„Wundränder“ von Sepp Mall, TB erschienen am 22.02.2011 beim Haymon Verlag ,176 Seiten
Ich habe diesen Roman genau da gelesen, wo er auch spielt: In Südtirol!
Es sind die 1960er-Jahre, die von politischen Spannungen und den Bombenanschlägen der sogenannten Südtiroler Freiheitskämpfer geprägt sind. In zwei Erzählsträngen wird stellvertretend für viele andere, von zwei Familien erzählt, auf deren Leben die politischen Ereignisse Auswirkungen hatte.
Zum einen geht es um den 12-jährigen Paul, dessen Vater eines Tages für ihn ganz unerwartet inhaftiert wird. Er versteht die Welt nicht mehr, weiß nicht warum und sowohl seine ältere Schwester als auch seine am Boden zerstörte Mutter wollen es ihm nicht erklären. Auch sein bester Freund Herbert weiß es nicht, nur seine italienische Familie Stella fragt ihn einmal, ob Pauls Vater wirklich ein Attentäter sei. Als der Vater aus der Haft entlassen wird, ist dieser völlig verändert und geht nicht mehr aus dem Haus; die Familie wohnt mittlerweile im Stadtteil „Harlem“ wo überwiegend Italiener leben. Dieser Erzählstrang wird aus der Er-Perspektive erzählt.
Zum anderen geht es um Johanna. Sie wächst mit Ihrem Bruder Alex auf einem Hof mit sehr autoritären Eltern auf. Da Alex stottert und vom seinem Vater deshalb immer wieder als Nichtsnutz brutal ausgeschimpft wird, stellt sich Johanna vor ihn, passt fast mütterlich auf ihn auf und wird seine Stimme. Zusammen verlassen sie ihr schreckliches Zuhause und ziehen in die Stadt, wo Johanna eine Ausbildung zur Krankenschwester beginnt und Alex einem Job im Handwerk nachgeht. Mehr und mehr baut sich Alex ein eigenes Leben auf, entgleitet seiner Schwester und führt ein Doppelleben. Dieser Teil ist aus der Sicht von Johanna in der Ich-Form geschrieben.
Mal abgesehen, dass ich Romane mit geschichtlichem Hintergrund Südtirols sehr gerne mag (nicht zuletzt weil wir dort so gerne Urlaub machen) fand ich die ruhige und einfühlsame Sprache des Autors ganz toll und die Personen sehr nahbar. Er weist niemandem die Schuld zu, zeigt aber auf, wie Schweigen, Angst und Gewalt Familien zerstören können.
Dabei ist der Titel „Wundränder“ so passend, denn Wunden heilen zwar, hinterlassen aber Narben.
Ein kurzer Roman, intensiv und bedeutsam, wird nicht mein letzter von Sepp Mall sein. Große Leseempfehlung!














