Stefano Marcelli

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Rezension zu "Der Junge, der die Bäume liebte" von Stefano Marcelli

Bäume, Nymphen und die Lust
TrebbinUvor 7 Monaten

Ein fantasievolles und bezauberndes Buch über Begehren, Natur und Menschsein.


Schon 2004 hat uns Stefano Marcelli diesen fantasievollen und bukolischen Roman geschenkt, der eigenwillig und humorvoll dem sexuellen Begehren nachspürt und erfahrbar macht, dass erotische Anziehung nicht nur etwas außerordentlich Kostbares ist, sondern auch etwas ganz Individuelles und Persönliches. Jeder – das scheint ein Credo des Buches zu sein - sollte so lieben dürfen, wie es ihm entspricht. 

Nun zum Geschehen: Eine junge Mutter überrascht ihren etwa 10-jährigen Sohn Giacomo dabei, wie er im Wald nackt einen Baum umarmt hält und sich mit ihm vereinigt. Schockiert und in Sorge sucht sie verschiedene Ärzte und Therapeuten auf, die – ja, so kann die Medizin sein – in dem absonderlichen Begehren und Gebaren des Jungen natürlich sofort eine Krankheit erkennen, die behandelt und wegtherapiert werden muss. Doch keiner der klugen Männer kann dem Jungen „helfen“, der mit seinem Tun sehr glücklich zu sein scheint. Giacomo landet schlussendlich bei einem Psychoanalytiker – mit Namen Abramo Veritier - und ironischerweise ist es dann der Arzt, der in den Sitzungen kuriert wird – nämlich unter anderem von der Vorstellung, dass „abweichendes“ sexuelles Verhalten eine Diagnose und damit behandlungsbedürftig sei. Der Therapeut erfährt und erlebt im Gegenteil selbst Faszinierendes aus der Welt der Bäume, die von Nymphen und anderen Fabelwesen bevölkert werden, macht sich sogar auf in die Wälder, um die Erotik im Kontakt mit den Bäumen selbst kennenzulernen, und dabei eröffnen sich ihm sexuelle und kosmische Offenbarungen. 

Der Junge und der reife Mann stehen sich hier nicht nur als Vater und Sohn gegenüber sondern auch als gegensätzliche sexuelle Wesen. Während Veritier seine genitale und orgasmische Sexualität mit den Bäumen auslebt, taucht Giacomo in eine „reine“, „unschuldige“ und metaphysische Lust ein. Dem Älteren wird bewusst, dass ihm der Jüngere etwas voraus hat, das er selbst für immer verloren hat. Wie die Vereinigungen der beiden mit den Bäumen körperlich aussehen, bleibt dabei unserer Fantasie überlassen. Die Begegnung mit dem Jungen ruft in Veritier außerdem Erinnerungen an seine innige Kindheitsfreundschaft mit einem Jungen wach und beglückt findet er den verlorenen Freund in Giacomo wieder.

Die Gedanken von Marcelli sind bisweilen ganz schön schrullig, das macht aber überhaupt nichts, weil sie uns zum einen zum Schmunzeln bringen und zum anderen sehr originell und mitunter auch poetisch sind. Wir werden eingewoben in den Zauber des Waldes, der Natur und in die naturreligiösen Verbindungen zum Überirdischen. Der Psychoanalytiker, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt ist, wird uns zunehmend sympathisch, auch weil er nicht in der Selbstgefälligkeit seiner Zunft verharrt, sondern sich offen auf seinen jungen Patienten und neue Erfahrungen einlässt. Als Therapeut kann ich das nur unterstützen: Jeder Therapeut sollte sich von seinen Klienten als Mensch berühren lassen.

Und Giacomo? Er wird später, wie der - sich die Augen reibende - Veritier eines Tages in der Zeitung liest, Premierminister seines Landes und setzt sich natürlich für Bäume und die Natur überhaupt ein, ohne dass die Geschichte allerdings in ein ökologisches Pamphlet abrutschte.

Der Autor bewegt sich stil- und selbstsicher durch diese skurrile Welt und seine abstrus anmutenden aber herzerfrischenden Theorien. Sein Ton ist kraftvoll und zart zugleich. Sein Roman birgt durch seine Poesie und seine gelehrigen Anspielungen noch manche Deutungsebene. Für mich ein Wunder, dass ihn hier offenbar noch niemand entdeckt hat.

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