Stefan Albus

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Interview mit Stefan Albus

Beschreibung

Wie bist Du zum Schreiben gekommen und wie kam es zur Veröffentlichung Deines ersten Buches?

Schreiben war immer mein Ding. Ich hatte Deutsch-LK im Abi und wollte sogar Germanist werden, im Ernst – dass ich dann nach der Schule Reagenzgläser statt Kulis geschwenkt und Chemie studiert habe, ist also schon eine Story für sich ;-) Tatsächlich lebe ich aber schon seit 1996 vom Texten. Ich hab‘ das mit der Chemie kombiniert: Als Ghostwriter schreibe ich zum Beispiel Reden und Artikel für Kunststoff-Fachzeitschriften und so weiter. Mit dem eigenen Buch hat‘s dann leider gedauert. An geistigem Grauschleier hat es aber nicht gelegen: Eher daran, dass sich viele Projekte gegenseitig blockiert haben. Ist ja auch nicht einfach: Krimi? Comedy? Kochbuch? Oder doch lieber den großen deutschen Mauerfall-Roman schreiben, auf den das Feuilleton ja bis heute wartet? ;-) Ich hab' 1.000 Sachen angefangen und wieder zur Seite gelegt. Dass es dann dieses Pilgerbuch geworden ist, war Zufall. Ich hatte das gar nicht vor, ich wollte mir eigentlich nur eine Auszeit nehmen. Aber nach ein paar Tagen unterwegs wurde mir plötzlich klar, dass ich hier irgendwie mitten durch eine Art persönlichen Roman stapfe, dass das Pilgern was mit mir macht, mich verändert. Das, was mir unterwegs alles passiert ist, kann man sich gar nicht ausdenken. Ich bin vor lauter Grübeln an meinem Tagesziel vorbeigelaufen und hab‘s erst fünf Kilometer später mitten im Nichts gemerkt! Ich hab‘ mit einer Art Hitzschlag wie gelähmt im Bett gelegen und gedacht, es ist vorbei, weil ich noch nicht mal an mein Handy kam. Das lag auf dem Schreibtisch, zwei Meter entfernt, das war für mich weiter weg als der Mond. Später bin ich von einem Wolkenbruch fast weggeschwemmt worden und hab' in der Eifel irgendwann angefangen, mit mir selber zu sprechen. Und sogar Heino getroffen! Da musste ich praktisch nur noch mitschreiben und das Ganze anschließend in eine Sprache bringen, die ich gerne lesen würde – und Bingo: Erstling! OK, ein bisschen Arbeit musste ich schon noch reinstecken. Dabei war die Verlagssuche erstaunlicherweise das kleinere Problem. Aber der Programmchef schlug zum Beispiel die Hände überm Kopf zusammen, als er sah, dass das Ur-Manuskript so dick war wie das Hamburger Telefonbuch ...

Welche Vorteile bietet für Dich das Internet und wie nutzt Du hier den Kontakt zum Leser, wie z.B. in einer Literaturcommunity wie LovelyBooks.de

Das Netz ist für mich in erster Linie ein großartiges Recherche-Instrument. Wenn man sich über ein neues, vielleicht sogar exotisches Thema informieren möchte, gibt es nichts besseres, als sich bei einem einschlägigen Forum anzumelden. Ich hab‘ mal eine Geschichte über einen Typen geschrieben, der auf alte amerikanische Autos steht. Früher hätte man sich da bei Hobby-Schraubern in irgendeiner Mietgarage in Bottrop-Süd erst einmal die Sporen verdienen müssen, bevor die einem erklären, was die so treiben. Heute geht zumindest die Basis-Recherche vom Sofa aus. Raus und mit den Leuten reden muss man natürlich immer noch. Um Web 2.0-Communities hab' ich früher eher einen Bogen gemacht – ich habe meinen Fernseher nicht abgeschafft, um stattdessen jeden Abend in einen anderen Bildschirm zu starren. Inzwischen find ich z.B. Facebook aber ganz witzig – mit einem einzigen „Gefällt mir“ oder einem kleinen Posting überreicht man mehr Leuten ein Lebenszeichen als man an einem ganzen Abend je per Telefon erreichen könnte. Man muss ja nicht jeden Mist schreiben, also, dass der Bus Verspätung hat oder so. Von LovelyBooks habe ich erst vor ein paar Wochen gehört und arbeite mich da gerade rein. Hab‘ aber gleich nach der Anmeldung erstmal einen kleinen Grundstock an Rezis über den Lesestoff der letzten Wochen geschrieben – wenn man sich in so eine Community reinklinkt, sollte man da auch ein wenig mitarbeiten ;-) Ich hoffe, dass ich Zeit habe, da dran zu bleiben.

Bei der Buchfrage können sich neuerdings Leser in Echtzeit über Autoren und ihre Bücher austauschen, damit ist ein weiterer Platz für Lob und Kritik geschaffen. Wie gehst Du damit um?

Habe mir gerade einen Termin für den Frage-Freitag in meinen Kalender eingetragen: 15. April! Außerdem versuchen wir gerade, dieses LB-Frage-Widget noch in das Pilger-eBook einzustricken. Ich habe eben gehört, dass es wahrscheinlich klappt … das war eine ziemlich heiße Aktion, weil ich erst kurzfristig erfahren habe, dass der Verlag überhaupt ein Bildschirm-Buch in Planung hat ;-) Ich finde die Idee, direkt mit einem Leser oder einer Leserin in Kontakt zu kommen, ungeheuer spannend. Ich schreib‘ ja Bücher, um Leute zu bewegen und nicht, um Regale zu füllen. Ich denke, dass in diesen Frageoptionen die Zukunft liegt.

Welche Bücher/Autoren liest Du selbst gern und wo findest bzw. suchst Du Empfehlungen für den privaten Buchstapel?

Schwere Frage. Meine Bücherregale wiegen mindestens vier Tonnen. Da drin herrscht eine Ordnung wie im Hamburger Hauptbahnhof nachmittags um fünf. Aber ich habe früher sehr gerne Philippe Djian gelesen und in meinen (unveröffentlichten) Short-Stories sogar eine Zeit lang versucht, an seinen Stil irgendwie ranzukommen. Dabei ist das Blödsinn, denn den gibt es ja schon ;-) Ansonsten lese ich alles, was mich im Laden anlächelt und mitwill, das können Sachbücher über Mathe und Teilchenphysik ebenso sein wie Wegbrüller wie Moritz Netenjakobs „Macho Man“. Zur Not nehm' ich was von Diogenes, da hab‘ ich eigentlich noch nie danebengegriffen. In letzter Zeit vertrau‘ ich auch verstärkt dem Rat meiner Lieblings-Buchhändlerin, die hat mir schon so manchen Edelstein in die Hand gedrückt. Und organisiert jetzt ganz nebenbei eine meiner ersten Lesungen.

Von welchem Autor würdest Du Dir mal ein Vorwort für eines Deiner Bücher wünschen und warum?

Ich wollt‘ ja eins von Hape Kerkeling, aber das wollte er dann nicht. Beziehungsweise seine Agentin ;-) Ansonsten: Mal abwarten, was mir überhaupt noch so einfällt. Wenn man irgendwann eins von Günther Grass bekommt, hat man es geschafft, oder?

Man wird als Schriftsteller schnell in Schubladen gesteckt. Würdest Du gerne mal das Genre wechseln und Deine Leser mit einer völlig neuen Seite überraschen – evtl. statt Sachbuch einen Krimi schreiben?

Ja! Eigenartigerweise ist mir das aber gerade andersrum passiert … ich war absolut sicher, dass mein nächstes Projekt ein Roman wird. Die Hauptfiguren hab‘ ich schon seit ein paar Jahren in Kolumnen etabliert, die ich für zwei Musik-Fachmagazine schreibe: Eine schräge Zwei-Männer-WG, jung und alt, der Eine Avantgarde-Musiker, der Andere Manager und musikalisch eher Drehleier als E-Gitarre. Aber irgendwie fand mein Verlag, dass ich noch was für die schreiben sollte. Und da die nur Sachbücher machen, hätten die mit einem Roman ein Problem ;-) Der ist aber wirklich als nächstes dran. Keep your fingers crossed!

Wo holst Du Dir die Ideen und Inspiration für Deine Bücher?

Bei meinem Erstling ist die Faktenlage klar: Von unterwegs. Ich habe von der Pilgerreise zwei herrlich angefledderte Notizbücher mitgebracht ;-) Für das aktuelle Projekt: Zeitungen, U-Bahn-fahren, unterwegs sein, Leuten zuhören, herumsurfen, verrückte Dinge anstoßen. Ich freu‘ mich zum Beispiel drauf, zu Ostern den Käthe-Wohlfahrt-Weihnachtsladen in Rothenburg odT zu besuchen. Nur Fernsehen gucke ich nicht mehr. Das ist mir zu blöd geworden.

Wie und wann schreibst Du normalerweise, kannst Du dabei diszipliniert vorgehen oder wartest, bis Dich in einer schlaflosen Nacht die Muse küsst?

Oje, das mit der küssenden Muse geht bei mir immer schief. Da schreibe ich mich schnell in Rage – und merke am nächsten Tag, dass ich zwei Drittel wegschmeißen kann. Mit der Zeit wird man aber auch Profi und kann selbst dann halbwegs vorzeigbare Sachen abliefern, wenn einem das Schreiben im Moment so viel Spaß macht, dass man lieber als Leichenwäscher arbeiten würde. Ich bin allerdings nicht der Meinung, dass Schreiben zum größten Teil Handwerk ist! Höchstens insofern, als Texte immer gewinnen, wenn man sie wieder und wieder überarbeitet, mit den Augen des Lesers liest und dran herumknetet, bis man Froschfinger hat. Ab Version fünf fangen meine Texte allmählich an, Spaß zu machen. Mir zumindest ;-) Trotzdem gibt es natürlich Tage oder auch mal Wochen, an denen gar nichts geht. Das ist dann eben so.

Gibt es eine lustige Anekdote aus Deinem Schriftstellerdasein, die Du uns erzählen möchtest?

Wenn man pilgert, können einem schon eine Menge absurder Dinge passieren. So bin ich auf der Hohen Straße in Köln von einem Ladendetektiv „gebeten“ worden, meinen Pilgerrucksack auszupacken. Ich durfte also meinen Stab an die Wand lehnen, meinen Hut abnehmen und meine schmutzigen Socken auf dem Boden ausbreiten, während die Leute an mir vorbeigingen und wahrscheinlich dachten „Herrgott, wenn jetzt schon Pilger klauen …“. Ursache des Problems waren aber keine zu langen Finger, sondern das kleine Netbook, das ich mithatte, um meiner Frau abends Fotos hochzuladen – da war wohl noch ein RFID-Chip oder sowas dran. Der Sheriff meinte später: „Wenn der Alarm anspringt, geht da oben ein Signal an“, und blickte dabei tatsächlich nach oben, dabei waren wir schon im obersten Stock! „Wenn ich mich da nicht sofort drum kümmere, bin ich auch meinen Job los …“ OK, das war in diesem Moment natürlich nicht wirklich lustig, aber irgendwann dann eben doch: Wenn man pilgert, setzt mit der Zeit eine gewisse Gelassenheit ein und alles kriegt einen doppelten Boden, da wird ein Detektiv dann auch mal zum Gesandten einer höheren Macht ;-) Ich hatte mich auf dieser Einkaufsmeile die ganze Zeit schon unglaublich unwohl gewühlt. Ich gehöre da als Pilger nicht hin, fand ich. Offenbar fand Köln das auch, darum hat mich die Stadt eben gepackt und ausgesondert – that's it ;-) Der Punkt ist aber ein anderer: Wer hat nicht Angst, irgendwann mal als Ladendieb verdächtigt zu werden? Wenn man anfängt, solche Dinge eher lustig statt furchteinflößend zu finden, ist man auf einem guten Weg.

Welche Wünsche hast Du im Bezug auf Dein Buch und Deine Arbeit für die kommenden Jahre?

Jetzt soll bitte erst einmal das Pilgerbuch seine Leser finden, das ist mir am wichtigsten. Ich würd' mir wünschen, dass der Eine oder Andere das zum Anlass nimmt, sich selbst einen Rucksack auf den Rücken zu werfen und loszuziehen. Mich hat die Pilgerei enorm weitergebracht und es wäre schön, wenn es Anderen auch so gehen würde. Losgehen, um bei sich anzukommen! Darum geht es. Und dann? Wünsch‘ ich mir, dass ich das nächste Manuskript rechtzeitig fertig kriege. Was dann noch so kommt, warte ich einfach mal in Ruhe ab.