Serhij Zhadan

 4.1 Sterne bei 21 Bewertungen
Autor von Depeche Mode, Internat und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Serhij Zhadan

Serhij Zhadan wurde 1974 in der Ostukraine geboren und studierte Germanistik. Er promovierte über den ukrainischen Futurismus und ist eine der prägenden Figuren der jungen Szene in Charkiw (Ukraine). Er veröffentlichte bereits mehrere Gedichtbände und Prosawerke. Für "Die Erfindung des Jazz im Donbass" wurde er zahlreich ausgezeichnet. Sein aktueller Roman "Mesopotamien" erscheint im September 2015 bei Suhrkamp.

Alle Bücher von Serhij Zhadan

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Depeche Mode

Depeche Mode

 (7)
Erschienen am 26.02.2007
Internat

Internat

 (3)
Erschienen am 11.03.2018
Anarchy in the UKR

Anarchy in the UKR

 (3)
Erschienen am 26.11.2007
Die Erfindung des Jazz im Donbass

Die Erfindung des Jazz im Donbass

 (2)
Erschienen am 13.10.2012
Hymne der demokratischen Jugend

Hymne der demokratischen Jugend

 (2)
Erschienen am 24.01.2011
Mesopotamien

Mesopotamien

 (2)
Erschienen am 10.07.2017
Totalniy Futbol

Totalniy Futbol

 (1)
Erschienen am 09.03.2012

Neue Rezensionen zu Serhij Zhadan

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Rezension zu "Internat" von Serhij Zhadan

Tarkowski lässt grüßen
Beustvor 6 Monaten

Mir hat an diesem Roman gefallen, dass er einen Protagonisten ins Zentrum stellt, der hin- und hergerissen ist zwischen dem, was man tun sollte, was man tun kann und was man tun muss. Ständig hinterfragt Pascha, was er tut - zweifelt an sich und kämpft sich dennoch vorwärts. Warum? Weil er so viel falsch gemacht hat im leben? Weil er seinen Neffen liebt, den er durch den Bürgerkrieg abholen will? Weil er etwas richtig machen will? Weil es ihm niemand zugetraut hat? Letztendlich ist es egal - denn Pascha tut es, während gleichzeitig der Autor Serhej Zhadan über das Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Moral und des Alleinseins nachdenken lässt.

Die Handlung spielt in einer postapokalyptischen Landschaft à la Tarkowski, mit der zwar die östliche Ukraine gemeint ist (einmal wird ein Fluss dort beim Namen genannt, ansonsten bleiben alle Orte namenlos), die aber eigentlich überall sein könnte. Tauscht man "Ukrainisch" und "Russisch" gegen Adjektive beliebiger Krieg führender Parteien aus, fehlt dem Roman lediglich die Aktualität, nicht aber die Intensität. Denn Krieg in der Nachbarschaft (und nicht nur dort) ist immer grausam.

Der Stil ist nicht immer schmackhaft und eingängig; dennoch bleibt das Buch hängen und arbeitet hinter der Stirn noch lange weiter. Und das ist gut so für einen Antikriegsroman.

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Rezension zu "Die Erfindung des Jazz im Donbass" von Serhij Zhadan

Rezension zu "Die Erfindung des Jazz im Donbass" von Serhij Zhadan
Wolkenatlasvor 6 Jahren

Serhij Zhadans surrealer "Wilder Osten"

"Telefone existieren, um unangenehme Dinge mitzuteilen. Telefonstimmen klingen kalt und offiziell, mit offizieller Stimme lassen sich schlechte Nachrichten leichter überbringen ..."
Mit einem solchen Anruf, um fünf Uhr morgens, beginnt Hermanns wilde und verrückte Odyssee durch surreale ukrainische Gegenden, in aberwitzigen Schmugglerbussen und Verbrecherzügen, mit Nomadenstämmen und eigentlich längst toten Fußballkollegen von früher.

Hermann erfährt von Kotscha, dem Geschäftspartner seines Bruders, dass der Bruder weg ist. Vermeintlich nach Amsterdam. Warum? Das wisse man nicht. Es gäbe statt Informationen Probleme. Probleme mit der Tankstelle. Probleme, die Hermann sofort lösen kommen solle.

Und so macht sich Hermann, zusammen mit den beiden absurden Cousins Lolik und Bolik, (wer russische Kinderfilme kennt, wird das Traumpaar sofort optisch zuordnen können), auf den Weg, die Tankstelle des Bruders zu retten. Wovor, das weiß er noch nicht.

Serhij Zhadan zeichnet ein absurd surreales Bild dieses wilden Abschnitts der Ukraine, das dem Original gar nicht unähnlich ist. Seine Prosa ändert nur ein wenig die Beleuchtung und erzielt so ein Maximum an unterschiedlichen Farben und schillernden Stimmungen.

Das Team der Tankstelle wird mit "dem Versehrten" und der Buchhalterin Olga komplettiert, die alle eine sehr freie Zeiteinteilung und Arbeitsmoral haben. Auch die junge Nachbarin Katja mit der Hündin Pachmutowa fügt sich perfekt in das Bild von witzig-absurden Gestalten ein. Protagonisten, die Hermann skeptisch betrachten, weil sie (ebenso wie Hermann) noch nicht wissen, was Hermanns Erscheinen wirklich bedeuten wird.

Bald tauchen die Vorboten der Bösewichte, danach Nikolaiewitsch auf, ebenso nur ein Schmalspurbösewicht, die verdächtig viel Druck auf Hermann ausüben, damit er die Tankstelle verkaufen möge. Er beginnt sich für die Sache zu interessieren und wird immer weiter in den Sumpf der Kleinstadtunterwelt hineingezogen. Er vertieft seine Beziehungen zu Olga, Kotscha, zu Katja, zum Versehrten, die ihn rechtzeitig vor einem Anschlag auf sein Leben in einen Zug dritter Klasse setzen, damit er fliehen kann.

Damit beginnt der zweite Teil des Buches, der eigentlich auch "Heimkehr" betitelt sein könnte, da Hermann über absurde Stationen, die teilweise sehr surreal sind, eigentlich die ganze Flucht über auf dem Heimweg nach Woroschilowgrad, in die Stadt seiner Jugend, ist. Er begegnet Kosaken und Tartaren, wird Zeuge von düster geheimnisvollen nächtlichen Aktionen, nimmt an abgefahrenen Hochzeiten teil, kommt immer wieder verschiedenen geheimnisvollen und aufregenden Frauen näher, bis er am Ende voller Mut zur Tankstelle zurückkehrt und das Ganze in ein witzig absurdes großes Finale mündet.

Ganz nebenbei merkt man, wie kritisch der Autor die Entwicklungen in seinem Land, oder auch Einflüsse der Europäischen Union betrachtet, sehr bewundernswert, wie dezent und als Hintergrundfarbe getarnt das verpackt ist. Auch die traumatischen Jahre der Loslösung von der UdSSR sind wie ein in den Zahnzwischenräumen hängengebliebenes und ständig auf sich aufmerksam machendes Stückchen Fleisch vorhanden.

Die Übersetzung von Juri Durkot und Sabine Stöhr ist durchgehend überzeugend und somit eine große Hilfe für das Verständnis dieses doch sehr eigenwilligen Textes in der deutschen Sprache. Die versteckten Anspielungen sind auch für nicht russisch-ukrainisch erfahrene Leser durchaus verständlich und logisch.

Serhij Zhadan hat mit "Die Erfindung des Jazz im Donbass" einen wunderbar spannenden und temporeichen Roman vorgelegt, der, einerseits dank einer sich stringent entwickelnden und ständig an Spannung zunehmenden Handlung, andererseits aber auch dank einer sehr abwechslungsreichen, immer wieder auch rotzig-frech-poetischen Prosa, einer der absolut stärksten und mitreißendsten Romane des Bücherherbstes 2012 ist.
Egal, wie absurd die Begegnungen, die Handlungsstränge oder auch Hermanns Handeln sind, alles ergibt einen Sinn. Es ist ebenso faszinierend, beim Lesen immer ein lebendiges Bild der jeweiligen Gegend zu haben, da Zhadan, ohne in Landschaftsmalerei zu verfallen, so genau zeichnet, dass man beispielsweise meint, den ukrainischen Morgen in Woroschilowgrad genau riechen zu können. Zhadan packt den gewillten Leser gleich in den ersten Sätzen und lässt ihn auch mit dem letzten Satz noch lange nicht los.
Der deutschsprachige Titel des Romans hat überraschenderweise nur mit einem Seitenthema dieses Buches zu tun, passt aber sehr gut zur fast jazzigen Prosa des ukrainischen Autors, der nicht umsonst zu den aufregendsten und kühnsten Stimmen der Ukraine gezählt wird.

Absolute Empfehlung.

(Roland Freisitzer; 11/2012)

Erstveröffentlicht auf www.sandammeer.at

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Rezension zu "Hymne der demokratischen Jugend" von Serhij Zhadan

Rezension zu "Hymne der demokratischen Jugend" von Serhij Zhadan
Wolkenatlasvor 9 Jahren

Über die glorreichen Tage der Transformationszeit - Perestroika á la Ukraine

Was passiert, wenn siebzig Jahre Sozialismus und Kommunismus durch nichts Greifbares ersetzt werden?
Dann hat man den härtesten Kapitalismus, den man sich vorstellen kann.
Charkiw, die ost-ukrainische Metropole ist eine durchwegs neu-kapitalistische Stadt, in der die täglichen Veränderungen so vehement sind, dass einem sehr bald die Übersicht zu entgleiten droht.

Der 1974 in Starobilsk (Gebiet Luhansk) geborene und auch in seiner Heimat erfolgreiche Autor Serhij Zhadan lebt und schreibt in dieser Stadt. Nach "Depeche Mode", "Anarchy in the UKR" und einem Lyrikband erschien "Hymne der demokratischen Jugend" im Suhrkamp Verlag.

Mustergültig übersetzt, lässt der Autor ein skurriles, dem westlichen Leser wahrscheinlich sehr fremdes Bild einer Gesellschaft entstehen, die versucht, sich in ihrer neuen, scheinbar weder durch Gesetze noch moralische Schranken gebundenen Umgebung zurechtzufinden.

In der ersten von sechs Erzählungen versucht eine Gruppe junger "Unternehmer", den besten Schwulenklub der Stadt zu gründen, nur um festzustellen, dass ihre Ideen mit der Publikumsorientierung in Charkiw nicht kompatibel ist. Sie schlittern von einem Malheur ins nächste; und auch wenn sie immer wieder aufstehen und weitermachen, so ist ihre Aussicht auf Erfolg doch so gering, dass einem die Gruppe junger Männer schon leid tut.

In "Ballade von Bill und Monika" berichtet der Ich-Erzähler von der Liebesbeziehung seines Freundes Kaganowitsch, dessen Leid damit begann, dass seine Freundin der Meinung war: "(...) es sei an der Zeit, ihre Beziehung auf eine feste Grundlage zu stellen, sie waren doch schon drei Monate zusammen, und nichts passierte außer Sex in Suff".

Mit den Worten "Die Brüder Coen - Ethan und Joel - haben mir beigebracht, keine Angst vor Blut zu haben" beginnt die Erzählung "Vierzig Waggons usbekische Drogen", die einen jungen Verwandten der Oschwanz-Brüder, die übrigens auch in anderen Erzählungen dieses Buches ihr Unwesen treiben, durch verschiedene Abenteuer schickt, durch die er wie ein Elefant im Porzellanladen trampelt, mit schlafwandlerischer Sicherheit für inkorrekte und peinliche Wendungen, so, wie seine Rede vor Budapester Bestatter-Publikum auf einer geistlichen Tagung. Der Versuch, ihn zu rehabilitieren, scheitert an den Versuchungen Evas.

In "Besonderheiten des Schmuggels von inneren Organen" ist eine dekadent-schwarze Liebesgeschichte der Auslöser für ein Traktat über illegale Prostitution und die Beschaffung von illegalen Aufenthaltsgenehmigungen für die EU. Morbide, dunkle Szenen gelingen hier, die schon fast berührend schön sind.

"Lass den Priester nur reden, das Lustigste kommt zum Schluss" beschäftigt sich mit den Möglichkeiten, einen Pornofilm staatlich fördern und diesen dann auch noch in staatlichen Filmstudios drehen zu lassen, während die letzte Erzählung "Metallist nur für Weiße" die Problematik der verschiedenen in der ehemaligen Sowjetunion, konkret hier in der Ukraine, konzentrierten Anzahl von Nationalitäten und der Resultate eines übermäßigen Alkoholkonsums erforscht.

Serhij Zhadan schreibt rasant, manchmal in einem Stil, der mit mitunter sehr witzigen, nur durch Kommata voneinander abgetrennten Dialogen durch die Geschehnisse in Charkiw führt. Alkohol fließt in Strömen, Drogen sind allgegenwärtig, Sex bzw. die Lust auf Sex dominiert das Geschehen, und peinliche Situationen wechseln sich schwungvoll ab.
"Hymne der demokratischen Jugend" ist ein kurzweiliger Lesespaß, ein morbides, von schwarzem Humor und voller unmoralischer Gedanken strotzendes Lesevergnügen, das dem Leser hie und da etwas dick aufgetragen entgegenbrettert, aber auch ein schonungslos interessantes Bild einer Gesellschaft im Umbruch zeichnet. Das Buch lässt auf eine Entwicklung hoffen, die, mit mehr Tiefe und literarischer Kraft gepaart, ganz Großes von diesem Autor erwarten ließe.

(Erstveröffentlicht auf www.sandammeer.at)

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Serhij Zhadan wurde am 23. August 1974 in Ukraine geboren.

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