Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm

von Selja Ahava 
4,1 Sterne bei71 Bewertungen
Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm
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Neue Kurzmeinungen

Positiv (54):
Kelo24s avatar

Gibt einen Eindruck, wie es Alzheimer Patienten gehen muss, denen nicht mehr die Erinnerungen bleiben... sehr berührende Geschichte

Kritisch (3):
T

Ein Buch zu dem ich leider gar keinen Zugang gefunden habe...

Alle 71 Bewertungen lesen

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Inhaltsangabe zu "Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm"

Ein zauberhafter Roman über die Kraft der Wörter und der Fantasie

'Wäre es möglich, Augenblicke einzufrieren, würde ich diesen in eine Plastikdose legen. Dann könnte man den Winter über davon zehren.' Als es Anna immer weniger gelingt, ihre Erinnerungen festzuhalten, und ihr Gedächtnis langsam unzuverlässiger wird, klammert sie sich an Wortlisten ('Stein, Birke, Gras, Stuhl') und erfindet Wörter für Dinge, die keinen Namen haben.
Im Lauf der Jahre trotzt sie den Zumutungen des Alltags mehr und mehr mit ihrer Vorstellungskraft. Als alte Frau blickt Anna zurück auf ihr Leben, so, wie sie sich daran erinnert, an schöne wie an schwere Momente, an die Zeit in Finnland wie auch den Neuanfang mit Thomas in England. Vor allem erinnert sie sich an ihr Häuschen mit den blauen Vorhängen auf einer Schäreninsel, inmitten von Möwen, Schilf und krummen Kiefern, wo sie die Sommer mit ihrer großen Liebe Antti verbrachte – und natürlich an den Tag, an dem ein Wal durch London schwamm.

Ein Roman aus Finnland zum Thema Erinnern und Vergessen, aber auch über die Kraft der Wörter und der Fantasie: märchenhaft, tragikomisch, menschlich – und mit einer unvergesslichen Heldin!

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783866481824
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:224 Seiten
Verlag:mareverlag
Erscheinungsdatum:04.02.2014
Das aktuelle Hörbuch ist am 14.08.2014 bei Lindhardt og Ringhof Forlag erschienen.

Rezensionen und Bewertungen

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    Federfees avatar
    Federfeevor 2 Jahren
    Ein trauriger, poetisch geschriebener Roman über die demente Anna

    "Anna verlor Sachen, Stunden und Wörter." (89) - "Mein Gedächtnis funktioniert nicht mehr … Früher musste ich nach ein, zwei Wörtern suchen. Heute kommen mir ganze Gedanken abhanden. Aber ich habe Erinnerungen." (11)

    Und in diesen Erinnerungen geht es weniger um den Titel gebenden Wal, der sich tatsächlich mal in die Themse verirrt hatte, sondern um ihre große Liebe Antti, der bei einem Verkehrsunfall starb, und um den Neuanfang in London, wo sie den jüngeren Thomas kennenlernte.

    Nach und nach erfahren wir von ihrem früheren Leben, aber so verworren und ungeordnet, wie es wohl tatsächlich in Annas Gehirn vor sich geht. Darauf muss man sich als Leser einlassen können. Ich gestehe, ich habe das Buch nach ca. einem Viertel beiseite gelegt, habe es dann aber doch zu Ende gelesen. Bereut habe ich es nicht, aber es ist kein Buch, das fröhlich macht. Außerdem gibt es ganze Passagen, wo man als Leser nicht weiß, ob es tatsächlich so passiert ist oder ob Anna es sich so zusammenreimt.

    "Manchmal stiegen Teilchen der Erinnerung vom Krankenbett in die Luft auf, fingen an zu tanzen und gerieten kreuz und quer durcheinander." (13)

    Was mir gut gefallen hat, ist nicht nur die poetische unverbrauchte Sprache der finnischen Autorin (im Deutschen gelungen durch die gute Übersetzung), sondern auch Annas Umgang mit Sprache. Immer schon stellte sie Listen zusammen, beschrieb so ihr Häuschen auf einer Insel. Dabei versuchte sie, Ungenaues zu vermeiden, vor allem "unnötige Schilderungen, undeutliche Formulierungen und Meinungsadjektive wie schön, hässlich, unauffällig. - Statt 'schadhaftes blaues Handtuch' sagte sie lieber 'blaues Handtuch mit drei Löchern'. "

    Dieser skizzenhafte Umgang mit Sprache gefällt mir. Er ist für Tagebücher oder Reisenotizen geeignet.

    "Später stellte Anna fest, dass das Aufschreiben der Listen eine gute Methode war, innezuhalten und sich zu sammeln."

    Dieses Buch ist traurig-melancholisch, aber so mancher wird in seiner Verwandtschaft oder Bekanntschaft mit dementen Personen zu tun haben oder zu tun bekommen. Da ist es nicht schlecht, sich ein wenig in diese Welt einfühlen zu können. Das – so finde ich – ist der Autorin nicht nur inhaltlich gut gelungen, sondern auch in einer poetischen bildhaften Sprache.

    Kommentare: 6
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    engineerwifes avatar
    engineerwifevor 3 Jahren
    Auch ich schreibe bereits Listen ...

    Wow, gerade ausgelesen. Ein Buch, bei dem ich mich erstmal besinnen muss. Ein Buch über meinen eigenen persönlichen größten Albtraum … Demenz, Alzheimer … in welcher Form auch immer er einen ereilen kann. Die Protagonistin Anna erlebt ihn am eigenen Leib, immer mal wieder und dann auch immer mal wieder nicht. Beim Lesen des Buches fragt man sich, für wen ist die Krankheit schlimmer, für den Kranken oder die Menschen in ihrer Umgebung. Man könnte dutzende Beispiele aus dem Buch nennen … z. B. „Wo ist meine gelbe Decke, nach der habe ich schon so lange gefragt, keiner kommt zu Besuch und bringt sie mir!“ … In Wahrheit kommt jeden Tag jemand zu Besuch und die Decke liegt schon lange da … erschütternd, denn an Demenz stirbt man nicht, es ist eine Krankheit mir der man Jahre lang leben kann, aber lebt man wirklich?

    Den halben abgezogenen Stern  vergebe ich für die am Anfang doch sehr schwierige Weise, sich in das Buch einzufinden.

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    Phlieges avatar
    Phliegevor 4 Jahren
    Kurz, aber mehr braucht es auch nicht

    Anna wird alt und lebt allein. Eigentlich vergisst sie Dinge, aber dabei hält sie sich vielmehr an Einzelheiten fest und beschreibt mit Listen von Wörtern Orte und Erlebnisse. Alles was im Nebel liegt, bleibt für den Leser unerreichbar, weil Anna es nicht fassen kann. Und daher steht das Vergessen nicht so sehr im Vordergrund wie man nach dem Buchrücken meinen könnte.

    Vielmehr geht es um Verlust und Einsamkeit und zeigt auf tragische Weise, wie sehr man sich selbt mit geliebten Menschen verlieren kann. Und das Zeit nicht alle Wunden heilt.

    "Der Tag an dem ein Wal durch London schwamm" ist ein Buch voller Erinnerungsschnipsel, die unvollständig Annas Geschichte erzählen, das aber in einer gut durchdachten und teilweise poetischen Sprache daherkommt. Einziges Manko: Die Protagonisten war schon soweit entfernt von allem, dass die Distanz zwischen ihr und dem Leser doch sehr groß scheint.

    Auch wenn es hier nicht allzu sehr durcheinander geht, sind Freunde der guten Chronologie, abgeschlossenen Geschichten und klarer Abgrenzung von Realität und Wirklichkeit hier nicht gut aufgehoben.
    Aber wer gerne einmal Innehalten und nachdenken möchte und Traurigkeit in einem Buch schätzt, dem kann ich dieses kurze Lesevergnügen empfehlen.

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    vielleser18s avatar
    vielleser18vor 4 Jahren
    Kurzmeinung: Ein sehr guter Eindruck über eine Alzheimer Patientin.
    Vergessen

    Anna wohnt in einem Pflegeheim, sie versucht sich zu erinnern, doch ihre Erinnerungen und ihre Persönlichkeit verschwinden mehr und mehr in einem Nebel. Sie leidet seit vielen Jahren an Alzheimer, die Krankheit bekam sie schon früh, mit vierzig waren die ersten Anzeichen zu sehen. Nun bleiben nur noch Fetzen ihrer Erinnerungen, alles verschiebt sich, wird nicht nur für sie unverständlich und manchmal auch beängstigend.

    In diesem Buch lebt man direkt mit Anna mit. Ihre Geschichte zeigt auch dem Leser, wie sie fühlt, denkt, lebt. Was ist wahr, was ist Wahn ? Der Leser  weiß es ebensowenig wie Anna.

    „Es gibt keine einheitliche Geschichte, es gibt erleuchtete Augenblicke, und der Rest ist Finsternis“.

    Sind die Erinnerungen von Anna anfangs nur ab und an durcheinander, bekommt ihre Krankheit mit einem Schicksalsschlag ernormen Schub. Von da an werden die Erzählsequenzen deutlich kürzer und verwirrender, geht es doch Anna von nun an rasend schnell schlechter.

    Auch die Geschichte verwirrt mehr und mehr, man bleibt als Leser verwirrt zurück, immer mehr Lücken tun sich in Annas Lebenslauf auf - doch dadurch versteht man Annas Verwirrtheit und Zustand - ist es doch ihre eigene Geschichte, die sie selber immer mehr vergisst.

    Diese Geschichte gibt einen erstaunlichen und beängstigenden Einblick in den Kopf einer Alzheimer Patientin, einer Frau, die sich vor unseren Augen auflöst, von der nicht viel als Hülle bleibt....und verwirrende Gedanken.

    Ach könnte man doch, "Augenblicke einfrieren und in Plastikdosen einfrieren, um in Winter davon zehren zu können" -  doch unser Gedächnis lässt uns leider oft im Stich. Annas Geschichte geht unter die Haut  und sensiblisiert das Thema Alzheimer und Demenz.

    " Anna war die Zeit zwischen den Händen zerfallen. Wie eine Flickendecke
    lag sie auf ihren Knien, alle Stücke gleich groß und gleich weit
    voneinander entfernt. Anna betrachtete sie verwundert, ohne darin eine
    größere Logik zu erkennen."


    Genau so hat die Autorin Selja Ahava auch diese Geschichte erzählt, ein Flickenteppich ohne Logik. Stückchen für Stückchen aneinander gereiht - so ergeben sie ein Gefühl dafür, wie es Menschen mit Alzheimer ergeht.

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    19angelika63s avatar
    19angelika63vor 4 Jahren
    Kurzmeinung: Die Autorin schafft es durch ihre Art zu schreiben, dass der Leser einen Eindruck davon bekommt, wie sich das Vergessen anfühlen muss.
    „Steine, Birke, Gras, Stuhl, Steine, Birke, Gras, Stuhl.“

    Klappentext
    „Wäre es möglich, Augenblicke einzufrieren, würde ich diesen in eine Plastikdose legen. Dann könnte man im Winter über davon zehren.“
    Nach dem Verlust ihrer großen Liebe Antti fühlt sich auch Anna wie aus der welt gefallen: Als es ihr immer weniger gelingt, ihre Erinnerungen festzuhalten, und ihr Gedächtnis langsam unzuverlässiger wird, klammert sie sich an Wortlisten („Stein, Birke, Gras, Stuhl“) und erfindet Wörter für Dinge, die keinen Namen haben. Mit den Jahren trotzt sie den Zumutungen des Alltags mehr und mehr mit ihrer Vorstellungskraft.
    Als alte Frau schließlich blickt Anna zurück auf ihr Leben, so, wie sie sich daran erinnert, an schöne wie an schwere Momente, an die Zeit in Finnland wie auch den Neuanfang mit Thomas in England. Vor allem denkt sie an ihr Häuschen mit den blauen Vorhängen auf einer Schäreninsel, inmitten von Möwen, Schilf und krummen Kiefern, wo sie die Sommer mit Antti verbrachte – und natürlich an den Tag, an dem ein Wal durch London schwamm …



    „Anna war die Zeit zwischen den Händen zerfallen. Wie eine Flickendecke lag sie auf ihren Knien, alle Stücke gleich groß und gleich weit voneinander entfernt. Anna betrachtete sie verwundert, ohne darin eine größere Logik zu erkennen.
    Manchmal stiegen Teilchen der Erinnerung vom Krankenbett in die Luft auf, fingen an zu tanzen und gerieten kreuz und quer durcheinander. Dann musste Anna lachen (…)“ (Seite 17)

    Dieser ungewöhnliche Roman beschreibt die Geschichte von Anna und von ihrem Versuch gegen das Vergessen anzukämpfen. Nach dem Tod ihrer großen Liebe Antti bemerkt sie es das erste Mal, das sie bestimmte Dinge anfängt zu vergessen. Sie kämpft dagegen an, in dem Sie Liste fertigt. Zuerst ganz einfache Listen, in denen sie einzelne Worte festhält. So wie sie es früher im Spiel mit Antti gemacht hat. Doch mit der Zeit vergisst sie immer mehr, bringt sich und andere in Gefahr. Immer öfter versucht sie gegen das Vergessen anzukämpfen. In schlimmen Tagen kann sie sich nur mit ihren Listen über Wasser halten. Aber irgendwann vermischt sich alles in ihrem Kopf. Sie weiß irgendwann nicht mehr, was ist die Realität und was ist die Vergangenheit …

    „Anna drückte die Kinder erneut an sich, alle sechs kleine Knäul, aus Teig entstanden und in der Schokoladenschublade gefunden, als Balkonblume gesprossen und dem Sofakissen entwachsen. Sie sah zu, wie die Kinder durch den Metalldetektor gingen, mit Postkarten in der Hand, mit Annas guten Wünschen und einem leeren Koffer im Gepäck, und in den Wind der Welt zurückkehrten.“ (Seite 206)

    Mich hat diese Geschichte sehr bewegt. Auch wenn ich am Anfang große Probleme hatte der Geschichte zu folgen. Denn die Autorin Selja Ahava bemächtigt sich einem sehr eigenwilligen Stil. Sie schreibt so sprunghaft wie Annas Erinnerungen sind. Man muss sehr langsam und genau lesen, weil man jederzeit wieder mit einem Zeitsprung und/ oder Szenenwechsel rechnen muss. Mich hat das fasziniert, weil ich glaube, dass die Autorin damit aufzeigen möchte, wie es sich anfühlen muss, wenn man beginnt zu vergessen. Das es eben keine zusammenhängenden Erinnerungen mehr gibt, dass alles verschwommen und zerfallen ist. Das der Mensch, der anfängt zu vergessen keine Macht hat dies aufzuhalten und sich den Erinnerungen die kommen einfach hingeben muss. Selja Ahava zeigt was für ein Chaos im Kopf herrschen muss, und bringt dieses Chaos gekonnt aufs Papier.

    „Bald würde es dunkel werden. Früher oder später würde es sehr dunkel werden, und dagegen konnte Anna nichts tun. Die Worte verschwanden, die Erde rieselte, und die Steine kollerten. Da waren Gesichter, da waren Stühle, was immer da auch war, neuerdings war alles so schwierig. Man musste in den Löchern suchen und sich die Namen überlegen, doch auch das war es nicht. Aber es war sehr traurig.“ (Seite 211)

    Sicherlich kein einfaches Buch und kein einfaches Thema. Doch die Autorin schafft es, dies mit sehr leisen, gefühlvollen und nachdenklichen Tönen umzusetzen. Unbedingt lesen!

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    lesebiene27s avatar
    lesebiene27vor 4 Jahren
    Was tun, wenn die Erinnerungen verschwinden

    Anna bekommt immer mehr Probleme ihre Erinnerungen festzuhalten und versucht sich Hilfe zu schaffen mit Listen und erfundenen Wörtern, die für sie keinen Namen mehr haben. Sie blickt auf ihr Leben zurück und berichtet von schweren und leichten Momenten in ihrem Leben, von ihrem Leben in England und Finnland.

    Das Buch ist sehr berührend geschrieben und hat mich als Leser sofort gefangen genommen. Ich fand die Beschreibungen aus dem Leben von Anna sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart sehr einfühlsam und bewegend.

    Der Sprachstil ist wundervoll gestaltet und nimmt den Leser mit auf eine Reise, die zwar nicht chronologisch geschrieben wurde, aber dennoch ergreifend ist

    Anna ist eine Figur, die mir von Beginn an sympathisch war und der ich gerne gelauscht habe, wie sie versucht ihr Leben mit den Einschränkungen durch das Vergessen zu leben.

    Das Buch war für mich toll zu lesen und hat mich berührt, sodass ich ihm gerne 5 von 5 Sternen geben möchte.

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    Arizonas avatar
    Arizonavor 4 Jahren
    Am Anfang war die Insel oder Ein Leben mit Demenz

    Anna blickt rückblickend aus dem Altenheim auf ihr Leben, doch dieses liegt - aufgrund ihrer Demenz - wie eine Flickendecke zu ihren Füßen: "Anna war die Zeit zwischen den Händen zerfallen. Wie eine Flickendecke lag sie auf ihren Knien, alle Stücke gleich groß und gleich weit voneinander entfernt. Anna betrachtete sie verwundert, ohne darin eine größere Logik zu erkennen."


    Sie verliert den Überblick, kommt nicht mehr so gut klar, aber eins weiss sie noch: "Am Anfang war die Insel" - und dort, an der finnischen Küste, lebte sie mit ihrem Mann Antti. Nur sie beide, fernab der Zivilisation, jeden Sommer, nur mit dem Boot erreichbar. Mit ihm war sie so fest verwurzelt wie die Kiefer mit dem Felsen. Doch dann gab es da später noch ein zweites Leben, und zwar mitten in London, mit Thomas. Auch daran hat sie noch bruchstückhafte Erinnerungen. Hier treten auch spätestens die ersten psychischen Probleme auf, ich denke eine Art Depression. Und eben hier ist auch das titelgebende Ereignis, als ein Wal sich in die Themse verirrt hat - heimat- und orientierungslos, wie Anna selbst auch.  

     Anna fällt es zunehmend schwer, Ordnung in ihr Leben zu bringen, daher versucht sie sich mit Hilfe von Listen zu orientieren, indem sie einfach Dinge aufzählt. Es gibt auch einige surreale Szenen, so bekommt sie Besuch von Gott, geht mit ihm spazieren und raucht Zigaretten, und sie hat imaginäre Kinder. Der Leser weiss selbst nicht immer, was real ist und was nicht bzw. wie das alles zu erklären ist - aber gerade das ist der Clou an der Sache, man kann Annas Verwirrung dadurch so gut nachvollziehen. Man merkt, wie es sich anfühlt, die Orientierung zu verlieren. Und so steigert sich dieser Wechsel zwischen Fiktion und Realität zum Ende des Buches auch noch. Die alten Erinnerungen an die Insel sind noch recht klar, in London schon etwas verschwommen, aber im Altenheim selbst verliert sie immer mehr den Überblick. 

    Dieses Debüt der finnisches Autorin ist in einer wunderschönen, klaren Sprache geschrieben. Es verzaubert einen, vor allem in den Naturbeschreibungen von der Insel. Ein Buch ohne Kitsch, ohne Klischees, sondern voller Glaubwürdigkeit. Eine Geschichte über ein Leben wie ein Flickenteppich; ein Leben, das dabei ist sich aufzulösen - und dabei doch mit einer gewissen Leichtigkeit erzählt.

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    Seehase1977s avatar
    Seehase1977vor 4 Jahren
    Kurzmeinung: Ein wunderbar berührendes und leises Buch über das Vergessen.
    Wunderbar berührend

    Klappentext/Zusammenfassung:

    »Wäre es möglich, Augenblicke einzufrieren, würde ich diesen in eine Plastikdose legen. Dann könnte man den Winter über davon zehren.« Als es Anna immer weniger gelingt, ihre Erinnerungen festzuhalten, und ihr Gedächtnis langsam unzuverlässiger wird, klammert sie sich an Wortlisten (»Stein, Birke, Gras, Stuhl«) und erfindet Wörter für Dinge, die keinen Namen haben. Im Lauf der Jahre trotzt sie den Zumutungen des Alltags mehr und mehr mit ihrer Vorstellungskraft.
    Als alte Frau blickt Anna zurück auf ihr Leben, so, wie sie sich daran erinnert, an schöne wie an schwere Momente, an die Zeit in Finnland wie auch den Neuanfang mit Thomas in England. Vor allem erinnert sie sich an ihr Häuschen mit den blauen Vorhängen auf einer Schäreninsel, inmitten von Möwen, Schilf und krummen Kiefern, wo sie die Sommer mit ihrer großen Liebe Antti verbrachte - und natürlich an den Tag, an dem ein Wal durch London schwamm.
    Ein Roman aus Finnland zum Thema Erinnern und Vergessen, aber auch über die Kraft der Wörter und der Fantasie: märchenhaft, tragikomisch, menschlich - und mit einer unvergesslichen Heldin!

    Meine eigene Zusammenfassung spare ich mir aufgrund der doch sehr detaillierten von Amazon mal wieder.

    Selja Ahava hat mit ihrem Debüt „Der Tag an dem ein Wal durch London schwamm“ ein sehr berührendes und melancholisches Buch über das Vergessen geschrieben. Die Autorin erzählt von der Protagonistin Anna und deren Leben, das dem Leser bruchstückhaft und in verschiedenen Teilen vorgestellt wird. Zugegeben ist es etwas verwirrend, da Annas Lebensgeschichte und ihre Erinnerungssprünge nicht chronologisch beschrieben werden. Es ist auch nicht ersichtlich, ob Anna nun an Demenz leidet oder einfach nur Dinge aus ihrem Leben verdrängt, hier bleibt dem Leser Freiraum für eigene Vermutungen und Gedanken. Anna und ihre Geschichte hat mich bezaubert und berührt. Ein wunderschönes, leises Buch für das ich gerne eine Empfehlung ausspreche.

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    sofies avatar
    sofievor 4 Jahren
    Wunderbar!

    „Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm“ von Selja Ahava ist ein sehr berührender, wunderschön geschriebener und beeindruckender Roman. Besonders die poetische Sprache hat mir gefallen und macht dieses Buch zu etwas ganz besonderem.

    Es geht um Anna, der es immer schwerer fällt, sich an Dinge zu erinnern. So gerät in der Erzählung ihres Lebens einiges durcheinander, doch der Leser kann teilhaben an vielen schönen und vielen sehr traurigen Momenten. Sie erinnert sich an ihr Leben mit ihrem Freund Antii auf einer kleinen Insel, an ihren Neuanfang mit Thomas in London, an ihr Leben als alte Frau zunächst bei ihrem Bruder und später im Altersheim. Ihr ganzes Leben lang liebt Anna Listen und versucht damit ihre Welt zusammenzuhalten. Sie beschreibt Räume ganz klar, indem sie die Dinge aufzählt, die sich darin befinden. Und sie schafft sich auch ihre eigene Fantasiewelt, um mit dem teilweise harten Alltag zurecht zu kommen.

    Ein sehr feiner, wirklich lesenswerter Roman!

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    rumble-bees avatar
    rumble-beevor 4 Jahren
    Kurzmeinung: Selten haben für mich Form und Inhalt in einem so sinnvollen Verhältnis gestanden wie bei diesem Buch!
    Form und Inhalt in perfekter Symbiose

    In letzter Zeit scheint es Mode zu werden, Bücher über Demenz und Gedächtnisstörungen zu schreiben. Vielfach wählen Autoren einfach die biographische Form, und beschreiben den Werdegang eines Erkrankten. Die finnische Autorin Selja Ahava ist einen anderen Weg gegangen. Sie erzählt die erfundene Geschichte der ebenfalls erfundenen Figur Anna - aber auf eine solche Art und Weise, dass sich der Leser genauso fühlt wie die Protagonistin!

    Anna stammt aus Finnland, hat aber auch in England gelebt. Zum Zeitpunkt der Rahmenhandlung ist Anna alt und lebt im Heim. Von hier ausgehend, werden Episoden aus ihrem Leben vor dem Leser ausgebreitet. Das funktioniert sehr sprunghaft, eben so, wie es auch Anna erlebt: wie eine Flickendecke. Dem Leser wird die Perspektive eines Menschen mit Gedächtnisstörungen geradezu aufgezwungen, und das fand ich ausgesprochen faszinierend! Selten habe ich es erlebt, dass Form und Inhalt in einem derart stimmigen Verhältnis standen, wie bei diesem Roman.

    Man muss als Leser wirklich mitarbeiten, um Anna zu verstehen. Das Buch zerfällt zwar in fünf Abschnitte, aber die sind nicht chronologisch. Und auch innerhalb der Abschnitte hat man als Leser Entscheidungen zu treffen. Was hat Anna wirklich erlebt, was hat sie sich eingebildet? Was folgt auf welches Ereignis? Was kann logisch erklärt werden, was ist eher unwahrscheinlich? Will Anna sich durch manche Erzählung nur schützen, oder enthalten die eher sperrigen Episoden doch eine "poetische Wahrheit"? Das Buch stellt auf ungemein subtile Art viele Fragen über Gedächtnis und Emotionen, die noch lange nachklingen. Und die nicht einmal unmittelbar mit Anna zu tun haben!

    Hinzu kommt noch die unglaublich stimmungsvolle Sprache. Ein großes Lob ergeht hier an den Übersetzer! Besonders in den Naturschilderungen schlägt sich dies nieder. Man versteht sofort, warum sich Anna im eher rauen Finnland immer viel wohler gefühlt hat als im Moloch London. Und man bekommt einen sehr warmherzigen Eindruck davon, wie und warum Anna geliebt hat. Wirklich wunderschön.

    Ich bin sozusagen selber "vom Fach", da ich mit alten und verwirrten Menschen täglich zu tun habe. Ich habe das Buch also - auch - aus einer ganz bestimmten Perspektive gelesen. Ich muss sagen, dass ich für mich viele Impulse für meine Arbeit mitnehme! Dies ist für mich tatsächlich das erste Buch über Demenz, das mich zu 100 Prozent überzeugt. Und dabei ist es eine erfundene Geschichte! Für mich beweist das wieder einmal, dass die menschliche Imagination der sterilen Wissenschaft überlegen ist.

    Habe ich überhaupt Kritik an diesem Buch zu vermelden? Eigentlich nein. Schade ist es höchstens, dass die titelgebende Episode im Buch nur kurz vorkommt. Aber andererseits zeigt das wiederum, wie unsortiert das menschliche Gedächtnis eben arbeitet. Nicht alles, was wirklich viel Raum im Leben einnahm, gelangt im gleichen Maße ins Langzeitgedächtnis!

    Ich kann das Buch wirklich nur wärmstens empfehlen. Und zwar auch solchen Lesern, die bisher bei derlei Themen eher zurückhaltend waren. Allerdings muss man Aufmerksamkeit, Zeit, und den Willen zu "verstehendem Lesen" mitbringen.

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    Gespräche aus der Community zum Buch

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    Mare_Verlags avatar
    In diesem Frühjahr haben wir wieder ganz besonders schöne Bücher im Programm, von denen wir Euch in unseren mare-Vorableserunden einige vorstellen wollen!

    Am 4. Februar erscheint Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm, geschrieben von der Finnin Selja Ahava; ein zauberhafter Roman über die Kraft der Wörter und der Fantasie. Einige Vorabexemplare sind gerade druckfrisch bei uns eingetroffen und 20 Stück warten darauf, an Euch verschickt zu werden. Bewerbt Euch bis zum 16.1.2014 um die Teilnahme an unserer Leserunde!

    Zum Buch

    »Wäre es möglich, Augenblicke einzufrieren, würde ich diesen in eine Plastikdose legen. Dann könnte man den Winter über davon zehren.« Als es Anna immer weniger gelingt, ihre Erinnerungen festzuhalten, und ihr Gedächtnis langsam unzuverlässiger wird, klammert sie sich an Wortlisten (»Stein, Birke, Gras, Stuhl«) und erfindet Wörter für Dinge, die keinen Namen haben.
    Im Lauf der Jahre trotzt sie den Zumutungen des Alltags mehr und mehr mit ihrer Vorstellungskraft. Als alte Frau blickt Anna zurück auf ihr Leben, so, wie sie sich daran erinnert, an schöne wie an schwere Momente, an die Zeit in Finnland wie auch den Neuanfang mit Thomas in England. Vor allem erinnert sie sich an ihr Häuschen mit den blauen Vorhängen auf einer Schäreninsel, inmitten von Möwen, Schilf und krummen Kiefern, wo sie die Sommer mit ihrer großen Liebe Antti verbrachte – und natürlich an den Tag, an dem ein Wal durch London schwamm.

    Ein Roman aus Finnland zum Thema Erinnern und Vergessen, aber auch über die Kraft der Wörter und der Fantasie: märchenhaft, tragikomisch, menschlich – und mit einer unvergesslichen Heldin!

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    Wenn Ihr in Annas märchenhafte Welt der Fantasie und Erinnerung eintauchen wollt, dann nehmt an unserer Verlosung teil und sichert Euch eins von wenigen Vorabexemplaren!

    Möchtet Ihr zu den 20 Vorablesern gehören*? Dann bewerbt Euch gleich und beantwortet bis zum 16.1.2014 diese Frage:

    Anna, die Protagonistin des Romans, stellt sich die Zeit wie einen Gegenstand vor, wie eine Flickendecke, zusammengesetzt aus vielen kleinen Teilchen der Erinnerung. »Wäre es möglich, Augenblicke einzufrieren, würde ich diesen in eine Plastikdose legen. Dann könnte man den Winter über davon zehren.«
    Welchen besonderen Moment würdet Ihr in einer solchen Plastikdose aufbewahren?

    Wir sind gespannt auf Eure Antworten und freuen uns auf viele Bewerbungen!

    Euer mareverlag



    *Bedingung dabei ist, dass Ihr Euch im Gewinnfall zeitnah am Austausch in allen Leseabschnitten beteiligt und abschließend eine Rezension zum Buch schreibt.
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    Letzter Beitrag von  Arizonavor 4 Jahren
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