Sergio Álvarez

 3.5 Sterne bei 11 Bewertungen

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35 Tote

35 Tote

 (11)
Erschienen am 14.03.2011
35 Tote: Roman (suhrkamp taschenbuch)

35 Tote: Roman (suhrkamp taschenbuch)

 (0)
Erschienen am 15.04.2013

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Rezension zu "35 Tote" von Sergio Álvarez

Blutig, Erschreckend und unheimlich ergreifend
Tefelzvor 5 Monaten

35 Tote Suhrkamp nova  TB  545 Seiten

Ich weiss nicht mehr, wie ich an dieses Buch gekommen bin, aber nachdem ich den Klappentext gelesen hatte , wußte ich , das wird keine leichte Lektüre vor dem schlafen gehen. Trotzdem hat mich die Aufmachung sofort angezogen und nicht mehr losgelassen. Die Entscheidung war richtig, es zu lesen! Völlig unbedarft von der Geschichte Kolumbiens und nichts außer Korruption, Drogenkartelle, Diktatoren hat mich auf dieses Buch vorbereitet. Was da folgte, lässt sich nur schwer in irgend eine Kategorie einordnen und weicht so völlig von der europäischen Mentalitat ab. Es ist kein Krimi, aber mit vielen Opfern. Realistisch aber doch so fremd! Die Geschichte ist verwirrend, zerfahren, blutig und fesselt bis zum Schluß.

Das Buch beginnt 1965 , das Jahr in dem unser Protagonist geboren wird. Zur gleichen Zeit wird ein Verbrecher von der Polizei gestellt und liefert sich ein Showdown in den Straßen Bogotas. Die Mutter stirbt bei der Geburt und der Vater völlig überfordert, versucht im Alkohol zu ertrinken und bringt sich schließlich um. Als Waisenkind kommt er zu seiner Tante und verbingt eine "normale" Kindheit ! Die Haupterzählform ist die "ich" Perspektive und manchmal dauert es eine Zeit, bis man begreift, wer da jetzt überhaupt etwas erzählt.  Sympathische Verbrecher, korrupte Polizistin, permanenter Wechsel der Diktatoren und damit auch die politische Korrektheit. Kommunismus, Ausbeutung, Drogen, Bandenkriege, Frauen, Sex, Parties aus der Sicht des "Helden" der sich durch die verzweifelte Geschichte Kolumbiens ab 1965 kämpft und alles macht , um nicht zu zerbrechen. 35 Tote sind dabei leicht untertrieben, da man die Opfer in diesem Buch gar nicht zählen kann.

Ich war schockiert, aufgeregt, wütend, fasziniert, habe gelacht und total abgestoßen. Alle Gemütszustände haben dieses Buch durchlebt und mich total gefesselt und beeindruckt! Es ist wirklich nicht leicht zu lesen und der Autor, der mittlerweile in Spanien lebt, erzählt einfach unwiderstehlich. Ganz großes Kino !

Fazit:  Kaufempfehlung für alle, die sich nicht scheuen, die Augen aufzumachen und sich die Zeit nehmen , in ein völlig anderes Universum einzutauchen.

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schwarz_auf_weisss avatar

Rezension zu "35 Tote" von Sergio Álvarez

Ein zerrissenes Land
schwarz_auf_weissvor 2 Jahren

Ich liebe Bücher, die mir beim Lesen die Probleme und Gefühlslage eines Landes näher bringen. Kolumbien ist in dieser Hinsicht trotz der immer mal wieder auftauchenden Präsenz in den Nachrichten ein weißer Fleck auf meiner Landkarte. Entsprechend kurz habe ich gezögert, als ich Álvarez‘ zweiten Roman in der Hand hielt und spürte: Hier will keiner nur eine Geschichte erzählen, hier will dir einer seine Heimat erklären.



Der erste Satz
"Botones verübte sein letztes Verbrechen neun Monate nach seinem Tod; zu Lebzeiten tötete dieser Bandit in Kolumbien gut dreihundert arglose Menschen, die den Mut oder das Pech hatten, sich seinem Unwillen, Ehrgeiz oder seinen Waffen auszusetzen."

Meine erste Euphorie nach dem Kauf hielt allerdings nicht lange an. Mittlerweile zwinge ich mich nicht mehr zum Weiterlesen wenn ein Buch und ich nicht auf einer Wellenlänge liegen. 35 Tote war für mich daher nach gut dreißig Seiten erst einmal beendet. Ich konnte mich einfach nicht mit dem Verzicht auf jegliche textliche Gliederung abfinden – Dialoge ohne Anführungszeichen im Fließtext. Schrecklich! Mir fehlte die Geduld. Dann vor einiger Zeit der zweite Versuch. Diesmal gelang es und ich bin sehr froh darüber.

Álvarez lässt seinen namenlosen Protagonisten Mitte der 1960er Jahre in Bogotá zur Welt kommen. Die Mutter starb bei der Geburt, der Vater einige Jahre später am zerbrochenen Herzen. Der Junge kommt in die Fürsorge seiner bis dahin unbekannten Tante und wächst zu einer Zeit auf, in der die bis heute andauernden Kampfhandlungen ihren Anfang nahmen. Die Ohnmacht der kommunistisch-marxistischen Organisationen gegenüber der regierenden Nationalen Front und der regulären Streitkräfte führte schließlich zum Erstarken linksgerichteter Guerillatruppen wie der FARC-EP und der ELN. Als Reaktion auf den linken Terror etablierten sich zahlreiche rechtsgerichtete paramilitärische Einheiten, die teilweise von der Regierung unterstützt wurden. Die Privatarmeen der Drogenkartelle, die Polizei und der allgegenwärtige Inlandsgeheimdienst runden das unübersichtliche Kräfteverhältnis ab. Als Europäer kann man da schon einmal den Überblick verlieren, doch auch den Einheimischen ergeht es angesichts sich ständig wechselnder Fronten und Bündnisse nicht viel anders.

Der Protagonist wird in seiner Jugend zum glühenden Kommunisten erzogen. Dabei sind es weniger die politischen Ideale als vielmehr die ausgelassene Geselligkeit und das ausschweifende Partyleben in der Kommune, die seinen Eifer anfachen. Doch irgendwann ist auch die längste Party vorbei und dank falscher Freunde gerät er rasch auf die schiefe Bahn und träumt alsbald von einer Karriere als Drogendealer. Abermals verschwören sich die Umstände gegen ihn und nach einem kurzen Intermezzo als Soldat und Student gelangt er schließlich zu den ihm ursprünglich verhassten Paramilitärs. Dass das nicht die letzte Station gewesen sein wird, liegt auf der Hand. Wer angesichts der eigentlich unvereinbaren Ideale einen berechnenden Opportunismus erwartet, liegt jedoch grundlegend falsch. Álvarez lässt ihn nicht bewusst auswählen; mit einer grenzenlosen Naivität und Unbedarftheit ausgestattet, lässt er stets andere über sein Schicksal entscheiden und geht den Weg des geringsten Widerstands.

Zukunftssicherung, Wohlstand, politische Überzeugungen – all das kommt und geht in einem Land, in dem nichts sicher ist und noch weniger willentlich beeinflusst werden kann. Was ihn wirklich antreibt, ist die ungebrochene Lust am Leben; sich von Boleros treiben lassen, mit einer schönen Frau sinnlich Salsa tanzen, sich betrinken und bekiffen – das ist die Essenz des Lebens, auf die es ankommt. Neben dem Hauptstrang bindet Álvarez kleine Episoden ein, die das Geschehene aus einer anderen Perspektive wiedergeben oder auch vollständig von der Handlung abgetrennt sind. In der Summe entsteht dadurch ein Panorama der vorherrschenden Gemütslage der kleinen Leute Kolumbiens. Vermeintlich ohne Einfluss werden die politischen Wirrungen hingenommen und mit dem Rückzug in die privaten kleinen Freuden erträglich gestaltet. An was soll man sich auch sonst klammern angesichts der immer weiter zunehmenden Verrohung und Brutalität?

"Du bist erwachsen geworden und hast nicht kapiert, wie dieses Land funktioniert. Wie funktioniert es denn?, fragte ich. Mit Toten, Bruder, wer in diesem Land niemanden getötet hat oder hat töten lassen, der hat keine Zukunft. Ich sah ihn erschrocken an. Glaub mir Bruder, hier regiert der Tod, und wer nicht tötet oder töten lässt, ist nichts wert, ist ein Nichts."

Álvarez hat nichts mit dem magischen Realismus eines García Márquez gemein. Direkt und schonungslos wird berichtet anstatt gedichtet. Bei aller geschilderten Gewalt schwingt aber auch eine Leichtigkeit und ein Humor mit, die wunderbar das nicht-unterkriegen-Lassen illustrieren – die jedoch auch zu einer gewissen Distanz zum Protagonisten führen. Zu unglaublich und zu schnell öffnet sich ihm eine neue Tür, sobald eine andere geschlossen wurde. Überhaupt merkt man dem Autor seine hauptberufliche journalistische Arbeit an – vieles wirkt noch unreif und hastig hingeschrieben. Diese kleinen Mängel trüben jedoch nie den Eindruck, dass man hier wieder einmal einen großen Kolumbien-Roman in der Hand hält.

Was bleibt?

35 Tote hinterlässt einen leicht zwiespältigen Eindruck. Auf der einen Seite steht ein ungenannter Ich-Erzähler, der slapstickartig durch die jüngste Geschichte Kolumbiens stolpert und bei mir ab einem gewissen Punkt wenig Anteilnahme erzeugte. Dem gegenüber stehen jedoch auch wundervolle Passagen und in sich geschlossene Episoden, die mich berührt zurückließen. Álvarez schreibt so authentisch und einfühlsam über sein geschundenes Land, dass 35 Tote bei mir Bewunderung für das leidgeprüfte kolumbianische Volk und tiefe Dankbarkeit für die gesicherten Verhältnisse in unserem Land auslöste. Ein schönes Gefühl.

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Rezension zu "35 Tote" von Sergio Álvarez

Guter Versuch, leider nicht mehr
Stefan83vor 6 Jahren

Sergio Álvarez' „35 Tote“ ist eins dieser Bücher, das mir vom Kern der Geschichte, den Figuren und der Sprache, eigentlich nur gefallen konnte. Ein schonungsloses, schwarz-zynisches Portrait über Kolumbien und einen traurigen Anti-Helden zwischen Drogen- und Bürgerkrieg, dessen stete Suche nach dem Sinn des Lebens, in einem von sinnloser Gewalt zerrütteten Staat, von Beginn an in den Bann ziehen will. Wohlgemerkt will und nicht kann, denn der Aufbau des Textes sowie das gesamte Schriftbild zerstören die Freude an der Handlung bereits im Ansatz. Wo in der Vergangenheit literarische Größen mit ähnlichen stilistischen Mitteln Meisterwerke geschaffen haben, welche mich noch heute gerade wegen der Andersartigkeit der Textaufmachung beeindrucken, da ist dies bei „35 Tote“ vor allem nur eins – extrem nervig.

Álvarez' Roman verweigert sich jedem Versuch seitens des Lesers, die durchaus in Bann ziehende Story mit größerem Lesetempo in Angriff zu nehmen, indem er uns mit seitenlangen Textblöcken konfrontiert, in denen jeglicher Absatz fehlt. Und als wäre diese Monotonie nicht schon genug, bleibt gleich auch noch die wörtliche Rede unkenntlich und wird als konfuses Durcheinander im riesigen Texthaufen versteckt, so dass man, ohnehin erschlagen von der Vielzahl lateinamerikanischer Namen, schon nach wenigen Seiten seine liebe Mühe und Not hat, den Überblick zu behalten. Wer gerade mit wem redet ist nur anhand des Zusammenhanges zu entwirren. Oder mit Zuhilfenahme eines angelegten Lineals. Aus der Tugend Geduld, welche Álvarez mit ständigen Schauplatzwechseln zusätzlich auf die Probe stellt, wird hier eine schlichte Notwendigkeit- Anstatt, wiewohl vom Autor beabsichtigt, damit in weiteren beschriebenen Einzelschicksalen die hoffnungslose Situation Kolumbiens zu unterstreichen, bremsen diese Schwenks die jeweils gerade in Gang gekommene Geschichte bloß aus und fungieren somit als das schriftliche Äquivalent eines TV-Werbeblocks: Immer dann wenn es gerade spannend wird, wenn der Funke überspringt, man die Seiten fester packt und die aussichtslose Situation des Hauptprotagonisten Betroffenheit auslöst, wird dem Leser die Tür vor der Nase zugehauen.

Das ist über eine Distanz von weit mehr als 500 Seiten irgendwann so frustrierend, dass man die Nebenschauplätze schließlich zu überlesen beginnt – auch weil sie in keinster Weise dem eigentlichen roten Faden dienlich sind bzw. die Haupthandlung auch nicht um ein Jota voranbringen. Und gerade das hätte die Geschichte gleich öfters mehr als nötig, da sich Álvarez leider immer wieder verzettelt und es manchmal fast so scheint, als hätte da jemand selbst nicht so recht gewusst, welche Richtung eingeschlagen werden soll. Das ist insofern schade, da „35 Tote“ in seiner Essenz eigentlich unheimlich tiefgründig, herrlich sarkastisch und oft sogar sehr berührend ist. Viele Szenen machen betroffen, traurig, melancholisch. Andere sprühen nur gerade so vom Rhythmus der Gewalt. Und wiederum andere bieten zügellose Erotik im besseren Sinne. Was das angeht, hat der Autor seine Hausaufgaben gemacht, transportiert das Buch die Gefühle durchaus zum Leser.

Das Problem dabei: Álvarez verliert das Augenmaß und trägt über die gesamte Distanz viel zu dick auf. Aus bitterem Sarkasmus wird irgendwann tränennasse Dauerdepression. Politische Umstürze reduzieren sich lediglich nur noch auf die Summe der Todesopfer. Und detaillierte Sexszenen werden nach dem Follettschen Motto „Viel hilft viel“ an jeder auch noch so passend scheinenden Stelle platziert. Dies führt dazu, dass die Lebensgeschichte zu etwas Künstlichen, Realitätsfremden wird. Auch weil der Hauptprotagonist von einer Tragödie in die nächste stolpert und die geschilderten Rückschläge immer groteskere Züge annehmen. Grundsätzlich kein Problem, wäre diese Groteske gewollt, was angesichts der Botschaft und der düsteren Ernsthaftigkeit des Romans aber stark bezweifelt werden darf.

Insgesamt ist „35 Tote“ ein irgendwie halbgares, zu sehr auf den Effekt gebürstetes Werk, das sich sprachlich zwar vor der lateinamerikanischen Konkurrenz nicht zu verstecken braucht, bei mir letztlich aber keinen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Ein „Tage der Toten“-Light, das nichts bietet, was nicht andere schon wesentlich besser auf Papier gebracht hätten.

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