Schreibstil des Autors:
Das Buch ist angenehm zu lesen, weil die Sätze recht kurz gehalten sind. Ein Beispiel dafür findet
sich in „Als die Wachen Elrodal aus dem Saal schliffen, protestierte sie nicht. Im Korridor rannte
ihnen eine weitere Wache entgegen.“ Zwar ist hie und da eine leicht kompliziertere Stelle, weil
Sophie Neumann das Prädikat zerteilt, beispielsweise „Imromar schüttelte, ihr immer noch
abgewandt, den Kopf“, was das Gesamterlebnis allerdings nur marginal beeinträchtigt. Eine Stelle,
die das kurz zuvor zeigt, lautet, „Der Mann im gelben Umhang schritt, eine Schriftrolle unter den
Arm geklemmt, unbeeindruckt weiter durch den Saal.“
Wenngleich Stellen vorhanden sind, in denen der Gebrauch von Show don’t tell die Fantasie
angeregt hätte, gelingt es dem Verfasser, ein harmonisches Bild zu zaubern, weil es sich bei diesem
Versäumnis um Ausnahmen handeln, die bekanntlich die Regel bestätigen. So bleiben bei
Adjektiven wie „grün“ zwar die Frage offen, welches Grün der Schreiber im Kopf hatte, doch ist
damit auch der Leser angeregt, sich sein Bild zu erschaffen, weil die Farben Platzhalter sind, die der
Identifikation dienen sollen. Auf diesem Weg entgeht Sophie Neumann dem Problem der
Wortwiederholung, weil ein weiteres Referenzmittel zur Verfügung steht. So erfordert es zwar mehr
Arbeit vom Leser, sich zu merken, welche Armee unter dem gelb-grünen Banner reitet, doch dies
nimmt er gern in Kauf, wenn ihm dadurch erspart bleibt, zum dritten mal den Namen der Prinzessin
im vierten Satz zu lesen. So sehe ich den Kniff mit den Farben als gelungenes Mittel um sich derlei
Probleme zu ersparen.
Spannung:
Als High-Fantasy-Leser begibt man sich gerne in fremde Welten und geht neugierig in die
Geschichte voller Erwartung, was ihn erwartet. Die Aufgabe des Autors besteht also darin, den
Leser in die Welt seiner Protagonisten zu entführen, was dem Verfasser von Anfang an gelingt. Von
Beginn an steht der Protagonist mitten im Problem, sich mit dem kindlichen Sohn durchzuschlagen.
Man erfährt zunehmend mehr über die Welt, ihre Herrschaftsverhältnisse und Konflikte.
So startet der Roman gleich mit einer Beschreibung der Welt aus Sicht des Protagonisten, über den
im selben Atemzug erste Informationen gegeben werden. Diese Beschreibung wirft gleich erste
Fragen auf und deutet eine Veränderung der Hauptperson an. Damit ist der Spannungsbogen
eröffnet und der Leser angefixt, mehr darüber zu erfahren. „Milna war eine Freundin des Wandels
gewesen“, beginnt die Geschichte. Bereits in diesem Satz gelingt es Sophie Neumann den Namen
des Protagonisten, eine wohl vergangene Eigenschaft und die Ausgangssituation komprimiert
aufzuzeigen, wodurch sich Spannung aufbaut. Mit dem weiteren Lesen erschließt sich, wenn auch
nur vage, was zu der Veränderung führte, wenngleich es der Fantasie des Lesers obliegt, sich eigene
Gedanken zu machen, weil mehrere Personen wehmütig „Als Merat noch Merat war“ sinnieren.
Auf diese Weise gelingt es dem Schriftsteller, den Leser zu animieren, sich ein Bild zu machen, wie
die Stadt wohl ausgesehen hatte und was geschah, dass sie zum Zeitpunkt der Geschichte als
grundlegend geändert wahrgenommen wird. Dieser Punkt schwingt im Unterbewusstsein mit, weil
der Sophie Neumann vermeidet, die Auflösung explizit zu geben.
Figuren:
Nicht verwunderlich liegt die Initialsympathie auf der ersten Person, die Erwähnung findet. Dies
festigt die Tatsache, dass Milna allem Anschein nach eine allein erziehende Mutter ist. Sofort stellt
sich die Frage, was sie mit ihrem Sprössling so weit entfernt von zu Hause getan hat, warum das
ihrem Sohn zugemutet hat. Immer wieder zeigt sich, wie viel ihr an ihrem Kind liegt, was die
meisten Mütter nachvollziehen können, was es vor allem den Leserinnen erleichtert, sich mit ihr zu
identifizieren. Der Konflikt mit ihrer Schwester verstärkt diesen Effekt für alle, die das Glück
hatten, mit einem oder mehreren Geschwistern aufzuwachsen. Die Schwester tritt als mahnende
Instanz auf, die ihrer Schwester Vorhaltungen macht, die sie mit Vernunft begründet, wenngleich die
tiefere Motivation im Neid auf die Bevorzugung Milnas qua Alter liegt.
Die weiteren Figuren erfüllen stereotypisch ihre Rolle und nehmen ihren Platz in der Geschichte
ein. Weil es jedoch zu viele sind, um sie hier genauer zu betrachten, überlasse ich es gern den
anderen Lesern, sich ein Bild zu machen.
Insgesamt sind die Figuren sympathisch, weil sie ein gesundes Maß an Stärken und Schwächen
mitbringen. Ihre Motivationen sind realistisch und nachvollziehbar, was das immersive Gefühl beim
Lesen verstärkt.
Thema:
Die Handlung ist unter den konstruierten Gegebenheiten durchaus realistisch. Alles, was die
Figuren tun erscheint als logische Konsequenz der Situation, in der sie sind und es wirkt
wohlbegründet, wie sie sich aufgrund ihres Charakters verhalten. Es fallen keine Ungereimtheiten
auf, die den Leser aus der Welt reißen würden, weil sie vollkommen unüblich erscheinen. Viel mehr
wirkt es, als würde man sich plötzlich selbst handelnd in der Situation der Handelnden wiederfinden
und ihre Handlungen ausführen.
Sophie Neumann behandelt die Themata Ethik, Macht, Familie und Gerechtigkeit, ohne diese direkt
anzusprechen. Geschickt lotst sie die Lesenden, diese selbst an den Figuren und Handlungen zu
entdecken.
Fazit:
Alles zusammen genommen kann das Buch mich trotz der erwähnten Punkte, die man noch
verbessern könnte, aber ich bin auch nicht der God-Father of Writing, bereitet es Freude, Milnas
Weg zu verfolgen und zu sehen, wie sie ihre Probleme löst. Ich würde das Buch auf jeden Fall
weiterempfehlen. Wie schon angedeutet könnte es wohl Müttern gefallen, die bereit sind alles für
ihr Kind zu tun und sich nicht von ihm trennen wollen, obwohl sie mit Schwierigkeiten bombardiert
werden, Schwestern, die gleich zwei Figuren zum identifizieren haben, wovon eine die rationale
und benachteiligte Seite abdeckt, was gleich die nächsten möglichen Interessierten auf den Plan
ruft, denn auch Benachteiligte, eher rational oder eher emotional geleitete Personen können
Gefallen an dem Buch finden. Selbstverständlich dürfen nicht all die Fantasiebegeisterten fehlen,
die Freude daran haben, neue Welten zu entdecken.
Auf jeden Fall liegt hier eine meiner Meinung nach packende, wenn man sich die Mühe macht,
tiefergründige Abenteuergeschichte vor.