Rezension zu "Idealismus - Selbstorganisation - Konstruktivismus: Eine ideengeschichtliche Rekonstruktion" von Stefan Schweizer
Vera-SeidlMit einer Einleitung, der Erläuterung der Vorgehensweise, zwei Teilen, einem Fazit, einem Ausblick und einer Bibliographie präsentiert hier Stefan Schweizer (1973) „Idealismus - Selbstorganisation - Konstruktivismus“.
In der Einleitung schreibt er: „Es wird im Folgenden ausführlich belegt, dass die relevanten Axiome und Prämissen der Selbstorganisationstheorien im Deutschen Idealismus fundiert und vom Radikalen Konstruktivismus spezifiziert werden.“ Wie der Untertitel seines Buches sagt, findet also „eine ideengeschichtliche Rekonstruktion“ statt.
Folgerichtig wendet sich Schweizer zunächst im ersten Teil seines Werkes den deutschen Idealisten, Immanuel Kant (1724 - 1804), Johann Gottlieb Fichte (1762 - 1814) und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling(1775-1854), zu. Im Fazit fasst er zusammen: „Die Philosophie Kants erklärte durch die kopernikanische Wende der Transzendental-Philosophie Sachverhalte, welche ‚hinter‘ den menschlichen Wahrnehmungsbedingungen liegen, ohne dabei auf Transzendenzkonstrukte zu rekurrieren. Fichte radikalisierte Kant, indem er jegliches Dasein dem Individuum und seiner produzierenden Tätigkeit zuschrieb, somit also auch die Potentialität eines Bezugs auf transzendente Erklärungskonstrukte negierte. Auch Schelling insistiert auf einer radikalen Subjektivität, zugleich versucht er eine Versöhnung des Subjekts (Geist) mit dem Objekt (Natur). Die Natur hatte bei Fichte nur als Produkt des eigenen Subjekts eine Rolle gespielt, bei Schelling rückt sie mehr als eigenständige Entität in den Blickpunkt.“
Im zweiten Teil des Aufsatzes widmet sich der Autor der „Autopoiesetheorie und (dem) Radikalen Konstruktivismus als Fortführung und Spezifizierung der Theorien des Deutschen Idealismus.“
Was die Autopoiesetheorie betrifft, sind die chilenischen Biologen Humberto Maturana Romecin (1928 - 2021) und Francisco Javier Varela García (1946 i- 2001) zu nennen.
Schweizer schreibt: „Die zentrale - und so darf man wohl ruhig hinzufügen: radikale - Axiomatik der ‚Theorie der Autopoiese‘ lautet, dass alle lebenden Systeme per definitionem autopoietische, d.h. sich selbst organisierende Systeme sind. Das heißt, dass somit Leben ohne externale Einflüsse denkbar wird und von einer Säkularisierung bzw. Enttranszendierung des Lebens gesprochen werden kann. Maturana und Varela beschreiben die Selbstorganisation so: ‚Unser Vorschlag ist, daß Lebewesen sich dadurch charakterisieren, daß sie sich - buchstäblich - andauernd selbst erzeugen. Darauf beziehen wir uns, wenn wir die sie definierende Organisation autopoietische Organisation nennen.’“
Maturana und Varela differenzieren deutlich zwischen Organisation und Struktur: „Ein Lebewesen ist durch seine autopoietische Organisation charakterisiert. Verschiedene Lebewesen unterscheiden sich durch verschiedene Strukturen, sie sind aber in Bezug auf ihre Organisation gleich.“ Schweizer erläutert: „Veranschaulichen kann man sich diese abstrakten Überlegungen durch einen Vergleich von autopoietischen Systemen, wie z.B. zwischen Fischen und Menschen. Beide Male handelt es sich um lebende Systeme, die hinsichtlich ihrer autopoietischen Organisation und der damit verbundenen organisationellen Geschlossenheit identisch sind.“
Die Autopoieseaxiomatik erklärt Schweizer anhand von 11 Punkten. Im zehnten geht es um die Sprache: „Erst durch den Bereich der Sprache wird menschliches Bewusstsein und menschliche Identität erzeugt … Oder frei nach Wittgenstein ließe sich formulieren, dass die Welt des Menschen die Welt seiner Sprache ist.“
Der Satz Ludwig Wittgensteins (1889 - 1951), „wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“, fehlt in Schweizers Werk. Er begründet es mit den Worten. “Da der Radikale Konstruktivismus aber keine Aussagen über das Sein trifft, können sich die Parallelen (zwischen der Autopoiesetheorie, dem Radikalen Konstruktivismus und der Subjektivität Fichtes) ausschließlich auf den kognitiven Bereich beziehen.“
Nachdem sich der Autor der „sozialwissenschaftlichen Verwendungsweise des Modells“ zugewandt hat, widmet er sich schließlich dem Radikalen Konstruktivismus. Hier sind die Namen Ernst von Glasersfeld (1917 - 2010), Heinz von Foerster (1911 - 2002), Paul Watzlawick (1921 - 2007), Niklas Luhmann (1927 - 1998) und Siegfried J. Schmidt (1940) zu nennen.
„Man gelangt so über die Erkenntnisse der chilenischen Neurobiologie zur philosophisch-erkenntnistheoretischen Position des Radikalen Konstruktivismus, einer Position, ‚die in Fortsetzung skeptischer und konstitutionstheoretischer Überlegungen jegliche Form der Erkenntnis - einschließlich des Erkannten selbst - als Konstruktion eines Beobachters begreift. Erkennen meint nicht die passive Abbildung einer äußeren objektiven Realität, sondern bezeichnet einen Prozeß der eigenständigen Herstellung bzw. Konstruktion einer kognitiven Welt [...] Die reale Welt als solche ist keine erfahrbare Wirklichkeit; Wirklichkeit ist vielmehr immer wahrgenommene, beobachtete, erfundene, also konstruierte Wirklichkeit.’“
Zu Foerster schreibt er: „Heinz von Foerster betont auf physiologisch-materieller Grundlage des Nervensystems die Autonomie und Selbstregelung des Menschen und die damit verbundene Problematik des ästhetischen und ethischen Imperativs.“
In der Zusammenfassung zum Konstruktivismus ist dann zu lesen: „Das bedeutet, dass nur praktisches Überleben über Brauchbarkeit von Erkenntnis und somit Evolution entscheidet und eben nicht der Wahrheits- oder Schönheitsgehalt.“
Von dort kommend wirft er einen Blick auf „Watzlawicks Hypothese über die durch Ideologien generierte Wirklichkeit“: „Was die durch Setzung einer bestimmten Ideologie erfundene Wirklichkeit betrifft, ist ihr Inhalt gleichgültig und mag jenem einer anderen Ideologie total widersprechen; die Auswirkungen dagegen sind von einer erschreckenden Stereotypie.“
Das achte und letzte Kapitel des zweiten Teils steht unter der Überschrift „Siegfried Schmidts Weiterentwicklungsversuch des Radikalen Konstruktivismus“. Der Potsdamer Schweizer schaut sich Luhmanns Semantikkonzept an: „Bei Luhmann gelten Kultur bzw. Semantiken als Formen kultureller Ausprägungen als das Gedächtnis sozialer Systeme, ‚aber nicht in der Form räumlicher Speicher, die zu <betreten> und zu <verlassen> wären, sondern eines fortlaufenden, rekursiven Löschens und Vergegenwärtigens bedeutsamer Symbole, durch welche die Kontingenz des Augenblicks reflexiv wird.‘“ Dann fährt er fort: „So überrascht Schmidts Fazit kaum, dass es keine Kultur gibt, der Mensch sie aber trotzdem irgendwie benötigt … Folglich besitzen Gesellschaften keine Kulturen und sind keine Kulturen, ‚sondern sie werden und sind Gesellschaften im Vollzug erfolgreicher Anwendungen von Kulturprogrammen‘ … Im Fazit passt Schmidt sein Konstrukt dem aktuellen soziologischen Mainstream mit dem Insistieren auf der Aktantenperspektive an, denn Aktanten konstituieren, produzieren und modifizieren Kultur.“
Zuletzt entwirft Schweizer einen kurzen Ausblick: „Es bleibt u.a. das Desiderat einer weitergehenden ideengeschichtlichen Rückführung autopoietischen und radikalkonstruktivistischen Theorieguts. Einen Ansatzpunkt dafür bietet, wie beinahe für das gesamte abendländische Denken, die griechische Philosophie. An dieser Stelle wird die These aufgestellt, dass die Wurzeln beider Theoriestränge in der griechisch-antiken Philosophie auffindbar sind.“
Wie die Zitate hier deutlich machen, ist die Sprache des Autors nicht immer leicht zu verstehen. Berücksichtigt frau aber, dass der Aufsatz 2007 in der Electroneurobiología erschienen und folglich nicht als einer seiner Kriminalromane zu lesen ist, kann sich die Leserin daran erfreuen, auch dieses Fachlatein zu entschlüsseln.
Was bleibt, ist Stefan Schweizer herzlich für dieses spannende Werk zu danken.
Vera Seidl


























