Ich stehe total auf Schauerromane, die im viktorianischer Zeit spielen. So auch "Das Gemälde von Ashton Manor". Die Atmosphäre ist super und man folgt dem Protagonisten bei seiner Erzählung.
Die Dynamik zwischen ihm und der Situation um seinen sterbenden Großvater ist gut gelungen. Auch zwischenmenschlich kann die Autorin das Verhältnis zur Verlobten gut in Szene setzen und interessant gestalten.
Leider gerät dadurch das eigentliche Thema des Buches in den Hintergrund. Die Novelle lässt sich zu Anfang recht viel Zeit, was für die Art dieses Literaturtypus ungewöhnlich ist.
Die Dialoge sind in Ordnung, gehen jedoch über ein recht oberflächliches Geplänkel nicht hinaus. Hier hätte die Autorin mehr Tiefe einbauen können und somit auch die Charaktere besser ausgestaltet.
Leider hat mich das Ende der Novelle mit einem Kopfschütteln zurückgelassen, weil es alles, was die Autorin mühevoll aufgebaut hat, zerstört. Der Protagonist wird als ängstlich und vermeidend dargestellt, er kann es kaum ertragen, seinen Großvater sterben zu sehen und als es dann geschieht, entfernt er sich von der Beerdigung und von den bekannten Personen seines Umfeldes um .... : Und hier biegen sich mir die Fingernägel hoch - er flüchtet sich in die Arme eines Gemäldes. Also zumindest der Person in dem Gemälde.
Um Himmels Willen: Er ist ängstlich und bricht psychisch fast vollends zusammen wegen des Todes seines Großvaters und dann hat er nichts besseres zu tun, als sich in eine vollkommen verstörende Begegnung zu flüchten, die selbst John Sinclair Angst gemacht hätte? Und dann entwickelt sich eine vollkommen unpassendes Liebesgeschmachter bei ihm, was erklären soll, warum er nicht mehr Fragen stellt?
Das war tatsächlich zu viel Plothole auf einmal, zumal die Novelle damit auch an ihr Ende kommt. Das ist zu schnell, zu fahrig und die wirklich interessanten Themen werden von der Autorin nicht aufgegriffen. Was hat es mit dem Gemälde auf sich? Welches abstrusen Physik liegt die Gemäldewelt zugrunde? Was kommt hinter dem, was das Gemälde nicht mehr abbildet?
Alles Fragen, die mich als Leser wirklich interessieren und die mit den Fähigkeiten der Autorin bestens in Szene gesetzt werden hätten können - doch sie lässt es enden.
Der Novelle hätten da gut 10k - 20k Wörter gutgetan und da macht es ein Anhang zur Geschichte, auch nicht besser.
Ich kann nur empfehlen einen zweiten Teil zu schreiben und die Geschichte sich weiterentwickeln lassen. In einem Zug gelesen, kann es das Tief nämlich wieder gutmachen - das Potenzial ist da.
Zur Technik: Ich kann den Verlag nicht verstehen. Die Geschichte ist im Präsens geschrieben. Warum? Das ist die denkbar schlechteste Wahl mit der eingeschränktesten zeitlichen Varianz. Hatte der Text tatsächlich ein Lektorat? Vor allem, weil eine gegenwärtige Erzählung aufgrund des Endes keinen Sinn macht.
Dann sind in im Text massig Fehler, besonders zu Anfang. Hier sollte man bei einer Neuauflage noch einmal genauer schauen. Zum Teil werden auch Erzählweisen falsch verwendet. (Ich muss hier aber dazusagen, dass diese Punkte nicht in die Wertung einfließen, da ich nicht weiß, wieviel Einfluss die Autorin darauf hatte.)
Fazit: "Das Gemälde von Ashton Manor" hat massig Potential. Die Atmosphäre ist gelungen und auch die zwischenmenschlichen Beziehungen sind interessant. Der Liebeswahn des Protagonisten ist verstörend fehl am Platz und die Thematik des Gemäldes geht darin vollkommen unter. Das Ende wirkt gehetzt und verschenkt dadurch das immense Potential der Novelle.
Nichts desto trotz, lohnt sich das Lesen. Denn wer eine lineare Story genießen will, der wird zumindest bei 3/4 des Buches auf seine Kosten kommen. Ich hoffe, es gibt eine Fortsetzung, die den Frust des Endes ausbeult!











