Neringa

von Stefan Moster 
4,4 Sterne bei31 Bewertungen
Neringa
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Ein sehr ruhiger, unspektakulärer Roman, wunderbar geschrieben, es hat mich zum intensiven Nachdenken über meine Vergangenheit angeregt.

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Melancholisch-ruhiger Roman mit wunderschönem Sprachgebrauch über Heimat, Identität, Erinnern und Zulassen

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Inhaltsangabe zu "Neringa"

Es ist eine einzige Einstellung in einem Film, die ihn aufrüttelt: eine kurze Szene am Mont-Saint-Michel, der berühmten Felseninsel im normannischen Wattenmeer. Der Mann, den dieses Bild an eine längst vergessen geglaubte Postkarte erinnert, ist ein Deutscher, der in London lebt, er ist soeben fünfzig geworden und voller Zweifel an seinem Lebensentwurf. Zwar mangelt es ihm nicht an Erfolg, doch vermisst er das Gefühl, der Nachwelt etwas Sichtbares zu hinter lassen – und Nachkommen, die seine Hinterlassenschaft schätzen und sich an ihn erinnern könnten. So scheint es kein Zufall, dass gerade jetzt die Erinnerungen an seinen Großvater Jakob Flieder – den damaligen Absender der Karte vom Mont-Saint-Michel – wach werden, der als einfacher Pflasterer ein die Jahrzehnte überdauerndes Werk geschaffen und eine Familie ernährt hatte. Trotzdem entfaltet die Flut der Fragen, die sich dem Enkel plötzlich aufdrängen, eine ungeahnte Wucht.
Getrieben von der unbestimmten Sehnsucht nach einem Leben voller Bestimmung, begibt sich ein Mann auf die Spuren seiner Familie – und muss sich fragen, wie zuverlässig die Geschichten sind, die man sich über sich selbst erzählt, und wie zufällig die Quellen und Überlieferungen, derer man sich dafür bedient. Und mitten in der biografischen Sinnsuche, die der Autor virtuos mit deutschen Schicksalen vom frühen 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart verknüpft, führt die Begegnung mit einer jungen Frau aus Litauen zu einer ganz neuen Möglichkeit des Glücks im Hier und Jetzt.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783866482456
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:288 Seiten
Verlag:mareverlag
Erscheinungsdatum:09.02.2016

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Rezensionen und Bewertungen

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    Daphne1962s avatar
    Daphne1962vor 2 Jahren
    Fragen des Lebens


    Ein Deutscher, der in London lebt und arbeitet, gerade 50 geworden. Er fängt an über das Leben nachzudenken, über seinen Großvater. Eigentlich weiß er kaum etwas, seine Erinnerungen trüben ein wenig. Ein paar Erzählungen der Eltern noch. Das kann doch nicht alles gewesen sein, was von einem Menschen übrig bleibt? Ihm kommt eine Postkarte in den Sinn. Das ist der Beginn seiner Zeitreise.

    Er beginnt selbst sein derzeitiges Leben zu hinterfragen. Er ist in der IT-Branche sehr erfolgreich, verdient eine Menge Geld. Da er weder Frau noch Kinder hat, fragt er sich selbst, was bleibt von ihm übrig. Der Großvaters war beruflich mit Pflasterarbeiten beschäftigt. Ein harter Job, der aber am Ende des Tages was vorzuweisen hat. Die Steine bleiben, die er gelegt hat. Der Protagonist kann das nicht von sich behaupten. Was stimmt von den Überlieferungen, die erzählt werden.Was sagen Hinterlassenschaften aus, wie Postkarten oder Briefe. Findet man dort die Wahrheiten? 

    Erst als er die junge Litauerin Neringa kennen lernt, da fängt er an etwas zu begreifen und das Leben von einer anderen Sicht zu betrachten. Sie muss Geld verdienen um zu überleben. Aber sie beschäftigt sich in ihrer freien Zeit mit dem Puppenspielen. Er lernt mit ihr die Gegenwart zu genießen und zu leben. 

    Es ist ein Buch über den Sinn des Lebens. Fragen, die sich jeder selbst mal stellen sollte. Mir gefällt es, was Stefan Moster so schreibt. Die Bücher nehmen einen mit auf eine Reise, bei der man sehr viel nachdenken muss. Er selbst hinterlässt auf jeden Fall Spuren mit seinen Büchern, die der Nachwelt erhalten bleiben. 

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    Bücherwurmvor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Ein sehr ruhiger, unspektakulärer Roman, wunderbar geschrieben, es hat mich zum intensiven Nachdenken über meine Vergangenheit angeregt.
    wunderschöner Schreibstil

    "Neringa" von Stefan Moster, mit dem Untertitel "Oder Die andere Art der Heimkehr", zwang mich zum konzentrierten und intensiven Lesen. Recht unspektakulär und ruhig fließt die Geschichte dahin, nicht schwer zu fassen und trotzdem verbrachte ich deutlich mehr Zeit mit Nachdenken über das Gelesene als mit dem eigentlichen Lesen.
    Ein namenloser Protagonist ist im fünfzigsten Lebensjahr und zweifelt am Sinn seines Lebens. Keine Familie, gut bezahlter IT- Job, aber was ist Erfüllung? Was hinterlässt der heutige Mensch seiner Nachwelt?
    Ich hätte da haufenweise Antworten gewusst, angefangen von Plastik Müllbergen, zerstörter Natur, aber unser Protagonist ist mehr auf das persönliche Umfeld konzentriert. Seine Gedanken kreisen nahezu unentwegt über das Schicksal eines Großvaters, eines Verlegers von Pflaster, eines Familienvaters, eines Heimkehrers aus dem Krieg.
    Als Kind nicht wirklich bewusst wahrgenommen, welches Kind ist schon fähig ernsthafte Beziehungen zu seinen Großeltern auf zu bauen, wurde dem Protagonisten Leistungen seines Großvaters angepriesen. So soll er bekannte Wege und Plätze gepflastert haben, unvergessen und bleibende Werke hinterlassen haben, die heute noch Bestand haben.
    Können diese Legenden einer Nachprüfung standhalten? Und ist es wirklich so eminent wichtig, Leistung zu vollbringen?

    "Dieses Aufsteigen lassen von Wörtern in die Luft, wo sie sich kräuselten wie Qualm und schließlich im Dämmerlicht auflösten."

    Wer eine Reise in seine eigene Vergangenheit nicht scheut, wer gerne sprachlich ausgefeilte und wunderschöne Sätze liest, die zum Innehalten einladen, der ist mit diesem Buch perfekt versorgt.
    Nicht geeignet für schnelle Querleser, die durch Bücher hecheln und sprachliche Schönheit nicht entdecken wollen.

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    sofies avatar
    sofievor 3 Jahren
    Reise in die Vergangenheit

    "Sollte sich mein Enkelkind auf die Spuren meiner Arbeit begeben, würde es nirgendwo etwas finden, weil die digitale Entwicklung darüber hinweggegangen sein würde. Das Pflaster, das mein Großvater vor der Christuskirche gelegt hatte, würde dasselbe Enkelkind hingegen noch betrachten können.“ (S. 56)

    „Neringa oder die andere Art der Heimkehr“ von Stefan Moster ist ein Roman über eine Reise in die Vergangenheit. Ausgelöst durch einen Film im Kino begibt sich der Ich-Erzähler in seine eigenen Vergangenheit und in die seines Großvaters. Gleichzeitig bringt ihn eine junge Frau dazu, auch die Gegenwart wieder stärker wahrzunehmen.

    Besonders sprachlich hat mir der Roman sehr gut gefallen, da sitzt jedes Wort und keines ist zu viel. Auch die Komposition ist toll, der Wechsel zwischen Gegenwart, Vergangenheit und (vielleicht) konstruierter Vergangenheit lässt die Charaktere in verschiedenen Blickwinkeln erscheinen. Und auch die Beschreibungen der Orte haben mich sehr beeindruckt und direkt etwas Fernweh ausgelöst.

    Das Buch kreist um Themen wie Identität, Heimat, Herkunft. Was bedeutet Identität in einer Welt, in der wir ständig an anderen Orten und in anderen Ländern leben? Welchen Wert hat Heimat noch? Und vor allem wie beeinflusst uns unsere eigenen Vergangenheit, aber eben auch die unserer Vorfahren?

    Wenn ich etwas an „Neringa“ bemängeln müsste, dann wäre es nur die Liebesgeschichte, die auf mich irgendwie nicht ganz glaubwürdig wirkte. Insgesamt habe ich das Buch aber regelrecht verschlungen und werde sicher bald noch mehr von Stefan Moster lesen. 5 von 5 Sternen. 

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    StefanieFreigerichts avatar
    StefanieFreigerichtvor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Melancholisch-ruhiger Roman mit wunderschönem Sprachgebrauch über Heimat, Identität, Erinnern und Zulassen
    Vieles wird angedeutet...

    "Neringa oder die andere Art der Heimkehr" ist ein melancholisch-ruhiger Roman mit wunderschönem Sprachgebrauch über Heimat, Identität, Erinnern und Zulassen.

    Midlife-Crisis, Suche nach dem Sinn des Lebens, zarte Liebesgeschichte, Middle Ager auf Sinnsuche verliebt sich in jüngere ausländische Putzfrau, beruflicher Erfolg bei privater Einsamkeit, Reise in die Vergangenheit, Verklärung der Familiengeschichte und Realität - das alles und nicht weniger könnte der Leser als Grund-Handlung des Buches nennen. Noch nie habe ich jedoch derart viele Probleme mit der Rezension gehabt, einfach weil sich Autor Stefan Moster vielfach entzieht, vieles nur andeutet, besonders bei seinem Protagonisten: wenn man sich die sehr verstreuten Daten zusammensucht, teilt Moster mit diesem Geburtsjahr, -monat und -ort sowie den Vornamen.

    Moster wechselt zwischen der Gegenwart seines Ich-Erzählers und dessen Heranwachsen und Adoleszens, streut Erinnertes über Dritte ein, speziell über den geliebten Großvater mütterlicherseits, dessen Schritten und Spuren als Pflasterer er nachzuspüren versucht.

    Diese Suche im Kontrast mit dem Leben der Hauptfigur machte für mich den Reiz der Lektüre aus, da dabei allgemein gültige Fragen aufgeworfen werden: was sollte von einem bleiben? Was kann Erinnerung - was bringt sie mir? Worin liegt der Sinn für mich?

    Durch die langsame zarte Liebe mit seiner ehemaligen Putzfrau, die er entlässt, um sich ihr auf gleicher Ebene nähern zu können, findet der bisherige Zweifler in kleinen Schritten zu sich selbst. Vor ihr lernt er zuletzt: „Das einzige, womit wir die Toten beschenken können,
    sind liebevolle Legenden“ (S. 280).

    ACHTUNG, aber hier ggf. Spoiler:

    Über seine Hauptfigur legt der Autor etliche Fährten, lässt auch diese solchen nachspüren: „Konnte man sich auf das verlassen, was man sich im Namen der Erinnerungen zusammenreimt?“ (S. 233). So idealisieren die Erinnerungen den Großvater, ungeachtet des gleich zu Anfang beschriebenen "Beinahe-Totschlags im Affekt" an seiner Ehefrau oder der fast untergehenden Bemerkung „…und dann greift er zum Schürhaken.“ (S. 93). Die Erinnerungen an die Eltern evozieren eine unglückliche Kindheit durch deren Desinteresse - dabei gratulieren diese der erwachsenen Sohn als einzige zum fünfzigsten Geburtstag, erwarten ihn (wie immer?) zu Weihnachten. Die Hauptfigur neigt(e) zu Selbstverletzungen, hatte Suizidgedanken, war deshalb über Jahre in Psychotherapie - auf der anderen Seite wird ein möglicher Missbrauch in der späteren Jugend durch den heimischen Pfarrer angedeutet als Ursprung für einen Ekel vor sich selbst.

     

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    krimielses avatar
    krimielsevor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Ein Stück Lebensweg eines Suchenden mit sprachlicher Brillianz verfasst.
    Brilliant verfasste Suche nach dem Lebenssinn

    Mit dem Buch "Neringa" hat der Autor Stefan Moster ein sprachgewaltiges, tiefgründiges und anspruchsvolles Buch geschaffen.

    Bei einem Kinobesuch in seiner jetzigen Heimatstadt London erwachen bei dem 50jährigen deutschen namenlosen Protagonisten des Buches Zweifel an seiner Lebenseinstellung und an seinem Schaffen. Es ist eine Szene am Mont Saint-Michel, die ihn beeindruckt und dazu bringt, die Erinnerungen an seinen Großvater Jakob wieder aufleben zu lassen. Im Gegensatz zu seinem Großvater hat der Protagonist das Gefühl, der Nachwelt nichts Bleibendes und Sichtbares zu hinterlassen, obwohl er seit Jahren sehr erfolgreich in seinem Job agiert und sich über seine Arbeit definiert. Die Kinoszene ist Anlass, Erinnerungen aus Kindheit und Jugend heraufzubeschwören und sein Leben im Vergleich zum Leben des Großvaters Jakob Flieder, dem erfolgreichen Pflasterer, der eine dauerhafte und sichtbare Hinterlassenschaft vorzuweisen hat und seine Familie ernährte, zu analysieren. Dabei strömt eine Fülle von Fragen auf den Protagonisten ein, die ihn gewaltig und unerwartet trifft. Eine junge Frau aus Litauen, die in London seine Wohnung putzt und der er sich allmählich öffnet, zeigt ihm einen für ihn bisher unbekannten Weg in ein glückliches Leben.

    Das Buch ist ausschließlich aus der Sicht des Protagonisten in der Ich-Form erzählt. Er zerpflückt in einer klaren und trotz längerer Satzkonstruktionen verständlichen, eindrucksvollen Sprache seine Erinnerungen an den Großvater Jakob und sein Schaffen. Er hat anfangs ein stark idealisiertes Bild vom Leben seines Großvaters, das durch eigene Nachforschungen und kurze Gespräche mit seiner Mutter nach und nach bröckelt.
    Stilistisch sehr clever finde ich hierbei, dass der Protagonist anfangs seltsam blass und nicht greifbar, namenlos erscheint, der Großvater für mich trotz der kurzen Episoden von Anfang an eine dreidimensionale Figur namens Jakob ist. Im Fortgang des Buches bekommt der Protagonist mehr Körper, man bemerkt eine höhere Wertschätzung seiner eigenen Arbeit und seines Lebens und verfolgt gespannt seine Neugier auf Neringa.
    Die junge Litauerin ruht durch ihre Zufriedenheit mit sich und dem Alltag trotz Ihrer nicht ganz einfachen Lebensumstände in sich selbst.

    "Wo das Dürfen das Müssen ersetzte, bekam die Freiheit ihre Chance."
    (Zitat Seite 237)
    Neringa fasziniert durch Lebensweisheit und Einfachheit und hilft bei der Sinnsuche, indem sie ihn zu Orten der Vergangenheit im Leben seines Großvaters begleitet. Durch sie lernt der Protagonist eine für ihn neue und überraschende Sicht auf das Glücklichsein im Hier und Jetzt kennen und schätzen.

    Das Lesen bereitet nicht zuletzt wegen der Vielschichtigkeit der Zeitebenen anspruchsvolles Vergnügen, der Anker des Lesers ist dabei immer entweder eine bestimmte Person (Großvater Jakob) oder eine bestimmte Situation in der Vergangenheit des Protagonisten. Man erlebt Szenen aus Jakobs Vergangenheit gleichermaßen wie Therapiesitzungen in München, bei denen es um die Bewältigung von Ausbrüchen und um die Aufarbeitung von Kindheitserlebnissen des Erzählers geht. Dabei verfolgt man als Leser ausschließlich die Sichtweise des Protagonisten, keiner der anderen Charaktere reflektiert das Geschehen, wodurch ich als Leser zwar alle Gedanken, Zweifel und Erinnerungen des Erzählenden teilen kann, jedoch nichts über des Wahrheitsgehalt der Geschichte weiß.

    "Mit dem Begriff Heimkehr verhielt es sich umgekehrt als mit dem Wort Identität: Er passte in Jakobs Mund, doch nicht in meinen. Er hatte die Heimkehr gekannt, die eine, große aus dem Krieg, aber auch die alltägliche, nachdem er im Freien gearbeitet hatte."
    (Zitat Seite 91)
    Die Arbeit des Großvaters wurde im Laufe der Jahre durch den Protagonisten dermaßen glorifiziert, dass er am Ende aus einzelnen Details neue Wahrheiten für sich selbst gesponnen hat. Der Protagonist gesteht sich und Neringa am Ende der Suche ein, dass sein Großvater zwar ein guter Pflasterer, aber keinesfalls der famose Künster gewesen ist, als den er ihn idealisiert hatte.

    Fazit:
    Mir hat das Buch sehr gefallen, sowohl Sprache als auch die Geschichte selbst bereiten anspruchsvolles Lesevergnügen. Ich vergebe 5 Sterne und eine klare Leseempfehlung für dieses großartige Buch.

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    Leseeule52vor 3 Jahren
    Zwiespalt

    Neringa erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich auf die Suche der Lebengeschichte seines Großvaters begibt.
    Der Protagonist ist gerade fünfzig geworden. m Kino sieht er etwas, was ihn an ein Erlebnis von früher erinnert und ihn den Anlaß gibt, sich auf die obengenannte Suche zu begeben.
    Der Roman beginnt sehr vielversprechend. Die Sprache ist etwas besonderes, da sie sich ein wenig von den anderen Romanen, die sich sonst lese, abhebt. Dies bleibt auch bis zum Ende so. Leider kann ich dies von der Handlung nicht so behaupten. Diese beginnt für mich nach einen Drittel des Buches etwas zähflüssig zu werden. Es passiert einfach nichts. Dies finde ich eigentlich nicht so schlimm und in Ordnung, wenn die Handlung trotzdem interessant bleibt.  Doch sie schwächelt da etwas für mich.
    Der Protagonist springt in seinen Gedankengängen immer wieder zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit hin und her. Er wirkt irgendwie verloren und depressiv. Richtig "warm" geworden bin ich nicht mit ihn. Auch seine Beziehung zu Neringa wirkt auf mich farblos.
    Einiges wird in den Roman nur angedeutet und als Leser muß man dann selbst seine Schlußfolgerungen ziehen. Dies fand ich außergewöhnlich und gut.
    Letztendlich bin ich bei der Bewertung  des Roman etwas unschlüssig. Einderseits hat mir die Sprache des Roamans sehr gefallen, auch die Grundidee der Buches finde ich gut. Doch leider hat die Handlung nicht bis zum Ende gefangen genommen und dazu geführt, dass Interesse an den Buch verlor.



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    czytelniczka73s avatar
    czytelniczka73vor 3 Jahren
    Sprachliche Perfektion

    "Gemessen an der Ereignisfülle eines Menschenlebens hüteten Familien erstaunlich wenige Erinnerungen" (Seite 14)


    Inhalt:

    "Es ist eine einzige Einstellung in einem Film, die ihn aufrüttelt: eine kurze Szene am Mont-Saint-Michel, der berühmten Felseninsel im normannischen Wattenmeer. Der Mann, den dieses Bild an eine längst vergessen geglaubte Postkarte erinnert, ist ein Deutscher, der in London lebt, er ist soeben fünfzig geworden und voller Zweifel an seinem Lebensentwurf. Zwar mangelt es ihm nicht an Erfolg, doch vermisst er das Gefühl, der Nachwelt etwas Sichtbares zu hinter lassen – und Nachkommen, die seine Hinterlassenschaft schätzen und sich an ihn erinnern könnten. So scheint es kein Zufall, dass gerade jetzt die Erinnerungen an seinen Großvater Jakob Flieder – den damaligen Absender der Karte vom Mont-Saint-Michel – wach werden, der als einfacher Pflasterer ein die Jahrzehnte überdauerndes Werk geschaffen und eine Familie ernährt hatte. Trotzdem entfaltet die Flut der Fragen, die sich dem Enkel plötzlich aufdrängen, eine ungeahnte Wucht. Getrieben von der unbestimmten Sehnsucht nach einem Leben voller Bestimmung, begibt sich ein Mann auf die Spuren seiner Familie – und muss sich fragen, wie zuverlässig die Geschichten sind, die man sich über sich selbst erzählt, und wie zufällig die Quellen und Überlieferungen, derer man sich dafür bedient."

    Meinung:

    "Ich war von meinen Erfahrungen geformt worden,die zurückgelegten  Wege hatten mich gemacht"(Seite 179)

    Manchmal verwechselt man Erinnerung mit Einbildung und man glaubt sich an etwas zu erinnern,was nichts mit Realität zu tun hat.Genau das passiert dem 50 jährigen,namenlosen Protagonisten,der mitten in einer Identitätskriese ,den Spuren seines Großvaters folgt um sich selbst zu finden.Auch er muss fest stellen,dass seine Erinnerungen nicht nur lückenhaft sind,sondern meistens nur "Legenden" und Einbildungen.Obwohl die Vergangenheitsreise ziemlich enttäuschend für den Protagonisten ist,weil nichts so ist,wie er geglaubt hat,hilft sie ihm sich auf der Gegenwart zu konzentrieren und letztendlich ist seine Putzfrau Neringa die Antwort auf alle seine "Sinn des Lebens" Fragen.Inhaltlich fand ich den Roman sehr interessant,weil es viele wichtigen Themen anspricht-ein Stück Geschichte,sehr aktuellen Gesellschaftsprobleme und vor allem die Frage,was im Leben wichtig und von Bedeutung ist.Auch der Protagonist hat mir gut gefallen.Er ist nicht nur namenlos,sondern auch schwer einschätzbar und fast undurchschaubar,weil seine eigene Erinnerungen manchmal sehr verschwommen sind.So Manches steht nur zwischen den Zeilen geschrieben und  die Auswertung wird dem Leser überlassen.Was mir aber am meisten gefallen hat ist der Schreibstil-außergewöhnlich und einfach perfekt.Klare,wunderschöne Sprache ,anspruchvoll und präzise,die Geschichte ist aber durgehend flüssig und trotz ständigen Zeitwechsel relativ leicht zu folgen.
    Und so eine sprachliche Perfektion verdient,meiner Meinung nach, 5 Sterne !

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    Corsicanas avatar
    Corsicanavor 3 Jahren
    Auf der Suche nach dem Fundament im Leben

    Der Protagonist in Stefan Mosters neuem Roman ist ein Deutscher, lebt in London, ist beruflich erfolgreich und fragt sich, was er im Leben erreicht hat. Er lebt alleine, hat keine Kinder und er arbeitet im IT-Bereich. Dies alles wirkt wenig bodenständig und trotz beruflichem Erfolg wenig nachhaltig. Der Protagonist beginnt daher im Alter von 50 Jahren, über sein Leben und über seine Familie nachzudenken.

    Besonders viel denkt er über seinen Großvater nach, der als Pflasterer viele Fundamente gelegt, eine Familie versorgt und ein einfaches, bodenständiges Leben geführt hat. Dieses Nachdenken wird in vielen Rückblenden erzählt und reicht vom Anfang des letzten Jahrhunderts über die Kriegszeiten bis in die heutige Zeit. Krieg und der Verlust eines Kindes waren für die Großeltern traumatisch. Und es wird klar, dass es auch im Leben des Protagonisten einige schmerzliche Erlebnisse gegeben haben muss. 

    Allerdings wird vieles nur angedeutet, man muss sehr zwischen den Zeilen lesen - und manche Geschichten entpuppen sich im Nachhinein als bloße Phantasie. Und auch eine Reise an die kurische Nehrung (Neringa) in Litauen verläuft irgendwie im Sande - die Beziehung zu der Litauerin mit Namen Neringa scheint jedoch vielversprechend - aber weiß man es?

    Dieser Roman ist ein großer sprachlicher Wurf - das Lesen war schön und eine gewisse Spannung wurde aufgebaut. Und auch wenn viele Geschichten sich als Phantasie herausstellten, so waren sie doch schön zu lesen. 

    Das einzige, was ich persönlich dann doch schwierig fand, war die Unsicherheit, welche Erinnerungen wirklich wahrhaftig oder relevant waren. Es ist schwierig, wenn man als Leser nicht weiß, was Wirklichkeit und was Phantasie ist. Und wenn man auch nicht genau weiß, wie es weitergeht. Andererseits ist es auch wohl nicht so wichtig. Jeder Mensch muss sein eigenes Fundament in seinem Leben finden - dazu braucht es viel Reflexion und viel Nachdenken - aber wohl keinen Beruf als Pflasterer. 

    Daher: Sprachlich ausgereift. Inhaltlich hätte ich mir ein ganz klein wenig mehr Aussage gewünscht. 

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    Sikalvor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Eine sehr lesenswerte Reise in die Vergangenheit und zu sich selbst.
    Was bleibt?

    Der Roman erzählt die Geschichte des 50jährigen Protagonisten (der bis zuletzt ohne Namen bleibt) und in Rückblenden das Leben seines Großvaters. Die Familiengeschichten rund um den Großvater fabulieren über eine Affekthandlung, der beinahe seine Ehefrau zum Opfer gefallen wäre genauso, wie über dessen Gewerbe im Pflastern und das Verlegen von Holzpflastersteinen in der „Großen Bleiche“ sowie ein wunderbares Kirchenmosaik.
    Eine Einstellung in einem Kinofilm  über den Mont-Saint-Michel lässt den Protagonisten in seine Kindheits- und Jugenderinnerungen zurückblicken und gibt ihm den Anstoß, seine Vergangenheit (oder vielmehr die seines Großvaters) zu rekonstruieren.

    „Das Einzige, womit wir die Toten beschenken können, sind liebevolle Legenden.“

    Parallel dazu beginnt der Protagonist sein derzeitiges Leben zu hinterfragen. Er ist in der IT-Branche sehr erfolgreich, verdient eine Menge Geld – fragt sich jedoch am Ende des Tages was von ihm wohl übrig bleiben wird, was er seiner Nachwelt hinterlässt. Immerhin hat er weder Frau noch Kinder und seine Arbeit ist nicht wie die Pflasterarbeit seines Großvaters, die noch weit über den Tod hinaus von allen bewundert wird.

    Als er die junge Litauerin Neringa kennenlernt, lernt er auch einen anderen Zugang zum Leben kennen. Sie arbeitet als Putzfrau weil sie Geld verdienen muss, ihre wirkliche Bestimmung findet sie jedoch in einer ganz anderen Branche – der Kunst und dem Puppentheater. Sie lehrt ihn die Gelassenheit, die man zum Leben braucht und wird so einem wichtigen Teil seines Alltags.

    „Es durfte sein, musste aber nicht, und mit der Zeit lernte ich, die tiefe Bedeutung der Hilfsverben zu verstehen: Wo das Dürfen das Müssen ersetzte, bekam die Freiheit ihre Chance.“

    Der Schreibstil des Autors, Stefan Moster hat mich sehr schnell gefangen. Sprachlich sehr gekonnt nimmt er den Leser mit auf eine Entdeckungsreise zu sich selbst, lässt vieles im Raum stehen und fordert den Leser auf, auch zwischen den Zeilen zu lesen. Die Fragen des Protagonisten lassen sich auch auf das Hier und Jetzt jedes Einzelnen übertragen – Wer bin ich? Was bleibt von mir? Wofür lebe ich?

    Eine sehr lesenswerte Reise in die Vergangenheit und zu sich selbst.

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    serendipity3012s avatar
    serendipity3012vor 3 Jahren
    Vom Suchen nach der Identität

    Vom Suchen nach der Identität

    Was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr da bin? Was ist mein Leben, meine Arbeit wert? Diese und ähnliche Fragen sind es, die der namenlose Protagonist in Stefan Mosters neuem Roman „Neringa“ sich stellt: Sicher nicht zufällig zu genau diesem Zeitpunkt, denn er feiert seinen 50. Geburtstag. Das heißt, er feiert ihn gerade nicht, er versucht vielmehr, ihn zu ignorieren, hat seinen Eltern verboten, ihm etwas zu schenken und es gibt weder eine Ehefrau oder Freundin noch Freunde, mit denen er den Tag verbringen würde. Er ist ein absoluter Einzelgänger.

    Er arbeitet im IT-Bereich, lebt seit einiger Zeit in London, ist beruflich erfolgreich, fragt sich aber zunehmend, ob ihn diese Arbeit eigentlich ausfüllt. Was bedeutet sie ihm? Wie sieht es insgesamt mit seinem Leben aus? An diesem wichtigen Punkt, der vielleicht ein Wendepunkt werden wird, blickt er in zwei Richtungen: Da ist einmal die Erinnerung an seinen Großvater Jakob, der Pflasterer war, im Zweiten Weltkrieg gekämpft hat und ein in jeder Hinsicht anderes Leben geführt zu haben scheint als sein Enkel viele Jahre später. Es sind einzelne Episoden aus Jakobs Leben, an die er sich nun erinnert. Und andererseits beginnt der Protagonist in der Gegenwart, sich für seine litauische Putzfrau zu interessieren, die einige Jahre jünger ist als er und die wie der Großvater, nur in der heutigen Zeit und anderer Hinsicht, ein komplett anderes Leben führt als er. Vor allem ist es ihre Einstellung, die sich von seiner unterscheidet.

    Stefan Moster hat nach seinem letzten lesenwerten Roman „Die Frau des Botschafters“ eine Geschichte geschrieben, die ganz anders daherkommt, die vor allem viel mehr im Ungewissen lässt als es dort der Fall war. Mosters Protagonist erlaubt uns Lesern nur Einblicke in bestimmte Bereiche seines Lebens, in kleine Teile seiner Vergangenheit. Während sein Großvater von Anfang an einen Namen trägt, verrät er seinen eigenen nicht. Während der Großvater einem sehr greifbaren Beruf mit sichtbaren Resultaten nachgeht, bleibt seine eigene Tätigkeit zumindest für denjenigen Leser, der sich im IT-Bereich nicht auskennt, ein wenig diffus. Wir erfahren von psychischen Problemen, auch von Symptomen, einer Therapie des Protagonisten in jüngeren Jahren, aber auch hier: So richtig konkret wird er nicht. Doch, und das ist eine der Stärken des Romans, trotzdem erfährt der Leser alles, was wichtig ist. Der Protagonist ist deutlich gezeichnet, man kann ihn quasi erfühlen, so plastisch erweckt Moster ihn zum Leben. Und die Leerstellen, die die Geschichte lässt, kann der Leser mit Leben füllen: Hier ist die Frage mal wieder nicht, was der Autor mit seinem Roman sagen wollte – wenn überhaupt, dann muss sie lauten: Was ziehe ich für mich aus dieser Geschichte heraus? Was wollte der Autor mir sagen? Oder vielleicht noch anders: Was will ich, das der Autor mir sagen möchte? So gibt es Passagen, die man als konkrete Andeutungen verstehen kann, aber nicht muss. Der Roman wirft Fragen auf, für die beim Lesen gar keine Antwort nötig ist.

    Die Frage des Protagonisten nach dem Sinn seines Berufs und insgesamt seines Lebens wird so einerseits vor dem Hintergrund des Berufs und des Lebens des Großvaters gestellt. Fast ist er ein bisschen neidisch, dass dieser als Pflasterer etwas Bleibendes hinterlassen hat, während die Früchte seiner eigenen Arbeit doch eher abstrakt sind. Der Großvater hatte seinerzeit weniger Möglichkeiten als es heute der Fall ist – aber sind diese Möglichkeiten wirklich nur Segen, oder auch Fluch? Immer ist da schließlich heutzutage die Frage, ob man sich wirklich für die beste Variante entschieden hat, etwas Besseres verpasst. Und auf der anderen Seite ist es die Putzfrau Neringa, die ihm zeigt, dass Arbeit etwas anderes als Selbstverwirklichung sein kann. Sie sieht die Notwendigkeit gar nicht, sich mit ihrer Arbeit zu identifizieren, sie putzt, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren.

    Diese Beziehung zu Neringa, die dem Protagonisten auf seine komplizierten Fragen oftmals einfache Antworten gibt (auch auf jene, die dieser ihr gar nicht stellt), ist das Einzige, das ich in Mosters Roman als nicht ganz geglückt empfinde: Ein einzelgängerischer, aber finanziell gut stehender Mann beginnt, sich für eine jüngere Migrantin zu interessieren, die für ihn arbeitet – das erschien mir alles andere als neu und originell. Glücklicherweise sind auch diese Passagen nicht misslungen, Neringa ist ein glaubhafter Charakter – trotzdem hätte ich eine andere Konstellation hier interessanter gefunden.

    Insgesamt ist Moster ein Roman gelungen, der durch seine klare, punktgenaue, aber nie simple Sprache stets genussvoll zu lesen ist. Ein Roman, der große Fragen stellt, dem Leser Spielraum lässt. Stefan Moster ist hier wieder wie in seinem letzten Roman ein Meister der leichten Melancholie. Ein lesenswerter Roman.



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