Ich habe mal gelesen, dass man seinen Protagonist möglichst stark benachteiligt auf seine Geschichte starten soll. Das trifft auf jeden Fall auf Kilian zu. Er kennt seinen Vater nicht, ist ein uneheliches Kind, was in den 50ern, in denen dieses Buch spielt, noch eine Schande war. Der Mann seiner Mutter ist im Krieg gefallen. Auch seine Großmutter stirbt bald und sie müssen in ein Arbeiterviertel umziehen. Außerdem entdeckt er früh, dass er schwul ist - auch das war früher noch eine Schande. (Bin ich froh, dass unsere Gesellschaft sich weiterentwickelt hat!)
Doch obwohl Kilian allen Grund hätte frustriert zu werden und die Freude am Leben zu verlieren, entwickelt er sich genau gegenteilig. Permanent stellt er seiner Mutter Fragen über die Welt, die diese stets so gut sie kann beantwortet. Kilian hat mir gezeigt, dass man neugierig sein muss. Er hat Dinge hinterfragt, die ich stets als gegeben hingenommen habe. Er ist den Dingen auf den Grund gegangen, vor allem der Sprache. Denn allem voran liebt Kilian Wörter und er beginnt mit ihnen zu spielen, wie kein anderer.
Trotz des düsteren Settings der katholischen Provinz und den engstirinigen Nachbarn sind sowohl Kilian als auch seine Mutter ausgesprochen positive Figuren, die den Leser ermutigen, bei allen Problemen und Hindernissen nie den Spaß am Entdecken zu verlieren. Wunderschönes Buch!
Sigrun Casper
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Sigrun Casper
Der Wortjongleur
Außenseiter
Der unerfindliche Herr Schmandlau
Ein Fetzen Himmelsblau
Geld
Liebe
Männergeschichten
Unterbrochene Schienen
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Kilian ist ein neugieriges Kind, das ernsthafte Fragen stellt und sich bereits in sehr jungen Jahren seine eigenen Worte formt, um Gedanken und Gefühle in Worte fassen zu können. Als das Buch beginnt, kurz vor Kilians Einschulung, lebt er mit der Mutter bei der Großmutter in einer großen Villa nahe des Sees. Der Großvater, der eigentlich Kellner war, hat es unter den Nationalsozialisten zu Erfolg und Geld gebracht, ist aber selbst "im Krieg geblieben". Der Mann von Kilians Mutter ist es auch - allerdings, so betont sie, freiwillig, weil er dem Wahnsinn nicht mehr folgen wollte. Dieser Mann ist auch der Vater von Kilians Schwester Miriam. Kilians Vater ist er jedoch nicht - als Kilian nach dem Krieg auf die Welt kommt, ist der Mann seiner Mutter bereits tot.
Kilian ist also ein uneheliches Kind, ein sogenannter "Bankert". Aber so lange er und seine Mutter in der großelterlichen Villa wohnen, wird ihm kaum bewusst, welche Schande in einer kleinen deutschen Provinzstadt im Deutschland der 1950er und 60er Jahre mit einem solchen Wort verbunden ist. Manchmal glaubt er, einen leisen Vorwurf im Blick der Großmutter zu spüren, den er allerdings nicht richtig zuordnen kann.
Als Mutter und Sohn die schützende Villa schließlich verlassen müssen, schlägt ihnen die Ablehnung der neuen Nachbarschaft erstmals offen entgegen. Stoisch ertragen sie die Feindseligkeit und wachsen, wenn das möglich ist, noch enger zusammen. Kilian wird zum Teenager, er schreibt viel, probiert sich an immer neuen Wort- und Gedichtkreationen aus und denkt sich: "Ich will ein Dichter werden. Meine Gedichte sollen wie Kerzen brennen, wenn es dunkel ist. Meine Gedichte sollen Schmuck für die Seele sein."
Der Wortjongleur ist in leisen Tönen geschrieben und dadurch ein stilles und behutsames Buch, das auf den letzten Seiten ein wenig Fahrt aufnimmt. Der Roman ist eine fiktive Biografie - so in etwa könnten sich Kindheit und Jugend des 2013 verstorbenen Dichter Mario Wirz abgespielt haben, mit dem die Autorin Sigrun Casper lange Jahre eng befreundet war. Ich selbst kannte den Dichter vorher nicht, und das ist auch nicht nötig um dieses Buch genießen zu können. Es erzählt nämlich in erster Linie die Geschichte einer wunderschönen Mutter-Sohn-Beziehung, vom Erwachsenwerden in Nachkriegsdeutschland, von der Liebe zur Sprache und von dem Verlangen, seine Wurzeln zu kennen.
Diese Rezension wurde auch auf lesemanie.com veröffentlicht.
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