Vor diesem Buch hatte ich mich gefürchtet, wusste ich doch, um die Düsternis des Themas und dass sexualisierte Gewalt zwangsläufig vorkommt. Einige Gedanken, die mir seit dem Angriff auf die komplette Ukraine im Februar 2022 erst nach und nach durch zahlreiche Analysen, Essays und Texte kamen, breitete Oksanen schon 2023 in ihrem Buch aus: Sie verknüpft die historische Entwicklung des russischen und sowjetischen Kolonialismus mit der Misogynie, die Teil davon war und ist. Auf ihre finnisch-estnische Familiengeschichte kommt sie immer wieder zurück. Die Großtante verstummte nach sowjetischen Verhören. Selbst banale Familienfotos mussten versteckt werden, weil sie aus der Zeit eines unabhängigen Estlands stammten. Sicherlich trägt dieser persönliche Bezug dazu bei, dass Oksanen es schafft, die Gewalt so zu schildern, dass wir vollumfänglich auf Seite der Opfer und Überlebenden bleiben. Ich kann die Lektüre daher nur vollumfänglich empfehlen.
Einer Content Note bedarf es trotzdem, die liegt ja bereits im Titel. Oksanen, die sonst Romane schreibt, die sich ebenfalls mit dem Thema beschäftigen, balanciert hier gut aus. Sie benennt Ereignisse und Handlungen nüchtern, einfühlsam mit den Opfern und erzählt nicht zu viel.
„Putins Krieg gegen die Frauen“ strukturelle und systemische Ursachen, die nicht nur zu den Angriffen auf die Krim und später auf die ganze Ukraine führten, sondern auch zu Trollarmeen, die Wahlen in der ganzen Welt beeinflussen, Impfkritiker*innen genauso unterstützen wie Verschwörungsideologen und der Tatsache, dass Putin mit Regimen zusammenarbeitet, die genauso misogyn ist wie die eigene. Die Misogynie stellt dabei den zentralen Aspekt dar und auch, wenn Oksanen ein wirklich breites Buch schreibt, ist die Frauenverachtung der Kleister, der so vieles zusammenhält, gerade auch als Anschlussfähigkeit mit rechten Kreisen im sogenannten „Westen“. Feminismus stellt hier eine fundamentale Gefahr dar, da dieser die bestehenden Verhältnisse in Frage stellt.
Dazu arbeitet Oksanen heraus, wie geschickt es Russland über die Jahrhunderte gelang, den Imperialismus zu verschleiern. Die Mär, dass die Ukraine angeblich nie eine eigene Identität gehabt hätte, wurde u.a. mit der Deportation von Krimtataren im 18. Jahrhundert und später unter Stalin genährt.
„Die Methoden, mit denen Russland seine Kolonisation umsetzt, sind im Westen nicht bekannt, weil sie sich von der Eroberungspolitik anderer ehemaliger Kolonialreiche unterscheiden, die vom Seeweg aus vollzogen wurde. Das Prinzip des russischen Imperialismus ist ein anderes, es führt noch immer auf dem Landweg in nahe gelegene Regionen. Die Geschichte der Krim ist hierfür ein Musterbeispiel.“
Die aktuellen Deportationen von Millionen von Ukrainer*innen, darunter auch zahlreiche Kinder, führen diese düstere Tradition fort. Diese genozidalen Aspekte – die Deportation von Kindern ist einer – zielen zudem auch immer auf die Gebärfähigkeit von Frauen ab, indem sie gefördert oder zerstört wird, und richtet sich gegen eine freie Gesellschaft. In Russland führt das zum „Homo putinicus“, der von der Einzigartigkeit der sogenannten „russischen“ Seele überzeugt ist und auch mit der Unterstützung der weiblichen Bevölkerung den Krieg mitträgt.
Die westlichen Ländern tragen ebenfalls ihren Teil dazu bei, denn sie haben in den 1990ern beim Ausverkauf Osteuropas genauso weggesehen, wie auch beim russischen Kolonialismus. Es stellt eine bittere Ironie dar, dass sich die hybriden Kriegsstrategien nun gegen sie selbst richten. Und das geht schon lange so. Die Verschwörungserzählung, HIV sei eine Erfindung der CIA, verbreitete der KGB schon zu Sowjetzeiten und verfängt sich noch heute. Oksanen erzählt von konzertierten Angriffen auf eine eigene Buchpremiere 2009, zitiert Studien, die Trollangriffe bei „Women’s March“ in den USA 2017 und Angriffe im Wahlkampf von Annalena Baerbock 2021 zeigen.
Oksanens Buch hilft so, die Misogonie als Teil des russischen Angriffs gegen die Ukraine und dem Rest der Welt zu verstehen. Sehr wichtiges Buch und beeindruckte 5 von 5 Sternen.




















