Als Goethe 22 war, wurde in Frankfurt eine Frau hingerichtet, weil sie angeblich ihr Neugeborenes umgebracht haben sollte. Dieser wahre Fall diente Goethe als Vorlage für seine Figur des Gretchens. In diesem kleinen Buch sind die bis heute erhaltenen Dokumente des Prozesses abgedruckt. Die 24jährige Dienstmagd Susanna wird von einem Hotelgast betrunken gemacht und geschwängert. Da sie darauf noch ihre Regel hat, vermutet sie keine Schwangerschaft. Als dann die Regel jedoch monatelang ausbleibt, glaubt sie an ein psychisches Leiden. Ihre Arbeitgeberin und ihre Schwestern schöpfen Verdacht und schicken sie zum Arzt, der jedoch keine Schwangerschaft erkennt. In der Waschküche kommt es schliesslich zur Geburt eines Jungen. Susanna versteckt das Baby im Heu und verlässt die Stadt- aus Scham und aus Angst vor der Schande und den Anklagen der Leute. Das Buch dokumentiert den Verlauf des Prozesses, die Verhöre mit Susanna und anderen Zeugen und die Bemühungen des Verteidigers. Die Pastoren schildern ihre Begegnungen mit der Verurteilten bis zu ihrer Hinrichtung. 1998 hebt das Gericht in Frankfurt die Todesstrafe auf und ändert das Urteil in 2 Jahre Haft auf Bewährung. Ich finde, dass dieses Buch ein Zeitdokument ist für die Einstellung Frauen gegenüber zu dieser Zeit, denn die einzigen zum Tode verurteilten Menschen in Frankfurt waren immer sogenannte Kindsmörderinnen. Im Fall der jungen Susanna bleiben viele Fragen ungeklärt. Zum Beispiel beklagt sie sich, man hätte ihr Folter angedroht. So habe sie gestanden. In der Tat gesteht die Angeklagte, das Kind mit einer Schere verletzt zu haben. Dabei hat die Leiche keinerlei solche Verletzungen. Das Buch enthält zahlreiche interessante Einzelheiten von damals, die einen erschaudern lassen. Was wirklich passiert ist, könnte ich nicht beurteilen.
Ein wahrer Fall inspirierte Goethe

