Sophia Jungmann

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Ein Haus mit vielen Zimmern

Ein Haus mit vielen Zimmern

 (3)
Erschienen am 26.08.2015

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Rezension zu "Ein Haus mit vielen Zimmern" von Sophia Jungmann

Ein Haus mit vielen Zimmern
wortkulissevor einem Jahr

Ab und zu möchte wohl jeder Mäuschen spielen, den Vorbildern über die Schultern blicken und dadurch nicht nur Inspiration, sondern auch einen Weg finden, um irgendwann einmal ein ähnliches Leben zu führen. Sophia Jungmann und Karen Nölle geben uns in „Ein Haus mit vielen Zimmern“ die Möglichkeit, genau das zu tun. Der Sammelband umfasst Essays, Gedichte und Erzählungen von verschiedenen Schriftstellerinnen, die uns darin auf verschiedene Weise am Beruf der Schriftstellerin teilhaben lassen.

„WAS IST ÄUSSERLICH BETRACHTET, EINFACHER ALS BÜCHER ZU SCHREIBEN? WELCHE HINDERNISSE GIBT ES, ÄUSSERLICH BETRACHTET, FÜR EINE FRAU, DIE ES FÜR EINEN MANN NICHT GIBT? INNERLICH JEDOCH, DENKE ICH, LIEGT DER FALL GANZ ANDERS; SIE HAT NOCH GEGEN VIELE GESPENSTER ZU KÄMPFEN, VIELE VORURTEILE ZU ÜBERWINDEN. – S. 131, VIRGINIA WOOLF
Das Bild, dass eine Erzählung wie ein Haus mit vielen Zimmern ist, stammt von Alice Munro. Betritt man ein Zimmer erhält man eine Sicht auf die Dinge, die im Nebenraum schon wieder ganz anders sein kann. Ich finde diese Vorstellung unheimlich schön und bin begeistert, dass die Herausgeberinnen in „Ein Haus mit vielen Zimmern“ einen solchen Ansatz gewählt haben. Das Buch umfasst Erzählungen, Essays und Gedichte von vierzehn Autorinnen: Tania Blixen, Ali Smith, Margaret Atwood, Clarice Lispector und Sylvia Plath, Antje Rávic Strobel, Judith Schalansky, Virginia Woolf, Tave Jansson und Janet Frame sowie Nora Gomringer, Siri Hustvedt, Anna Seghers und Annette Pehnt. Jede dieser Autorinnen hat in dem Sammelband ihr eigenes kleines Zimmer gestaltet, das wir Leser*innen betreten und in dem wir eine individuelle Sicht auf das Schreiben und auf den Beruf der Schriftstellerinnen erhalten. Die Ansätze, die die Autorinnen wählten, um sich damit auseinanderzusetzen sind sehr unterschiedlich, ebenso wie die Schreibstile. Neben brisanten Essays wie „Berufe für Frauen“ von Virginia Woolf stehen eher leichte Gedichte von Nora Gomringer und Erzählungen, die sich manchmal nur am Rand mit dem eigentlichen Prozess des Schreibens auseinandersetzen.

Während jede Autorin einen Mehrwert für den Band liefert, haben mir einige Kapitel besser gefallen als andere. Die Varianz war sogar sehr groß. Meine absoluten Juwelen sind: Virginia Woolf, Sylvia Plath und Siri Hustvedt. Virginia Woolf setzt sich in „Berufe für Frauen“ mit den Schwierigkeiten auseinander, mit denen eine schreibende Frau konfrontiert ist. „Ein Vergleich“ von Sylvia Plath versucht zu ergründen, wie viel Platz Alltägliches in einem Roman und in einem Gedicht hat. In „Being a Man“ plädiert Siri Hustvedt dafür, die inneren Stimmen uneingeschränkt zu hören und auszuformen, und unabhängig von Geschlechterrollen zu denken. Die Gedichte von Nora Gomringer haben mich ebenfalls angesprochen. Weniger gefallen hat mir hingegen die Erzählung von Anna Seghers.
Durch „Ein Haus mit vielen Zimmern“ habe ich einige neue Schriftstellerinnen entdeckt, von denen ich in Zukunft mehr lesen möchte. Irreführend ist hingegen der Untertitel „Autorinnen erzählen vom Schreiben“. Denn während sich einzelne Autorinnen sehr detailliert damit auseinandersetzen, ist bei anderen der Zusammenhang nur im übertragenen Sinne zu erkennen. Ist das aber klar, kann man beruhigt den Autorinnen auf ihrem Weg folgen, das Schreiben schreibend zu ergründen.

ICH REDE VON DEM KLEINEREN, UNOFFIZIELLEN, DOMESTIZIERTEN GEDICHT. WIE KANN ICH ES BESCHREIBEN? EINE TÜR GEHT AUF, EINE TÜR GEHT ZU. DAZWISCHEN SIEHT MAN EIN EINZELBILD: EINEN GARTEN, EINE PERSON, EINEN WOLKENBRUCH, EINE LIBELLE, EIN HERZ, EINE STADT. – S. 94/95, SYLVIA PLATH

Im Einzelnen betrachtet geben die Erzählungen, Essays und Gedichte in „Ein Haus mit vielen Zimmern“ einen Einblick in die schriftstellerische Arbeit jeder einzelnen Autorin – gemeinsam aber entspinnt sich ein Dialog zwischen den Autorinnen, der weit über die einzelnen Kapitel hinaus geht. Der Bezug zum Schreiben und zum Beruf der Schriftstellerin ist häufig lose, handwerkliche Tipps erhält man kaum, neue Autorinnen entdeckt man dafür viele. 


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