Sibylle Tamin

 3.6 Sterne bei 13 Bewertungen
Autor von Nachmittage mit Mördern, Das Böse von nebenan und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Sibylle Tamin

Nachmittage mit Mördern

Nachmittage mit Mördern

 (9)
Erschienen am 21.01.2016
Das Böse von nebenan

Das Böse von nebenan

 (4)
Erschienen am 25.07.2013

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Rezension zu "Das Böse von nebenan" von Sibylle Tamin

Wahre Kriminalfälle aus der Provinz
Wortklaubervor einem Jahr

Es gibt ein – der reinen Anzahl an Publikationen nach zu urteilen – sehr erfolgreiches Genre, wahre Kriminalfälle abzubilden: die True Crime. Nicht nur in der Literatur, sondern auch in Film und Fernsehen. Oft genug haben diese Bücher reißerische Titel und berichten auch genau davon: Von den grauenhaftesten aller grauenhaften Taten, die man sich vorstellen kann. Wenn das im Vordergrund steht, ist der Thrill zwar da, aber an der Umsetzung kann’s schon mal hapern. Das Buch „Das Böse von nebenan – Wahre Kriminalfälle aus der Provinz“ der – lt. Klappentext preisgekrönten – Journalistin Sibylle Tamin ist eine bemerkenswerte Ausnahme. Jeder einzelnen der vier Geschichten merkt man an, dass sie ausgesprochen gründlich recherchiert sind und von Tamin bezeichnend, nicht wertend, aber trotzdem entlarvend (Dummheit, Dünkel, Geltungssucht …), reflektiert werden. Außerdem hat die Journalistin nicht nur Fälle ausgesucht, in denen möglichst viel – oder überhaupt – Blut fließt. Böses geschieht auch, wenn keine Kettensägen im Spiel sind. Ein besonderer Aspekt ist außerdem der des Schauplatzes, der Provinz. Vielleicht wäre manche Tat auch in der Großstadt möglich – das besondere Gefüge einer Kleinstadt oder gar eines Dorfes, die Strukturen, die Abhängigkeiten, letztendlich auch die Reaktion der Nachbarn nach der Enthüllung der Tat, sind jedoch verschieden.

Das Buch beginnt konventionell mit dem wohl spektakulärsten Fall: Ein Sohn bringt, zusammen mit einem Freund, seine Eltern und seine beiden Schwestern um. Eine unvorstellbare Tat, scheinbar im schönsten Frieden. Missbrauch mag man da vermuten, oder einen zumindest despotischen Familienvater. Warum aber dann die Mutter, warum die Schwestern? Eine Bilderbuchfamilie war das, scheint es – aber auch ein Blick hinter die Fassade bringt keine eindeutigen Antworten. Ein strenger Vater, war das, aber kein Despot, dem man sich nur durch seine Ermordung erwehren konnte. Manche Motive und Mechanismen, die einen Menschen befähigen, eine solche Tat zu begehen (und einen Dritten in seine Tat miteinzubeziehen, ihn dazu zu bringen zu töten), heißt es, bleiben, abgesehen von dem Offensichtlichen, für immer im Dunkeln.

Im zweiten Fall geht es tatsächlich um sexuellen Missbrauch: begangen von mehreren Männern, über Jahrzehnte, an zig Mädchen. Als eine Frau nach Jahrzehnten aus Amerika zurück in ihr Heimatdorf kommt (solche Dinge geschehen also offenbar tatsächlich nicht nur im Roman!), bricht sich die Erinnerung an den erlittenen Missbrauch Bahn. Sie fährt in die Kreisstadt, zeigt an – und mehrere andere, inzwischen längst erwachsene Frauen, tun es ihr gleich. Ein beschuldigter Großbauer, ein Mann von Einfluss, hängt sich auf. Und das Dorf? Erklärt sich solidarisch mit den Tätern. Ausgegrenzt werden nicht die, die Kinder missbraucht haben, sondern die, die den Missbrauch erlitten haben. Wenn’s tatsächlich so gewesen wäre, warum haben sie nicht längst den Mund aufgemacht? Aber selbst wenn: So dramatisch wird’s nicht gewesen sein! Was ist denn dabei, einem Madl unter den Rock zu fassen! Szenen geradezu hysterischer Natur entspinnen sich: Männer mit Mikrophonen. Ja, natürlich: Irgendwo war schon was dran. Aber das hat man immer „unter sich“ geregelt. Und dabei hätte man es doch bitte belassen sollen! Dem schließt sich auch die Pfarrerin des Ortes an: Das Dorffest solle doch trotz der Vorwürfe stattfinden – und die und die und die doch bitteschön der Beerdigung des Großbauern fernbleiben. Stattdessen läuten eine halbe Stunde die Kirchenglocken.

Die dritte Geschichte erzählt von einem Justizirrtum: Ein Lehrer wird für die Vergewaltigung einer Kollegin schuldig gesprochen und eingesperrt. Der Lehrer, ein Außenseiter, die Lehrerin, eine blendende Erscheinung. Seltsamerweise – oder auch nicht – werden die Stimmen, die Zweifel an der Tat hegen, meist erst im Nachhinein laut. Diese Geschichte ist ein erschreckendes Beispiel dafür, wie Verleumdung, trotz offenbar eklatanter Unstimmigkeiten, gar Unmöglichkeiten, begleitet von Weisungen politischer Natur, funktionieren kann, durch alle Instanzen.

Der letzte Fall beleuchtet das Ansinnen, einer Schule einen Namen zu geben. Nach zwei Personen soll sie benannt werden, die in der Geschichte des Ortes eine Rolle gespielt haben: nach dem ehemaligen Dorfpolizisten und einer Bäuerin. 13 jüdische KZ-Häftlinge hat jener Polizist Ende April 1945 im Stall der Bäuerin untergebracht, entgegen seines Befehls, versteht sich, denn die Häftlinge sollten nach Dachau gebracht werden. Am nächsten Morgen sind die Amerikaner da. Und dann wird 2001 also der Antrag gestellt, die Schule, die bisher keinen Namen hat, nach diesen beiden Personen zu benennen. Immerhin, 1997 hatte es eine Gedenkfeier im Pfarrsaal gegeben, als man die beiden als Gerechte unter den Völkern in Yad Vashem gewürdigt hat. Das mit der Schule aber ist ein Politikum, weil: Wo man wusste, dass die Amerikaner doch eh kommen würden, dann noch schnell was Gutes  tun, also nein! Da kann man ja gar nicht wissen, war das Menschlichkeit oder doch Eigennutz! Dann doch lieber Benediktinergymnasium (für eine Grund- und Hauptschule)! Und die Kinder! Hat jemand an die Kinder gedacht? Denen kann man so eine Geschichte doch nicht zumuten! In 20 Jahren redet sowieso keiner mehr davon! Eine Tafel im Rathaus, ja, eine Schule nach ihnen benennen: ausgeschlossen! Irgendwann muss Schluss sein mit dem Krampf!

Ich halte diese Fallgeschichten, jede einzelne, für ausgesprochen lesenswert – nicht nur für die, die in ähnlichen kleinstädtischen oder dörflichen Strukturen leben und vielleicht schon einmal ähnliche Vorgänge menschlichen Miteinanders, wenn auch im nicht ganz so spektakulären Maßstab, beobachten konnten.

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Ambermoons avatar

Rezension zu "Nachmittage mit Mördern" von Sibylle Tamin

Kaffeekränzchen mit Mördern
Ambermoonvor 2 Jahren

Wie gehen Mörder mit ihrer zurückliegenden Tat um? Wie leben sie mit dem nicht wieder Gutzumachenden? Wie beurteilen sie selbst ihre Tat?
Ein Jahr lang trifft sich die preisgekrönte Journalistin Sibylle Tamin regelmäßig mit einsitzenden oder bereits entlassenen Mördern. Im Mittelpunkt der Gespräche steht aber nicht die genaue Rekonstruktion der Tat, sondern vielmehr das Bild, das die Täter von sich selbst entwerfen. Zehn exklusive Täterbiographien.
...(Inhaltsangabe)

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Hier kommen wirklich nur die Täter zu Wort. Erzählen von ihren Taten und wie es dazu kam, was sie angetrieben hat, wie es ihnen davor und danach erging, kurz vor der JVA und während ihres Aufenthaltes.
Die Autorin bleibt dabei dezent im Hintergrund, lässt sie reden. Nur hin und wieder und nur kurz beschreibt sie die Mimiken und Gestiken ihres Gegenübers.
Manchmal sitzt sie mit den Tätern in gemütlicher Atmosphäre, sofern dies in einer JVA möglich ist, bei Kaffee und Kuchen und genau diese Atmosphäre wird auf den Leser übertragen.
Man hat das Gefühl bei einem Kaffeeklatsch zu verweilen und demjenigen hautnah gegenüberzusitzen und zuzuhören, zumindest solange sie aus ihrer Kindheit, von Oma und Opa oder ihren Ehepartnern erzählen.
Bei so mancher Schilderung läuft es einem kalt über den Rücken, man ist schockiert, fassungslos und möchte weglaufen - bis man sich besinnt im eigenen Wohnzimmer und nicht einem Täter/einer Täterin gegenüber zu sitzen. Diese Atmosphäre wurde wirklich gut getroffen.

Doch auch andere Gefühle beschäftigen den Leser - Mitleid, Trauer und ja, sogar Verständnis. Huch - hab ich das jetzt wirklich geschrieben?
Ja, ich ertappte mich dabei manchem Täter Verständnis für seine Tat entgegenzubringen - ich war selbst schockiert.
Aber wie das Leben so spielt gibt es nicht nur Weiß und Schwarz, Gut und Böse und natürlich muss man auch bedenken, daß hier Täter aus ihrer Sicht erzählen und das ein oder andere verdrehen, um es für seinen Zuhörer schöner klingen zu lassen, oder weil sie es selbst nicht wahrhaben wollten zu was sie fähig waren. Also beim Lesen immer schön aufpassen, um nicht in die Sympathiefalle zu tappen.
Denn nichtsdestotrotz begingen diese Menschen einen Mord (oder auch nicht) und das Opfer hat keine Möglichkeit seine Sicht zu erzählen oder sich gegenüber Anschuldigungen zu wehren. Auch das sollte man nicht vergessen.

Der Schreib- und Erzählstil ist flüssig, fesselnd und trotz der Thematik ruhig und nicht reißerisch.
Die Geschichten sind interessant und schockierend.
Schnell wird klar, daß man Mörder nicht an ihrem Äußeren, ihrem Gehabe oder ihrem Umfeld erkennt, sondern dies auch "Normalos" sein können, die irgendwann austicken und das vielleicht in der Wohnung nebenan (oder sogar man selbst).
Zum Beispiel:
- Ein liebender und hart arbeitender Familienvater, der das Genörgel seiner Frau irgendwann nicht mehr aushielt.
- Ein damals junger Bursch, der sich von seiner Geliebten nicht mehr ausnutzen lassen wollte und im Suff die Beherrschung verlor.

Dieses Buch ist in Kapitel unterteilt und jedes Kapitel beinhaltet die Erzählung und somit die Geschichte eines Mörders/einer Mörderin.
Bis auf ein Mal, wo die Autorin von diesem Stil abweicht und sich auf einmal drei Geschichten von drei Frauen in einem Kapitel finden. Immer abwechselnd und in unterschiedlicher Reihenfolge -> Erzählung der 1. Frau - zack, Ende - Erzählung der 2. Dame - zack, Ende - Erzählung der 1. Frau wird wieder aufgenommen - zack, Ende - Erzählung einer 3. Frau - etc.
Die Autorin versuchte hierbei die Reihenfolge, in welcher sie mit diesen Frauen sprach, wiederzugeben, aber es sorgte nur für Verwirrung. Weshalb sie das bei den Frauen so handhabte ist mir schleierhaft.

Obwohl sich die Autorin im Hintergrund hält, hatte ich das Gefühl, daß sie manchmal wirklich sehr dumme Fragen stellt und dabei eine Sensibilität eines Rasenmähers an den Tag legt (hier scheint die Journalistin durchzukommen).
Ebenso hatte ich das Gefühl, daß sie den Männern mehr Sympathie entgegen bringt als den Frauen. Bei den Damen fallen ihre Beobachtungen und Kommentare des Öfteren schon sehr spitz aus.
Des Weiteren scheinen sich die Motive sehr zu ähneln - im Grunde sind alle "in diese Sache" hineingeschlittert. Einen geplanten Mord findet man hier nicht. Im Grunde alles Affekthandlungen und im Grunde alles nette Menschen die sich die Autorin hier ausgesucht hat.

Fazit:
Dieses Buch gibt interessante Einblicke in die Gedankenwelt von Mördern/Mörderinnen, was sie zu dieser Tat trieb, wie sie damit umgehen und ihrer Selbstreflexion.
Das Motiv war aber immer Ein und das Selbe - ich hätte mir ehrlich gesagt mehr Abwechslung gewünscht. Trotz interessanter Thematik plätschert es irgendwann nur so dahin und man wusste von Anfang an "Aha, wird doch eh wieder eine Affekthandlung sein."
Die Distanziertheit gegenüber Frauen und die Sympathie gegenüber Männern sprang mich auch des Öfteren regelrecht an.

Interessant waren diese Geschichten aber allemal und daher gibt es von mir eine Leseempfehlung.

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Nicky_Gs avatar

Rezension zu "Nachmittage mit Mördern" von Sibylle Tamin

Nachmittage mit Mördern – Schicksal und Selbstschutz
Nicky_Gvor 2 Jahren

„Und da zeigte sich, und das nicht nur bei mir, auch bei den andern, dass es nie nur ein schlechtes Leben gibt und dass oft der Zufall eine Rolle spielt, ob man Glück hat im Leben, oder ob man zum Verbrecher wird.“ (S. 80f.)

Sybille Tamin hat über zwei Jahre in regelmäßigen Abständen mit verurteilten Straftäterinnen und Straftätern gesprochen. Daraus entstanden sind subjektive Lebensgeschichten, die alle in einem gipfelten: Mord.

Wie es dazu kommen konnte, ist in allen Fällen unterschiedlich, aber man erkennt doch auch Gemeinsamkeiten. Vor allem was das Gerechtigkeitsempfinden der Täter angeht, denn eigentlich fühlen sich alle ungerecht behandelt und geben nicht nur sich selbst die Schuld, sondern auch anderen wie zum Beispiel den Eltern, Freunden oder dem Umfeld. Manchmal ist ein ganz normales Leben mit ganz alltäglichen Problemen aus dem Ruder gelaufen, ein anderes Mal ziehen sich Gewalt und Hoffnungslosigkeit durch die Biographie, bis sie im Äußersten enden.

Interessant war hierbei auch, wie die vorgestellten Mörder andere Täter sehen und wie sie sich teilweise davon zu distanzieren suchen. Auch dass sich kaum jemand an die Tat erinnern wollte oder konnte, zieht sich wie ein roter Faden durch die Erzählungen. Kommt hier Selbstschutz zum Tragen?

Ich hätte eine zeitliche Zuordnung hilfreich gefunden, zum Beispiel weil einige der Taten zu DDR-Zeiten oder kurz danach begangen wurden. Ebenso hätte ich gerne erfahren, inwieweit die Urteile zweifelhaft gewesen sind oder wie erdrückend die Beweise gewesen sind, um einen gesamten Überblick zu bekommen.

Die Beschreibung der Autorin selbst ist teilweise unpersönlich; sie nennt sich häufig „der Besucher“, was eine gewisse Distanz andeutet. Dafür sind die Gefühle und Beschreibungen der Straftäter sehr subjektiv. Hier hätte ich mir eine objektive Beschreibung der Tat als Ergänzung gewünscht.

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