Srdan Valjarevic

 4,6 Sterne bei 5 Bewertungen

Lebenslauf

Geboren 1967 in Belgrad. Seine ersten Bücher erscheinen in den 1990ern, in der Zeit der politischen Isolation Serbiens unter Miloševiċ. Der Gedichtband Joe Frazier wird zum Kultbuch – als der Boxer 2011 stirbt, erhält der Autor Beileidsbekundungen! Im Wintertagebuch von 1995 zeichnet Valjareviċ auf, wie die Menschen in seiner Umgebung sich über Wasser halten. Er selbst veröffentlicht gelegentlich Kolumnen, arbeitet an einem Drehbuch mit. Ein Stipendium, das er damals eher zufällig bekommt, ermöglicht ihm, der Stagnation für einen Monat zu entkommen. Erst zehn Jahre später veröffentlicht er das Buch, das diese Zeit beschreibt – "Como. 30 Tage".

Alle Bücher von Srdan Valjarevic

Cover des Buches Como. 30 Tage. (ISBN: 9783944359601)

Como. 30 Tage.

(4)
Erschienen am 08.10.2021
Cover des Buches Ein Winter in Belgrad (ISBN: 9783944359823)

Ein Winter in Belgrad

(1)
Erschienen am 08.05.2025

Neue Rezensionen zu Srdan Valjarevic

Cover des Buches Ein Winter in Belgrad (ISBN: 9783944359823)
Thomas_Lawalls avatar

Rezension zu "Ein Winter in Belgrad" von Srdan Valjarevic

Thomas_Lawall
Über den eigenen Horizont hinaus

Formalitäten interessieren den Rezensenten normalerweise nicht im Geringsten. In diesem Fall aber scheint ihm die Erwähnung des Buchumschlags eine Erwähnung wert, hat er doch einen solchen noch nicht gesehen. Jedenfalls keinen, der so gut zum Inhalt passt. So, als ob jene Faltung, die das Buch umschließt, es festzuhalten oder gar warmzuhalten versucht.

Denn es scheint kalt zu werden, wie der Titel verspricht. Der Klappentext verrät es sogar ganz genau. Die Geschichte, die eigentlich gar keine ist, muss in vier Monaten erzählt sein, so viel steht fest. Den geschichtlichen Hintergrund bildet der Bosnienkrieg (1992-1995), wobei Srđan Valjarević den Fokus auf Belgrad, seine Heimatstadt, legt, und das in einem klar definierten Zeitrahmen.

Ebenso festgelegt ist die Struktur des Inhalts, wobei es dem Autor trotzdem gelingt, dieses Werk von dem Korsett einer klaren Linie zu befreien, was sich wie ein Widerspruch anhört. Vier Monate lang notiert er jeweils drei Beobachtungen, die auf seinen täglichen Stadtrundgängen entstehen.

Wenn Leserinnen und Leser ihr Umfeld ähnlich erleben sollten, wird ihnen ein wahres Fest der literarischen Beobachtung präsentiert. Scheinbar Nebensächliches wächst in einem anderen Zusammenhang über sich hinaus, wie jene rennende Frau, die noch einen Bus erreichen will, der Taxifahrer, der auf Kundschaft wartet, oder der Hund, der die Vorderbeine durchdrückt.

Die oft sehr kurzen Begebenheiten und Beobachtungen stehen nicht im Zusammenhang mit einer Geschichte im herkömmlichen Sinn. Es sind eher ganz viele. So wie der Inhalt dieser Briefe vielleicht, die jenes Mädchen gerade in einen Briefkasten wirft:

"Sie schickt jemandem einen kleinen Teil ihres Lebens. Sie schickt etwas aus ihrer Geschichte in eine andere Geschichte."

Es ist berauschend, wie es Srđan Valjarević schafft, das scheinbar Banale aus den Fesseln der Bedeutungslosigkeit zu befreien. Seitenweise Geschichten, die mit wenigen Sätzen, und manchmal nur mit einem, zurechtkommen müssen. Oft genug kommt die Tragödie Mensch ohne die großen Worte aus:

"Eine Frau geht gebückt und langsam, an die Schaufenster gedrückt, über den Bürgersteig und weint."

Neben einer Vielzahl unterschiedlichster Beobachtungen, Kritik an Gesellschaft und Politik, sowie der Legierung aus Momentaufnahmen, seinem Blick auf die Welt und sich selbst, bezieht er ausdrücklich jene seiner Belgrader ZeitgenossInnen in seine Tagebuchaufzeichnungen mit ein.

Neben seinen "HeldInnen" kommen auch "sechs Ehrengäste" zu Wort. Sie zu finden und zu lesen lohnt sich. So wie alles in diesem Buch! Man möchte weiter und länger an der Seite des Autors durch Belgrad gehen und mit ihm staunen, bedauern, kritisieren, belächeln, um letztlich die Welt so zu sehen oder zu befragen wie er es tut.

Die Bedeutung kommt dann ganz wie von selbst. Man wächst und sieht über den eigenen Horizont hinaus. Irgendwie lässt sich das in die eigene Erfahrungswelt einordnen, denn das, was passiert, kann in jedem Dorf, in jeder Stadt und in der ganzen Welt geschehen. Wenn man genau hinsieht.

Leider gehen auch die wunderbaren Bücher irgendwann zu Ende. Was bleibt, ist so etwas wie ein weiter Blick irgendwohin und Stille. Denn:

"Der Stille steht mehr zu, als es den Anschein hat."

Cover des Buches Como. 30 Tage. (ISBN: 9783944359601)
Johanna_Paulinas avatar

Rezension zu "Como. 30 Tage." von Srdan Valjarevic

Johanna_Paulina
30 Tage zwischen Leute die alle einzigartig sind

Ein junger Belgrader Autor bekommt ein Stipendium und darf seine Heimat, die gerade im Krieg ist für einen luxuriösen Villa „Bellagio“ am Lago di Como tauschen. Er darf einen Monat bleiben und bekommt ein all-inklusive Aufenthalt, mit super Essen, gute Weine, Unmenge von Alkohol und schöne Aussichten und Gesellschaft von anderen. Und er braucht sich nicht auf einer Gegenleistung fest zu legen. Er arbeitet auch nicht dort. Vielleicht braucht er diese Zeit einfach um sich von der Situation in Serbien zu erholen. Dieses Buch könntet man als Output verstehen, aber das Buch ist erst in 2006 publiziert und er war dort in den neunzigern Jahre. 


Er beschreibt das luxuriöse Leben, dass sich hauptsächlich auf gutes Essen, viel Trinken und einen super Zimmer beschränkt. Sonst beschreibt er die andere Gäste. Diese sind mehr oder weniger exzentrisch. Es sind Wissenschaftler, Künstler, Schriftsteller oder Musiker. Eigentlich alle, die mal eine Auszeit für seine Arbeit braucht. Einige sind sehr dominant anwesend. Andere haben viele Vorurteile oder finden sich selbst wirklich das Grösste das es gibt. Also alles ist anwesend. Viele arbeiten auch wirklich hart an ihr Projekt. Und der Autor versucht sich so wenig wie möglich dazwischen auf zu halten. Also geht er am Abend im Dorf, wo er in einem Bar Wein dringt, und sich mit dem Bardame unterhaltet. Langsam an lernt er das Dorf kennen und das ist ein Gegenstück von der Villa. Es gibt auch eigentlich keine Berührungspunkte. Nur dass die Leute aus dem Dorf als Arbeitskraft oder Lieferant oder Handwerker Kontakt mit der Villa haben. Je länger er dort ist, je mehr er die Menschen und die andere Gäste an nähert.


Das Buch ist sehr gut geschrieben, obwohl ich es in einer Übersetzung gelesen habe. Sehr gut finde ich die Beschreibung der Protagonisten. Jeder ist echt und hat Charakter. Sonst gibt die schöne Umgebung natürlich immer Ferienstimmung, auch im spät Herbst, wenn er dort was. Also ein wirklich gutes und interessantes Buch. Leider hat Srdan Valjareciv nichts anders mehr geschrieben. (oder ich habe nicht in einer für mich lesbaren Sprache gefunden).  


Cover des Buches Como. 30 Tage. (ISBN: 9783944359601)
dr_y_schauchs avatar

Rezension zu "Como. 30 Tage." von Srdan Valjarevic

dr_y_schauch
Ein Ausnahmebuch - äußerst lesenswert!

Sie forschen über den Einfluss Sri Lankas auf die thailändische Kunst zwischen dem dreizehnten und fünfzehnten Jahrhundert oder die Unterschiede zwischen Privatleben und Öffentlichkeit aus religiöser Sicht. Sie: Das sind die illustren Gäste in der mondänen Villa am Comer See, eine jede Meisterin ihres Fachs, ein jeder ein Schwergewicht seiner Zunft. 30 Tage werden sie dort verbringen, arbeiten, forschen, schreiben, sich bei feudalen Abendessen zusammenfinden und bei ebenso anregenden wie sterbenslangweiligen Vorträgen Intelligenz und Interesse demonstrieren. Und mitten unter ihnen ist er, der namenlose Ich-Erzähler, der nicht so recht weiß, wie er in den elitären Genuss eines Monatsstipendiums gekommen ist. Er, der in Belgrad in einer Bruchbude haust, in die es auch noch hineinregnet. Er, der nichts so recht mit dieser geschenkten Zeit anzufangen weiß. Arbeiten? – Woran? Forschen? – Worüber? Und so schläft er lieber lange, raucht Kette, trinkt die hervorragenden Weine und Spirituosen, verbrüdert sich mit dem Personal und lässt sich allabendlich ins Dorf spülen, dessen Bewohner noch nie einen Fuß auf das gediegene Parkett der Villa setzen durften. Auch so kann man 30 Tage in Como verbringen. 

Es gibt sie, diese Bücher, die ihren ganz eigenen Zauber haben, ihre eigene, ebenso lakonische wie liebenswerte Stimme, einen besonderen Tonfall, eine exakte Beobachtung der feinen Unterschiede und einen Protagonisten mit Charakter. Srdan Valjarevićs „Como. 30 Tage“ (aus dem Serbischen von Sudanne Böhm) ist ein solches Buch. Ich habe mit der Hauptfigur geraucht, gesoffen und in der Dorfkneipe gefeiert. Ich gemeinsam mit ihm Freunde gefunden und die anderen Gäste fasziniert beobachtet. Und ich kam gemeinsam mit ihm zu dem Schluss:

„Es ist nicht schlecht, reich zu sein, dachte ich, eine Jacht zu besitzen, ein Haus an diesem See, all diese Mäntel, Hemden, Jacken, Schuhe und Pullover für mehrere hindert oder gar tausend Dollar zu kaufen. Aber es ist auch nicht schlecht, wenn man nicht reich ist und nicht nichts von all dem hat, weil all das nicht wirklich etwas mit dem Leben an sich zu tun hat.“ (21)

Ein wunderbares Buch, das ich von ganzem Herzen weiterempfehle!

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