Sema Poyraz

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Cover des Buches Unser Deutschlandmärchen (ISBN: 9783868476378)
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Rezension zu "Unser Deutschlandmärchen" von Dinçer Güçyeter

wandablue
Eine neue Stimme - endlich!

Inhalt: Fatma wächst in einer bitterarmen Familie in der Türkei auf. Ihre Mutter muss ihre Kinder irgendwie durchbringen und verdingt sich zu niederen Arbeiten, der Mann ist abhanden gekommen, man  haust in einer Hütte. „Der Boden ist so kalt, so kalt“, ist ein Eindruck, der Fatma bis zu ihrem Lebensende als Erinnerung bleibt. Der kleine Bruder erkrankt in der Kälte lebensgefährlich, seine Behandlung kostet. Alles kostet. Als sich deshalb ein Freier findet, der die 17jährige mit nach Deutschland nehmen will, willigt die Mutter nach anfänglichem Zögern ein, denn Fatma soll für die gesamte Familie der Brückenkopf nach Deutschland in ein besseres Leben sein. Fatma fügt sich. Dank für ihr Opfer stellt sich lebenslang nicht ein. Nicht einmal von den tatsächlich nachgezogenen Familienmitgliedern.
Es ist kein Märchenland, in das die junge Ehefrau kommt. Sprache und Gewohnheiten sind fremd. Nirgendwo kann sie einen der typischen türkischen Teekocher bekommen, der für einen türkischen Haushaltwohl  lebensnotwendig ist. Fatmas Ehemann erweist sich alsbald als Traumtänzer und als lebensuntüchtig. Es ist die junge Fatma, die in die Fabrik geht und den Familienkarren aus dem Dreck zieht. Ihre Stellung in der türkischen Gemeinschaft verbessert sich dadurch nicht: sie ist doch nur eine Frau.

Der Kommentar und der Leseeindruck: 
Dinçer Güçyeter ist eine neue, frische und lebendige Stimme am Literatenhimmel! Ungewöhnlich, außergewöhnlich sogar.
Man merkt, dass der Autor hauptsächlich als Lyriker unterwegs ist. “Unser Deutschlandmärchen“ ist durchsetzt von längeren lyrischen Passagen, in ihnen drückt sich viel Gefühl aus. Gut, dass ich Gedichte mag, so kann ich mich mehr und mehr der Schönheit dieser lyrischen Passagen hingeben. Ja, der Roman ist ein Text, der eine gewisse Hingabe erfordert. Eigentlich bescheibt der Autor "nur" seine Familiengeschichte, aber wie er das macht, ist ungewohnt für deutsche Ohren.
Mutter und Sohn treten in einen Dialog. Fatma erzählt davon, wie sie in Deutschland behandelt wird, als Gastarbeiterin gilt sie nur etwas, solange sie funktioniert, der Sohn fragt sich, wie sie das alles ausgehalten hat. Die Leser fragen sich das auch. Der Sohn erzählt davon, wie er schon als kleines Kind das Gefühl hat, er muss die Mutter unterstützen. Er erkennt seine Mutter als eigentlich starke Person, die aber ihre Individualität der Familie zuliebe geopfert hat; niemals wehrt sie sich, nie sorgt sie für sich selber und ihre Position in der türkischen Gemeinschaft ist sogar noch schlechter als in der deutschen. Beim Hören/Lesen wird man wütend. Auch in dem Roman spürt man Wut und ein Gefühl der Ohnmacht. Warum wehrt sich Fatma nicht, warum spricht sie nicht deutliche Worte zuhause, warum fordert sie von ihrem Mann keine Unterstützung ein, warum lässt sie es zu, dass er das Geld sinnlos ausgibt, das sie schwer erarbeitet hat und dass er nicht mithilft im Haushalt, obwohl Fatma mittlerweile sogar zwei Jobs hat und zwei kleine Kinder?
Man muss aber auch oft schmunzeln, ich mag die Selbstironie, die im Text steckt. Und ich liebe manche Formulierungen, zum Bespiel diese „es waren die 1980er, da spielte das Pathos Gott“.

„Unser Deutschlandmärchen“ ist nicht so sehr eine Abrechnung mit Deutschland, obwohl Fatmas Enttäuschung über mancherlei Zustände durchaus durchschlägt und die türkischen Hintergründe kaum in Frage gestellt werden (mag die Zukunft in Deutschland nicht rosig gewesen sein, gab es wenigstens eine; in der Türkei gab es keine). „Unser Deutschlandmärchen“ ist eine zögerliche und tastende, auch schmerzliche Geschichte des Ankommens, die bis in die dritte Generation andauert.
„Unser Deutschlandmärchen“ fasziniert gerade durch die Lyrik. Ich möchte die Lyrik nicht missen in dem Text. Und in den einander gegenübergestellten Monologen von Mutter und Sohn kommt allerhand zur Sprache: Liebe und Hass, Auflehnung und Unterordnung, Familie und Gesellschaft. Das Suchen und Tasten nach einem Platz in der Welt. Das Tasten nach eigener Individualität. Wer bin ich außerhalb meines Mannseins und Sohnseins, fragt sich Dinçer. Bin ich ein Metallarbeiter oder ein Dichter? Geht beides miteinander? Ja, unbedingt!

Beide Einleser des Hörbuchs kommen freilich ungeheuer wehleidig rüber - hier hätte ich die Lektüre dem interpretierenden Vorstellen vorgezogen.

Fazit: „Unser Deutschlandmärchen“ ist ein ungewöhnlicher Text von besonderer sprachlicher Schönheit, sehr beeindruckend ist das, sogar erhebend, und inhaltlich ist er eine Auseinandersetzung zweier unterschiedlicher Kulturen, die jeweils ihre Vorzüge und ihre Nachteile haben. Ich hoffe, wir hören und lesen noch einiges von Dinçer Güçyeter. Gratulation zum Leipziger Buchpreis! 

Und eine Leseempfehlung gibt es obendrein! 

Kategorie: Anspruchsvolle Literatur
Buchfunkverlag, 2023 für das Hörbuch/
mikrotext, 2022
Auszeichnung: Leipziger Buchpreis, 2023

Cover des Buches Unser Deutschlandmärchen (ISBN: 9783868476378)
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Rezension zu "Unser Deutschlandmärchen" von Dinçer Güçyeter

buchfunk
Preis der Leipziger Buchmesse 2023

Dinçer Güçyeter zeichnet ein Familienporträt in kräftigen Farben, das vom Schicksal der Frauen erzählt, die seine eigene Biografie prägten: Hanife, die anatolische Nomadentochter und Mutter von Fatma, die sich dem Familienbeschluss beugt, nach Deutschland zieht und dort in einer Autozulieferungsfabrik zu arbeiten beginnt. In Träumen, Gebeten, Monologen, Dialogen und Chören wird die kollektive Hoffnung auf Ankunft, ein Zuhause und Zukunft seziert. UNSER DEUTSCHLANDMÄRCHEN ist eine wütende Suche nach einer eigenen Sprache und Heimat, ein Buch, dass das Anwerbeabkommen der Bundesrepublik in ein neues Licht stellt.

Zur Begründung der Jury

Mit eigener Sprache und lyrischer Innovation der Romanform erzählt Dinçer Güçyeter die Geschichte seiner Familie. Diese steht einerseits stellvertretend für viele so genannte "Gastarbeiter*innen", die Rassismus und unmenschliche Arbeitsbedingungen erleben. Andererseits verleiht Güçyeter den verschiedenen Erzählstimmen in seiner poetischen Sprache so viel Tiefe und Widersprüchlichkeit, dass man den Weg zur Künstlerwerdung des Ich-Erzählers atemlos begleitet.

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