Shida Bazyar

 4.1 Sterne bei 65 Bewertungen

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Nachts ist es leise in Teheran

Nachts ist es leise in Teheran

 (65)
Erschienen am 07.09.2017

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Rezension zu "Nachts ist es leise in Teheran" von Shida Bazyar

Im Exil
leseleavor 24 Tagen

Nachts ist es leise in Teheran ist die Geschichte von Behsad, der 1979 in der iranischen Revolution für den Kommunismus kämpf. Es ist die Geschichte seiner Frau Nahid, die mit dem Leben im Exil in Deutschland hadert und trotzdem die Familie zusammenhält, während sie ihre eigenen Träume verfolgt. Und es ist die Geschichte ihrer Kinder Laleh, Mo und Tara, für die die Gerüche, die Sprache, die alten Geschichten von „Drüben“ Heimat bedeuten und die doch Deutschland, das Land, in dem sie aufgewachsen sind und dass ihnen Sicherheit und Stabilität geschenkt hat, nicht verlassen wollen. Es ist eine Geschichte über Hoffnung und Flucht, über Aufbruch und Angst, über ein Leben zwischen den Kulturen und über Heimat und Exil.

Nachts ist es leise in Teheran ist ein Buch mit einer an sich bekannten Geschichte über Flucht und Integration in der neuen Heimat, das jedoch seinen ganz eigenen und mitunter speziellen Weg geht. Das fängt bereits bei der Struktur des Romans an: Shida Bazyar fasst ihre Geschichte in Jahrzehnte zusammen, in jedem Jahrzehnt wird das Schicksal, das Leben einer der Familienmitglieder genauer beleuchtet. 1979 wird Behsads Kampf für die Iranische Revolution geschildert, 1989 befindet sich Nahid mit ihrer Familie nach der Machtübernahme der Islamisten im deutsche Exil, 1999 kehrt Laleh zum ersten Mal in den Iran zurück, 2009 verfolgt Mo die grüne Bewegung nach der iranischen Präsidentschaftswahl. Auf fragmentarische, jedoch nicht weniger eindringliche Weise setzt sie somit die Geschichte der Familie stückweise zusammen und gibt gleichzeitig einen guten Überblick über die Entwicklung des Irans seit der Gründung der Islamischen Republik.

Die Eigenwilligkeit des Romans zeigt sich zudem auch an Stil und Sprache. Relativ nüchtern, bisweilen in sperrigen, trockenen Sätzen, ohne das Herausarbeiten irgendwelcher emotionaler Höhepunkte wird das Leben der Familie im Iran und im Deutschland, die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander sowie die politische und gesellschaftliche Situation im Iran geschildert. Der Roman macht es sich nicht zum Ziel, Verständnis für Land und Leute beim Leser zu entwickeln – zumindest nicht, wie man es sich als westlicher Leser vielleicht wünscht. Shida Bazyar erklärt keine kulturellen Codes, analysiert ihre Figuren nicht im Hinblick auf ihre ursprüngliche Sozialisation, schildert keine dramatischen Szenen zur Verdeutlichung der Zerrissenheit zwischen Heimat und schützendem Exil. Nachts ist es leise in Teheran strebt nicht danach, den Deutschen zu vermitteln, wie sie so „funktionieren“, der Iran und seine Staatsbürger. Immer wieder stößt der Text daher an, wirkt zu distanziert, bleiben die Figuren und ihr Verhalten, ihre Einstellung zu fremd. Gleichzeitig erfährt die Geschichte so an enormer Tiefe, wirkt ehrlich und realistisch und so kommt es nebenbei dann doch: das Verständnis.

Ich gestehe, dass ich mich zu Beginn unheimlich schwer mit dem Roman getan habe und mich lediglich die interessanten Informationen über ein für mich sehr fremdes Land zur Lektüre gedrängt haben. Doch wie ich schon angedeutet habe, braucht Nachts ist es leise in Teheran Zeit, um seine Wirkung zu entfalten. Fast unmerklich, sehr subtil packte mich das Buch von Seite zu Seite mehr, bis ich die für mich bewusste Haltung, keine gefällige Geschichte auf ebenso gefällige Art zu erzählen, zu schätzen und anzuerkennen wusste. Shida Bazyar stellt vielleicht eine vertraute Story in den Mittelpunkt ihres Debüts, doch sie tut es auf ungewöhnliche und einmalige Weise, die das Buch für mich aus der Menge herausstechen lässt. Für diesen anderen Ansatz, der Mut und Kreativität gleichermaßen braucht, gibt es von mir 5 Sterne und die Bitte an alle potentiellen Leser, dem Roman die Zeit zu geben, die er braucht. Ihr werdet es nicht bereuen!

 

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LaLectures avatar

Rezension zu "Nachts ist es leise in Teheran" von Shida Bazyar

Interessanter Einblick in Flucht und Migration ​
LaLecturevor 2 Monaten

Inhalt

Der Roman erzählt die Geschichte einer iranischen Familie, bestehend aus Eltern und zwei Kindern, die in den 80er Jahren aufgrund politischer Verfolgung aus dem Iran nach Deutschland fliehen. Aus den Perspektiven aller vier Personen erzählt er von dem Wunsch, eine politische Veränderung zu bewirken, Verfolgung im eigenen Heimatland, Fremdheit in einem Land, in das man nur unfreiwillig geflüchtet ist, und die Zerrissenheit zwischen zwei Kulturen, die die eigenen sind, irgendwie aber auch nur halb.


Meinung

„Nachts ist es leise in Teheran“ faszinierte mich vor allem durch die komplexe Aufarbeitung einer Fluchterfahrung, angefangen von den Gründen für eine Flucht bis hin zu den Erlebnissen von Kindern, die bereits in einem anderen Land geboren sind.
So wird beispielsweise deutlich gemacht, dass Menschen nicht hierher flüchten, weil sie so gerne in Deutschland leben möchten, sondern weil sie beispielsweise die Inhaftierung oder sogar Hinrichtung in ihrem Heimatland befürchten müssen, und dass die meisten sich wünschen, ihr Aufenthalt in Deutschland müsse nicht von Dauer sein. Interessant sind auch die Beschreibungen, wie Kinder emigrierter Eltern quasi zwischen zwei Kulturen aufwachsen.
Die Verwendung mehrerer Perspektiven ist ein äußerst gelungenes Stilmittel, um möglichst viele Aspekte dieser Erfahrungen zeigen zu können. Dabei bezieht die Autorin die unterschiedlichen Persönlichkeiten ihrer Figuren authentisch mit in die Handlung ein.

Zudem ist der Roman auch sehr informativ, was die jüngste Geschichte des Iran und einige kulturelle Aspekte des dortigen Lebens betrifft. Es gibt einen recht ausführlichen Anhang, der nicht nur persische Begriffe und Redewendungen übersetzt, sondern auch im Text erwähnte Personen aufführt und nützliche Hintergrundinformationen über sie gibt. Die Szenen, die bei der Familie im Iran spielen, stellten für eine Kulturfremde ebenfalls einen interessanten Einblick dar.

Die Figuren des Romans sind nicht zwingend sympathisch, durch ihre Erzählungen und auch durch die Augen der anderen Charaktere jedoch ausführlich und interessant beschrieben. Dass ich kaum eine Verbindung und Sympathie zu ihnen aufbauen konnte, erschwerte mir das Lesen jedoch teilweise.

Als ebenfalls anstrengend habe ich den Schreibstil empfunden, insbesondere die fehlenden Anführungszeichen in wörtlicher Rede, die auch sonst häufig nicht gut gekennzeichnet ist. Generell ist der Roman recht anspruchsvoll geschrieben und enthält viele teils wirre, innere Monologe, durch die mitunter eine ganze Seite nicht einen einzigen erkennbaren Absatz oder Einzug enthält.


Fazit

„Nachts ist es leise in Teheran“ bietet einen interessanten und informativen Einblick in die Geschichte des Iran und die Fluchterfahrungen einer fiktiven iranischen Familie. Zeitweilig lässt sich der Roman durch den anstrengenden Schreibstil jedoch etwas zäh lesen.

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Corsicanas avatar

Rezension zu "Nachts ist es leise in Teheran" von Shida Bazyar

Eine deutsch-iranische Geschichte über Revolution und Exil
Corsicanavor 4 Monaten

Die Autorin (selbst mit iranischen Wurzeln) beschreibt in ihrem Debüt-Roman die Geschichte einer iranischen Familie, die nach vergeblichem Kampf im Iran nach Deutschland flüchtet und dort ein neues Leben beginnt.


Die Konstruktion des Romans ist eigenwillig und interessant. Es wird in 10-Jahres-Abschnitten erzählt: 1979 (Revolution), 1989 (im Exil in Deutschland), 1999 (die älteste Tochter erzählt über eine Besuchsreise in den Iran), 2009 (der Sohn erzählt von seinem Leben als Deutsch-Iraner) und irgendwann - wohl in der Zukunft - erzählt Tara, die jüngste Tochter in einem Epilog.

Persönlich kann ich jedem Leser nur empfehlen, sich nicht entmutigen zu lassen, falls man beim Lesen des ersten Teils in Stocken gerät. Die Geschichte der Revolution zu lesen ist zwar einerseits interessant - andererseits aber auch traurig und desillusionierend. Wie auch der Vater der Familie dadurch desillusioniert wird. Und im zweiten Teil erzählt die Mutter vom Ankommen in Deutschland. Schon etwas leichter lesbar.
Aber beginnen würde ich persönlich mit dem dritten Teil. Mit Laleh, der Tochter, die noch im Iran geboren wurde, noch schwache Erinnerungen an ihre ersten Lebensjahre dort hat und nun in den Sommerferien mit Mutter und Schwester in den Iran reist. Dieser Teil stellt das Leben in zwei verschiedenen Welten sehr bildhaft dar. Und es werden Geschichten erzählt, die mit dem ersten Teil zusammenhängen. Und die man dann besser versteht, wenn man den ersten Teil danach liest. Die beiden Teile über den Bruder und über die jüngste Schwester danach lesen sich dann leicht - man ist im hier und jetzt.

Ich habe das Buch im Rahmen eines (realen) Lesekreises gelesen und viele dort hatten am Anfang Probleme, in die Geschichte hinein zu kommen. 
Einig waren wir uns aber, dass  vieles realitätsnah beschrieben war. Und das Leben im Exil gut beschrieben wurde.

Ein beeindruckendes Debüt.

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