Ungeduld des Herzens

von Stefan Zweig 
4,4 Sterne bei87 Bewertungen
Ungeduld des Herzens
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Anna-Kareninas avatar

Ein sehr schöner Klassiker über Liebe und Mitgefühl, Leid und Schuld.

janett_marposnels avatar

Mitgefühl oder Mitleid? Den Unterschied kennen viele Menschen - damals wie heute - nicht.

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Inhaltsangabe zu "Ungeduld des Herzens"

Der Roman "Ungeduld des Herzens", der 1939 veröffentlicht wurde, ist der einzige beendete Roman des österreichischen Autors Stefan Zweig. Der junge Leutnant Anton Hofmiller wird in das Schloss des ungarischen Magnaten Lajos von Kékesfalva eingeladen. Dort lernt er dessen gelähmte Tochter Edith kennen und entwickelt Zuneigung, vor allem aber tiefes subtiles Mitleid für sie. Hofmiller macht der unheilbar Kranken, die sich in ihn verliebt, Hoffnungen auf baldige Genesung und verlobt sich schließlich sogar mit ihr. Doch da er nur aus Mitleid, nicht aus Liebe handelt, nimmt das Unheil seinen Lauf. Aus Angst vor Spott und Verachtung steht er in der Öffentlichkeit nicht zu ihrer Verbindung. Als Edith erfährt, dass er die Verlobung vor anderen verleugnet, stürzt sie sich von einem Turm. Von Schuldgefühlen überwältigt, stürzt er sich in einer sinnlosen Flucht in die Kämpfe des beginnenden Ersten Weltkriegs.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783746719740
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:308 Seiten
Verlag:epubli
Erscheinungsdatum:26.04.2018
Das aktuelle Hörbuch ist bei Der Audio Verlag, DAV erschienen.

Rezensionen und Bewertungen

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    m4xwlls avatar
    m4xwllvor einem Jahr
    Unglaublich gefühlvoll

    Wenn ich Leuten ein Videospiel empfehlen müsste, das mich richtig begeistert hat, dann fallen mir immer The Witcher 3 oder Skyrim oder Ocarina of Time ein. "Ungeduld des Herzens" ist sozusagen mein literarisches Ocarina of Time, meine Vorstellung von einem Meisterwerk.

    Die Schachnovelle hatte ich bereits gelesen, neuer Zweig-Stoff musste her. Da fiel mir Ungeduld des Herzens ins Auge, der einzige Roman von Stefan Zweig. Und was für einer.

    Auf die Handlung werde ich nicht viel eingehen. Im Prinzip ist sie tragisch, aber nichts, was mich interessieren würde. Zweigs fantastischer Schreibstil macht für mich den Roman erst zu einem wahren Genuss. Der Hauptcharakter, hin und hergerissen zwischen schwierigen Gefühlen und Gewissensbissen, wird von ihm grandios in Szene gesetzt. Situationen und Gefühle, die man so kennt, nicht aber verbalisieren könnte, werden von Zweig pointiert in Worte gefasst. 

    Ungeduld des Herzens ist kein Wohlfühl-Roman, sondern meines Erachtens eine echte literarische Erfahrung, eine Achterbahn der Gefühle. Man fiebert mit den Charakteren mit, denn man sieht, wie jeder einzelne von ihnen ein unglaublich verletzliches Etwas ist. 

    Anbei noch meine Lieblingspassage, die die bereits erwähnten Punkte verdeutlicht: 

    "Oder macht das nur der Wein, der goldhelle, dann wieder blutdunkle und jetzt champagnerperlende Wein, den von rückwärts her die Diener mit ihren weißen Handschuhen aus silbernen Karaffen und breitbäuchigen Flaschen geradezu verschwenderisch einschenken? Wahrhaftig,der wackere Apotheker hat nicht geflunkert. Bei Kekesfalvas geht es zu wie bei Hof. Ich habe noch nie so gut gegessen, nie mir überhaupt träumen lassen, daß man so gut, so nobel, so üppig essen kann. Immer köstlichere und kostbarere Gerichte schweben auf unerschöpflichen Schüsseln heran; blaßblaue Fische, von Lattich gekrönt, mit Hummerscheiben umrahmt,schwimmen in goldenen Saucen, Kapaune reiten auf breiten Sätteln von geschichtetem Reis, Puddinge flammen in blau brennendem Rum, Eisbomben quellen farbig und süß auseinander, Früchte, die um die halbe Welt gereist sein müssen,küssen einander in silbernen Körben. Es nimmt kein Ende, kein Ende und zum Schluß noch ein wahrer Regenbogen von Schnäpsen, grün, rot, weiß, gelb, und spargeldicke Zigarren zu einem köstlichen Kaffee!"

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    janett_marposnels avatar
    janett_marposnelvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Mitgefühl oder Mitleid? Den Unterschied kennen viele Menschen - damals wie heute - nicht.
    Eine einfühlsame Meisterleistung

    Der alte Offizier Hofmiller mit den vielen Orden an der Brust erzählt in der Ich-Form wie er sich als junger Leutnant in den Wirren des Mitleids verfängt. Seine Geschichte räumt mit dem Makel des Mitleids, welches oft auf der Ungeduld des Herzens basiert, auf und appelliert an das Mitgefühl der Menschen. Wer sich von der Unruhe des Mitleids ergreifen lässt, kann darin untergehen - so die Botschaft des Buches. Dementsprechend herrscht ab der zweiten Hälfte des Buches auch eine gewisse depressive Grundstimmung vor.

    Stefan Zweig war es wohl wichtig, den Unterschied zwischen echtem schöpferischen Mitgefühl und falschem schwachen Mitleid klar darzustellen. Das ist ihm durch die vielen kleinen Begebenheiten innerhalb der gesamten Geschichte, in welche sich der junge Hofmiller durch seine Freundschaft zu der wohlhabenden Familie Kekesfalva immer wieder verstrickt, hervorragend gelungen.

    Durch die anschauliche Darstellung der einzelnen Affären und Ereignisse, die dem 25jährigen Leutnant widerfahren, vollbringt der Autor sogar das Kunststück, dass sich der Leser unbewusst fragt, empfinde ich gerade Mitgefühl oder Mitleid gegenüber dem Protagonisten. So lernt der Leser, während er die Geschichte verfolgt, unwillkürlich den Unterschied zwischen Mitleid und Mitgefühl kennen. Eine einfühlsame Meisterleistung, die für ein besseres menschliches Miteinander sorgen möchte.

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    Barbara62s avatar
    Barbara62vor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Ein psychologisches Meisterwerk, dessen Schicksalsverstrickungen mich bei jedem Wiederlesen tief bewegen.
    Falsches Mitleid

    "Es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mitleiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele. Und das andere, das einzig zählt – das unsentimentale, aber schöpferische Mitleid, das weiß, was es will, und entschlossen ist, geduldig und mitduldend alles durchzustehen bis zum Letzten seiner Kraft und noch über dies Letzte hinaus.“

    Stefan Zweigs einziger Roman erschien erstmals 1939 und spielt während weniger Monate vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs in einer kleinen Garnisonsstadt an der österreichisch-ungarischen Grenze.

    Der junge Leutnant Hofmiller fordert bei einer Abendgesellschaft im Hause eines reichen, zum ungarischen Adeligen Lajos von Kekesfalva beförderten Juden dessen 17-jährige Tochter Edith zum Tanz auf, nicht wissend, dass diese gelähmt ist. Aus Scham über seine Ungeschicklichkeit flieht er überstürzt und versucht später, den Affront durch Blumen und Besuche wiedergutzumachen ohne zu bemerken, dass Edith sich längst in ihn verliebt hat. Die Tragödie nimmt ihren Lauf…

    Ein psychologisches Meisterwerk, dessen Schicksalsverstrickungen mich bei jedem Wiederlesen tief bewegen.

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    WinfriedStanzickvor 4 Jahren
    Ein Klassiker in einer wunderbaren Manesseausgabe



    Ungeduld des Herzens ist Stefan Zweigs einziger Roman. 1939 entstanden, wird er hier in einer wunderbaren neuen Ausgabe bei Manesse wieder aufgelegt. Sein Titel weist auf das zentrale Thema der Erzählung hin, das falsche Mitleid, das dem anderen nicht hilft, sondern schadet. Der Roman spielt unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs im österreichisch-ungarischen Grenzgebiet.


    Der in einer kleinen ungarischen Garnisonsstadt stationierte Leutnant Anton Hofmiller erhält eine Einladung in das Schloss des ungarischen Magnaten Lajos von Kekesfalva. Dessen gelähmte Tochter Edith verliebt sich in den jungen Offizier, Hofmiller aber empfindet nur Mitleid für das »kranke Kind«. Aus Feigheit verschweigt er Edith seine wahren Gefühle, macht dem unheilbaren Mädchen Hoffnung auf eine baldige Genesung. Er versteigt sich sogar dazu, sich mit Edith zu verloben, verleugne sie aber in der Öffentlichkeit. Als Edith den Verrat Antons bemerkt, nimmt sie sich das Leben.

    Als Roman bezeichnet, ist „Ungeduld des Herzens“ aber eher eine sehr lange Novelle, in der Zweig seinen Protagonisten seine Gefühle bis in die kleinsten Details beschreiben lässt, so wie er das in vielen seiner anderen Novellen auch getan hat. Gleichzeitig ist es eine Hommage an das habsburgischen Kaiserreich, dem Zweig im Exil nachtrauerte und dessen Untergang er nicht verwinden konnte. Zweig nahm sich 1942 in Brasilien das Leben.

     

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    Ein LovelyBooks-Nutzervor 4 Jahren
    Unerträgliches Mitleid

    Haben Sie schon versucht, zu einem Problem, das Sie belastet, in Träumen oder Grübeleien, die Gedanken die im Hirn schwirren, niederzuschreiben?  Wenn Sie zwischen Anschuldigungen und Selbstbeschuldigung, Zweifel und Hoffnung, Fakten und Vorurteilen erschöpft aufwachen.

    Stefan Zweig schafft es, diese Gedanken des jungen Offiziers, der als Gesellschafter für ein behindertes Mädchen, erkennt, dass sie mehr Gefühle für ihn hat, als sein Mitleid es zulassen wollte, sprach gewandt wieder zu geben.

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    Ein LovelyBooks-Nutzervor 5 Jahren
    Die widersprüchliche Natur des Menschen

    Stefan Zweig verfügt über eine unfassbare Menschenkenntnis. Beinahe nackt fühlt man sich selbst, wenn er die Gedankengänge und Taten seines Protagonisten so detailliert beschreibt, dass man ihn weder für gut oder schlecht hält, sondern sich sehr weit mit ihm identifizieren kann. Ich bekam bei dieser Lektüre einen anderen Blick auf meine eigenen Beziehungen...ja, der Zweifel nagte an mir, so dass ich mir erst wieder in Erinnerung rufen musste, lockerer zu sein und nicht ständig über alles nachzudenken!

    Der Autor lässt in eine Geschichte eintauchen, die wie ein Schicksal den Protagonisten vorgeschrieben zu sein scheint. 

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    Monsignorevor 9 Jahren
    Rezension zu "Ungeduld des Herzens" von Stefan Zweig

    Nein, das kann er leider nicht. Dieser hervorragende Erzähler Stefan Zweig hat einen einzigen Roman vollendet - und dieser ist zäh und leblos. Zweig war ein Meiser der Erzählungen, der Novelle, der Geschichtsbetrachtungen und der Erinnerungen. Doch der Roman ist seine Schwäche. Die Personen wirken steif und konturenlos, die Landschaften schwarz/weiß und ohne Substanz. Nehmen wir alleine die Garnisonswelt in tiefer Provinz an der ungarischen Grenze im Jahre 1913. Stefan Zweig kann dies schlicht nicht schreiben. Es ist der Stoff für seinen Freund Joseph Roth, nicht für ihn selbst. - So sehr mich Stefan Zweig sonst fesselt und begeistert - hier hat er mich gelangweilt.

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    Anitvor 9 Jahren
    Rezension zu "Ungeduld des Herzens" von Stefan Zweig

    Zuerst hatte ich etwas bedenken das Buch zu lesen, weil ich dachte ich würde mir mit der Schreibweise von Stefan Zweig etwas schwer tun. Doch gleich von Beginn an wurde ich in eine tiefberührende Geschichte über Leid und Mitleid gezogen die mich sofort in ihren Bann zog.
    Die Handlung spielt kurz vor dem 1.Weltkrieg. In einer langweiligen Stadt an der ungarischen Grenze wird ein junger Leutnant zu einer wohlhabenden Familie eingeladen. Auf dem Fest lernt er die behinderte Tochter Edith des Gastgebers kennen. Im Laufe des Abends fordert er sie aus Übermut zum Tanzen auf. Bis dahin wusste er aber noch nichts von ihrer Behinderung.
    Bestürzt durch dieses Missverständnis gerät er nun in einen Strudel aus Mitleid. Man ist hin und her gerissen ob man für ihn Verständnis haben soll. So hat man einmal das Gefühl er tut es für die Kranke, dann wieder für das eigene Ego.
    Es gibt viele Personen die in der Geschichte eine wichtige Rolle spielen. Sie und ihre Handlungsweisen werden von dem Autor sehr einfühlsam, wenn nicht sogar psychoanalytisch beschrieben. Wenn auch die Handlungsstränge zum Teil etwas lang sind, fand ich es gut dass es so geschrieben ist, um alles und jeden richtig verstehen zu können.
    Auch ich als Leserin hatte Mitleid mit der verwöhnten, egoistischen Tochter, die ihre Krankheit dazu benutzt um die Menschen in ihrer Umgebung zu manipulieren. Genauso empfand ich Mitleid für den Vater, der aus Liebe zu seiner Tochter alles tun würde und auch alles tat. Er bedrängt den jungen Mann immer wieder zu Zusagen, die er später bereut. Der junge Leutnant hätte vielleicht noch die Notbremse ziehen können, wäre da nicht sein Gewissen gewesen, und eben dieses Gewissen ist es wohl auch, dass den Antrieb - ob zu falschem oder echtem Mitgefühl gibt. Selbst der behandelnde Arzt macht Hoffnung auf Heilung, obwohl er weiß, dass es keine Aussicht darauf gibt.
    Ich habe es oft so empfunden, als hätte der Autor eben diesen Arzt als Sprachrohr benutzt, um die Handlungsweisen zu erklären, die Mitleid hervorrufen können. Man erkennt durch die Beschreibung der Charaktere, dass es sehr viele Facetten von Mitleid gibt, und es ist nur schwer zu erkennen wie man sich richtig verhält.
    Mitunter hat man das Gefühl Stefan Zweig hat diese Geschichte am eigenen Leib erlebt, denn anders kann man kaum erklären wie er sich so glaubwürdig in die Menschen seines Romans hineinversetzen konnte. Mich hat diese Geschichte sehr berührt und ich werde mir noch lange Gedanken um dieses Thema machen.
    Ich möchte mich noch bei einem Freund bedanken der mir dieses Buch geschenkt hat, und mich dazu brachte mich mit diesem Thema zu beschäftigen. Und der mir auch Stefan Zweig als Autor näher gebracht hat.

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    elane_eodains avatar
    elane_eodainvor 10 Jahren
    Kurzmeinung: Mitleid, mitleiden - und wie weit gehen wir dafür? Ein Buch, das mir viel bedeutet, das mich verändert hat. Ein Herzensbuch!
    Rezension zu "Ungeduld des Herzens" von Stefan Zweig

    Diesem Roman von Stefan Zweig liegt ein schwieriges Thema zugrunde: Mitleid, jedoch „falsches Mitleid“, denn er beschreibt, wie man sich auf Grund dieses Mitleids in ein Verhalten hineintreiben lässt, das man eigentlich gar nicht möchte.

    INHALT: Der Protagonist des Buches, ein ungarischer Leutnant, geht eine Verlobung mit der gelähmten Edith ein, weil er sich gedrängt fühlt, Mitleid hat, ihr helfen und Hoffnung geben möchte. Doch dieses Ansinnen geht gänzlich schief, denn als Edith heraus findet, dass des Leutnants Zuneigung nur auf Mitleid beruht, er nicht zu ihr stehen kann und sie eigentlich auch nicht ehelichen möchte, bricht für sie ihre Welt zusammen...

    GEDANKEN: Damit sind die wichtigsten Geschehnisse des Romans auch schon erzählt, doch Stefan Zweigs Bücher machen die genaue Beschreibung der Gedanken und Gefühle, des inneren Kampfes der Protagonisten aus. Dies macht seine Werke so einzigartig – das Eintauchen in die Gefühlswelt eines fremden Menschen, das Mit-Erleben und Mit-Leiden. In "Ungeduld des Herzens" ist das unbeschreiblich gut gelungen, ich war und bin begeistert von diesen in Worte gefassten Emotionen.
    Dieses Thema ist heute noch genauso aktuell wie damals - ein Thema, mit dem ich mich auch selbst schon beschäftigen musste – dieses Buch hat mir nicht nur schöne Lesestunden gebracht, es hat mich im Leben auch weiter gebracht, mich bei einer eigenen Entscheidung bestärkt.

    FAZIT: "Ungeduld des Herzens" ist eines meiner mir liebsten, wichtigsten und persönlichsten Bücher!

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    Ein LovelyBooks-Nutzervor 10 Jahren
    Rezension zu "Ungeduld des Herzens, Sonderausgabe" von Stefan Zweig

    Süß wie eine Sachertorte, doch gleichermaßen eindringlich spannend und beklemmend, sowie von psychologischem Scharfsinn und philosophischer Tiefe gezeichnet: Stefan Zweigs einzig zu Ende geführter Roman „Ungeduld des Herzens“.

    Dreh- und Angelpunkt des Romans ist der Fauxpas eines jungen Soldaten, der bei einem Empfang Edith, die Tochter des adeligen Gastgebers, zum Tanz auffordert, ohne zu wissen, dass sie gelähmt ist. Die Situation eskaliert. Nicht nur die junge Edith erleidet einen Gefühlszusammenbruch, die Peinlichkeit treibt den Soldaten in die Flucht. Der nächste Tag glättet die Wogen, man findet sich wieder im Schloss zusammen. Mitleid bemächtigt sich des Herzens des Soldaten, er besucht die Gelähmte nun täglich, eine Freundschaft nimmt ihren Anfang. Er steigert sich förmlich in die Fürsorge, kostet den erhebenden Rausch des Helfens, zusätzlich angeregt durch die Dankbarkeit des Vaters und das Zureden des behandelnden Arztes, letzten Endes maßlos aus. Denn die Situation eskaliert aufs Neue, als Edith sich in ihn verliebt. Eine Liebe, die er nicht erwidern kann.

    Rauschhafte Gefühle, die an Wahn grenzen, das ist ein Motiv, welches sich im Werk von Stefan Zweig vielfach findet. Es ist augenscheinlich, dass Zweig besonders viel an Menschen lag, die so stark empfinden, dass es an Ohnmacht, Überwältigung und mitunter gar Tobsucht grenzt. Man sieht dies auch an den Schriftstellern, derer er sich in seinen großartigen Essays annahm: Hölderlin, Kleist und Nietzsche, behandelt in „Der Kampf mit dem Dämonen“, aber auch beispielsweise Balzac, der zwar mancher Orte als Dutzendautor verpönt, doch auch eine ganz ausgeprägte Gefühlswelt besaß (so trieb im Einst der Tod seiner Protagonistin die Tränen in die Augen – ihm misslang das Aufwachen aus den eigen geschaffenen Welten ) und nicht zuletzt Dostojewski, der ganz unzweifelhaft unter Dämonen und rauschartigen Gefühlen litt. Woher kam diese Leidenschaft Zweigs? Sah er diese Züge in sich selbst? Oder war es vielleicht ein Fehlen solcher rauschhaften Gefühle, die jene Neugier begründete?

    Man reduziert Zweig oft auf seinen Stil. Auch wenn dies ungerechtfertigt ist, leuchtet doch ein, wie eine solche Annahme entstehen kann: Denn er war ein unglaublich begnadeter Sprachzauberer, geradezu artistisch meisterte er die Disziplin überlebensgroße Bilder zu zeichnen, die man taumelnd und staunend durchlebt. Ist das Kitsch? Mitnichten. Der Unterbau seiner Geschichten ist oft profund, der Scharfsinn seiner Betrachtungen steht denen von Arthur Schnitzler in nichts nach. Nie belässt er es bei der Oberfläche, seine wahre Leidenschaft ist es nicht, parfümierte Postkartenmotive vorzuzeigen, sondern tief in die Gedanken- und Gefühlswelt seiner Figuren einzudringen, ihr Innerstes nach Außen zu kehren. Jedoch nie belehrend, eher empathisch und neugierig.

    „Ungeduld des Herzens“ ist, so poetisch schön dieser Roman auch erzählt sein mag, eine aufreibende Erfahrung (das Weiterblättern nahm bei mir stellenweise fiebrige Züge an). Es sind gerade jene Momente des Wahnhaften, in der die Stärken des Werkes liegen. Man möchte regelrecht in den metaphysischen Raum greifen und die Protagonisten halten, beschwichtigen, zurechtweisen, umarmen, ohrfeigen. Die Tragik unerfüllter Liebe treibt ihre Knospen gerade dort, wo Motivationen vorliegen, die eine Maskerade evozieren, also das Leid der Unglücklichen ins Unermessliche steigern. Allzu geradlinig fällt die Geschichte jedoch nicht aus, versteht es Zweig doch brillant, durch eingeschobene Lebenslaufminiaturen geschickt die Weichen umzustellen (Paradigmen par excellence), somit ein neues Licht auf Handlungen werfen, die vormals noch eindeutig anders motiviert erschienen.

    Neigt man als Leser wie ich dazu, Unterstreichungen vorzunehmen, tut man gut daran, den Stift erst gar nicht aus der Hand zu legen, denn neben dem formvollendeten Stil und den überschäumend schönen Bildern sind es vor allem die Aphorismen, die dieses Werk auszeichnen („Nur was die Seele mit mitfühlenden Augen leibhaftig gesehen, vermag sie wahrhaft zu erschüttern.“; „Immer ergibt gerade das Gegensätzliche, sofern es sich richtig ergänzt, die vollendetste Harmonie, und oft erweist sich das scheinbar Überraschendste als das Natürlichste.“; „Nur haben starke Glückszustände wie alles Rauschhafte zugleich etwas Betäubendes; immer lässt intensives Genießen des Augenblicks das Vergangene vergessen.“ u.s.w.).

    Zuletzt ist auch der Selbstmord ein zentrales Thema des Romans. Selbsttötung als Zeichen des Protests, oder entstanden aus scheinbar unüberwindlichen Hindernissen – manchmal auch beides zugleich. Die Behandlung des „einzig wirklich ernsthaften philosophischen Problems“ (Camus) ist gerade auch deshalb von Interesse, da Stefan Zweig ebenfalls freiwillig aus dem Leben ging (angesichts dem Zerfall seiner Welt, verantwortet durch die braunen Bestien des Nazi Regimes). „Ungeduld des Herzens“ ist also nicht nur eine weitere Ergänzung des brillanten Gesamtwerks aus Novellen, Essays, Biographien, Reiseberichten, Briefen und Miniaturen, sondern bietet auch Gelegenheit, dem Menschen, der uns solch wundervolle Zeilen hinterließ, näher zu kommen.

    „Die Sterne glänzten, und mir war, als glänzten sie mich zärtlich an. Der Wind strich sordiniert über die verlöschenden Felder, dunklen Brodems voll, und mir war, als sänge er zu mir. Jener reine Überschwang kam über mich, da alles gut und begeisternd scheint, die Welt und die Menschen, da man jeden Baum umarmen möchte und über sein Holz hinstreichen wie über eine geliebte Haut.“ Stefan Zweig, Ungeduld des Herzens

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