Ein unveröffentlichtes Manuskript des später hochgeschätzten Publizisten Sebastian Haffner wurde entdeckt und mit vielen Vorschusslorbeeren versehen. In jungen Jahren, als er noch Raimund Pretzel hieß, hatte Haffner diesen Text im Herbst 1932 in kaum mehr als einem Monat verfasst, um seine Zeit mit einer jungen Frau in Paris und davor in Berlin noch einmal Revue passieren zu lassen. Der renommierte Hanser-Verlag hat nun mit Einverständnis der Nachfahren diesen Text als Roman herausgebracht.
Er schildert die letzten Stunden in Paris, ehe Raimund nach Berlin muss, wo ihn die wenig beglückende Existenz eines Rechtsreferendars erwartet. Zurück lässt er Teddy, um die sich alles dreht. Nicht nur Raimund ist von ihr bezaubert, auch andere umschwärmen die junge Frau, die nach Paris gegangen ist, um an der Sorbonne zu studieren und sich mit Gelegenheitsaufträgen ein Einkommen zu verschaffen, etwa durch Übersetzen von Briefen. Sie beherrscht mehrere Fremdsprachen, Raimund zu diesem Zeitpunkt keine einzige. Das hindert ihn aber nicht, gemeinsam mit einem anderen Verehrer der jungen Frau zu behaupten, dass es mit Teddys Bildung nicht weit her sei, weil sie den chinesischen Dichter Li-Tai-Po nicht kennt.
So plätschern sie dahin, diese Abschiedsstunden, mit Gerede, Erinnerungen, Treffen in der Pension, im Café, im billigen Bistro. Es gibt Kabbeleien der gerade-noch-und bald-nicht mehr-Verliebten – „Wir hatten uns hübsch oft gezankt in diesen vierzehn Tagen.“ –, Eifersüchteleien und Versöhnungen. Teddy und Raimund gehen in den Louvre, wo „Gekreuzigte, Gespießte und Durchpfeilte“ hängen, fahren rasch noch auf den Eiffelturm und essen mit Teddys Bekannten.
Hastig mit vielen „und“ schildert Raimund Pretzel, wie er Teddys neue Welt und Freunde (mehrheitlich männlich) erlebt, schreibt die Stimmung herbei, die in Paris herrscht: „Alles trug Baskenmützen, und man sah die herrlichsten und kühnsten Gesichter darunter, und alles lachte und war guter Laune und kannte und begrüßte sich, und es war wundervoll anzusehen.“ Er hört „zierliches französisches Geschwätz“ von vorbeigehenden Frauen und kann Paris doch nicht so recht genießen, denn das Ende der Beziehung ist bereits angelegt. Auf dem Eiffelturm denkt er: „Es war gar nichts mehr von allem da, was vorhin gewesen war. Der Trocadéro nicht und der Champ de Mars, und der Maronenhändler, und die Straßenbahn, und der Pfeifer von Manet und das runde Sofa im Louvre – es war, als käme jemand gegangen und wischte alles mit einem nassen Schwamm von der Schreibtafel weg.“
Und dann ist es so weit, der Abschied am Gare du Nord. „Auf den Bahnsteigen war überall lebhafte Bewegung, Lokomotiven rangierten prustend, und Züge stellten sich zurecht und hockten lang und schwarz auf den Schienen.“ Auch Raimunds Zug wartet schon. Teddy wird nicht nachkommen. Sie hat „Angst vor Berlin“, ahnt vielleicht das herannahende Unheil.
Das ist aber nicht Thema des Romans, der nichts anderes zeigt als den damaligen Zeitgeist unter jungen nach Paris gekommenen Leuten, Migranten ohne Zwang, sowie das Ende einer Liebe, die einst groß erschienen ist, als Teddy und Raimund in Berlin Tennis spielten und die nächtliche Stadt durchstreiften.
Dass Teddy ein reales Vorbild hat, wird im Nachwort erklärt. Für den Autor, der uns im Roman mit seinem literarischen Alter Ego begegnet, war sie die Liebe seines Lebens, selbst wenn die Beziehung nur kurz dauerte und später in freundschaftliche Kontakte mündete zwischen zwei emigrierten und mit anderen verheirateten Menschen, die im Ausland Fuß zu fassen versuchten, er erfolgreich und unter dem Namen Sebastian Haffner als Journalist in Großbritannien, sie mit Volkshochschulkursen für Französisch und Kochen in Schweden. Das liest sich durchaus erhellend. Und der Roman selbst? Er bringt das Lebensgefühl einer schon damals verlorenen Generation zu Papier, tut dies jedoch ohne Spannungsbogen und mit zuweilen recht langatmigen Gesprächen, die in zeilenlangen „Doch“-„Nein.“-„Doch“-Auseinandersetzungen münden. Als Ausgangspunkt dessen, was den späteren Sebastian Haffner ausmachte, ist der Text interessant, als Roman nur bedingt.