"Dichten ohne Methode ist wie Bergsteigen ohne Berge", schrieb der Dichter René Char (übersetzt von Wolfgang Schmidt) und von der japanischen Lyrikerin Kaneko Misuzu ist die Aussage überliefert: "Dichten ist ein Spiel, zu dem niemand die Regeln kennt. Der Dichtende muss sie festlegen, damit alle andern das Spiel spielen können." (Übersetzung von Günther Debon)
Ich muss zugeben, dass ich mich mit stark auf Methoden basierender Lyrik immer etwas schwer getan habe, obwohl mir klar ist, wie viele großartige Dichtungen dabei entstanden sind, bspw. Anagrammdichtungen, von Unica Zürn bis hin zu Titus Meyer, fast alles von der Oulipo-Gruppierung und Werke von Michael Lentz, Brigitta Falkner, Bertram Reinicke undundund. Oft habe ich dennoch das Gefühl, die Methode zu konsumieren und nicht, den Text zu lesen.
Bei Stefan Dörings Gedichten in "Wenn Welt" stellte sich dieses Gefühl erfreulicherweise nicht ein. Das liegt vermutlich auch daran, dass unterschiedliche Methoden zum Einsatz kommen und die Bildsprache nicht selten ins Offene weist. Doch es gibt auch Motive, die sich durch den ganzen Band ziehen bspw. kausal verbundene Satzteile als wichtiges Strukturelement und das häufige Sprengen und Fügen semantischen Gehalts.
Besonders gefallen haben mir die "Drei Etüden" (siehe Bilder 4 und 5 für kleine Ausschnitte) in denen Methode und poetische Krümmung gemeinsam etwas Befreiendes, Anarchisches kreieren, ähnlich wie in manchen Jandl-Gedichten oder in Monika Rincks Honigprotokollen. Aber auch abseits davon wartet Dörings Band mit allerlei Bemerken-, Denken- und Lesenswertem auf.


