Shumona Sinha

 3.6 Sterne bei 25 Bewertungen
Autor von Erschlagt die Armen!, Staatenlos und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Shumona Sinha

Erschlagt die Armen!

Erschlagt die Armen!

 (14)
Erschienen am 26.08.2015
Staatenlos

Staatenlos

 (4)
Erschienen am 06.09.2017
Kalkutta

Kalkutta

 (4)
Erschienen am 24.08.2016
Erschlagt die Armen!: Roman

Erschlagt die Armen!: Roman

 (2)
Erschienen am 26.08.2015
Kalkutta

Kalkutta

 (1)
Erschienen am 25.08.2016
Erschlagt die Armen!

Erschlagt die Armen!

 (0)
Erschienen am 22.03.2019
Assommons les pauvres!

Assommons les pauvres!

 (0)
Erschienen am 13.09.2012

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Rezension zu "Staatenlos" von Shumona Sinha

„[I]hre Freiheit war nicht ihre Angelegenheit, sondern die der anderen“ (S. 62)
leseleavor einem Jahr

Drei Frauen, drei verschiedene Schicksale: Die eine, Esha, stammt aus einer wohlhabenden Familie aus Kalkutta, lebt und arbeitet in Paris und strebt die französische Staatsbürgerschaft an. Die andere, Mina aus Bengalen, ist Analphabetin und Bauerntochter und schwanger vom eigenen Cousin, was eine Schande für sie und die eigene Familie bedeutet. Die dritte, Marie, wurde in Indien geboren, jedoch als Kleinkind von einem französischen Ehepaar adoptiert und befindet sich seit einigen Jahren auf der Suche nach ihren leiblichen Eltern. Die drei Frauen stehen nur in einer losen persönlichen Beziehung zueinander, ihre Lebenswege berühren sich kaum, doch sie teilen eine große Gemeinsamkeit: Sie sind schwarze Frauen.

Shumona Sinha legt mit Staatenlos einen thematisch hochaktuellen und modernen Roman vor, in dem sie den Finger schonungslos in eine große Wunder der sich als liberal und frei verstehenden Nationen legt: dass wir immer noch in einer sexistischen und rassistischen Gesellschaft leben. Dafür – so zeigt es Sinha – braucht es kein Blick über den Ozean, wo mit Hashtags wie #metoo und #blacklivesmatter auf die strukturellen Missverhältnisse im Land der unbegrenzten Möglichkeiten hingewiesen wird. Es reicht, in Europa einen Blick vor die eigenen Tür zu werfen und sich umzusehen: Frausein ist immer noch mit Mutterdasein verbunden, Frauen mit wechselnden Partnern haftet in der Vorstellung der anderen immer noch etwas Schandhaftes an, Frauen gehen nicht ohne Pfefferspray aus dem Haus und meiden dunkle Gassen, Straßen und Parks. Und ebenso: Menschen mit ausländischen Namen haben schlechtere Chancen, eine (gute) Wohnung oder einen (guten) Job zu finden, dunkelhäutige Mitbürger werden als Affen und Neger bezeichnet, flüchtige Menschen sind nicht mehr willkommen und sollen eine bestimmte Obergrenze nicht überschreiten. Staatenlos ist voller kluger Alltagsszenen, die die tiefsitzenden diskriminierenden Strukturen offenlegen, voller ungeschönter Worte, die diese Ungerechtigkeiten anprangern und – durch die in der Geschichte geschickt angelegte Gegenüberstellung von Frankreich und Indien – voller Mut, die radikale Frage zu stellen, ob der Westen wirklich so viel fortschrittlicher hinsichtlich der Freiheit von Frauen und Migranten ist, wie er meint.

Der Botschaft des Buches kann ich mich bedenkenlos anschließen und ich halte Staatenlos hinsichtlich der gewählten Thematik für ein wichtiges und geglücktes Buch. Nichtsdestotrotz besteht ein Roman nicht nur allein aus Inhalt: Mir persönlich ist nicht nur wichtig, was erzählt wird, sondern auch wie etwas erzählt wird – und leider konnte mich Shumona Sinha stilistisch nicht von ihrem Vorhaben überzeugen. Insgesamt war mir Staatenlos zu fragmentarisch, das Erzählte wirkte wie flüchtig dahingezeichnet, die Worte – so stark sie von der Autorin gewählt wurden – entwickelten sich nicht zu ebenso solchen starken Bildern in meinem Kopf, die mich mitnahmen, ja mitrissen. Bis zum Schluss blieb ich den Figuren und dem von ihnen Erlebten distanziert und teilnahmslos gegenüber, was auch an der blassen Figurenzeichnung und dem erzählerischen Ungleichgewicht der einzelnen Schicksale liegt. Der Fokus von Staatenlos liegt nämlich, anders als der Klappentext andeutet, eindeutig auf Esha, Mina und Marie spielen nur eine Nebenrolle, letztere dient strukturell gesehen eigentlich nur als Bindeglied des Figurendreiecks. Doch auch Esha, von der wir viel erfahren, erfahren wir auf den knapp 160 Seiten eigentlich nur als schwarze Frau und als Migrantin: Was sie im Inneren bewegt, was sie abtreibt und was sie über die Welt um sicher herum denkt, sehen wir nur durch diese Perspektive; einen Charakter jenseits Hautfarbe und Geschlecht scheint sie nicht zu haben, was der Intention Sinhas meiner Meinung nach entgegenläuft. Darüber hinaus fehlte es mir an einer wirklichen Handlung: In Staatenlos reihen sich vielmehr einzelne Szenen aneinander, die Kapitel sind extrem kurzgehalten, die Perspektive wechselt immer wieder sprunghaft. Dies alles lässt das schmale Büchlein einerseits überfrachtet wirken, andererseits wurde in dem Sinne fast zu wenig erzählt, dass die einzelnen Begebenheiten nicht voll „auserzählt“ werden, sondern lose in die Erzählwelt gestellt werden.

Nach dieser Lektüre bin ich nicht abgeneigt, weitere Bücher von Shumona Sinha zu entdecken, da sie mich mit ihrer thematischen Kompromisslosigkeit überzeugt und angesprochen hat. Die Umsetzung ihrer brillanten Gedanken konnte mich in Staatenlos jedoch nicht überzeugen, die Stärken, die dem Buch eigen sind, wurden durch die fahrige und teilweise einseitige Erzählweise nicht überzeugend an den Leser bzw. die Leserin gebracht. Daher nur 3 Sterne, jedoch durchaus die Aufforderung, dieser interessanten Autorin etwas Lesezeit zu schenken.

Kommentare: 2
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miss_mesmerizeds avatar

Rezension zu "Staatenlos" von Shumona Sinha

Shumona Sinha - Staatenlos
miss_mesmerizedvor einem Jahr

Drei Frauen, drei Schicksale. Esha konnte sich ihren Traum verwirklichen: dank des wohlhabenden und gebildeten Hintergrundes konnte sie der Provinz Westbengalen entfliehen und ihr Glück in Frankreich suchen. Doch Paris hat ihre Erwartungen nicht erfüllt. Die Kinder in der Schule, in der sie als Englischlehrerin arbeitet, verachten sie, Freunde oder gar einen Partner hat sie ebenfalls nicht gefunden. Nach Hause will sie aber unter keinen Umständen zurückkehren, schon die Telefonate mit ihrer Mutter sind ihr zuwider. Sie hofft auf die französische Staatsangehörigkeit, um dauerhaft Asien den Rücken kehren zu können. In Paris hat sie Marie kennengelernt, die ebenfalls aus Indien stammt, aber bereits als Kind adoptiert wurde und in Frankreich aufwuchs. Nun als junge Erwachsene sucht diese nach ihren Wurzeln und bereist das unbekannte Herkunftsland. Schnell engagiert sie sich dort auch für die Unterdrückten und nimmt an Protestaktionen teil, auch wenn sie oftmals nicht versteht, was wirklich dahintersteckt und wie sich das Leben eines einfachen Arbeiters gestaltet. Ein Leben wie es die Analphabetin Mina führt. Die Hoffnung auf Verbesserung ihrer Lage hat sie schon längst aufgegeben, bleibt nur noch die auf die Heirat mit Sam, den sie schon als Baby liebte. Doch Sam hat andere Pläne und Minas Schwangerschaft soll nicht sein Problem sein.

Wie auch in ihren anderen Romanen scheut sich Shumona Sinha nicht, unpopuläre Themen aufzugreifen und den Finger in die Wunde zu legen. Dieses Mal geht es im Wesentlichen um die Rolle der Frau bzw. ihr Ansehen in der Gesellschaft und um den Platz, den die französische Gesellschaft den Einwanderern zuweist. Sie kommen nie wirklich in der Mitte der Gesellschaft an, bleiben am Rand, unter sich, was sich vor allem auch räumlich ausdrückt:

Sie lebte am Ende der von Tankstellen, Autovermietungen und chinesischen Imbissläden gegliederten Straße, mit Menschen unterschiedlichster Herkunft, die sich an dieses Ende klammerten wie an den Schwanz einer langsamen, müden Schlange, deren Leben sich weiter oben abspielte.

Unsichtbare und unüberwindbare Mauern trennen die Schichten in jeder Hinsicht. Obwohl Esha in Paris mehr Freiheiten genießt als in Kalkutta, muss sie doch recht schnell feststellen, dass auch hier Werte und Normen ihr Leben einschränken:

Während es in Indien für eine alleinstehende Frau unmöglich war, eine Wohnung zu mieten, hatte sich hier niemand daran gestört, als sie ihren ersten Mietvertrag unterschrieben hatte. Die Probleme hatten danach angefangen. Schnell war aufgefallen, dass sie alleine lebte. Dass sie frei war, bedeutete, dass sie es für alle war, ihre Freiheit war nicht ihre Angelegenheit, sondern die der anderen und wurde bedroht von dem Verlangen der Männer und dem Misstrauen der Frauen.

Es scheint ein Naturgesetz zu sein, dem sie nicht entfliehen kann.

Die Abwesenheit eines Kindes ersparte ihr nicht die Fragen über dieses ungeborene Kind. Man wollte wissen, ob sie unfruchtbar sei, ob sie schon in den Wechseljahren sei, und vor allem hatte man sie in Verdacht, nicht richtig geliebt zu werden. Ein Kind zu haben, war genauso wichtig wie eine Arbeit, ein Haus, ein Auto zu haben. Sie war OfW, ohne fürsorgliche Weiblichkeit
.

Sie wird daran gemessen, ob sie ihrer Pflicht als Frau nachkommt und Nachwuchs hervorbringt. Ihre intellektuellen Fähigkeiten treten völlig dahinter zurück und werden von dieser drängenden Frage überlagert. Wird sie nicht auf das Muttersein reduziert, muss sie sich vor anzüglichen Blicken und Übergriffen schützen, als Asiatin wird sie insbesondere schnell in die Ecke einer Prostituierten geschoben, die für Männer frei verfügbar sind. Oder man hält sie für eine Asylbewerberin, Sozialschmarotzerin, die sich in der Metro öffentlich dafür rechtfertigen soll.

Schlimmer als Esha trifft es jedoch Mina in Indien, Sie versucht den Kampf für die richtige Sache, wird sich aber schnell der Grenzen bewusst, die man einer Frau wie ihr setzt. Auch ihr Vater kennt die Regeln der Gesellschaft und muss entsprechend handeln:

Verzeih mir, meine Kleine, aber du musst unser Haus verlassen. Du musst uns verstehen, wir haben keine andere Wahl, uns sind die Hände gebunden, wenn du bleibst, verstoßen sie uns alle, dein Bruder kann dann nicht mehr für diese Leute arbeiten, wir können nicht mehr auf die Straße gehen.

Die Schuld an ihrer Schwangerschaft tragen beide, Mina und Sam, doch nur sie wird zur Rechenschaft gezogen und der Verstoß durch die Familie wird noch nicht alles sein. Der Wert eines Frauenlebens geht gegen null.

Es gäbe unheimlich viel mehr zu sagen und zitieren aus dem kurzen Roman, der auf den rund 160 Seiten sowohl die vermeintlich fortschrittliche westliche Welt mit der vermeintlich rückschrittlichen bäuerlichen Gesellschaft in Westbengalen kontrastiert und man letztlich ebenso wie Esha erkennt, dass Diskriminierung überall ein inhärenter Teil der Strukturen ist und dass es gerade für Frauen ein schmaler Grat sein kann zwischen akzeptablem Verhalten und Verachtung:

Der Körper der Frau, verschleiert oder unverschleiert, löste hier wie anderswo heftige Reaktionen aus. Ein paar Zentimeter Stoff, hier waren sie zu viel, anderswo zu wenig.

Kommentare: 1
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Duffys avatar

Rezension zu "Erschlagt die Armen!" von Shumona Sinha

Unbequeme Wahrheiten
Duffyvor einem Jahr

Wenn man von "Flüchtlingswellen" spricht, deren Ursachen diskutiert, und gerade dieser Tage wieder mal ernsthaft über "Höchstgrenzen" schachert, über Menschen spricht, die auf der Flucht sind und sie zahlenmäßig eingrenzen will, wenn man damit indirekt Todesurteile spricht, mit einem Wort, wenn man ein reales Problem so abstrakt und weltfremd angeht, wie es die Verantwortlichen zum Beispiel in Europa (und leider auch in Deutschland) machen, dann fragt gerade deshalb niemand nach denen, die damit täglich zu tun haben und die Konsequenzen tragen müssen. Die, die von Angesicht zu Angesicht mit den Menschen zu tun haben, die Entscheidungen zu treffen haben, die Wahrheit von Lüge unterscheiden müssen und die dann mit sich und ihrem Gewissen alleine gelassen werden. Darum geht es in diesem Buch über eine Dolmetscherin, die die Anhörungen von Flüchtlingen ohne Interpretation übersetzen muss, Bindeglied zwischen Antragstellern und Entscheidern ist, Tausende von Schicksalen hört, ohne selbst helfen oder entlarven zu können. Der innere Zwiespalt, das Erkennen von Schauspielern und echten Notleidenden, die Sprache als Werkzeug, um Grundbedürfnisse übersetzen und vermitteln zu können. Der der Verlust ihrer Identität droht und dann die plötzlich einen Gewaltausbruch von sich selbst nicht verhindern kann, weil sie das alles nicht mehr erträgt.
Shumona Shinha hat einen Roman geschrieben, der eigenltich ein Erfahrungsbericht ist und mit starken, tiefgehenden Worten beschreibt, was hilflos macht. Ihre eigene Geschichte als Migrantin, die es "geschafft" hat, immer mit einbezogen, ihre Identität bedrohend und ihre Werteskala durcheinander bringend. Ein Buch, das trifft. Genau dahin, worum eigentlich eine hohe Mauer gezogen wird. Die ganze Problematik des Asyls mit ihren falschen Voraussetzungen, wirren Träumen und echter Not. Betrachtet von jemandem, der mittendrin und zwischen allen Fronten steht. Wie so viele, die sich mit der Umsetzung der Vorgaben der Politik, die weltfremder nicht sein könnte, im richtigen Leben auseinandersetzen müssen.
Jedem Politiker, der sich über "Flüchtlingsquoten" am grünen Tisch wie beim Pokerspiel die strategisch beste Ausgangsposition verschaffen will, sollte man ohnehin mindestens eine Woche zur Zwangsarbeit in einem Flüchtlingslager, egal ab vor Ort in den unkomfortablen Massenunterkünften in den Grenzländern oder hier bei uns, inmitten des ganzen Elends mit seiner destruktiven, realitätsfernen Bürokratie, verpflichten.
Die Autorin verlor wegen dieses Buches ihren Job als Dolmetscherin bei der französischen Ausländerbehörde. So reagiert die Politik, wenn sie mit der unbequemen Wahrheit konfrontiert wird. Wünschenswert, wenn in Deutschland auch mal jemand so ein couragiertes Buch schreiben würde.

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