Leider bin ich auf meiner Baltikumreise nicht dazu gekommen, das Buch auszulesen, da es doch viel Aufmerksamkeit erfordert. Denn das Schicksal von Aurel, eines Deutschbalten gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts bis zum Ende des ersten Weltkriegs, ist faszinierend und historisch, ja fast autobiographisch belegt.
Die Kindheit Aurels im Herrenhaus Blumsberghof, die vielen Besuche bei den Verwandten und ersten Verluste, wie etwa der Amme Mila uns seinen Freund Boris prägen den Jungen ebenso wie die Frage der Zugehörigkeit zum Land und seiner Bewohner. Es ist ein wunderschönes Bild einer längst versunkenen Welt der deutschen Großherren, die sich mit Dünkel über die estnischen Bauern erhaben fühlen, die mehr oder weniger deutsch bleiben wollen, obwohl sie eigentlich zum russischen Großreich gehören. Sie können und werden sich mit den neuen Gegebenheiten und nationalistischen Strömungen schlecht auseinandersetzen, Vorerst aber wächst Aurel wohlbehütet mit seinen drei wesentlich älteren Brüdern und seiner kleineren Schwester auf, stellt noch nicht alles in Frage, spürt aber doch manchmal eine gläserne Wand zu den Dienern und den Bauern, Erst als sein Vater stirbt , ändert sich sein Leben schlagartig, Nun muss er in Riga das Gymnasium besuchen und findet sich anfangs in der Stadt schwer zurecht, zu sehr ist er das Leben am Land gewohnt gewesen. Aber er findet Freunde, lernt die Musik von Wagner kennen und bei Tante Ada Klavier spielen. Noch immer ist er in seine Kusine Warinka verliebt, die ihn aber nicht erhört. Trotz Bällen, Opernbesuchen und Diskussionen bei seinen Onkeln, die unterschiedliche Ansichten über die Zukunft des Baltikums haben, wird sich Aurel seinen deutschen Erbes bewußt und steht fest dazu. Die Szene in der Schule, in der Aurel sich weigert "Ich bin ein Russe" zu schreiben, verdeutlicht seine Einstellung, auch wenn es beinahe einen Schulverweis kostet, Es beginnt in der Bevölkerung zu gären, das Nationalbewusstsein der Esten erwacht und es kommt zu ersten Ausschreitungen, die noch von den Russen in Schach gehalten werden. Aurel und seine Freunde finden das noch faszinierend. Erst mit dem Beginn des ersten Weltkrieges und der darauffolgenden russischen Revolution ändert sich das Leben der Deutschbalten gewaltig. Schon während seines Studiums in Dorpat lernt Aurel die Gewalt der Revolution kennen, und fühlt sich kaum mehr heimisch. Da er während einer Mensur am Auge verletzt wird, kann er auch nicht im Krieg kämpfen und fühlt sich als "kleine baltische Randfigur".
Der blanke Terror, auch der Bolschwisten, herrscht bald, den auch Aurel persönlich kennenlernt. Seine engen Freunde aus dem Gymnasium, der Elch und Nix ziehen ebenso in den Krieg wie sein Bruder Christof. Nicht alle kehren unverletzt zurück, der Krieg endet voerst mit der Besetzung durch die 8. deutsche Armee. Die darauffolgende Misswirtschaft der Deutschen gefällt gar nicht, sodass bald (1918) um die Unabhängigkeit Estlands gekämpft wird. Aurel jedoch verlässt 1918 sein Land, um nach Deutschland zu gehen, wohin ihn seine Erinnerungen begleiten werden.
Siegfried von Vegesack erzählt in gewaltigen Bildern von einer versunkenen Welt, de versucht ihre Werte und Moralvorstellungen in einer sich ändernden Zeit aufrecht zu erhalten und gerade deswegen auch zugrunde gehen wird. Die Deutschbalten, die als Herren gekommen sind, haben Standesdünkel, auch wenn sie sich der Dienerschaft und den Bauern gegenüber wohlwollend gegenüber zeigen, sie sind in ihrer Art authentisch, auch wenn sie sich Gedanken machen. Ihre Meinungen spiegeln sich in den Einstellungen der Onkel Aurel wider. Einen Onkel zieht es mit seiner Tochter Sonjetschka nach Russland, den anderen ins Baltikum und die Tante, die Aurel Klavier spielen lehrt, schwärmt nur von Deutschland. Aurel weiß nicht wohin er gehört, bei den Frauen in seinem Leben geht es ihm leider genauso. Die einzige Konstante ist sein Mutter, die voller Liebe für alle ist.
Die Geschichte ist wunderbar zu lesen, wenn man sich die Zeit dafür nimmt. Was mir persönlich gefehlt hat, waren mehr Jahreszahlen zur Orientierung, aber das ausführliche Glossar entschädigt für einiges. Die Sprache ist bildgewaltig und der Schreibstil nach einiger Eingewöhnung flüssig, ein wunderbares Stück Zeitgeschichte!







