Zuerst einmal eine Frage: Warum sollte man freiwillig ein Buch lesen, das beinahe zweitausend Jahre alt ist und sich mit den Grundsätzen der stoischen Philosophie beschäftigt? Meine Antwort: Weil Senecas Überlegungen heute noch genauso aktuell sind wie damals.
Okay, ganz einfach zu lesen ist das schmale Büchlein nicht. Das Werk, das als Briefwechsel verfasst ist, wirkt zunächst gestelzt und weltfremd und hat mich unangenehm an längst vergangene Lateinhausaufgaben erinnert. Auch der Alltag, von dem Seneca spricht, lässt sich mit dem 21. Jahrhundert kaum vergleichen, denn wir müssen weder unter mordlustigen Kaisern leiden, noch beschäftigen wir einen Haushalt voller Sklaven.
Abgesehen davon kann man die Probleme der damaligen Zeit jedoch durchaus mit denen der Moderne vergleichen: Seneca schreibt vom Überdruss einer Gesellschaft, die mehr hat als sie tatsächlich braucht. Er schreibt von der Suche nach dem Glück und vom Überwinden gesellschaftlicher Zwänge. Er schreibt davon, wie man dem hohen Druck, unter dem man tagtäglich steht, standhalten kann. Und das ist tatsächlich noch immer zeitgemäß.
Zuerst versucht er zu erklären, woher diese Unzufriedenheit überhaupt kommt. Er führt mehrere Gründe auf, aber hauptsächlich glaubt er, dass man sich selbst oft falsch einschätzt und sich mehr zumutet, als man aushält, und dass man Hoffnungen nachjagt, die man nicht erfüllen kann. So wird man immer unglücklicher, selbst wenn man objektiv alles hat, was man braucht.
Seine Lösung ist die eines typischen Stoikers: Gelassenheit. Hierzu liefert er eine Art Anleitung, die helfen soll, im Leben gelassener zu werden. Am wichtigsten ist ihm dabei, dass man akzeptiert, dass alles vergänglich ist. Geld und Macht können einem binnen eines Wimpernschlags genommen werden. Was irgendwem passieren kann, kann einem auch selbst zustoßen. Wenn man darauf vorbereitet ist, trifft einen tatsächliches Unglück im Idealfall weniger hart.
Essentiell fürs Glück hält Seneca es, sich für die Gemeinschaft nützlich und seine Fähigkeiten und Talente auch anderen zugänglich zu machen. Das kann auch im ganz kleinen Rahmen passieren, wenn man in seinen Möglichkeiten eingeschränkt ist, aber jeder Versuch ist besser als nichts. Man sollte ein gewisses Gleichgewicht zwischen der Gesellschaft anderer Menschen und dem Rückzug ins Private halten, weil man Gesellschaft und Einsamkeit hin und wieder gleichermaßen braucht. Auch die Frage, mit welchen Menschen man sich umgibt, ist wesentlich: Seneca rät dazu, sich von den ewigen Nörglern fernzuhalten, die immer einen Grund zum Jammern finden. Egal, wie nett diese Leute auch sonst sein mögen, sie schaden uns trotzdem durch ihre Launen.
Außerdem rät er zur Anpassung an neue Situationen. Man sollte flexibel bleiben und das, was das Schicksal einem zuspielt, einfach akzeptieren, So wird man in jeder Lebenslage einen Grund finden, das Leben trotzdem zu genießen. Das entspricht auch seinem letzten Ratschlag: Man sollte sich auch einfach mal entspannen. Es spricht nichts dagegen, sich nicht permanent den Kopf zu zerbrechen, sondern auch mal Spaß zu haben und sich locker zu machen. Überhaupt sei das Leben, so Seneca, im Großen und Ganzen eher zum Lachen, wenn man es sich mal genauer anschaut.
Ich finde, "Von der Gelassenheit" ist ein großartiges Buch und ein guter Ratgeber, der den philosophischen Büchern der heutigen Zeit, die für meinen Geschmack viel zu esoterisch und psychologisch angehaucht sind, weit überlegen ist.