Sergej Lebedew Der Himmel auf ihren Schultern

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Inhaltsangabe zu „Der Himmel auf ihren Schultern“ von Sergej Lebedew

Ein dunkles Geheimnis schweißt sie zusammen - Enkel und Großvater sind unzertrennlich. Doch dann stirbt der Großvater. Der Enkel reist in dessen Vergangenheit und findet nördlich des Polarkreises eine grausame Wahrheit. Im stalinistischen Russland war der Großvater Kommandant eines Gefangenenlagers. Wie konnte er all die Jahre mit dieser Last auf seinen Schultern leben? Rettete ihn seine tiefe Liebe zum Enkel? In einer kraftvoll poetischen Sprache erzählt Lededew von Russlands Hölle, einem Ort, an dem das Leben endet und das Sterben ewig weitergeht. Die neue Stimme aus Russland - dieser packende Roman brennt sich tief in die Seele ein.

Schwermütig und bleierne Geschichte die im Grunde keine Geschichte ist. Ich rate nicht jedem Leser zu diesem Buch. Petra/Meine Buchtipps

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    Der Himmel auf ihren Schultern
    Ein LovelyBooks-Nutzer

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    25. July 2013 um 16:34

    Lebedews Werk ist eine schwere Kost und sicherlich nicht für jeden Leser geeignet. Der Autor wählt einen namen- und gesichtslosen Erzähler namens "Ich", der zweite große Protagonist ist "der zweite Großvater"; obwohl noch ein paar wenige Protagonisten geschrieben werden, werden sie ebenso nicht beschrieben. Keinen Namen. Keinen Ort. Keine Jahreszahl. Irgendwo in der Tundra. Irgendwo in einem Dorf. Irgendwo ein Lager. Das Lager ist allerdings nicht als Arbeitslager des 2. Weltkrieges zu verstehen, sondern ein Bergwerk. Von dem war "der zweite Großvater" Lagerkommandant. "Ich" erzählt seine Geschichte sehr schwermütig, bleiern, langwierig, detailreich und absolut eigenwillig. Lebedew lässt seinem Erzähler kaum die Chance von irgendwo nach irgendwo zu gelangen, tritt an der Stelle, kommt vom 100sten ins 1000ste ohne irgendwas zu erzählen. Und so zieht sich - die zwar schöne Sprache, aber der langwierige Stil - 250 Seiten dahin, um irgendwann einmal bei 25 Seiten "Traum" anzulangen, um wieder keine Story zu haben. Irgendwo bei Seite 300 wird einem dann in 3 Seiten der grausame Tod des 7jährigen Sohnes "des zweiten Großvaters" erzählt, allerdings kann man trotzdem immer noch keine richtige "Grausamkeit des zweiten Großvaters" erkennen; die Härte die man Kindern damals entgegenbrachte, gab es überall auf der Welt (und gibt es), da muss man nicht zu dieser Lektüre greifen. Im Prinzip kann man sagen, dass Lebedew 330 Seiten Story ohne Story geschrieben hat. Fazit: So sehr man sich eine tiefgehende, russische Geschichte über den grausamen "zweiten Großvater" wünscht, der Zeit seines Lebens ein extremes Geheimnis um sein Leben machte und den keiner gemocht hatte (wirklich erkennen kann man den Grund hierfür nicht), so sehr wird man enttäuscht. Der Protagonist "Ich" erzählt zwar (sehr) viel, sagt aber nichts. Man wünscht sich Namen, Gesichter, Orte oder auch nur eine kleine Beschreibung; all das bekommt man nicht. Es ist einfach eine schön erzählte, unscheinbare, schwermütige, bleierne Trägheit und Trauer die den Autor umgibt. Er kann mit der Sprache und mit den Details umgehen, an dem Höhepunkt der Geschichte selbst muss er noch arbeiten. 3 Sterne für die Beschreibungen der Tundra, der Dörfer, der auserzählten Kindheit; mehr ist leider in dem Buch nicht herauszuholen. Schade! (geschrieben von Petra/Meine Buchtipps)

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  • Aufrührend

    Der Himmel auf ihren Schultern
    michael_lehmann-pape

    michael_lehmann-pape

    18. March 2013 um 15:20

      Es gibt nicht viel Literatur zu jenen „dunklen Ereignissen“ der Gulags, die über Jahrzehnte in der ehemaligen Sowjetunion für Angst und Schrecken, vor allem für das Verschwinden zigtausender Menschen stehen.   Während Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“ in der Aufarbeitung dieses Lagersystems der Schreckensherrschaft einen tiefen Einblick vor allem in das Lagerleben gab, wendet sich Sergej Lebedew in sehr poetischer und bildkräftiger Sprache nun literarisch der gesamten Atmosphäre, den Gulags und dem „drum herum“ intensiv zu. Und vollzieht dies aufwühlend und aufrührend für den Leser, lässt vor allem die innere Verzweiflung, die Aufarbeitung der Vergangenheit, die Ohnmacht der Menschen diesem System gegenüber greifbar werden.   Aus den Augen des Ich-Erzählers heraus macht sich Lebedew auf den Weg in die Vergangenheit. In eine konkret fassbare Vergangenheit, denn der großväterliche Freund des Erzählers, „Großvater 2“ ist zum einen Lichtgestalt des Mannes bei seinem Aufwachsen gewesen, andererseits aber auch Satan persönlich für viele, viele ins Lager deportierte. Ein solches Lager hat „Großvater 2“ zu Zeiten geleitet.   „Zweiter Großvater – nur so kann ich ihn nennen, ein blinder, alter Gärtner“. Was dieser früher gemacht hatte, das wusste niemand im Dorf, der „zweite Großvater existierte stets außerhalb der Nachforschungen“.   Und doch lüftet der Enkel das Geheimnis dieses Mannes. Und mehr. Atmosphärisch dicht beschrieben stellt Lebedew dar, wie das war, damals. Wie die „Quote“ erfüllt sein musste und wenn die Zahl derer, die in Güterzügen in die Lager verfrachtet wurden, nicht stimmte. Wenn einer nicht verhaftet wurde, wenn einer gestorben war auf der Fahrt jetzt schon, dann wurde sich „einfach so“ auf den Bahnhöfen „bedient“. Völlig Fremde, Unschuldige in die Waggons verfrachtet, auf dass die in den Papieren erfasste Zahl wieder stimmt. Eine Ohnmacht, eine Unsicherheit allenthalben und sondergleichen, die massiv in den Raums stellt, wie „allherrschend“ das System damals vorging.   Um mehr aber noch geht es in diesem Roman, um mehr als Ohnmacht, Gräuel und „dass keiner wiederkam“. Es geht auch um die existentielle Frage, ob Menschen sich ändern können, ob Einsicht möglich und hilfreich überhaupt sein kann. Ist der „zweite Großvater „ ein anderer Mensch geworden, eben jener, der sich zuwendend um den „fast Enkel“ kümmerte oder hat er sich nur bestmöglich geduckt und versteckt, um sich seiner Verantwortung nicht stellen zu müssen? Und wenn das ginge, warum verschwinden dann nach seinem Tod alle Zeichen seiner Vergangenheit, vor allem Orden und Auszeichnungen?   Die kleine Feriensiedlung, in der sich dieses Aufwachsen und leben mit dem alten Mann abspielte, war diese doch nur „auf den ersten Blick“ eine „kleine Insel des Seelenfriedens“ oder konnte man nach dem, was man in den Straflagern verantwortet hat, tatsächlich seinen Frieden mit sich machen? Und, später, kann der Ich-Erzähler seinen Frieden mit diesem vertrauten, alten Mann finden?   Intensive Fragen, denen Lebedew atmosphärisch dicht und mit intensiven Beschreibungen des Innen und des Außen nachgeht. Eine Vergangenheitsbewältigung der, die auch tiefe, existentielle Fragen berührt und aufwirft.   In der Durchmischung von gestern und heute, von Traum und Fakten und der sehr poetischen Sprache ist das nicht immer einfach nachzuvollziehen, „Der Himmel auf ihren Schultern“ ist ein Buch, auf das man sich als Leser emotional einlassen muss, um die Sprache wirken lassen zu können, aber eine intensive und aufrührende Lektüre bietet Lebedew durchweg, die das Lesen lohnt.

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  • Rezension zu "Der Himmel auf ihren Schultern" von Sergej Lebedew

    Der Himmel auf ihren Schultern
    HeikeG

    HeikeG

    20. February 2013 um 20:06

    Der Mann ohne Vergangenheit oder: Am Abgrund des Vergessens . "O Gilgamesh, es gab bisher Noch niemals einen, der das verlangte, Noch keinen, der durchmaß des Berges Innere: Zwölf Doppelstunden dehnt er sich aus, Dicht ist die Dunkelheit, es gibt kein Licht - Gehst du hinein, findest du nie mehr heraus!" . Vor tausenden von Jahren wurden die Verse des Gilgamesh-Epos auf Tontafeln verewigt. Sie thematisieren vor allem die Suche des darin "besungenen" sumerischen Königs nach Unsterblichkeit, nachdem sein aus Lehm geschaffener und Mensch gewordener Bruder Enkidu einer heimtückischen Krankheit zum Opfer fiel. Auch im Roman von Sergej Lebedew, der 2011 auf der Longlist des russischen Buchpreises "Nazbest" stand, begibt sich der Protagonist auf eine derart rastlose "Jagd" nach Ewigkeit und Unvergänglichkeit. Auslöser ist gleichfalls der Tod einer nahestehenden Person. Allerdings setzt der 1981 in Moskau geborene Autor diese Begrifflichkeiten in einen völlig anderen Kontext. Denn sein Ich-Erzähler - Lebedews Alter Ego - geht gegen kollektives Vergessen an. Ein Vergessen um die dunklen Schatten der Vergangenheit, die die staatliche Erinnerungspolitik gern unter einen Mantel des Schweigens hüllt, und zu der es bis heute keine nennenswerten historischen Untersuchungen gibt: der Gulag - das russische Strafgefangenenlager. . Diese dunkle Vergangenheit zeigt sich mehr diffus als offensichtlich, mehr unterschwellig als manifest in Gestalt des blinden Grundstücksnachbars seiner Eltern. Der alte Mann, vom Ich-Erzähler als "zweiter Großvater" bezeichnet, pflegt eine diffizile Beziehung zu dessen Familie und vor allem zu ihm selbst. Eine permanent spürbare, unheimliche Präsenz geht von seiner scheinbaren Fürsorge für den kleinen Buben aus, die in Wirklichkeit jedoch eher einer psychologischen Inbesitznahme gleicht. Über sein Vorleben als Kommandant eines großen Gefangenenlagers ahnt niemand etwas. "Er lebte, als wolle er der Aufmerksamkeit des Lebens entgehen, und darin erreichte er eine fast mönchsgleiche Perfektion." Als er stirbt, der Zeitpunkt des Todes wird von Lebedew virtuos mit dem Untergang der ehemaligen UdSSR verwebt, nimmt der damals Zehnjährige unfreiwillig dessen "Hostie die Todes" an, an deren Unreinheit er zukünftig ständig zu würgen hat. Doch gerade sie entfaltet eine unglaubliche Wirkung in seinem Körper. Sein Erinnerungsvermögen wird sensibilisiert und sein bisheriges Leben erscheint wie eine Vorherbestimmung. Das "Erbe des Bluts, das Erbe der Erinnerungen, das Erbe fremden Lebens - alles lechzt nach Worten, sucht nach Sprache, will sich erfüllen bis zum Schluss, will sich vollenden, erkannt und beweint werden." . "Im Jammer meines Leibs, in der Trauer meines Herzens, In Kälte und Hitze, in Dunkelheit und Finsternis In Seufzen und im Klagen - ich gehe hinein! Öffne mir jetzt das Tor des Berges." (Gilgamesh an den Skorpionmensch) . Jahre später, Lebedews Protagonist arbeitet mittlerweile als Geologe und erbt überraschend die Datscha des alten Mannes, macht er sich auf die Suche nach dem verborgenen ehemaligen Leben seines "zweiten Großvaters". Erste Hinweise ergeben sich aus Briefen und diversen "Reliquien", die er in einer früher stets sorgsam verschlossen Schublade findet. Entschlossen betritt er den "Pfad, der ins Unbekannte führte, dunkel und kühl". Er reist in eine düstere Region, in eine namentlich nicht benannte Stadt nördlich des Polarkreises, mit dem Ziel, Antworten auf eine Reihe von Fragen zu finden. Auch wenn einige versteckte Andeutungen auf Kirowsk im Oblast Murmansk hindeuten, so steht dieser Ort letztendlich nur stellvertretend für eine Reihe anderer in der Zeit des Gulags entstandener Ansiedlungen, wie zum Beispiel Workuta, Norilsk oder Inta. Orte, die auf menschlichen Knochen gegründet wurden, mit einem "Loch, durch das Menschen verschwinden. (...) Diese Menschen - der Rest einer längst verschwundenen Generation, aus der sie entfernt wurden - hat man in die stickige Finsternis der Erde getrieben, als seien sie ein veraltetes Wort, eine vergessene Wortart. Für sie gibt es weder einen Platz in der Sprache noch in der Welt" - Menschen, die den Himmel auf ihren Schultern tragen. . "Die Sprache lebt von dem, was durch sie gesagt werden muss." . Sergej Lebedews Diktion und sein Wortschatz, der von Franziska Zwerg wunderbar ins Deutsche übertragen wurde, ist unglaublich reich und wortgewaltig. Er fungiert, um erneut das Epos Gilgamesh heranzuziehen, als Skorpionmensch. Tief dringt er mit seinem literarischen Stachel ins Innere des Lesers ein, reizt und wühlt es auf. Sein Erstling erschüttert, klagt an, erinnert und mahnt, und dies ganz ohne schulmeisterliche Attitüden. "Der Himmel auf ihren Schultern" entpuppt sich als tiefenpsychologischer Roman, der beinahe kindlich unbedarft beginnt, apokalyptisch-real weiterführt, um letztendlich nahezu metaphorisch in einer Phantasmagorie auszuklingen. Der Text des russischen Autors liest sich "wie ein Denkmal, wie eine Klagemauer, wenn die Toten und Trauernden sich nirgendwo treffen können als an der Mauer der Worte, die Tote und Lebende vereint." In beinahe jeder Zeile ist die "bedrohliche Anwesenheit der schattenreichen Gebiete der Vergangenheit, die vom Licht des Bewusstseins unberührt geblieben sind", zu spüren. Lebedew holt eine Epoche ans Licht, die auf den Grund des Gedächtnisses hinabgesunken ist. Dabei scheut er sich nicht, in "das Innere von tausend Kehlen" hinabzusteigen. "Ich war zu einer Rückwärtsbewegung geworden, zum Rückwärtsgang der Zeit, war zusammengepresst und herausgeschleudert worden". Die Worte des russischen Autors öffnen der Erinnerung das Tor und schließen letztendlich den Kreis, so dass sich Lebende und Tote treffen können und seine "Wärme war ihre Wärme geworden". . Fazit: Sergej Lebedew gelingt mit seinem Debüt ein großartiger Roman. "Der Himmel auf ihren Schultern" gestaltet sich als nachhaltige Erinnerungslandschaft, als eindrucksvolle literarische Aufarbeitung der totalitären Vergangenheit, die auf unaufdringlich-dringliche Art und Weise Bilder im Kopf des Lesers erzeugt, die auch nach dem Zuschlagen der letzten Seite lange und intensiv nachklingen. Ein Buch, das man gelesen haben sollte!

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