Paul und das Schattengeflüster

Cover des Buches Paul und das Schattengeflüster (ISBN:9783869992174)
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Inhaltsangabe zu "Paul und das Schattengeflüster"

Es war unmittelbar nach dem Mauerfall vor ungefähr einem Jahr, da lernte ich in einer Teestube Paul kennen. Er trug eine kleine Brille mit starken Gläsern, saß in einer Ecke und las. Ich setzte mich zu ihm an den Tisch. Über die Zeitung hinweg beobachtete ich ihn. Sein Gesicht war mager und unrasiert, seine Augen klug und wachsam. Als er einmal von seinem Buch aufsah und die Leute im Raum betrachtete, sprach ich ihn an.
„Ich habe von dem Autor noch nie gehört.“, sagte ich und deutete auf den Umschlag des Buches.
Er trank aus seiner Tasse und schwieg. Irritiert wandte ich mich wieder meiner Zeitung zu und ärgerte mich, ihn überhaupt angesprochen zu haben. Plötzlich schob er mir das Buch zu.
„Es ist gut. Sie sollten es lesen.“
Aus Höflichkeit betrachtete ich es eine Weile und überflog die Rückseite.
„Ich fürchte, der Inhalt ist mir zu anstrengend.“, lachte ich und gab es ihm zurück.
„Man kann die kompliziertesten Dinge verstehen.“, meinte er leise, fast flüsternd. „Es kommt nur darauf an, wie sehr man von einer geschilderten Sache fasziniert ist.“
Ich nickte. Seine Augen irrten ab, und er wandte sich wieder dem Buch zu. Ich räusperte mich und las weiter in meiner Zeitung.
Von nun an trafen wir uns öfter in dieser Teestube. Und da unsere Gespräche, die anfangs ziemlich kurz waren, allmählich einen interessanten Verlauf nahmen, vertieften wir die Bekanntschaft zueinander. Wir machten Spaziergänge, besuchten Museen und kulturelle Veranstaltungen. Eines Abends lud er mich in seine Wohnung ein. Sie war kaum größer als vierzig Quadratmeter und vollgestopft mit alten Gerätschaften, alten Möbeln, alten Büchern. Mit einem Grammophon spielte er Chansons ab. Die Musik rauschte nostalgisch, wie in einem Film aus den Dreißigern. Ich saß in einem großen geblümten Sessel und trank Tee. Ich war müde, die Musik stimmte mich schläfrig. Versonnen hing ich meinen Gedanken nach und konnte Pauls Ausführungen kaum folgen. Er sprach an diesem Abend ungewöhnlich viel.
„Nur so ist ein Neuanfang zu erklären.“, betonte er lebhaft. „Nur so ist Veränderung möglich: in der Erkenntnis des Letztendlichen; in der Erkenntnis des Unsterblichen. Wir müssen begreifen, dass wir der Erlösung bedürfen.“
Plötzlich stand er auf, um aus einer Mappe frühere Aufzeichnungen hervorzuholen. Er zögerte.
„Als Autor wirst du bloß auf meine Fehler achten.“
Ich atmete tief, wollte ihn nicht spüren lassen, wie erschöpft und lustlos ich war. Doch was er vorlas, erregte allmählich mein Interesse. Und nachdem er einige Abschnitte gelesen hatte und die Blätter wieder weglegte, bat ich ihn, mir den gesamten Ordner zu überlassen.
„Vielleicht lässt sich ein Buch daraus machen?“
Er sah mich irritiert an. Dann schüttelte er langsam den Kopf, klappte die Mappe zu und verstaute sie in der Schublade.
Geraume Zeit später kam er eines Abends in die Teestube und überreichte mir wortlos den Ordner. Aus den losen Blättern, die er mir gab, rekonstruierte ich das Jahr einer bis zum tiefsten Abgrund, ja bis zum entlegensten Seelengrund gefühlten Sinnkrise, die im Todeskampf ihren Triumph feiern wollte, aber letztendlich einer unerwarteten Erkenntnis weichen musste.
Pauls Gedichte, die ich in seinen Notizen gefunden habe, und einige seiner spontanen Aussagen, sind in die Schilderung hineinverwoben.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783869992174
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:262 Seiten
Verlag:Vier Jahreszeitenhaus
Erscheinungsdatum:23.09.2013

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