Sergio Álvarez 35 Tote

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Inhaltsangabe zu „35 Tote“ von Sergio Álvarez

»Wer in diesem Land niemanden getötet hat, der hat keine Zukunft.« Atemberaubend, erschütternd, fesselnd! »Ich wuchs in einer marxistischen Kommune in Bogotá auf. Doch die Träume von der Revolution platzten, nicht zuletzt wegen amouröser Verstrickungen. Das Leben draußen auf der Straße lockte mit Salsa, Mädchen und kleineren Überfällen. Irgendwann wagten wir uns an größere Geschäfte. Aber die Drogenmafia kennt keine Gnade, und als immer mehr meiner Freunde getötet wurden oder verschwanden, mußte auch ich fliehen. Damit begann meine Wanderschaft durch Kolumbien, auf der ich philosophierenden Drogenhändlern, geschäftstüchtigen Marionettenspielern und freundlichen Mördern begegnet bin. Genausowenig wie ich die Frauen verstehe, die mir immer nur Unglück bringen, begreife ich, wie dieses Land funktioniert, wer auf welcher Seite steht und wo mein Platz ist.« Dem magischen Realismus von García Márquez' Hundert Jahre Einsamkeit setzt Sergio Álvarez mit 35 Tote einen kraftvollen Roman entgegen, der die jüngere Geschichte Kolumbiens genauso drastisch realistisch wie unterschwellig humorvoll erzählt.

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    35 Tote
    schwarz_auf_weiss

    schwarz_auf_weiss

    16. April 2017 um 07:39

    Ich liebe Bücher, die mir beim Lesen die Probleme und Gefühlslage eines Landes näher bringen. Kolumbien ist in dieser Hinsicht trotz der immer mal wieder auftauchenden Präsenz in den Nachrichten ein weißer Fleck auf meiner Landkarte. Entsprechend kurz habe ich gezögert, als ich Álvarez‘ zweiten Roman in der Hand hielt und spürte: Hier will keiner nur eine Geschichte erzählen, hier will dir einer seine Heimat erklären. Der erste Satz"Botones verübte sein letztes Verbrechen neun Monate nach seinem Tod; zu Lebzeiten tötete dieser Bandit in Kolumbien gut dreihundert arglose Menschen, die den Mut oder das Pech hatten, sich seinem Unwillen, Ehrgeiz oder seinen Waffen auszusetzen." Meine erste Euphorie nach dem Kauf hielt allerdings nicht lange an. Mittlerweile zwinge ich mich nicht mehr zum Weiterlesen wenn ein Buch und ich nicht auf einer Wellenlänge liegen. 35 Tote war für mich daher nach gut dreißig Seiten erst einmal beendet. Ich konnte mich einfach nicht mit dem Verzicht auf jegliche textliche Gliederung abfinden – Dialoge ohne Anführungszeichen im Fließtext. Schrecklich! Mir fehlte die Geduld. Dann vor einiger Zeit der zweite Versuch. Diesmal gelang es und ich bin sehr froh darüber. Álvarez lässt seinen namenlosen Protagonisten Mitte der 1960er Jahre in Bogotá zur Welt kommen. Die Mutter starb bei der Geburt, der Vater einige Jahre später am zerbrochenen Herzen. Der Junge kommt in die Fürsorge seiner bis dahin unbekannten Tante und wächst zu einer Zeit auf, in der die bis heute andauernden Kampfhandlungen ihren Anfang nahmen. Die Ohnmacht der kommunistisch-marxistischen Organisationen gegenüber der regierenden Nationalen Front und der regulären Streitkräfte führte schließlich zum Erstarken linksgerichteter Guerillatruppen wie der FARC-EP und der ELN. Als Reaktion auf den linken Terror etablierten sich zahlreiche rechtsgerichtete paramilitärische Einheiten, die teilweise von der Regierung unterstützt wurden. Die Privatarmeen der Drogenkartelle, die Polizei und der allgegenwärtige Inlandsgeheimdienst runden das unübersichtliche Kräfteverhältnis ab. Als Europäer kann man da schon einmal den Überblick verlieren, doch auch den Einheimischen ergeht es angesichts sich ständig wechselnder Fronten und Bündnisse nicht viel anders. Der Protagonist wird in seiner Jugend zum glühenden Kommunisten erzogen. Dabei sind es weniger die politischen Ideale als vielmehr die ausgelassene Geselligkeit und das ausschweifende Partyleben in der Kommune, die seinen Eifer anfachen. Doch irgendwann ist auch die längste Party vorbei und dank falscher Freunde gerät er rasch auf die schiefe Bahn und träumt alsbald von einer Karriere als Drogendealer. Abermals verschwören sich die Umstände gegen ihn und nach einem kurzen Intermezzo als Soldat und Student gelangt er schließlich zu den ihm ursprünglich verhassten Paramilitärs. Dass das nicht die letzte Station gewesen sein wird, liegt auf der Hand. Wer angesichts der eigentlich unvereinbaren Ideale einen berechnenden Opportunismus erwartet, liegt jedoch grundlegend falsch. Álvarez lässt ihn nicht bewusst auswählen; mit einer grenzenlosen Naivität und Unbedarftheit ausgestattet, lässt er stets andere über sein Schicksal entscheiden und geht den Weg des geringsten Widerstands. Zukunftssicherung, Wohlstand, politische Überzeugungen – all das kommt und geht in einem Land, in dem nichts sicher ist und noch weniger willentlich beeinflusst werden kann. Was ihn wirklich antreibt, ist die ungebrochene Lust am Leben; sich von Boleros treiben lassen, mit einer schönen Frau sinnlich Salsa tanzen, sich betrinken und bekiffen – das ist die Essenz des Lebens, auf die es ankommt. Neben dem Hauptstrang bindet Álvarez kleine Episoden ein, die das Geschehene aus einer anderen Perspektive wiedergeben oder auch vollständig von der Handlung abgetrennt sind. In der Summe entsteht dadurch ein Panorama der vorherrschenden Gemütslage der kleinen Leute Kolumbiens. Vermeintlich ohne Einfluss werden die politischen Wirrungen hingenommen und mit dem Rückzug in die privaten kleinen Freuden erträglich gestaltet. An was soll man sich auch sonst klammern angesichts der immer weiter zunehmenden Verrohung und Brutalität? "Du bist erwachsen geworden und hast nicht kapiert, wie dieses Land funktioniert. Wie funktioniert es denn?, fragte ich. Mit Toten, Bruder, wer in diesem Land niemanden getötet hat oder hat töten lassen, der hat keine Zukunft. Ich sah ihn erschrocken an. Glaub mir Bruder, hier regiert der Tod, und wer nicht tötet oder töten lässt, ist nichts wert, ist ein Nichts." Álvarez hat nichts mit dem magischen Realismus eines García Márquez gemein. Direkt und schonungslos wird berichtet anstatt gedichtet. Bei aller geschilderten Gewalt schwingt aber auch eine Leichtigkeit und ein Humor mit, die wunderbar das nicht-unterkriegen-Lassen illustrieren – die jedoch auch zu einer gewissen Distanz zum Protagonisten führen. Zu unglaublich und zu schnell öffnet sich ihm eine neue Tür, sobald eine andere geschlossen wurde. Überhaupt merkt man dem Autor seine hauptberufliche journalistische Arbeit an – vieles wirkt noch unreif und hastig hingeschrieben. Diese kleinen Mängel trüben jedoch nie den Eindruck, dass man hier wieder einmal einen großen Kolumbien-Roman in der Hand hält. Was bleibt?35 Tote hinterlässt einen leicht zwiespältigen Eindruck. Auf der einen Seite steht ein ungenannter Ich-Erzähler, der slapstickartig durch die jüngste Geschichte Kolumbiens stolpert und bei mir ab einem gewissen Punkt wenig Anteilnahme erzeugte. Dem gegenüber stehen jedoch auch wundervolle Passagen und in sich geschlossene Episoden, die mich berührt zurückließen. Álvarez schreibt so authentisch und einfühlsam über sein geschundenes Land, dass 35 Tote bei mir Bewunderung für das leidgeprüfte kolumbianische Volk und tiefe Dankbarkeit für die gesicherten Verhältnisse in unserem Land auslöste. Ein schönes Gefühl.

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  • Guter Versuch, leider nicht mehr

    35 Tote
    Stefan83

    Stefan83

    08. August 2012 um 22:53

    Sergio Álvarez' „35 Tote“ ist eins dieser Bücher, das mir vom Kern der Geschichte, den Figuren und der Sprache, eigentlich nur gefallen konnte. Ein schonungsloses, schwarz-zynisches Portrait über Kolumbien und einen traurigen Anti-Helden zwischen Drogen- und Bürgerkrieg, dessen stete Suche nach dem Sinn des Lebens, in einem von sinnloser Gewalt zerrütteten Staat, von Beginn an in den Bann ziehen will. Wohlgemerkt will und nicht kann, denn der Aufbau des Textes sowie das gesamte Schriftbild zerstören die Freude an der Handlung bereits im Ansatz. Wo in der Vergangenheit literarische Größen mit ähnlichen stilistischen Mitteln Meisterwerke geschaffen haben, welche mich noch heute gerade wegen der Andersartigkeit der Textaufmachung beeindrucken, da ist dies bei „35 Tote“ vor allem nur eins – extrem nervig. Álvarez' Roman verweigert sich jedem Versuch seitens des Lesers, die durchaus in Bann ziehende Story mit größerem Lesetempo in Angriff zu nehmen, indem er uns mit seitenlangen Textblöcken konfrontiert, in denen jeglicher Absatz fehlt. Und als wäre diese Monotonie nicht schon genug, bleibt gleich auch noch die wörtliche Rede unkenntlich und wird als konfuses Durcheinander im riesigen Texthaufen versteckt, so dass man, ohnehin erschlagen von der Vielzahl lateinamerikanischer Namen, schon nach wenigen Seiten seine liebe Mühe und Not hat, den Überblick zu behalten. Wer gerade mit wem redet ist nur anhand des Zusammenhanges zu entwirren. Oder mit Zuhilfenahme eines angelegten Lineals. Aus der Tugend Geduld, welche Álvarez mit ständigen Schauplatzwechseln zusätzlich auf die Probe stellt, wird hier eine schlichte Notwendigkeit- Anstatt, wiewohl vom Autor beabsichtigt, damit in weiteren beschriebenen Einzelschicksalen die hoffnungslose Situation Kolumbiens zu unterstreichen, bremsen diese Schwenks die jeweils gerade in Gang gekommene Geschichte bloß aus und fungieren somit als das schriftliche Äquivalent eines TV-Werbeblocks: Immer dann wenn es gerade spannend wird, wenn der Funke überspringt, man die Seiten fester packt und die aussichtslose Situation des Hauptprotagonisten Betroffenheit auslöst, wird dem Leser die Tür vor der Nase zugehauen. Das ist über eine Distanz von weit mehr als 500 Seiten irgendwann so frustrierend, dass man die Nebenschauplätze schließlich zu überlesen beginnt – auch weil sie in keinster Weise dem eigentlichen roten Faden dienlich sind bzw. die Haupthandlung auch nicht um ein Jota voranbringen. Und gerade das hätte die Geschichte gleich öfters mehr als nötig, da sich Álvarez leider immer wieder verzettelt und es manchmal fast so scheint, als hätte da jemand selbst nicht so recht gewusst, welche Richtung eingeschlagen werden soll. Das ist insofern schade, da „35 Tote“ in seiner Essenz eigentlich unheimlich tiefgründig, herrlich sarkastisch und oft sogar sehr berührend ist. Viele Szenen machen betroffen, traurig, melancholisch. Andere sprühen nur gerade so vom Rhythmus der Gewalt. Und wiederum andere bieten zügellose Erotik im besseren Sinne. Was das angeht, hat der Autor seine Hausaufgaben gemacht, transportiert das Buch die Gefühle durchaus zum Leser. Das Problem dabei: Álvarez verliert das Augenmaß und trägt über die gesamte Distanz viel zu dick auf. Aus bitterem Sarkasmus wird irgendwann tränennasse Dauerdepression. Politische Umstürze reduzieren sich lediglich nur noch auf die Summe der Todesopfer. Und detaillierte Sexszenen werden nach dem Follettschen Motto „Viel hilft viel“ an jeder auch noch so passend scheinenden Stelle platziert. Dies führt dazu, dass die Lebensgeschichte zu etwas Künstlichen, Realitätsfremden wird. Auch weil der Hauptprotagonist von einer Tragödie in die nächste stolpert und die geschilderten Rückschläge immer groteskere Züge annehmen. Grundsätzlich kein Problem, wäre diese Groteske gewollt, was angesichts der Botschaft und der düsteren Ernsthaftigkeit des Romans aber stark bezweifelt werden darf. Insgesamt ist „35 Tote“ ein irgendwie halbgares, zu sehr auf den Effekt gebürstetes Werk, das sich sprachlich zwar vor der lateinamerikanischen Konkurrenz nicht zu verstecken braucht, bei mir letztlich aber keinen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Ein „Tage der Toten“-Light, das nichts bietet, was nicht andere schon wesentlich besser auf Papier gebracht hätten.

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  • Rezension zu "35 Tote" von Sergio Álvarez

    35 Tote
    Eselsohren-Werner

    Eselsohren-Werner

    14. March 2012 um 21:31

    Neun Jahre hat Sergio Álvarez an diesem Roman gearbeitet, ist durch Kolumbien gereist und hat mit den Menschen gesprochen, um „die einzelnen Geschichten zu rekonstruieren“. Geschrieben hat er dann eine Mischung aus tragikomischem Schelmen- und Zeitroman. Wir begleiten die Hauptfigur ab ihrer Zeugung durch das Kolumbien der Gegenwart: früh sterben Mutter und Vater, er lebt bei Verwandten am Land, wird dann von seiner Tante Cristinita nach Bogotá geholt, wo sie in revolutionäre Kreise geraten und eine marxistische Kommune gründen. Er wird Kleinkrimineller, Student, landet abwechselnd bei der Armee und beim Widerstand, bis er keine andere Möglichkeit mehr sieht als nach Spanien zu flüchten. Abwechselnd lässt Àlvarez diese Hauptfigur und verschiedene Nebenfiguren zumeist schreckliche Erlebnisse in der Ich-Form erzählen – in einer kraftvollen Sprach mit bösem Witz. Die vielen Episoden wirken realistisch, was durch die Unmöglichkeit, dass ein Mensch all das erleben kann, gebrochen wird. Dadurch, dass so viele Schicksale in der Hauptfigur zusammengeführt werden, wird diese zum Brennspiegel kolumbianischen Zustände, das seit mehr als 40 Jahren von bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Polizei, Militär, Paramilitär und Guerillagruppen bestimmt werden. Es gibt keinen Rückzugsort, auch im Privaten nicht, auch nicht in der Sexualität. Die Hauptfigur sagt: „Genausowenig wie ich die Frauen verstehe, die mir immer nur Unglück bringen, begreife ich, wie dieses Land funktioniert, wer auf welcher Seite steht und wo mein Platz ist.“ Auch im Exil findet ihn diese nicht. Dort herrscht nur mehr Tristesse – nach dem ununterbrochenen Terror im Geburtsland. Ein ausuferndes Buch, dessen Schrecken man sich nicht entziehen kann und das lehrt, was es bedeutet, im Bürgerkrieg zu überleben.

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  • Rezension zu "35 Tote" von Sergio Álvarez

    35 Tote
    FunkyWaldfee

    FunkyWaldfee

    07. May 2011 um 22:16

    Er versucht sich als Revolutionär und als Taschendieb, als Puppendealer und als Drogendealer, als Urkundenfälscher und als Paramilitär. Nach jeder Niederlage rafft er sich wieder auf, beginnt ein neues Leben, arbeitet sich hoch. Stets aus dem nichts aber bricht sein Glück von Neuem in sich zusammen. Dabei sind seine einzigen Laster die Frauen und das Tanzen und es ist ihm jedwede Arbeit recht -- nur töten kann er nicht. Wer aber in Kolumbien niemanden getötet hat, der hat keine Zukunft... Die jüngste Geschichte eines zerrissenen Landes, gefangen in einer Spirale aus Gewalt und Korruption. Frei nach dem Motto 'Auge um Auge, Zahn um Zahn' schaukel schaukeln sich die Geschehnisse hoch und die Situation eskaliert. Der Roman zeichnet so ein vielschichtiges Bild der Gesellschaft und schafft es, auch die SIchtweise zwielichtiger Gestalten zu verstehen. Stilistisch durch den Wechsel der Sichtweisen des Protagonisten und einer Vielzahl anderer Charaktere geprägt, sprachlich leicht verständlich geschrieben -- lediglich die einzelnen Anglizismen waren in meinen Augen überflüssig. Wer sich für Südamerika allgemein und Kolumbien speziell interessiert, ist mit diesem Werk sehr gut bedient. Spannend geschrieben, bedrückend und humorvoll zugleich, an erster Stelle aber wohl erschreckend nah an der Realität.

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