Sibylle Berg Vielen Dank für das Leben

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Inhaltsangabe zu „Vielen Dank für das Leben“ von Sibylle Berg

<p>»Das ist kein Roman, das ist ein Manifest.« ›Die Welt‹</p><br /><p>Toto ist ein Wunder. Ein Waisenkind ohne klares Geschlecht. Zu dick, zu groß, im Suff gezeugt. Der Vater schon vor der Geburt abgehauen, die Mutter bald danach. Im kalten Sommer 1966 geboren, wandelt er durch die DDR, als ob es alles noch gäbe: Güte, Unschuld, Liebe. Warum, fragt er sich, machen die Menschen dieses Leben noch schrecklicher, als es schon ist? Toto geht in den Westen, wo der Kapitalismus zerstört, was der Sozialismus verrotten ließ. Nur zwei Dinge machen ihm Hoffnung – das Wiedersehen mit Kasimir und das Singen.</p>

Viele Romane werden heute leichtfertig mit "Meisterwerk!" o.ä. etikettiert. Dieser hier ist tatsächlich eines.

— Schierlingsbecher
Schierlingsbecher

Ich mochte "Der Mann schläft", aber dieses hier war einfach nur unterträglich zynisch und ekelhaft.

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  • Die Krone der Schöpfung

    Vielen Dank für das Leben
    thursdaynext

    thursdaynext

    Toto, groß, unförmig,  in der DDR als Kind einer Alkoholikerin geboren und kurz darauf ins Heim abgeschoben wächst in sozialistischer Tristesse auf. Sein Lebenbeginn war schwierig genug, sein Geschlecht, bzw. sein nicht existentes Geschlecht, er hat kein zuzuordnendes, ist als Hermaphrodit zur Welt gekommen, erschweren sein Dasein, seine Suche nach Liebe zusätzlich.Weder schön, noch sonderlich intelligent, geschweige denn clever, völlig ohne irgendwelche Ambitionen existiert er. Einzig seine Singstimme ist außergewöhnlich.   „Auf alten Bildern hatte Toto solche gesehen, wie er selbst einer war, sie waren Engel und schwebten nackt an Decken. Aber er konnte sich doch nicht ständig in Kirchen oder Museen neben Engelsdarstellungen plazieren, um sich irgendwo zugehörig zu fühlen.“   Grau ist die Zeichnung des sozialistischen Staates , seiner Bewohner, seiner Nachkriegsfassaden und seines Interieurs. So grau und grausam wie die Menschen mit denen Toto es zu tun hat während seiner Kindheit und Adoleszenz. Als es Toto gelingt in den Westen zu kommen bleibt das Bild grau. Kapitalismus versus Sozialismus schenken sich nichts. Das sinnlose Streben nach Konsum und der geschürte Wachstumsglaube machen hier wie da die Menschen zu Marionetten. Die Freiheit Güter zu kaufen verbessert die Menschen weder, noch ist sie sinnstiftend.    Extrem harte Kost diese Existenz  im Zeitenwandel, die sich, für aufmerksame Beobachter eindeutig nachzuverfolgen, dank der Bemühungen jenes Teiles der Menschheit, der die Macht, das Geld, und somit die Möglichkeiten hätte, nicht zum Besseren wandelt für das Gros der Erdbevölkerung. Hart auch zu erlesen, die Schlechtigkeiten, die Niedertracht die Sinnlosigkeit. Sibylle Berg zählt sie gnadenlos auf . Zynisch eine aufgrund ihres Scharf- und Weitblicks verkommene Romantikerin, die den Leser während ihrer Betrachtungen tief in diesen Sog der des Tristen, Billigen, Bösartigen und der Traurigkeit mit hinab zieht. Sie macht das großartig. Seziert, denkt die Zukunft weiter. Es gelingt ihr so vollkommen, fast möchte man das Buch verbrennen.   „Vielleicht gibt es einen Vorrat an Mitgefühl, mit dem ein Mensch, wenn er unter gesunden Bedingungen aufwächst, ausgestattet ist. Und der war doch aufgebraucht bei den meisten. Jede Woche gibt es etwas zu trauern, ein Zugunglück, einen Flugzeugabsturz, eine havarierte Bohrinsel, eine gesunkene Fähre, eine Explosion im Bergbau, ein Erdbeben, eine Hitze-, Kältewelle, ein Amoklauf, irgendwo auf der Welt, und in der Nachbarschaft eine Entmietung, eine obdachlose Kleinfamilie, ein Krebsleiden, das wohl nicht gut behandelt wird, wer soll da nachkommen, so viel kann doch keiner wegtrauern.“   Wahrheit in Worte gefasst brennt zwar, aber sie bleibt bestehen, also weiterlesen. Von Toto, mittlerweile zur Sie gewandelt. Immer noch gütig, gutmütig, uninteressiert an Äußerlichkeiten Sie ist SEIN statt SCHEIN. Sie ist. Menschlich, wahrhaftig menschlich im positiven Sinne und doch eine Mutation. Dabei mühsam, eine anstrengende, weil farblos langweilige/r Protagonist/in. Wie passend, dass er/sie kein eindeutiges Geschlecht, keine Präferenzen und Ambitionen hat.     Daran stört sich auch Kasimir. Reich, homosexuell, der Schönheit verfallen und Sadist. Zerstören, sich rächen möchte er. Erschaffen kann er ja nichts. Der Mephisto des/der Protagonistin/en.   Toto lebt sich durch die Jahrzehnte, nein sie wird eher mitgezogen, gelebt, bis in eine nicht allzuferne Zukunft. Eine optimierte Zukunft eingeholt von all den Umweltkatastrophen, und soziologischen Horrorszenarien in die die jetzige Welt bereits tendiert. Frauen regieren diese Welt -  Multimilliardäre haben sich in geschützte geheime Refugien zurückgezogen. Die Mittelschicht so noch vorhanden ist überwacht, konform, arbeitssam. Die Schönheit ist verschwunden zusammen mit der Natur. Selbstregulation der Gedanken macht die Menschen zum permanenten eigenen Über – Ich. Da sieht man sie vor sich, die Selbstoptimierungsapps, die Simplify your life Gurus, die alles so simplifiziert und optimiert haben, dass Langeweile, wie Rauchen und Alkohol, zu den völligen No Goes gehören.   Sibylle Berg ist brutal, schreibt brutal...gut! Ihr Blick auf die Gesellschaft ungetrübt von jeglichen Sentimentalitäten, oder zierenden Verschleierungen. Worte wie Beton. Völlig unverfälscht, praktisch unverwüstlich und doch, ein wenig Licht und Farbe schenkt sie dem Leser gerade dadurch. Durch das ungeschminkte Echte. Das ist Kunst, inklusive Echtheitszertifikat. Ich ziehe meinen imaginären Hut! Also beherzt zugegriffen. Ist „Danke für das Leben“ doch all jenen gewidmet: „...die sich den Anfeindungen aussetzen, die persönliche Freiheit mit sich bringt.“  

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  • Erschütternd.

    Vielen Dank für das Leben
    juni_mond

    juni_mond

    18. April 2014 um 23:09

    Sibylle Bergs Werk "Vielen Dank für das Leben" beschäftigt mich wirklich nachhaltig. Ich habe es ausgelesen und weiß, dass ich noch lange darüber nachdenken werde! Für mich ein echter Schatz. Wer Geschichten mag, die nicht davor zurückschrecken von menschlichen Abgründen und grausamen Realitäten zu berichten und unheimlich zum Nachdenken anregen, der ist bei diesem Werk genau richtig.   Von den 80er Jahren des letzten Jahrtausends bis 2030 wird das Leben des Toto begleitet. Aber nicht nur dieses, der jeweils aktuelle Zeitgeist wird fortlaufend kritisch beleuchtet und menschliche Abgründe tun sich auf.   Toto ist ein Mensch, dem es an jeglichem bösen in sich fehlt. Der die verschiedenen Sprachcodes, mit dem "die Erwachsenen" um sich werfen (Ironie, Sticheleien, Boshaftigkeiten, Vorwürfe, etc.) nicht umgehen kann. Die Sätze die Toto in seinem leben spricht könnte man in einem dünnen Heft zusammenfassen, jedoch die (guten!) Taten die Toto vollbringt sind von weit größerem Umfang. Das traurige an dieser Tatsache ist, dass Toto hierfür weder wertgeschätzt, geschweige denn geliebt sondern verstoßen, gehasst und beschimpft wird.   Denn Toto wirkt nach außen verstörend auf die Menschen, die es gewohnt sind mit Eindeutigem konfrontiert zu sein. Aufgewachsen in einem Kinderheim der DDR als "es" musste Toto aufgrund der Tatsache dass sein Geschlecht nicht eindeutig zu bestimmen ist seinen Tagesablauf so verbringen, dass die anderen Kinder ihn (zu Anfang der Geschichte wird über Toto als männliches Individuum geschrieben, da seine Mutter in so eintragen lies) nicht nur aufgrund seines Aussehens als andersartig empfinden.   Doch es scheint einen Lichtblick für Toto zu geben. Kasimir. Der Junge, den sich Toto unbedingt als Freund wünscht schenkt ihm seine Aufmerksamkeit.   Doch Kasimir soll Toto zum Verhängnis werden.

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  • Leserunde zu "Vielen Dank für das Leben" von Sibylle Berg

    Vielen Dank für das Leben
    Daniliesing

    Daniliesing

    Sibylle Berg trifft mit ihren Romanen, Theaterstücken, Kolumnen und Essays immer wieder den Nerv der Zeit. Gerade ist ihr neuer Roman "Vielen Dank für das Leben" im Hanser Verlag erschienen. Schon der Titel deutet leicht sarkastisch an, worum es in diesem Buch geht. Sibylle Berg wird übrigens gelegentlich auch Fragen hier beantworten, ihr dürft sie also gern jederzeit stellen. Mehr zum Inhalt: Toto ist ein Wunder. Ein Waisenkind ohne klares Geschlecht. Zu dick, zu groß, im Suff gezeugt. Der Vater schon vor der Geburt abgehauen, die Mutter bald danach. Und doch bleibt Toto wie unberührt. Im kalten Sommer 1966 geboren, wandelt er durch die DDR, als ob es alles noch gäbe: Güte, Unschuld, Liebe. Warum, fragt er sich, machen die Menschen dieses Leben noch schrecklicher, als es schon ist? Toto geht in den Westen, wo der Kapitalismus zerstört, was der Sozialismus verrotten ließ. Nur zwei Dinge machen ihm Hoffnung - das Wiedersehen mit Kasimir und sein einziges Talent: das Singen. Ein Roman über das Einzige im Leben, was zählt. --> Leseprobe zum Buch Auch in ihrem neuen Werk überzeugt Sibylle Berg wieder mit ihrem ganz speziellen Humor und einer ordentlichen Portion Sarkasmus. Wenn ihr Lust habt gemeinsam in einer Leserunde dieses schonungslos gute Buch zu lesen, dann könnt ihr euch ab sofort als Testleser für "Vielen Dank für das Leben" bewerben. Gemeinsam mit dem Hanser Verlag vergeben wir 25 Testleseexemplare unter allen, die Interesse und Zeit für diese Leserunde und den Austausch in den Unterthemen haben. Bewerbung als Testleser: Beantwortet bis spätestens 15. August 2012 die folgende Frage, um euch als Testleser zu bewerben. Wofür seid ihr in eurem Leben am dankbarsten? Was macht euch besonders glücklich, hat euch am meisten bewegt ... ?

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  • Vielen Dank für das Leben

    Vielen Dank für das Leben
    LiSi_liebt_books

    LiSi_liebt_books

    08. April 2013 um 22:16

    Schon der Titel gibt einen kleinen Vorgeschmack auf das, was auf den Leser zukommt. Es gibt im Grunde 2 Möglichkeiten, entweder ist es wirklich eine Hymne an die Schönheit, oder aber der Titel ist ironisch-sarkastisch gesetzt und deutet auf etwas tristes hin. Das Letztere trifft in diesem Falle auch zu, es handelt von der Welt, der Menschheit, dem Leben und der Gesellschaft, geschildert in zynischem und anmaßenden Schreibstil.  Dieser treffende Schreibstil, die Kritik an vielerlei Missständen und das Schicksal einer verachteten und vermiedenen Person schaffen es, ein einfach geniales Buch zu kreieren. Ein Buch, das Spuren hinterlässt, deutlich nachhaltige. Nun zu der besagten Person, die ein bitteres Leben führen muss: Toto ist ihr bzw. sein Name. Ja, leicht verwirrend; es handelt sich hierbei um eine Art Zwitter, einen Hermaphroditen. Geboren neunzehnhundertsechsund-sechzig in der DDR; mit ihrer Geburt beginnt auch das Buch und fortlaufend wird über ihren Lebensverlauf erzählt. Das wahrlich kein Zuckerschlecken ist, sie erwartet ein Leben voller Qualen, ein Leben, in dem sie schikaniert und ihres Äußeren wegen voller Ekel und Abscheu schief angeguckt wird. Das Schlimmst an der ganzen Sache ist jedoch, dass sie es ziemlich kalt lässt, sie empfindet nicht wirklich Schmerzen dabei. Und dieser Charakterzug ist das Einzigartige an Toto: Sie nimmt alles hin, was man ihr antut, entschuldigt das Verhalten der Bösen mit deren mitgenommenen Zustand und empfindet höchstens Mitleid mit den Menschen. Es stimmte nicht, dass Toto nichts gewollt hatte, ..., aber viel lieber hatte sie immer die Welt, in der kurzen Zeit ihres Aufenthaltes auf ihr, zu einem freundlichen Ort gemacht (S.350). Ihre Seele ist beispiellos und so rein, damit bildet sie einen deutlichen Kontrast zu dem Rest der Menschheit, zu den im Verlaufe des Buches auftretenden Charakteren, die fast ausnahmslos alle etwas Böses, Verdorbenes und Unreines in sich tragen. Das krasseste Beispiel wäre Kasimir, eine wichtige Figur, die mal mit Toto im einem Kinderheim zusammen war. Jahre später taucht er wieder auf und verfolgt das Ziel Toto auf schlimmste Weise zu verletzen, indem er sie zuerst in ihn verliebt macht und daraufhin abserviert. Ein komischer Kauz, der nahezu an Wahnsinn leidet, nein er hat eindeutig eine Wahnsinnskrankheit, so sadistisch wie er ist. Im Verlauf der Handlung begegnet Toto immer wieder verschiedenen Figuren, nicht nur in Deutschland, auch in Fernen Osten. Durch diese Figuren lässt S. Berg einen Blick in deren Leben und schildert ihr gescheitertes Leben, ihre Träume (oder verloren gegangene) und karikatisiert deren Charakter, der oftmals deutlich an moralischem Wert mangelt.    In dem tristen Leben von Toto gibt es jedoch einen kleinen Funken, an dem sie sich erfreuen kann: nämlich das Singen. Ihre HIngabe zum Singen hat mich tief berührt, ich fand es einfach schön, wie sehr Toto sich das Singen ans Herz legte. Doch geht ihr dieser kleine Glücksfunke auch bald abhanden, nachdem ihr Gesang bei einer Aufnahme in eine Musikschule mit Spott und enttäuschenden Worten kommentiert wurde.  Am Ende ist sie von Kasimir schließlich physisch als auch psychisch zugrunde gerichtet, und wandelt angeschlagen als Obdachlose umher. Schließlich landet sie am Ende in einer Art Pflegeheim, wo sie in dem Rest ihres Lebens zu der wunderbaren Musik zurückfindet, die die anderen Mitbewohner in ihren Bann zieht. Neben den kläglichen Zuständen der Menschen hat Sybille Berg es auch geschafft, ein äußerst kritisches Bild der politischen Zustände zu vermitteln. Begonnen mit dem Kommunismus in der DDR, darauffolgend der Kaptialismus und schließlich eine Politik wie sie in der Zukunft aussehen könnte, eine sehr graue, aber auch durchaus realistische. Alle drei Richtungen haben den Versuch einer guten Politik nicht erfüllen können, was Berg hervorragend mit ihrem schwarzen Humor unterlegend schildert. Die einzelnen Epochen und deren Missstände werden in drei Zwischenspännen näher beschrieben (ohne Toto), die für mich persönlich als die besten Passagen des Buches gelten. Insgesamt muss ich leider eingestehen, dass es ziemlich an Spannung für mich fehlte. Jedoch machen die  unübertreffliche Wortgewandtheit und die zynische Betrachtung und Kritik unserer Welt alles Negative wieder wett. Wer also zumindest in Ansätzen realistisch ist oder einen ziemlich unbefriedigenden Eindruck von der heutigen Welt hat und nicht viel von dem heutigen Zustand unserer Welt hält, sollte dieses Buch auf jeden Fall lesen!    

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  • Rezension zu "Vielen Dank für das Leben" von Sibylle Berg

    Vielen Dank für das Leben
    Ein LovelyBooks-Nutzer

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    14. March 2013 um 11:03

    Es hat sehr lange gedauert, dieses Buch zu Ende zu lesen und einen Eindruck zu formulieren. Obwohl ich die Bücher von Frau Berg bisher mochte, muss ich leider sagen, dass ich mit "Vielen Dank" überhaupt nichts anfangen konnte. Wenn es wenigstens überhaupt nichts gewesen wäre... Der Roman hat mich regelrecht abgestoßen und ich habe ihn jedes Mal widerwillig zur Hand nehmen müssen. Mir war das Ganze zu schwarz, zu menschenverachtend, viel zu abstoßend. So trist, dass das Lesen schmerzte. Normalerweise gefällt mir Frau Bergs Art zu schreiben, ihre spitze Feder und Hoffnungslosikeit, die ihre Protagonisten erleben. Aushaltbar und inspirierend war das für mich bisher, weil immer wieder ein zarter, leiser Hoffnungsschimmer und eine versteckt liebevolle Betrachtung der Autorin auf ihre Figuren erkennbar schien. In "Vielen Dank" fehlte mir dies gänzlich. Es ist schon klar, dass die Überspitzung ein Stilmittel ist. In diesem Falle war es für mich leider zum Abgewöhnen und kaum erträglich zu lesen. Überspitzung ist in Ordnung, doch irgendwie wäre es schön, am Ende so etwas wie ein klein wenig Menschlichkeit erfahren zu dürfen. So ganz salopp als Leser, damit das Gefühl nach der Lektüre nicht nur niederschmetternd trist- und hoffnungslos ist. Irgendwo muss sich der Kreis doch schließen, sonst macht die Lektüre für mich keinen Sinn. Derart widerwillig habe ich noch kein Buch gelesen. Schade. Sehr schade. Mit meiner Meinung stehe ich sicher fast alleine. Ich kann mich den positiven Rezensionen leider in keiner Weise anschließen.

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  • Rezension zu "Vielen Dank für das Leben" von Sibylle Berg

    Vielen Dank für das Leben
    leserin

    leserin

    19. February 2013 um 19:47

    Der Autorin ist mit dem Buch "Vielen Dank für das Leben" ein vortreffliches literarisches Werk gelungen. Die Geschichte beginnt mit der Geburt des Hermaphroditen Toto in der DDR in den späten 60iger Jahren. Da seine Geschlechtsmerkmale nicht eindeutig waren, wurde er einfach als Junge eingestuft. Sein Körper war weich und er hatte eine sehr helle Stimme. Als seine alkoholkranke Mutter stirbt kommt Toto in ein Kinderheim und mußte hier durch sein "Anderssein" vieles erleiden. Eine kurze Freundschaft mit Kasimir spendet ihm etwas Trost. Toto wird dann von seinem vermeintlichen guten Freund verraten und wurde an ein "Säuferehepaar" verkauft. Er konnte mit Hilfe einer Busgesellschaft in den Westen fliehen, sein schwieriges Leben wurde aber nicht viel besser. In seinen verschiedenen Lebenssituationen wurde Toto durch seine sanfte Gutmütigkeit immer wieder ausgenutzt. Er wünscht sich Nähe, stößt aber mit seinen tiefen ungeschlechtlichen Gefühlen immer wieder auf Ablehnung. Die hohe Erzählkunst von Sybille Berg läßt den Leser in eine außergewöhnliche Welt und in ein sehr berührendes Thema eintauchen.

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  • Rezension zu "Vielen Dank für das Leben" von Sibylle Berg

    Vielen Dank für das Leben
    aba

    aba

    Sachlichkeit, die unter die Haut geht Mit dem Namen „Toto“ verbinde ich in der Regel einen Hund oder eine Musik-Gruppe, aber auf keinen Fall einen Menschen. Und so war ich neugierig, aber auch gleichzeitig skeptisch, als ich erfahren habe, dass Toto der Name der Hauptfigur in Sibylle Bergs neuestem Roman mit dem hoffnungsvollen Titel „Vielen Dank für das Leben“ ist. „Vielen Dank für das Leben“, sage ich ganz leise gen Himmel jede Nacht, bevor ich einschlafe, denn ich freue mich wirklich, dass ich lebe und dankbar bin ich auch, auch wenn nicht alles immer perfekt läuft oder nach meinen Vorstellungen, sage ich mir immer: „Ich lebe, und so schlimm ist es auch alles wieder nicht…“. Aber ob Toto auch so denkt und fühlt? Schließlich geht es um diesen einen ungewöhnlichen Menschen in diesem ungewöhnlichen Roman. Diese Frage, ob er auch dankbar ist für das Leben, habe ich mir ständig bei der Lektüre dieses Buches gestellt. Eine berechtigte Frage, weil Toto es überhaupt nicht leicht hat im Leben. Wir Menschen haben von Natur aus das Bedürfnis, uns zu definieren, geschlechtlich, religiös, ideologisch… das erleichtert uns das Leben, wir fühlen uns als ein Teil davon. Das ist ungeheuer wichtig, weil der Mensch in völliger Einsamkeit nicht überleben kann. Und genau darin liegt die ganze Tragik in Totos Existenz: Er ist ein „Nichts“. Davon ist er überzeugt, nicht ohne Grund. Jeder Mensch wird nach der Geburt definiert: Zuerst logischerweise als Mensch, und unmittelbar danach wird festgestellt, ob dieser Mensch weiblich oder männlich ist. Jeder von uns weiß, wie wichtig ist, genau zu wissen „was man ist“. Leider ist dieses wesentliche anfängliche Teil für die Entwicklung einer Persönlichkeit bei Toto komplett entfallen: Als „Hermaphrodit“ geboren, wurde Toto von der Mutter als ein „Nichts“ behandelt, also schlicht als Mensch völlig ignoriert. Von der Mutter abgelehnt landet Toto in dem vielleicht schrecklichsten Kinderheim der DDR. Das ist nur der Anfang eines Lebens am Rande der Gesellschaft, ein Leben als „Nichts“… Aber Toto lebt und in „Vielen Dank für das Leben“ begleiten wir „es“ und während „es“ lebt, ändert sich die Welt, seine Welt. Die DDR verschwindet, und der kapitalistischen Welt geht es am Ende auch nicht viel besser. Toto und seine sehr traurige Geschichte berührten mich zutiefst. Und das lag hauptsächlich an Sibylle Bergs Erzählstil. Und paradoxerweise ist dieser Erzählstil nicht gerade emotions- und gefühlsgeladen, sondern sachlich, nüchtern und distanziert. Und genau daran liegt es, dass diese Geschichte auf mich so eine rührende Wirkung erzielt hat: Weil Frau Berg Situationen, Emotionen und Gefühle beschreibt, und es dem Leser überlässt, selber über die Geschehnisse zu urteilen. „Vielen Dank für das Leben“ ist eine ganz außerordentliche Biographie. Die Biographie von einem außergewöhnlichen Menschen, der rein und liebenswert ist, sogar dann nachdem er sein ganzes Leben lang nur Ablehnung und Hass erlebt hat. Totos Geschichte ist auch gleichzeitig ein Mikrokosmos, der, ich bin mir sicher, im realen Leben existiert. Vielleicht sollen wir uns trauen, ab und zu unseren eigenen Mikrokosmos zu verlassen, und uns so für andere Schicksale sensibilisieren zu lassen, um Vorurteile abzubauen, und um andere Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind. Mittlerweile hat für mich der Name Toto eine ganz andere Bedeutung angenommen. Das ist aber nur eine ganz kleine Nebenwirkung dieses Romans… Ich freue mich sehr, dieses Buch gelesen zu haben und werde Toto ganz lange in Erinnerung behalten.

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    • 2
    Anin

    Anin

    23. October 2012 um 11:03
  • Rezension zu "Vielen Dank für das Leben" von Sibylle Berg

    Vielen Dank für das Leben
    kopi

    kopi

    Wenn ich das Buch "Vielen Dank für das Leben" von Sibylle Berg nicht als Rezensionsexemplar erhalten hätte, vielen Dank an dieser Stelle nochmals, hätte ich mich sehr wahrscheinlich um eine Rezension gedrückt. Das Buch ist ungewöhnlich und nicht immer leicht zu erfassen. Ich werde versuchen, meine Eindrücke zu beschreiben: In dem Buch begleitet der Leser die Hauptfigur Toto durchs Leben. Toto, ein "Nichts", zunächst Mann, später zur Frau gemacht, geschlechtliche Gleichgültigkeit bewahrend, von der Gesellschaft nicht akzeptiert, gehasst, sich dem stets präsenten, in allen nur denkbaren Ausprägungen auftretenden, traurigen Schicksal ergebend - dabei jederzeit helfen wollend, Liebe gebend, Glück spendend, oft durch Gesang, aber zu keiner Zeit wertgeschätzt. Die Figur Toto "fällt" durch das Leben vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklungen der DDR, dem deutschen Westen, Europas von den 60er Jahren bis in die graue Zukunft 2030. Die Gesellschaft und deren Entwicklung, symbolisiert durch Ereignisse, die Toto erlebt oder Menschen, denen Toto begegnet, ist der eigentlichen Kernpunkt der Geschichte, die in diesem Buch erzählt wird - als "Ermahnung" für den Leser überzeichnet und einfach nur wunderbar beschrieben. Sibylle Berg gelingt es mit z. T. sehr wenigen Worten Zu- bzw. Missstände der Gesellschaft zusammen zu fassen, oft sarkastisch und mit Humor. Man muss nicht immer ihrer Meinung sein, um dieses Buch genießen zu können, so wie ich es auch getan habe. Dies war mein erstes Buch von Sibylle Berg, sicher nicht das letzte.

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    • 2
    aba

    aba

    12. October 2012 um 10:06
  • Rezension zu "Vielen Dank für das Leben" von Sibylle Berg

    Vielen Dank für das Leben
    CorneliaTravnicek

    CorneliaTravnicek

    Eines vorweg: Ich mag keine Rezensionen, die im Grunde Inhaltsangaben sind - außer, der Klappentext gibt einen komplett falschen Eindruck von der Geschichte, dann ist es durchaus angebracht das richtigzustellen. (Darum geht es hier wenig um den vordergründigen Inhalt.) In diesem Fall ist die grobe Inhaltsangabe, die zum Buch gegeben wird, sehr zutreffend, was wiederum nebensächlich ist, denn "Vielen Dank für das Leben" ist vor allem eine Versuchsanordnung. Versuchsanordnung Nummer 1: Man nehme eine besondere Figur und konfrontiere sie mit der Welt. In diesem Buch wird das ganze durch die Hauptfigur zu einer philosophischen Versuchsanordnung, da die Figur ein Hermaphrodit ist, dem jegliche Hormone fehlen (?) und dem irgendwie als Folge davon jedes Wollen, alles Verlangen scheinbar fremd ist. Eine Figur, die durch die Menschen hindurchsieht, das Leiden in jedem einzelnen Leben begreift und selbst keine Lust und kein Wollen kennt, ist ein Erleuchteter, ein Bodhisattva. Was passiert? In der Konfrontation eines Erleuchteten mit der Welt passiert im Grunde nicht viel, denn er will nichts von ihr, und die Welt steht ihm meist mit Unverständnis gegenüber, wendet sich von ihm ab (oder geht aggressiv auf ihn zu), denn wie kann man nur nichts (sein) wollen? Toto fällt jedoch manchmal aus der Rolle, hofft ganz kurz einmal etwas, möchte ganz kurz einmal etwas und auch die Welt möchte etwas von ihm, in Form von Kasimir. Wir als Leser wollen natürlich auch schnell etwas, ein bisschen Liebe für Toto vielleicht, ein wenig Zuwendung, am Ende gar ein Quäntchen Glück. An diesen wenigen Punkten sind die Spannungsbögen des Romans aufgehängt, aber das reicht, sie tragen, denn auf der zweiten Ebene geht es um eine ganz andere Versuchsanordnung. Versuchsanordnung Nummer 2: Man nehme ein besonders realistisch-pessimistisches Buch und konfrontiere damit die geneigten LeserInnen. Rund um Toto ist Weltuntergang. Zuerst zerbricht der Kommunismus, dann der Kapitalismus, am Ende die gesamte westliche Welt. Die überspitzten Beschreibungen der Zustände und Personen in diesen Welten sind von einer politischen Poesie... das ist der scheinbar dekorative Vorhang, der zwischen den Säulen der Erzählung hängt. Das Dekorationsmaterial (in dem wirklich schöne Sätze versteckt sind) ist aber im Gegenteil eine einzige große Fangfrage. Wie wird der oder die Leserin darauf reagieren? Ablehnung? Verleugnung? Zustimmung? Gleichgültigkeit? In diesem Buch gibt es keine Seite, auf die man sich schlagen könnte, denn keine geht aus der Geschichte unbeschadet hervor. Und genau das ist der Punkt, der es zu einem guten, zu einem echten Buch macht: Man kann eigentlich nur darüber nachdenken, man kann nur mit sich selbst wieder und wieder über jede einzelne Episode streiten, man wird zu keinem end- und allgemeingültigen Schluss kommen... Dieses Buch macht, was - meiner Meinung nach - Kunst auf jeden Fall auch machen sollte: Der Welt einen Zerrspiegel vorhalten, der manches besonders unvorteilhaft hervorhebt. Was wir mit dem Bild anstellen, das wir darin erblicken, bleibt uns überlassen.

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  • Rezension zu "Vielen Dank für das Leben" von Sibylle Berg

    Vielen Dank für das Leben
    buecherbiene72

    buecherbiene72

    Toto fragte sich, ob es eine gute Idee war, sein Leben zu verbringen, als wäre man in einen Fluss geworfen worden. Man greift ab und zu nach einem Ast, der vom Ufer aus ins Wasser ragt. Sollte er nicht lieber ans Ufer gehen? Beherzt eine Richtung einschlagen und die Abzweigungen, die sich boten, ignorieren. Was, verdammt noch mal, macht ein glückliches Leben aus, und ist es möglich, beide Formen auszuprobieren? Inhalt Toto kommt ohne klares Geschlecht zur Welt. Seine Mutter ist überfordert und schiebt ihn in ein Kinderheim ab, was jedoch nur die erste Station von vielen in seinem Leben ist. Immer wieder muss er feststellen, dass er nicht gewollt ist und weiter ziehen. Aber trotz aller Schwierigkeiten mit denen Toto im Leben kämpfen muss, bewahrt er sich ein reines Herz und Güte. Meine Meinung Ich habe schon viel von Sibylle Berg gehört, aber noch nie etwas von ihr gelesen. Somit kann ich nicht sagen, ob das Buch ihrem Stil entspricht oder ob dieser Zynismus, der auf jeder Seite spürbar ist, nur in diesem Roman eingesetzt wurde. Die Autorin schreibt in einer fast schon gehetzten Art, was durch die Überschriften der einzelnen Kapitel deutlich wird. Fast jede ist übertitelt mit "und weiter", sodass man den Eindruck bekommt, dass ihr die Erzählung eigentlich schon fast zuwider ist und sie ganz schnell fertig damit werden möchte. Zynismus und Wut sind die Hauptbestandteile ihrer Erzählweise. Man spürt sie in jeder Zeile, was anstrengend sein kann. Überhaupt ist das Buch kein Feel-Good-Roman, den man leicht lesen kann. Vieles wird überzeichnet dargestellt, um damit noch mehr zu verdeutlichen, wie die Menschen "ticken". Dennoch ist es genau dieses lesen und sich nicht gut dabei fühlen, was diesen Roman so besonders macht. Dazu kommen einige Satzkompositionen, die man mehrmals lesen muss, weil sie trotz allem Zynismus auch Schönheit ausstrahlen. Toto als Protagonistin konnte ich lange Zeit nicht packen. Es war schwierig hinter den Beschreibungen eine klare definierte Person zu erkennen. Auch hätte ich sie gerne mal gerüttelt, wenn sie wieder alles über sich ergehen lies, ohne aufzubegehren und nein zu sagen. Besonders das Ende hat mich dann jedoch wieder mit dem Menschen Toto versöhnt und ungemein berührt. Fazit "Vielen Dank für das Leben" ist ein ungewöhnliches Buch, gepaart mit viel Zynismus und Wut, aber auch einer großartigen Sprache.

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  • Rezension zu "Vielen Dank für das Leben" von Sibylle Berg

    Vielen Dank für das Leben
    Lissy

    Lissy

    Im Buch "Vielen Dank für das Leben" von Sibylle Berg wird das Leben von Toto beschrieben. Er kommt ohne eindeutiges Geschlecht auf die Welt und lebt ein Leben, in dem sich häufig vieles ändert und doch passieren ihm immer wieder die gleichen Dinge. Seine Mutter kümmert sich nicht im ihm und gibt ihn in ein Kinderheim. Dort schläft er abseits der anderen und muss auch alleine duschen, da man ihn nicht eindeutig in die Kategorien des sozialistischen Systems einsortieren kann. Als er älter wird, verschachert ihn die grausame Heimleiterin an ein armseliges, versoffenes Bauernpaar als billige Arbeitskraft. Aus Totos Sicht ist die Welt dort ganz in Ordnung, denn er hat die Kühe und er entdeckt die Leidenschaft fürs Singen. Eines Tages läuft er davon und gelangt in den Westen und findet sich in einer merkwürdigen Kommune wieder. Immer wieder kommt es zu Situationen, in denen Toto an die falschen Menschen gerät und nicht merkt oder merken will, dass diese nicht sein Bestes wollen. Die Autorin schreibt in einer nüchternen, dunklen, zynischen Sprache, der die Tristesse der damaligen und zukünftigen Welt geradezu fühlbar macht. Diese Sprache war für mich nicht schön, aber sie gehörte genauso in dieses Buch. Toto bleibt allerdings auch in einer gewissen Distanz zu mir als Leser, und man wird nicht so recht schlau aus ihm... so wie es Totos Mitmenschen im Buch auch geht. „Vielen Dank für das Leben“ ist ein anspruchsvolles, sozialkritisches Buch. Man sollte es lesen, auch wenn das nicht immer ein Vergnügen ist. Das Buch ist handwerklich hervorragend gemacht. Für meinen Geschmack ist es aber nicht das perfekte Buch, denn ich mag diese pessimistische Stimmung nicht gerne und ziehe es vor, eine weniger triste Sprache zu lesen.

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  • Rezension zu "Vielen Dank für das Leben" von Sibylle Berg

    Vielen Dank für das Leben
    DisasterRecovery

    DisasterRecovery

    Klappentext: Toto ist ein Wunder. Ein Waisenkind ohne klares Geschlecht. Zu dick, zu groß, im Suff gezeugt. Der Vater schon vor der Geburt abgehauen, die Mutter bald danach. Und doch bleibt Toto wie unberührt. Im kalten Sommer 1966 geboren, wandelt er durch die DDR, als ob es alles noch gäbe: Güte, Unschuld, Liebe. Warum, fragt er sich, machen die Menschen dieses Leben noch schrecklicher, als es schon ist? Toto geht in den Westen, wo der Kapitalismus zerstört, was der Sozialismus verrotten ließ. Nur zwei Dinge machen ihm Hoffnung - das Wiedersehen mit Kasimir und sein einziges Talent: das Singen. Es führt Toto bis nach Paris. Ein wütender, schriller Roman einer großen Autorin über das Einzige im Leben, was zählt. Mein Senf zum Buch: Das war mein erstes Buch von Frau Berg und mir ist bisher kein vergleichbares Werk untergekommen. Noch nie habe ich ein Buch gelesen, in dem es dermaßen von Sarkasmus und überspitzten Darstellungen wimmelt. Der Stil der Autorin ist außergewöhnlich und am besten lässt sich das durch Zitate belegen. Es gibt so viele tolle Textstellen, dass die Auswahl richtig schwer fällt. „Keiner fühlte sich wie die anderen. Die Menschen sind doch immer zu dick, zu dünn, sie sind taub oder blind, Contergan-Opfer, die Eltern geschieden oder Trinker oder zu spießig, sie sind homosexuell oder sexsüchtig oder asexuell, zu groß, zu klein, sie haben Autismus oder Epilepsie, Herzprobleme, Schweißfüße, einen Buckel, Akne, keiner entspricht der Norm, und selbst aus Metall gestanzte Figuren wie Bankangestellte und Versicherungsmitarbeiter, Anwälte und Mitarbeiter diverser Aufsichtsräte leiden unter Blasenschwäche. Als Teil der Welt, die doch allen gleichermaßen gehört, fühlt sich keiner.“ (S. 134) Wenn Frau Berg austeilt, dann kommt wirklich keiner glimpflich davon. Hier bekommen alle erdenkliche Gruppierungen ihr Fett weg: Frauen, Männer, Prostituierte, Hausfrauen, Menschliche Triebe an sich, Sextouristen, Möchtegern Wohltäter und Geistliche. Jeder von uns bekommt den Spiegel vorgehalten. Und was man da sieht, das gefällt einem gar nicht! „Die Menschen nahmen den Sex so wichtig, weil sie dabei nicht denken mussten, das lag ihnen nicht, das Denken und Stillhalten, da wurden mit Getöse alle Löcher gestopft, …, nur um nicht bei sich zu sein, nur um nicht mit dieser furchtbaren Verantwortung umgehen zu müssen, ein Gehirn zu besitzen, das zu mehr fähig wäre, als auf fremde Geschlechtsorgane zu starren.“ (S. 161) Stellenweise fand ich den Stil besonders gut und habe mich köstlich amüsiert, aber ganz oft verbreitet das Buch auch eine Negativ-Stimmung und man muss aufpassen, dass man nicht ins Grübeln gerät und sich runterziehen lässt. Andererseits gehört es sicherlich auch zur Intention der Autorin, dass dem Leser die Augen geöffnet werden und er sein Leben reflektiert. Mit Toto, hat die Autorin einen merkwürdigen und gleichzeitig beeindruckenden Charakter geschaffen. Die Welt und die Menschen durch seine Augen zu sehen, hat mich sehr berührt. „Toto war es nicht peinlich zu singen, er hätte auch getanzt oder gerechnet, er verstand nicht, was Menschen warum peinlich war, warum sollte es in einem Leben, das die universale Länge eines Wimpernschlags hat, Peinlichkeiten geben. Alle verkleidet auf Durchreise, da ist Scham nicht angebracht“. (S. 170) Bis zur Hälfte würde ich dem Buch volle 5 Sterne geben, aber ab der Mitte gibt es eine Sache, die mich einfach zu sehr angeekelt und gestört hat. Das hat mit der Krankheit von Toto zu tun, näheres möchte ich hier nicht zu schreiben. Abschließen möchte ich meine Rezension mit einem weiteren Zitat abschließen, weil diese Zeilen einfach für sich sprechen. „Man kann alle Möglichkeiten betrauern, die man nie gehabt hat, oder sich daran freuen, dass man kurz aufgetaucht ist aus der großen Dunkelheit der Unendlichkeit, die sonst immer herrscht, vor der Geburt und nach dem Tod, ein kurzer Moment Licht, das ist doch viel, und Milliarden, Trilliarden Eizellen war nicht einmal das vergönnt. Fazit: Trotz kleiner Kritikpunkte ein herausragendes, anspruchsvolles Werk.

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    aba

    aba

    21. September 2012 um 18:19
  • Rezension zu "Vielen Dank für das Leben" von Sibylle Berg

    Vielen Dank für das Leben
    FriediM

    FriediM

    Der Roman “Vielen Dank für das Leben” von Sibylle Berg, 2012 im Hanser Verlag erschienen, lässt bereits mit dem Titel eine gewisse Ironie durchscheinen. Wer glaubt, dass es hier um schöne Dinge geht hat sich nämlich getäuscht. Hier wird nicht so getan als wenn das Leben schön sei, hier geht es um genau das, was uns tagtäglich begleitet und uns eigentlich so langsam ankotzen sollte. Den Leser erwarten Beobachtungen über ein ganzes Leben hinweg, aus der Sicht einer neutralen Persönlichkeit – dem Hermaphroditen Toto. Als Toto in der DDR geboren wird ist er ein Nichts. Zweigeschlechtlich. Seine Mutter stirbt nach 5 Jahren und Toto, der auf seiner Geburtsurkunde stehen hat, dass er ein Junge ist, kommt in ein Kinderheim. Er ist anders als die anderen Jungen, schläft nicht in der selben Bettreihe wie die anderen und duschen muss er auch alleine. Doch wieso, das weiß er nicht. Und auch hier bekommt “das Nichts” nach einiger Zeit den Spott, den kleine Kinder einem anderen Kind entgegenbringen können. Nach dem “Verkauf” an eine nachlässige und vor allem unverantwortungsvolle neue Familie flüchtet er in den Westen, um einen Neustart in der Kapitalistenwelt zu machen…doch auch hier kommt es nur zu misserfolgen in einer abartigen Gesellschaft, in der er nicht nur mit seiner Intersexualität, die ihn vorher nie gestört hat, sondern auch mit dem Überleben zu kämpfen hat. Der Roman schildert auf grausamste Art und Weise die triste, festgefahrene Zwangsgesellschaft, die sich seit vielen Jahren nicht nur in Europa festgefahren hat. Von der sozialistischen DDR bis in den Kapitalismus in welchem sich Männer als auch Frauen nicht gegen das System richten, sondern sich in diesem ohne eigenen Willen beugen. Jeder spielt seine Rolle, und Toto der/die sich niemals mit der gesellschaftlichen Rollenverteilung beschäftigt hat und sich einfach nur als Mensch gefühlt hat, scheint der Einzige zu sein, der versucht ein ganz normales Leben zu führen – was aufgrund seiner Art stets misslingt. Dies Welt in die Sibylle Berg uns führt ist eine Welt voller Stereotypen, die alle versuchen ihre Vorteile ohne Rücksicht auf Verluste auszuspielen…es gibt keinen Gewinner in diesem Roman, es gibt nur sich fügende Charaktere und den/die mittleidserregende/n Toto, eine Person, die es niemals einfach hatte in ihrem Leben. “Vielen Dank an das Leben” ist die abgrundtief bösartige Abrechnung mit dem Alltag und der Tristesse, aus der sich selbst Toto nicht retten kann. Toto ist einfach das Paradebeispiel eines Charakters, der vollkommen anders – alleine schon durch sein Aussehen – gepackt wird und von der Gesellschaft hin und her geworfen wird. Das Buch ist ein Exempel das aufzeigt wie man die Welt, in der wir zu leben scheinen, auch einmal anders betrachten könnte, und verdeutlicht wie grausam diese doch ist. Nichts wird einem geschenkt, und wer in ein Leben hineinwächst, in dem er eigentlich nicht geduldet wird, hat ganz eindeutig schlechte Karten. Sibylle Berg fasziniert ohne Umschweife und schildert das gesamte Leben des, hoffentlich fiktiven, Toto fließend und ohne irgendwelche Euphemismen. Totos Leben ist wahrscheinlich das schlimmste was einem passieren kann, auch wenn er manche Unglücke einfach hinnimmt und akzeptiert, doch nur dadurch, dass er um zu leben in eine Gesellschaft passen muss, von dieser aber nicht vollends aufgenommen wird. Das Leben muss ein Misanthrop sein, sonst würde es uns bzw. Toto nicht so viel schlechtes antun. Sarkasmus in Perfektion seitens der Autorin. Mehr auf meinem Blog: vitrinenglas.wordpress.com

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    aba

    aba

    21. September 2012 um 18:17
  • Rezension zu "Vielen Dank für das Leben" von Sibylle Berg

    Vielen Dank für das Leben
    cosima73

    cosima73

    "Toto wurde übergeben. Das war sein Schicksal, er war so etwas wie das ungewollte Geschenk, das immer weitergereicht wird [...]" Als zweigeschlechtliches Kind einer alkoholkranken Abgelöschten auf die Welt gekommen, findet sich Toto bald als ausgestossenes und ausgelachtes Nichts in einem Heim eines sozialistischen Staates wieder. Konfrontiert mit Härte und Kälte, Boshaftigkeit und Ausgeliefertsein an die Grausamkeiten des Lebens, stellt sich Toto diesem Leben, das er nicht begreift. Was er sieht ist, dass im Zusammenleben mit Menschen Regeln und Gesetze herrschen, welche irgendjemand mal beschlossen hatte, denen sich nun alle unterordnen , ohne nachzudenken. "Sie verfügen über dich, weil sie es so geschrieben haben, in ihren Märchenbüchern, damit sie sagen können: Es steht geschrieben, dass das Tier dem Menschen zu dienen habe und die Frau dem Mann, und das haben sich Männer ausgedacht, die gerne Fleisch fressen und Frauen prügeln, weil es ihnen hilft, mit diesem unwürdigen Leben zurechtzukommen [...]" Toto eckt mit seinem immer freundlichen, immer sauberen, nichts Böses erwartenden und selber fühlenden Wesen an bei den Menschen, welche selber am Leben frustriert nur darauf aus sind, ihren Frust an anderen, schwächeren abzuladen. Er trifft in eine Welt, welche vor Boshaftigkeit, Schlechtigkeit und Ungerechtigkeit nur so strotzt. In seiner naiven, nichts wissenden Art sieht er die verschiedenen Gesellschaftssysteme des Sozialismus und des Kapitalismus sowie auch die Globalisierung in einer unverfälschten, aber auch hoffnungslosen Art. Freiheit gibt es nicht, auf die eine oder andere Art ist jeder gefangen in einem System, welches nie dem Einzelnen dient, sondern sich selber zu erfüllen trachtet. Wenn sich einer diesem System nicht unterordnet, darüber, daneben steht, ist er der Aussenseiter, welcher zu bekämpfen ist. Der Weg Totos führt vom Nichts über die aufgezwungene Männlichkeit hin zur selbst gesuchten Weiblichkeit. Jede dieser Ausdrucksformen des eigenen Seins konfrontiert Toto mit neuen Problemen und Ungerechtigkeiten. Ein durch und durch trauriges Leben in einer durch und durch schrecklichen Welt. . Fazit: Ein schonungsloses Buch über eine durch und durch schlechte Welt. Das Leben in Freiheit wird als Illusion oder aber (Über-)Lebenskampf enttarnt. Oft überzeichnet, gespickt mit Sarkasmus, Zynismus, Düsterheit trifft das Buch doch erschreckend zu in seiner Diagnose.

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  • Rezension zu "Vielen Dank für das Leben" von Sibylle Berg

    Vielen Dank für das Leben
    robbylesegern

    robbylesegern

    "Vielen Dank für das Leben" ist mein erstes Buch der Schriftstellerin Sibylle Berg. Flüssig liest es sich und die Seiten blättern sich wie von alleine um, weil man wissen will, wie es mit der Hauptperson Toto weitergeht. Gezeugt warscheinlich im "Suff" kommt Toto als zweigeschlechliches Wesen in der damaligen DDR zur Welt, nicht ganz Junge, aber auch nicht ganz Mädchen. Von einer lieblosen Mutter aufgezogen, die ihr tristes Leben selbst nicht ertragen kann, landet er irgendwann im Waisenhaus, in dem er auch angefeindet und ausgegrenzt wird.Verschachert an einen Bauern gegen Lebensmittel und ein Haus am See, das kein Glück bringt und wo Toto wieder, diesmal als Arbeitskraft missbraucht wird , von ihm aber stoisch ertragen, da seine bisherigen Erfahrungen ihn nichts besseres erwarten lassen. Nach einer Flucht in den verheissungsvollen Westen und der Erfahrung, dass auch hier nicht der Himmel auf Erden ist, sondern auch nur Tristes, Gleichförmigkeit und Ablehnung gegen einen Menschen wie ihn,landet er in Hamburg , wo er einen alten Freund aus dem Waisenhaus trifft. Provozierend fand ich dieses Buch in jeglicher Weise. Toto hätte ich mehr als einmal schütteln wollen und ihm zurufen, wehr dich, lass dir doch nicht alles gefallen. Du bist es wert respektiert zu werden. Sein freundliches, ja fast stoisches Verhalten seiner Umwelt und seinen Mitmenschen gegenüber war schwer zu ertragen, da dieses Verhalten das Schlechte im Menschen zu provozieren schien. Aber auch die Schilderungen der Autorin über beide Teile Deutschlands, ihre Politik und dessen Auswirkungen auf die Bewohner, ihre Gleichmacherei,Vorurteile und Überheblichkeit, wurden durch den Schreibstil der Autorin gut rüber gebracht.Alles was anders ist, scheint gefährlich.Die falsche Parteizugehörigkeit, die falschen Geschlechtspartner oder der falsche Vorgarten rufen Misstrauen auf den Plan. Ironie, fast schon Zynismus bestimmten meiner Meinung nach den ersten Teil des Buches, der für mich manchmal schlecht auszuhalten war. Doch der zweite Teil hat mich versöhnt, hat mich Toto lieb gewinnen lassen und den Buchdeckel mit einem guten Gefühl schließen lassen.

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    aba

    aba

    21. September 2012 um 18:07
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