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alice14072013

vor 2 Jahren

(23)

Wie viel Leid kann ein Mensch ertragen und trotzdem immer wieder aufstehen, um für sein Glück zu kämpfen?
Warum ist es möglich, dass Menschen, die eigentlich in Nachbarschaft, friedlich miteinander leben könnten solch erbitterte Feinde werden, dass sie sich gegenseitig grausam bekämpfen und töten?
Kann Liebe allein den Hass überwinden?
Das waren die zentralen Fragen, die mich bei der Lektüre des Romans Das Herz der purpurnen Distel von Sophie Morrisson immerwährend beschäftigten und eine wahre Flut von Gefühlen in mir auslösten.

Klappentext:
Die Britischen Inseln, 1649
Während die Nachwehen des Bürgerkrieges noch überall spürbar sind, wächst die junge Kendra MacAllan, halb Schottin, halb Engländerin, zu einer selbstbewussten Frau heran.
Dank ihrem Vater genießt sie zuhause in Schottland außergewöhnlich viele Freiheiten, die in völligem Kontrast zu den Besuchen bei ihren adligen Großeltern in London stehen.
Ihren Wurzeln zuliebe versucht Kendra beiden Welten gerecht zu werden, womit sie sich allerdings nicht arrangieren kann, ist die leidige Suche ihrer Großmutter nach einem angemessenen Ehegatten. Längst hat Kendra beschlossen, dass sie ihre kostbare Unabhängigkeit niemals gegen die Fesseln einer Ehe eintauschen wird.
Als sie jedoch völlig unverhofft dem attraktiven Finley MacCarter begegnet, gerät ihre strenge Prinzipientreue ins Wanken. Kendra kann sich seinem bezaubernden Charme nicht entziehen und verliert nach und nach ihr Herz an Finley.
Nachdem Kendras Vater jedoch von dieser Verbindung erfährt, setzt er ihr ein jähes Ende.
Kendra wird mit der schmerzlichen Wahrheit konfrontiert, dass die Vergangenheit eine gemeinsame Zukunft mit Finley unmöglich macht.
Krampfhaft bemüht sich Kendra zu vergessen.
Wird es ihr gelingen?

Meinung:

Wer hier einen kitschigen historischen Liebesroman erwartet, der wird sicher enttäuscht werden. Denn das, was wir letztendlich erhalten geht weit darüber hinaus und lässt sowohl den Liebhaber schottisch- englischer Geschichte in mir, als auch den Liebhaber tiefgründiger Geschichten, begeistert aufjubeln.

Der Roman ist aufgegliedert in vier Teile, die unterschiedlicher nicht sein könnten in ihrer Grundstimmung und doch zusammengefügt ein perfektes Leseerlebnis schaffen und eine Handlung kreieren, die absolut stimmig ist.
Beginnen wir mit dem ersten Teil, könnte durchaus der Eindruck entstehen, es handele sich um einen einfach gestrickten Liebesroman, mit einem dem Leser jetzt schon vorhersehbaren Ende.
Wir begegnen einer jungen, wilden und freiheitsliebenden jungen Frau. Tochter eines Schotten und einer englischen Adligen, die lieber ihre Freiheit genießt, als dem Drängen ihrer Großmutter nachzugeben, einen geeigneten Heiratskandidaten von Stand zu finden. Kendra ist ein sehr erfrischender Charakter. Ungezähmt, nicht auf den Mund gefallen, schlagfertig und mutig, weiß sie sich durchaus in einer von Männern bestimmten Welt zu behaupten, in der die Frauen eher für das gute Aussehen, Kinder gebähren und den Haushalt zu führen bestimmt waren. Aus ihrer Sicht in der Ich-Perspektive erleben wir als Leser die ihr eigene Gefühlswelt und die Entwicklung einer zarten Zuneigung zu dem jungen schottischen Finley MacCarter. Durch die Perspektivenwahl erhält die Figur der Kendra Mac Allen bereits zu Beginn sehr viel Tiefe und der Leser erlebt und fühlt am eigenen Leibe, was Kendra erfährt und fühlt. Damit wird sofort ein sehr schöner Bezug zu der Protagonistin hergestellt, die darüberhinaus noch sehr sympathisch ist. Naivität suchen wir bei ihr vergeblich. Vielmehr nimmt sie selbstbewußt ihr Leben in die Hand. Über Finley MacCarter erfahren wir dagegen nur das, was Kendra weiß oder glaubt zu wissen und das lässt seine Handlungen zunächst undurchsichtig und manchmal fraglich erscheinen, welche Absichten er hegt. Bis zu diesem Zeitpunkt ist die Handlung locker und leicht. Neben wunderbaren bildhaften Beschreibungen der Lebensart des englischen Adels, erlebt der Leser eine manchmal klischeehafte Entwicklung einer zarten Liebe und muss über so einige Schlagabtäusche, die sich die Protagonisten in ihren Dialogen liefern schmunzeln. Und genau hier endet auch der Eindruck, wir haben es mit einer leichten, vorhersehbaren Liebeslektüre zu tun. Denn mit der offenen Ablehnung Finleys von Duncan MacAllan, Kendras Vater erreichen wir einen Wendepunkt in der Handlung, der den zunächst gewonnen Eindruck der Leichtigkeit verwirft.

In Teil 2 erwartet uns ein Rückblick in die Zeit des schottisch-englischen Bürgerkrieges, der dem Roman seine Unbeschwertheit vollständig nimmt und dem Leser ab diesem Zeitraum durch die Erlebnisse Duncans in der 3. Person einen bewegenden Ausschnitt der Geschehnisse zur Zeit Charles I Stuarts und Oliver Cromwells beschert.
Ergreifend und spannend geschildert erleben wir die tragische Geschichte von Kendras Vater, der gegen seine friedliche, einfühlsame Natur gezwungen ist mit seinem Clan in einen Krieg zu ziehen, der nicht seiner ist. Wir erleben die Entbehrungen und Grauen der Männer, die in den Krieg ziehen mussten und bis an den Rand ihrer Kräfte geraten. Detailliert und hervorragend recherchiert verfolgen wir die Entwicklungen des Bürgerkrieges, die Schlachten und die tragischen Auswirkungen, die die einzelnen Clans aufgrund politischer oder religiöser Gesinnung zu erbitterten Feinden macht und weit über die eigentliche politische Intention in persönlichen Fehden, Interessen und Vergeltungsschlägen auf Clanebene endet. Wer sich mit der schottischen Geschichte beschäftigt, der wird schnell feststellen, dass genau so grausam damals Clanauseinandersetzungen und Kriege abliefen. Schottland wurde immer wieder von brutalen Kämpfen geprägt. Mit dem romantischen, in Romanen oft verklärtem Mittelalter hatte das Leben in Schottland nichts gemein. Solche Verklärungen möchte ich auch in einem historischen Roman nicht lesen. Und somit gewinnt die Geschichte des Romans an Glaubwürdigkeit und Tiefe, die mich durch die detailliert geschilderte Gefühlswelt der Charaktere nicht selten derart bewegte, dass ich meine Tränen nicht zurückhalten konnte. Geschichtlich eine wahre Bereicherung hebt dieser Teil der Geschichte den Roman auf ein deutlich höheres Niveau und ist unabdingbar für den weiteren Verlauf der Handlung. Die damaligen Grausamkeiten ändern nicht nur das Leben Duncans und seiner Familie für immer gravierend, sondern wirken sich auch darüberhinaus auf das Leben aller, vor allem aber auf das Glück Kendras aus. Denn hier wird der Grundstein für den weiteren Handlungsverlauf um Kendra gelegt, der die Liebe zu Finley von ihrem Vater untersagt wird und deren Leiden hier ihren Anfang nimmt. Das Handeln der einzelnen Charaktere wird ab diesem Zeitpunkt nachvollziehbar und glaubwürdig, die Konflikte und Abläufe in der Geschichte fügen sich stimmig in ein Ganzes, wenn wir nun in Teil 3 und 4 wieder Kendras Geschichte folgen, ab dem Zeitpunkt, wo der erste Teil endet.

Hier begeistert vor allem der Schreibstil der Autorin, der zwar flüssig und leicht zu  lesen ist, aber in wunderschönen Bildern die schottische Lebensweise, die Bräuche und die Natur beschreibt. Für manch einen Leser mag es langatmig erscheinen, ich fand es nie zuviel und  auf den Punkt. Denn alles, an dem der Leser teilhaben darf, ob dem Samhain-Fest, oder den Versammlungen der Clans, dient dem Verlauf der Geschichte. Ich habe in den Eindrücken des damaligen Lebens gerne geschwelgt.
Der Roman spielt mit Tragik, Gefühl und gekonnt humorvollen Dialogen und spritzigen Wortduellen, die den Leser von einer Emotion in die nächste jagen, so dass es niemals langweilig wird. Ich glaube ich habe so ziemlich die gesamte Gefühlspalette durchlaufen, gezittert, gehofft, gelitten und geweint, herzhaft gelacht und eine Wut auf so manche Entwicklung und so einige Charaktere gehabt, die ihresgleichen sucht.
Die Charaktere sind für mich absolut glaubhaft und besonders Kendra und Duncan haben eine enorme Gefühlstiefe, die ich bewundere.
Es hat mir gefallen, dass gerade Kendra sich selbst trotz aller Schicksalschläge treu bleibt und für ihr Glück kämpft, während Duncan durch sein Schicksal und seine Erlebnisse sich gravierend verändert hat.
Interessant ist, dass Finley in seinen Motiven bis kurz vor dem Ende für den Leser relativ undurchsichtig bleibt und so die Handlung an Spannung gewinnt.
Der Spannungsbogen steigt zum Ende hin auf ein enorm hohes Niveau, gewinnt nochmals an Dramatik und lässt den Leser unerwartet völlig sprachlos zurück. Was für ein toller Aufbau der Handlung!
Wenn ich also überhaut kritisiere, dann sind es manch moderne Ausdrücke in der Sprache, die nicht in die eigentliche Zeit passen. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau.
Für mich hat dieses Buch alles, was wichtig ist Humor, Spannung, Drama, tragische Entwicklungen, wunderschöne Beschreibungen, hervorragende Recherche und vor allem sehr viel Gefühl. Und wann immer ich eine Geschichte beim Lesen regelrecht lebe und fühle wie in Sophie Morrissons Roman, dann ist sie 5 Sterne wert.

Also nochmals zu der Kernaussage:
Wie weit reichen die Auswirkungen eines Krieges, der nicht nur aktuell Tod und Zerstörung bringt, sondern auch über seine Zeit hinaus gravierende Veränderungen für die Menschen und deren Leben bereithält? Wie ist es möglich, dass er Menschen, die friedlich, fürsorglich und liebevoll waren zu verbitterten Menschen macht? Und wie viel Leid kann ein Mensch ertragen und trotzdem immer wieder aufstehen, um für sein Glück zu kämpfen?

Wer das erfahren möchte, der sollte Das Herz der purpurnen Distel unbedingt lesen.

Ich kann nur eine absolute Leseempfehlung aussprechen!

Autor: Sophie Morrison
Buch: Das Herz der purpurnen Distel
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