den Figuren die scheinbar unverständlichen Reaktionen der jeweils anderen. Dass es inmitten einer riesigen Katastrophe manchmal der aberwitzigste Aspekt ist, der gerade den Boden unter den Füßen am nachhaltigsten wegzieht.

Das geht natürlich nicht.


Am Ende saß ich da und habe mehrere Minuten einfach nur geweint.


Die Geschichte ist ungeschönt. Hier wurde nicht einmal versucht, die Geschichte so umzuschreiben, dass sie für weiße Menschen, in einigen Aspekten auch für cis Menschen, leichter verdaulich wäre oder irgendwie besser konsumierbar.

So, dass wesen das Buch am Ende weglegt, denkt "Hach, die armen Leute da drüben, die haben es schon irgendwie schwer" und mit dem Gefühl, allein schon durch das Kaufen und Lesen wunderwas für die Menschen getan zu haben, wieder in den eigenen (privilegierten) Alltag zurückgeht.

Das ist hier nicht passiert.

Und das ist gut. Davon braucht die Welt mehr. Geschichten, die nicht für den privileged Gaze zurechtgestutzt wurden, sondern die beim Lesen kratzen und stecken bleiben und so.


Ich erwische mich jedenfalls sehr oft dabei, wie ich mich frage, was die Figuren nun eigentlich machen, wie es weiterging nach einem ungeheuerlichen, alles verändernden Ereignis.

Und ich merke, wie ich allein beim Versuch, das Buch zu rezensieren, wieder weinen möchte.


Sehr wichtiges, sehr intensives Buch über einen mir bisher unbekannten Aspekt der neueren Weltgeschichte.

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