Shumona Sinha Kalkutta

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Inhaltsangabe zu „Kalkutta“ von Shumona Sinha

Internationaler Literaturpreis 2016 für »Erschlagt die Armen!« In ihrer unnachahmlich poetischen Sprache erzählt Sinha von einer verlorenen Kindheit in Indien, zwischen gestern und heute, zwischen der Familien- und der politischen Geschichte. Nach vielen Jahren in Frankreich kehrt Trisha anlässlich der Einäscherung ihres geliebten Vaters zurück in ihre Geburtsstadt Kalkutta. Im verlassenen Haus der Familie, in dem sie aufgewachsen ist, schicken die Möbel und vertrauten Gegenstände aus alten Tagen ihre Gedanken auf eine Zeitreise in die Vergangenheit. Da ist zum Beispiel die rote Steppdecke, die sie nicht nur an die Hausierer erinnert, die solche Decken anfertigten, sondern auch daran, wie sie eines Nachts ihren Vater dabei beobachtete, wie er in ebendieser aufgerollten Decke einen Revolver versteckte. Oder das kleine Fläschchen mit Hibiskusöl, mit dem man ihrer Mutter Urmila die Kopfhaut massierte, wenn diese wieder einmal von schwerer Melancholie überwältigt wurde. Indem Trisha sich in die Kratzer und Risse dieser Objekte, der Möbel, des Hauses versenkt, ersteht die Vergangenheit mehrerer Generationen einer Familie wieder auf, und damit auch die kollektive, politische Vergangenheit Westbengalens – von der britischen Kolonialzeit bis zur jahrzehntelangen kommunistischen Regierung seit den späten 1970er Jahren.

Dieser Roman überzeugt durch seine facettenreiche Sprache

— renie
renie

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    • 2951
  • Wortgewaltige Sprache, langweiliger Inhalt

    Kalkutta
    Federfee

    Federfee

    13. October 2016 um 12:28

    Von ihrem ersten Buch war ich begeistert, das brisante Thema, die wortgewaltige Sprache (s. meine Rezension). Auch in 'Kalkutta' schreibt sie wieder in unnachahmlicher Weise, was die Sprache anbetrifft. Aber ansonsten fand ich es verworren und langweilig. Der Titel 'Kalkutta' legt nahe, dass man etwas über diese westbengalische, geheimnisvolle Stadt voller Widersprüche erfährt. Das ist aber kaum der Fall. Sogar von der Hauptperson Trisha erfährt man wenig, dafür um so mehr über die Mitglieder ihrer Familie und die damaligen politischen Verhältnisse.Trisha fliegt von Paris nach Kalkutta, um bei der Verbrennung ihres Vaters dabei zu sein. Danach verbringt sie Tage im leeren Elternhaus und ergeht sich in Erinnerungen. Hier vermischt sich Politisches und Familiäres in einer für mich verworrenen Art und Weise: die depressive Mutter, die Politik Indira Ghandis, das Engagement des Vaters bei den Kommunisten, Annapurna, die starke Großmutter, die Kindheit und vieles andere.Ich habe mich gelangweilt und konnte mir leider kein genaues Bild von den politischen Verwerfungen Westbengalens und Indiens machen. Zurück bleibt ein konfuser Leseeindruck und Enttäuschung.

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  • Ein ganz besonderer Sprachstil!

    Kalkutta
    renie

    renie

    04. October 2016 um 08:23

    Shumona Sinha ist eine indisch-französische Schriftstellerin und Dolmetscherin, die für ihren Roman "Erschlagt die Armen!" den diesjährigen Internationalen Literaturpreis gewonnen hat. Ihre schriftstellerischen Anfänge hat sie in ihrer Heimat Bengalen gefunden, wo sie bereits als 17-Jährige große Beachtung gefunden hat. Seit 2001 lebt sie in Frankreich. Das hier vorliegende Buch Kalkutta ist ihr dritter Roman, der bereits vor 2 Jahren von der renommierten Academie Française prämiert worden ist. Klappentext:Nach vielen Jahren in Frankreich kehrt Trisha anlässlich der Einäscherung ihres geliebten Vaters zurück in ihre Geburtsstadt Kalkutta. Im verlassenen Haus der Familie, in dem sie aufgewachsen ist, schicken die Möbel und vertrauten Gegenstände aus alten Tagen ihre Gedanken auf eine Zeitreise in die Vergangenheit. Da ist zum Beispiel die rote Steppdecke, die sie nicht nur an die Hausierer erinnert, die solche Decken anfertigten, sondern auch daran, wie sie eines Nachts ihren Vater dabei beobachtete, wie er in ebendieser aufgerollten Decke einen Revolver versteckte. Oder das kleine Fläschchen mit Hibiskusöl, mit dem man ihrer Mutter Urmila die Kopfhaut massierte, wenn diese wieder einmal von schwerer Melancholie überwältigt wurde. Indem Trisha sich in die Kratzer und Risse dieser Objekte, der Möbel, des Hauses versenkt, ersteht die Vergangenheit mehrerer Generationen einer Familie wieder auf, und damit auch die kollektive, politische Vergangenheit Westbengalens – von der britischen Kolonialzeit bis zur jahrzehntelangen kommunistischen Regierung seit den späten 1970er Jahren. Kalkutta ist ein politischer Roman.Ich gebe zu, ich habe mich nie sonderlich mit der Historie Indiens befasst. Die Romane, die ich bisher zu diesem Land gelesen habe, bezogen sich hauptsächlich auf die Kolonialzeit bzw. die Zeit davor. Insofern ist die Zeit, in der der Roman hauptsächlich spielt (70er Jahre und später) für mich absolutes politisches Neuland. Daher habe ich die Informationen, die Shumona Sinha über den Alltag und die politische Landschaft Indiens und Bengalens vermittelt, förmlich aufgesogen. Eines wird dabei deutlich. In den 70er Jahren waren viele politisch engagiert und verteidigten dabei ihre politischen Ansichten mit einer Vehemenz, die an Fanatismus grenzte. Wer sich mit Politik beschäftigte, riskierte seine Gesundheit. Gegner unterschiedlicher politischer Lager gingen nicht zimperlich miteinander um. Shumona Sinhas Darstellung des politischen Alltags ist dabei völlig ungeschönt und macht deutlich, dass dieser Alltag von Angst und Gewalt geprägt war. "In diesem Jahr 1975 war das Land im Ausnahmezustand. Die größte Demokratie der Welt wurde nun von Indira Gandhi regiert, der indischen Eisernen Lady, die auf ihren Vater Jawaharlal Nehru gefolgt war. ... Ihre Hand löschte Opponenten aus, ihr Machthunger war nicht zu stillen. Sie manipulierte den damaligen Präsidenten und brachte ihn dazu, Notstandsgesetze ohne die Zustimmung des Parlaments zu erlassen, was ihr ermöglichte, durch Verordnungen zu regieren. In Westbengalen, in Kalkutta und den benachbarten Städten wurden Shankhyas Genossen verhaftet und ermordet. Den Überlebenden brach man das Rückgrat, ein Bein oder einen Arm, man riss ihnen ein Auge aus, nahm ihnen auch den letzten Rest Mut und Willen. Man ermordete Männer, um den kollektiven Traum eines ganzen Volks auszulöschen." (S. 69 f.) Im Mittelpunkt dieses Romanes stehen die Erinnerungen Trishas an ihre Eltern und ihre Großmutter. Der Vater Shankhya war zeitlebens Professor an der Uni. In jungen Jahren engagierte er sich für die Kommunistische Partei in Bengalen. Als er erkannte, dass die hehren Ziele, die er einst mit seiner Partei verfolgt hatte, dem Streben nach Macht geopfert wurden, zog er sich aus der Politik zurück.Trishas Mutter war depressiv. Die Krankheit hatte sie fest im Griff. Dieser Zustand war eine dauerhafte Belastung für die ganze Familie.Die Großmutter lebte bei der Familie. Shankhya war ihr Sohn. Die Großmutter konnte nicht viel mit dem modernen Indien anfangen. Zu tief war sie mit Religion und Tradition verwurzelt. Dass sie bei ihrem Sohn lebte, sorgte häufig für Spannung, da er jemand war, der zum Atheismus neigte.Trisha wuchs also mit den modernen Ansichten ihres Vaters und dem Traditionsdenken ihrer Großmutter auf. Mehr erfährt man allerdings nicht über Trisha. Und dies ist der einzige Kritikpunkt, den ich an diesem Roman habe. Als Leser erhält man keinen Zugang zu Trisha. Mit ihrem Eintreffen in Kalkutta zur Einäscherung ihres Vaters erfährt man, dass sie in den letzten Jahren in Frankreich gelebt hat. Was sie dazu bewogen hat, ihre Heimat Indien zu verlassen, und wann sie sie verlassen hat, bleibt unbekannt. Es gibt Andeutungen, die jedoch nicht weiter verfolgt werden. Insofern tritt Trisha im weiteren Verlauf der Geschichte nahezu völlig in den Hintergrund. Stattdessen nehmen die Personen, an die sie zurückdenkt - Vater, Mutter, Großmutter - immer mehr Raum ein. Am Ende bleibt nur die Spekulation, dass die Autorin verdeutlichen will, welchen Einflüssen Trisha in ihrer Kindheit unterworfen war und sie geprägt haben. Nur welcher Mensch aus Trisha geworden ist, bleibt unklar. "Mehr als einmal war er am Grabstein des Glaubens abgeprallt, unter dem das rationale Denken und die wissenschaftliche Herangehensweise seit Langem begraben lagen. Seine Partei war gescheitert und Shankhya kam zu dem Schluss, dass die revolutionäre Ideologie nur ein fliegender Teppich gewesen war, der über dem indischen Subkontinent schwebte, während es den Millionen von Menschen völlig gleichgültig war, sie überlebten beschwerlich, schlugen Wurzeln und hatten Träume, die in die Glücksbringer um ihren Hals passten, bedeutungslos, lächerlich und vor allem ungefährlich." (S. 147) Was mich völlig fasziniert hat und allein schon Grund genug ist, diesen Roman zu lesen, ist die facettenreiche Sprache von Shumona Sinha.Anfangs hat mich ihr Sprachstil sogar ein wenig verstört. Er kommt sehr kraftvoll rüber, ohne zu beschönigen. Ähnlich wie es Trisha ergeht, als sie am Flughafen von Kalkutta ankommt und sich völlig fremd und verloren fühlt, empfindet auch der Leser. Er wird in ein Indien versetzt, dass herzlich wenig mit dem romantischen Bild zu tun hat, welches einem von Reiseprospekten immer gern entgegen prangt. Den Leser erwartet zunächst Lärm, Schmutz und Chaos. Nur ganz langsam gelingt es, sich mit dem Szenario anzufreunden und zu akklimatisieren.Durch Trishas Erinnerungen an ihre Kindheit, lernt der Leser langsam ein Indien kennen, das faszinieren, aber gleichzeitig auch erschüttern kann. Shumona Sinhas Sprache ist dabei mal gefühlvoll, mal farbenfroh, mal poetisch. Als Leser lässt man sich gern von diesem Sprachstil gefangen nehmen. Fazit:Wer sich für fremde Kulturen interessiert und dabei Spaß an besonderer Sprache hat, ist bei diesem Buch gut aufgehoben. Mit ihrer facettenreichen Sprache vermittelt Shumona Sinha ein faszinierendes Bild von einem Land, das zwischen Tradition und Moderne sowie Politik und Religion hin- und hergerissen wird.Leseempfehlung! © Renie

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