Scott Nicolay

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Cover des Buches Nighttrain: Next Weird (ISBN: 9781721597215)

Nighttrain: Next Weird

 (2)
Erschienen am 22.09.2018

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Rezension zu "Nighttrain: Next Weird" von Scott Nicolay

Next Weird
Elmar Hubervor einem Jahr

Kaum gegründet, macht sich das „Whitetrain“-Label „Nighttrain“ massiv Freunde unter den Fans der Weird Fiction. Und damit ist nicht die zig-hundertste Sammlung von Tentakel-Geschichten „im Geiste Lovecrafts“ gemeint, der den Begriff „Weird Fiction“ laut dem Vorwort „prominent in Stellung gebracht“ hat. „Next Weird“ lautet vielmehr das Motto, eine Strömung, die als Nachfolger des „New Weird“ gehandelt wird, ein Begriff, der um die Jahrtausendwende für die Genregrenzen verwischenden Geschichten einiger Phantastik-Autoren gebraucht wurde. „Im Nachhinein“ muss man anfügen, denn die Welle war schon gebrochen und nur im Rückblick überhaupt erst sichtbar. China Mieville („Perdido Street Station“, „Der Krake“) und Jeff VanderMeer („Southern Reach“-Trilogie) sind, zumindest in Deutschland, die wohl prominentesten Autoren der Gattung. Aber auch Clive Barker darf, geht es um die Genreverschmelzung und den schriftstellerischen Anspruch, guten Gewissens dazu gezählt werden.

Die Frage stellt sich, warum nun plötzlich von einer neuen Gattung, einem „Next Weird“ gesprochen wird, denn im Kern scheinen sich die Weird-Erzählungen erster Stunde (z.B. aus den „Weird Tales“ und ähnlichen Pulp-Magazinen), die „New Weird“-Vertreter und diejenigen, die nun den „Next Weird“- oder „Weird Renaissance“-Stempel tragen, gar nicht so sehr zu unterscheiden. Sind wir also doch wieder bei Lovecraft? Ja und Nein! Zumindest nicht bei den Themen, die man landläufig mit diesem Autor verbindet und die man kurz auf den Begriff „Tentakel-Horror“ reduzieren könnte. Meist hinterlassen Vertreter, die sich lediglich diese Schreckgestalten von Lovecraft ausleihen, einen eher schalem Nachgeschmack. Die hier enthaltenen, modernen Autoren greifen viel eher die verschleierten Elemente ihrer Vorbilder auf: Die wachsende Erkenntnis, dass der Mensch nicht Herr seines Schicksals ist, das Gefühl, dass die Protagonisten nur Figuren in einem Spiel sind, das weder sie, noch die Leser überschauen können. Ein Spiel, dessen Regeln dem Beteiligten unbekannt bleiben.

„Die Protagonisten sind nicht bizarr, sondern normal, und das Seltsame befindet sich draußen in der Welt und wird durch die Erzählung immer weiter offenbart, anstatt gleich zu Beginn enthüllt und immer weiter neutralisiert zu werden.“ schreibt dazu Timothy J.  Jarvis. Eine andere Stelle desselben Artikels trifft es auf den Punkt, was die Wirkung dieser Geschichten angeht: „Da das undenkbare Ding [..] in einer Welt der gängigen Dinge existiert […], baut sich eine bizarre Schwingung auf.“ So ist es auch für den Leser eine befremdliche Erfahrung, diese Geschichten zu lesen, die sich auf den ersten Zeilenmetern noch ganz normal anfühlen, bis die Ereignisse immer sonderbarer, ja surrealer werden und das Verhalten der Protagonisten immer unvorhersehbarer. Ist man bereit, in diese Erzählungen einzutauchen, bringt man ob dieser „bizarren Schwingung“ seine Synapsen regelrecht zum Glühen und es stellt sich ein Gefühl hypnotischer Benommenheit ein. Nicht selten muss man nach dem letzten Satz erst einmal wieder aus diesem Zustand der Unwirklichkeit in die Realität „auftauchen“. Fans von David Lynch dürfte dieses Gefühl wohl vertraut sein.

T. E. Graus „Screamer“ beginnt als ganz normaler Arbeitstag für Boyd Stansfield, bevor ein regelmäßiges Pfeifen seinen Alltag (oder gar ihn selbst?) verändert. Das Surreale beginnt hier schon mit Stansfields Weg zur Arbeit. Alles um ihn herum, Wohnung, Gebäude, Menschen, Kollegen, werden unterschwellig als gesichtslos und beinahe künstlich charakterisiert.

In Richard Gavins „Verbannungen“ kommt Will nach 20 Jahren zurück nach Hause, um seinem Bruder beizustehen, der von seiner Ehefrau verlassen wurde. Als die Brüder einen Sarg mit einer grotesken Wachsfigur darin aus dem nahen Fluss ziehen, ist dies nur der Beginn einer Reihe absurder Ereignisse.

„Geschäfte“ erzählt von Cal, der bei seinem Kumpel Jerrod eingezogen ist und der hinter einer Tür in der Badezimmerwand ein kurioses Geflecht an Rohren entdeckt, das sich durch das gesamte Haus zieht. Zusätzlich schnappt er verstörende Gesprächsfetzen zweier deutscher Fräuleins aus Jerrods Nachbarschaft auf. Autor Scott Nicolay bleibt dem Leser nähere Informationen über Cal und Jerrod und dem Verhältnis, in dem sie zueinander stehen, schuldig. Groteske Dinge passieren ohne weitere Erklärung und ohne, dass die Protagonisten größeren Anstoß daran nehmen.

In Laird Barrons „Siphon“ nimmt eine mehrtägige Kundenveranstaltung eine zunehmend skurrile Eigendynamik an, nachdem das Gesprächsthema der Runde auf Dämonologie gekommen ist. Hier ist sehr schön das stete abdriften ins Surreale zu beobachten. Die Hauptfigur hat eine gewisse Antenne für diese Schwingungen und den zunehmenden Eindruck, dass sich die Welt um ihn verändert hat bzw., dass er sie plötzlich anders, vollständiger wahrnimmt. „Die Kronen der Bäume, die an der Straße standen, lagen still im Wind, und die Felder, auf die fleckenweise Licht fiel, mündeten in tiefer Finsternis, wie der Horizont eines im Mondlicht schimmernden Meeres. Die Sternenklare Nacht war grenzenlos und kalt, und Lancaster stellte sich Wesen vor, die sich in ihr verborgen hielten, und den Lichtern der Stadt und der Wärme ihrer Einwohner mit hungrigen Blicken nachstellen.“ (Laird Barron: „Siphon“)

Rey, aus Christopher Slatskys „Alectryomancer“, leidet offenbar von Anfang an unter Visionen oder Wahnvorstellungen, die sich nach einem einschneidenden Erlebnis noch verstärken. Von einem brennenden Pferd ist hier die Rede, das Rey immer in einiger Entfernung sieht. Wer denkt dabei nicht an Dalis brennende Giraffen?

Kate erhält in Timothy J. Jarvis‘ „Flyblown“ merkwürdige SMS von ihrer Ex Silviana, bevor diese komplett verschwindet und als vermisst gemeldet wird. Bei der Wohnungsauflösung entdeckt sie einige verstörende Dinge unter Silvianas Sachen, die ab da einen Weg in Kates Realität finden.

Einen Sekundärteil gibt es mit Timothy J. Jarvis‘ Artikel „‚Eine Perichorese, eine Interpretation‘: Gedanken zu ‚N‘“ (der Titel bezieht sich auf Arthur Machens Kurzgeschichte „N“), über die „Darstellungs-Poetik der Weird Fiction“ der durch seinen verkünstelten Aufbau und die zahlreichen Zitate in Originalsprache nicht gerade einfach zu lesen ist. Auch die Aussage des Artikels bleibt unklar. Den Abschluss macht Scott Nicolay, der den von ihm geprägten Begriff „Weird Rennaissance“ erklärt. Eine Kurzbiografie und Infos zu den Autoren leiten die jeweiligen Geschichten ein.

Alles in Allem ist „Nest Weird“ ein Musterbeispiel, was Phantastik-Enthusiasten heute auf die Beine stellen können. Ein Kleinstverlag, der in Eigenregie eine solche Veröffentlichung stemmt, das wäre vor noch einigen Jahren undenkbar gewesen. Angefangen bei der Auswahl der Geschichten über das großartige Covermotiv von Erik R. Andara, das das Ende von Scott Nicolays „Geschäfte“ bildlich aufgreift, bis zu den Übersetzungen von Christian Veit Eschenfelder. Zumindest muss man attestieren, dass den Erzählungen auch im Deutschen eine verstörende Stimmung zu eigen ist. Doch bleibt die Frage, warum einige Wörter gar nicht übersetzt wurden (Sodiumlampe, Tangerine). Der Druck ist dank der Amazon Print on demand Druckdienste nur Formsache. Das Buch kommt mit stolzen 240 Seiten und im Format von 17×26 cm daher, wobei die Seitenränder, besonders bei den Stories, sehr großzügig ausfallen. Als Ergänzung ist eine Liste von Veröffentlichungen enthalten, die der „Next Weird“ zugerechnet werden. Hauptsächlich sind das englischsprachige Titel, doch finden sich auch einige deutsche Publikationen (Bernhard Reicher & Dr. Nachtstrom (Hrsg.): „Visionarium Magazin“, Michael Perkampus (Hrsg.): „Miskatonic Avenue“, Daniel Schenkel & Mario Weiss (Hrsg.): „This weird World“) bzw. solche, die in deutscher Übersetzung erhältlich sind (Thomas Ligotti: „Grimscribe – Sein Leben und Werk“, Jeff VanderMeer: „Southern Reach Trilogie“, Laird Barron: „Hallucigenia“, etc.)

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